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Tropical Fuck Storm – Deep States

Tropical Fuck Storm, das klingt nach einem zerstörerischen Tornado, der vor nichts Halt macht. So destruktiv ist die Musik der Punk-Experimental-Band aus Melboune dann doch nicht, aber Tropical Fuck Storm lassen es auf ihrem dritten Album Deep States trotzdem richtig krachen.

Die Band, die Gareth Liddiard und Fiona Kitschin der Art-Punk Band The Drones 2017 mit Gitarristin Erica Dunn und Schlagzeugerin Lauren Hammel gründeten, fiel in der Szene schnell durch ihren rohen Sound und den Mix unterschiedlicher Musikstile auf. Auch auf dem neuen Album kommen Rap-Einlagen, Drum-Machine, Syntheziser und Noise-Passagen zusammen.

Tropical Fuck Storm - Deep States

Der erste Song „The Greatest Story Ever Told“ beginnt mit einer Radio-Ansprache. Man hört ein „the good news is …“ und kurz darauf geht alles in Piepsen und Stör-Geräusche über. Ein quietschendes Gitarrenriff nimmt überhand und Liddiard singt melodisch darüber hinweg. Auch an Dissonanzen mangelt es nicht. Die Gitarren überlagern sich, klingen dabei herrlich verstimmt und später singt auch Liddiard in anderen Tonarten als der vorgegebenen. Im Chorus wird er kräftig von den Frauen an den Mikrofonen unterstützt – eine Stimmgewalt, die gegen die dröhnenden und übersteuernden Instrumente ankommt. Hier zeichnet sich der rohe Sound von Tropical Fuck Storm ab, der Punk, Noise und – durch eine Ladung Effekte – Art-Rock zugleich ist.

Auf der Single „G.A.F.F.“ klingt die Band hingegen nach Indie- und Alternative-Hip-Hop. Der Twist im Song kommt durch die elektronischen und dissonanten Details. Der Bass wummert, das Schlagzeug ist reduziert und ein grooviger Beat entsteht, über den Liddiard mit Sprechgesang von der „Give-A-Fuck-Fatigue“ spricht – einer Lethargie, die einsetzt, wenn man sich den Wahnsinn der Welt objektiv anschaut. Über die fünf Minuten dieses Songs kommt seine lyrische Finesse perfekt zur Geltung. Im Chorus baut sich durch die ausbleibende Snare Spannung auf, die in der anschließenden Strophe mit Synthesizern, quietschenden Gitarren und Noise-Elementen immer beißender wird. Das steht repräsentativ für das ganze Album: Hier bekommt man eine volle Ladung Attitude at its best!

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Lindsey Buckingham

Seit 2011 hat der ehemalige Fleetwood-Mac-Gitarrist Lindsey Buckingham kein eigenes Album mehr herausgebracht. Nachdem er Fleetwood Mac 2018 verließ, erschien zwar viel Gossip in den Medien, doch musikalisch wurde es bis zum Sommer 2021 ruhig um Buckingham. Da begann er, vielversprechende Songs zu veröffentlichen, die nun auf dem neuen, selbstbetitelten Album erscheinen.

Lindsey Buckingham

Darunter war auch „Scream“, der erste Track auf der Platte. Der Song ist ein aufstrebendes Pop-Stück, das durch eine schrammelnde Akustikgitarre Spannung aufbaut. Buckingham selbst sagte über den Song, dass er hier auf den Punkt kommen würde. Damit muss er die simple Struktur und vor allem die Kürze des Stücks meinen. Nach 2 Minuten und 11 Sekunden ist alles gesagt und gespielt, doch der Chorus bleibt garantiert länger im Ohr. Hier wird, wie in der Strophe, auffällig viel mit vokalen Effekten gearbeitet.

Doch das eigentliche Highlight des Albums ist der nächste Song „I Don’t Mind“, in dem man durch die Melodien und Komposition an Fleetwood Mac erinnert wird. Buckinghams Handschrift drückt sich in einer ruhigen Strophe und einem imposanten Chorus aus, der sich durch ein markantes Gitarrenpicking auszeichnet. Das erinnert an frühe Hits wie „Little Lies“, doch Buckingham arbeitet mit gepitchten und gesampelten „Aah“-Gesängen und bringt so einen zeitgenössischen Touch in den Song. Das Stück ist so gut, dass kein anderes Lied auf der Platte wirklich herankommt. Trotzdem sollte man das Album nach dem zweiten Track nicht stoppen. „On The Wrong Side“ ist zum Beispiel ein weiterer guter Popsong mit unterhaltsamer Solo-Gitarre und auf dem Techno-artigen „Swan Song“ kann man Buckinghams Experimente mit Electro erkunden.

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Tirzah – Colourgrade

Nach ihrer Kult-Platte „Devotion“, die 2018 herauskam, veröffentlich die Londoner Musikerin Tirzah nun ihr lang ersehntes zweites Album Colourgrade. Oft wird Tirzah als Singer-Songwriterin bezeichnet, was praktisch gesehen auch stimmt. Das Singer-Songwriter-Genre beschreibt aber nicht wirklich ihre Musik, denn auf Colourgrade hört man auch avantgardistische Klänge, Trip-Hop, Noise und R’n’B zugleich. Lyrisch verarbeitet Tirzah auf den zehn neuen Songs die Schwangerschaft und Geburt ihres Kindes.

Tirzah – Colourgrade

So ist der Song „Beating“ eine Hommage an das neu kreierte Leben und eine Nachricht an ihren Partner. Sie singt „we made life, it is beating“ über einem minimalen Noise-Beat und wiederholt die Wörter in immer neuen Melodien. Ihr souliger Gesang steht hier, wie auch bei anderen Songs der Platte, im Vordergrund und lädt dazu ein, wirklich auf die Lyrics zu achten.

Manchmal gehört Tirzahs Stimme aber auch zum Sound-Gerüst des Songs, wie auf dem nach dem Album benannten ersten Stück. Hier steht ihre elektrisch-verzerrte Stimme gleichberechtigt neben den digitalen Bässen. Erst der anschließend einsetzende melodiöse Gesang hebt sich über die Wolke aus Industrial-Klängen, Pfeifgeräuschen und Noise und dominiert letztendlich das Stück.

Der wohl eindrücklichste Song auf dem Album ist „Tectonic“, der vorab als Single veröffentlicht wurde. Er beginnt mit einer klirrenden Noise-Wolke, die sich aufbäumt, bis ein simpler Beat einsetzt. In Industrial und Techno-Manier vermengen sich luftige Synthesizer-Töne mit Tirzahs vordergründigem Sprech-Gesang, der so rhythmisch wie roboterartig klingt. Der Chorus „When you touch me, I’m out of my body, Instinct takes place” ist trotz der vermeintlichen Emotionslosigkeit genial. Denn Tirzah wandelt ihre Betonung hier so feinfühlig ab, dass sie die Dynamik des Stücks verändert. Es sind die kleinen Details wie eine schnell eingeworfene Tonabfolge des Synthesizers oder Tirzahs späteres, überlagertes Summen, die die Starrheit der Musik aufbrechen und aus „Tectonic“ – ja, dem ganzen Album – einen zeitlosen Minimal-Klassiker machen.

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