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Festivalbericht: XJAZZ 2014

Drei Nächte Euphorie

Festivalbericht: XJAZZ 2014

Juli 2014 / Victoriah Szirmai

Sommerzeit, Festivalzeit! Beklagte ich mich in den letzten Jahren oft und ungern über eine trotz aller Neukonzeption zunehmend flügellahme Berlin Music Week, um dann im vergangenen Frühling mein Hörerglück in Bremen zu suchen (und finden), gab ich dem Festivalprogramm der Jazzahead! 2014 zu Gunsten des mittlerweile in die achte Runde gehenden Bernauer Siebenklang Festivals gleich schon wieder einen Korb. Sieben Konzerte an ungewöhnlichen Locations, mein ganz persönlicher Geheimtipp, gehen Sie nächstes Jahr unbedingt hin!

Als wäre ich damit dieses Jahr noch nicht musikverwöhnt genug, sollte es aber noch besser kommen, denn die Festivalgötter kredenzten mir mit XJAZZ etwas ungemein Sabbatical-freundliches: ein brandneues Musikfestival direkt vor der eigenen Haustür. Herumlungern an Fernbahnhöfen für Bremen? Eine knappe Stunde in öffentlichen Verkehrsmitteln darben für Bernau? Passé! Tür auf, Jazz an – wobei XJAZZ das X nicht nur im Namen führt, weil die Musik in Kreuzberg spielt, sondern auch, weil sich hier alles um Jazz im weitest möglichen Sinne, um alles, was „irgendwie Jazz“ ist, dreht.

Was mich schon aus Effizienzgründen (gut, geben wir es ruhig zu: aus Faulheit) ungemein freut, muss aber noch längst nicht für alle anderen gelten. Gibt es hierzulande nicht schon genug Jazzfestivals? Neben dem Festivalprogramm der Bremer Jazzahead! fallen mir da jetzt spontan Elbjazz in Hamburg, das Deutsche Jazzfestival in Frankfurt, das Moers Festival, Jazz an der Ruhr, das Münsteraner Jazzinbetween, das Rostocker see more jazz, das Heidelberger Enjoy Jazz, das Wiesbadener Beyond Jazz, die Borkumer Jazztage, das Eberswalder jazz in e und nicht zuletzt das Jazzfest Berlin, wo im letzten Jahr der Deutsche Jazzpreis an Nils Wogram verliehen wurde und Künstler wie John Scofield, Don Byron, David Krakauer oder Monika Roscher auftraten, ein. Weshalb braucht Deutschland noch ein weiteres Jazzfestival, warum gerade dieses und warum in Berlin?

Festivalmacher Sebastian Studnitzky
XJAZZ-Festivalmacher Sebastian Studnitzky

Fragen, die Festivalmacher Sebastian Studnitzky auf den Plan rufen, der für die künstlerische Leitung des Festivals verantwortlich zeichnet. Die Musiker, sagt er, rekrutieren sich bei XJAZZ zum großen Teil aus der lokalen Szene der Hauptstadt, wobei man sich jetzt nicht anmaßen wolle, einen Querschnitt des Berliner Jazzlebens zu präsentieren, sondern schlicht jene Künstler eingeladen hat, „die wir“, so Studnitzky „einfach geil finden“. Wie beispielsweise das experimentierfreudige, in Berlin beheimatete Melt Trio, das sein zweites Traumton-Release Hymnolia im Gepäck hat. Oder das avantgardistische, Post-Rock-inspirierte Trio Schmetterling, das sein aktuelles Album in der Hauptstadt aufgenommen hat. Oder die umtriebige Teilzeit-Berlinerin Olivia Trummer. Oder, oder, oder. Ob junger Newcomer „aus dem krisengeschüttelten Europa“, Lokalmatador oder internationale Branchengröße – das Line-up des Festivals spielt sich, so Studnitzky weiter, auf allen professionellen Ebenen ab.

Ich treffe Sebastian Studnitzky zum XJAZZ-Preview, das eher ‒ hat der Trompeter, Pianist und Bandleader zu diesem Anlass doch nicht nur sein eigenes Ensemble Camerata Berlin mitgebracht, sondern kurzerhand auch noch das Melt Trio eingeladen ‒ ein Pre-Listening ist, wo er mir Rede und Antwort steht. „Nicht nur Berlin“, gibt er sich kämpferisch, sondern „das ganze Land, die ganze Gesellschaft“ brauche so ein Festival, das angetreten ist, den Jazz „aus den Fesseln der Szene-Polizei zu befreien und seine ursprünglichen Energien zurückzubringen“. Schon „seit es Jazz gibt“ sei dieser „eine aus verschiedenen Stilen gespeiste Improvisation“ gewesen. „Jazz“, ist Studnitzky überzeugt, „war schon immer neugierig“.

Binuu/Kreuzberg
XJAZZ in XBerg. Hier das Bi Nuu im U-Bahnhof Schlesisches Tor

Diesem historischen Erbe verpflichtet, hat er eine Mission: die ursprüngliche Offenheit des Jazz wieder herzustellen. Die bei XJAZZ präsentierte stilistische Vielfalt spiegle einfach die Realität wieder, denn schließlich sei Jazz keine „enge“ Musikrichtung, ergänzt Festivalpressesprecher Nabil Atassi, um gleich hinzuzufügen, dass Jazz in Deutschland dank seiner zunehmenden Öffnung in Richtung Electro „erst jetzt wieder cool“ werde. Diese gilt es zu dokumentieren, um den Jazz aus seiner „stiefmütterlichen Ecke“ zu holen. „Jazz“, fährt Atassi fort, „ist hierzulande gerade dabei, sich zu entakademisieren. Da war es klar, dass sich diese beiden Stile – Jazz und Elektro – küssen würden“. Studnitzky findet für die Verquickung der beiden Stile weniger romantische, dafür aber umso plausiblere Worte: „Elektronische Musik wird heute ebenfalls improvisiert – und das ist die Schnittstelle zum Jazz“.

Eine Schnittstelle, die das ihrige zur Wahl der XJAZZ-Spielstätten beigetragen hat. Man wollte eben keine traditionellen Jazzclubs, sondern „Läden, die eigentlich Bars oder Locations für elektronische Musik“ sind. Das hat nicht zuletzt ganz pragmatische Gründe, denn diese Orte verfügten schlichtweg über die besten Anlagen: „Hier muss man nichts hinstellen, hier ist alles schon da!“ Das macht die Produktion eines neuen Festivals, die immer auch mit einem unkalkulierbaren Risiko behaftet ist, günstiger, was sich letzten Endes auch auf die Eintrittspreise auswirkt, die sich mit zehn bis fünfundzwanzig Euro pro Konzert durchaus im vertretbaren Rahmen bewegen, um nicht zu sagen: konkurrenzlos günstig sind. Eine schöne Idee beim XJAZZ-Ticketing: die themenbezogenen Kombitickets wie beispielsweise das NordX-Ticket für neunundvierzig Euro, das die Shows von Emiliana Torrini, Nils Petter Molvaer, ADHD und Paul Frick einschließt.

XJAZZ

Nicht zuletzt sei XJAZZ damit auch „eine Art Infrastrukturprojekt“, das den Jazz in jene Clubs zieht, wo sich die Party-People tummeln, wo er gesehen und auch von den Medien aufgegriffen wird. Leider fände Jazz in den Medien üblicherweise „ja nachts um halb drei“ statt. Mit der Etablierung von XJAZZ ist für die Organisatoren auch die Hoffnung verbunden, dem Jazz einen Platz mitten in der Gesellschaft zu schaffen. Für dieses hehre Ziel benötigt es ein gewisses Sendungsbewusstsein, ganz zu schweigen von einem unerschütterlichen Idealismus aller Beteiligten. Die Bereitschaft vieler der Musiker, der Idee zuliebe für sehr kleine Gagen zu spielen, bezeichnet Studnitzky als „Booking von unten nach oben“. Auf diese Weise ließe sich ein Festival auch „ohne einen Sponsor, der einen großen Star einkauft, um welchen die übrigen Acts dann herumgruppiert werden“, auf die Beine stellen.

Abgesehen vom Großsponsor hat XJAZZ allerdings alles, was ein amtliches Festival so braucht: vierzig Showacts, verschiedene Spielstätten in walking distance rund um die Berliner Skalitzer Straße – und mit Island ein wunderbares Partnerland, das dem Festival einen Headliner beschert, den man zunächst so gar nicht mit Jazz assoziiert: Singer/Songwriterin Emiliána Torrini. Die weiß beim Eröffnungskonzert dann auch sehr gut, dass sie keine Jazzsängerin ist, offenbart ihre Berührungsängste mit dem musikalisch komplexen Genre jedoch derart charmant-nervös-mädchenhaft-bezaubernd, dass ihr die Herzen des Publikums nur so zufliegen.

Emiliána Torrini
Ihr flogen die Herzen zu: Emiliána Torrini

Die Furcht vorm Jazz indessen sitzt auch dort tief: So etwa verleiht ein junges Mädchen in der ersten Reihe, das sich mir als Emiliána-Torrini-Fan zu erkennen gibt, seiner Hoffnung Ausdruck, „dass das hier jetzt nicht zu sehr Jazz wird“. Es wurde, um im Duktus subjektiv empfundener Maßeinheiten zu bleiben, auf jeden Fall schon „ziemlich Jazz“, zu verdanken in erster Linie dem eigens zu diesem Anlass aus lokalen Musikern gebildeten Ensemble X. Island sei für XJAZZ das ideale Partnerland, weil „dort genau das passiert, was wir so toll finden und auch hier schon in ersten Ansätzen beobachten können“, begeistern sich die Festivalmacher. Es gibt keine Unterscheidung zwischen U- und E-Musik und eventuell darauf gründende musikalische Standesdünkel, „die Stile sind frei, die Musiker sind frei, jeder spielt mit jedem“. Insbesondere Letzteres könnte getrost als inoffizielles Festivalmotto herhalten, begegnen einem doch die Musiker des Eröffnungsabends in den verschiedensten Formationen wieder.

Wer nun aber denkt, mit der Entscheidung, den Headliner das Festival eröffnen zu lassen, habe man schon einen Großteil seines Pulvers verschossen, irrt. Allein in der ersten, der Donnerstagnacht, konnte man nach dem Set von Emiliána Torrini entweder noch im Bi Nuu verweilen, um den norwegischen Trompeter Nils Petter Molvaer zu hören, oder in den Privat Club weiterziehen, um die Reykjaviker Avantgardejazzer ADHD zu erleben. Wer mit dem Fluxbau lieber die XJAZZ-Homebase aufsuchen mochte, wo auch die Presselounge untergebracht ist und die Tages- bzw. Festivalpässe ausgegeben werden, widmete mit dem Trio Schmetterling, Eric Schaefer sowie dem Melt Trio seinen Abend den jungen Wilden. Im Monarch gab‘s mit Ann & Bones und später dem Mop Mop Soundsystem erst Singer-Songwriter-Blues, dann „Voodoo Jazz“ auf die Ohren, während das Bi Nuu zu später Stunde mit Paul Frick + Local Suicide den Nachtschwärmern seine Aufwartung machte.

Wie gut, dass es nach dieser langen Nacht am Freitag erst um neunzehn Uhr wieder losgeht! Zur Einstimmung auf eine weitere musikerfüllte Nacht schaue ich zunächst bei Seide in der wunderschönen Emmaus-Kirche vorbei, die eine zauberhafte Stunde lang in die neuen, klatschmohnroten Lieder des Trios um Sängerin Sabine Müller getaucht wird.

Horwitz_Orlowsky_Trio
Mit leisen Tönen ...

Weiter geht es mit leisen Tönen von Dominique Horwitz, den ich gerade erst beim Siebenklang Festival mit seinem Jaques-Brèl-Programm gehört hatte. Für XJAZZ hat sich der umtriebige Schauspieler und Sänger mit dem David Orlowsky Trio zusammengetan, um beim Publikum mit der „Unendlichen Geschichte“ kollektive Kindheitserinnerungen heraufzubeschwören. Auch wenn ich eigentlich kein Freund musikuntermalter Lesungen bin – die Vergesellschaftung von Michael Endes Text und Orlowskys Klezmerklarinette funktioniert, nicht zuletzt dank eines angenehm zurückhaltenden Dominique Horwitz, erstaunlich gut. Auch diese Wort-Ton-Symbiose ist „irgendwie Jazz“.

Micatone
Richtig funky: Lisa Bassenges Band Micatone

Richtig funky wird's danach mit Lisa Bassenges Band Micatone, die im Anschluss an Horwitz und Orlowsky den Privatclub in eine wilde Diskothek verwandelt, denn im Gegensatz zu ihren Jazz- und Deutschpop-Projekten kann die Berliner Sängerin hier ganz die anbetungswürdige Soulröhre rauslassen. Diese Band steht ihr – und sie der Band! Nach dem Micatone-Konzert ist der ganze Club pudelnass. XJAZZ heißt eben auch, nicht nur vornehm mit dem Kopf nicken und dezent mit dem Fuß tappen, sondern abrocken. Wer am zweiten Abend nicht vorsichtshalber in Sporthosen und Turnschuhen kommt, ist selbst Schuld. Denjenigen, die es weniger schweißtreibend mögen, steht es frei, sich für das zweite Set von Nils Petter Molvaer entscheiden, der heute Nacht seinen Landsmann, die Elektronik-Koryphäe Moritz von Oswald, dabei hat. Apropos Entscheidungen – die sind, wie bei jedem Festival mit parallel laufendem Programm, ganz schön schwierig: Gehe ich jetzt zu Christian Prommer und Kevin Sholar, den ich sehr schätze, oder zur Naked Jazz Jam, die nicht minder spannend zu werden verspricht? Oder lieber zu C. Weidner und K. Prechlof – dem Duo jener Harfenistin, die gestern auch bei Torrini auf der Bühne stand?

Studnitzky
Studnitzky & Paul Kleber am Bass

Der Samstag macht die Entscheidungsfindung zunächst leichter: Wenn Festivalchef Studnitzky mit seiner Camerata spielt, muss man hin. Punktum. Olivia Trummer hingegen lasse ich nur schweren Herzens für die Samúel Jón Samúelsson Big Band links liegen. Die Entscheidung stellt sich indessen als goldrichtig heraus, denn der knapp zwanzigköpfige Afrofunk-Brass-Tornado aus Reykjavik wird seinem Ruf, seit den Aschewolken des Eyjafjallajökull habe nichts mehr so viel Staub aufgewirbelt wie er, mehr als gerecht.

Samúel Jón Samúelsson
Samúel Jón Samúelsson gibt den Hohepriester ...

Samúelsson
... einer fast zwanzigköpfigen Afrofunk-Brass-Kapelle

Nach diesem, ich möchte es „Happening“ nennen, bin ich nicht nur komplett durchgeschwitzt, sondern auch temporär taub, aber glücklich und milde genug gestimmt, dem Newcomer-Duo Sophia & Olga eine Chance zu geben, das sich neben eigenen Stücken auch Piano-Vocal-Versionen von Massive Attack & Co. verschrieben hat. Die zu überbrückende Stunde vergeht wie im Fluge, bis es endlich Zeit für einen weiteren Festivalhöhepunkt ist: Der bereits Tage zuvor restlos ausverkauften Show der Nightmares on Wax, bei der sich neben KY und Jazzanova auch nahezu alle XJAZZ-Protagonisten auf der Bühne tummeln: Studnitzky himself an der Trompete ebenso wie die Streicher der Camerata und die Bläser von Samúelsson. Dicht ist das Gedränge aber nicht nur auf der Bühne, sondern auch davor: Es passt kein Blatt Papier mehr zwischen die feierhungrige Meute.

Wer jetzt noch nicht genug hat, gibt sich noch das DJ Set von Daniel W. Best, hört bei der Naked Jazz Jam im Flux rein oder geht zum Runterkommen zu Lambert in die Emmaus-Kirche. Sonntagmorgens dann wankt man musiktrunken bis in die Haarspitzen nach Hause und weiß, genau wie der hochzufriedene Veranstalter, schon jetzt, dass man sich diesen adrenalin- und schlafmangelinduzierten Euphorierausch auch nächstes Jahr wieder geben will und wird. Mit dem 7. bis 10. Mai steht der Termin für XJAZZ 2015 schon fest. Save the Date.

 

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Im Test:

Vollverstäwww.dussunpower.org

UVP: 1.200 EUR


 

Equipment:

Quelle:

Audiomeca Obsession II
Creek Destiny

Verstärker:

Accuphase E-212
Classic 6.6
Creek A 50i
Lua 4040C

Lautsprecher:

Thiel CS 2.4
ZU Druid mk4
Sehring 703 SE
Spendor S3/5
Sonics Argenta

Kabel:

NF: Straight Wire Virtuoso, Zaolla Reinsilber NF

LS: Ortofon SPK 500, Straight Wire Rhapsody, HMS Al Cinema

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

von den
festivalgöttern kredenzt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

leider geil?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

die mission

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

eine art infrastrukturprojekt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

hat alles, was ein amtliches festival
so braucht

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ziemlich jazz!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

erstaunlich gut

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

die soulröhre rausgelassen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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