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Sky Architect – Nomad

Man muss es leider so sagen: Sky Architect ist gescheitert. Gescheitert an dem ursprünglich gesteckten Ziel, bei ihrer vierten Studioaufnahme knappe, konzise Songs zu schreiben. Aber was für ein produktives Scheitern! Das niederländische Quintett hat bei der Arbeit an Nomad einfach das gemacht, was es am besten kann – und zur Perfektion gebracht. Auch hier ist die Freude am ungezähmten Spiel mit Stilen und musikalischen Elementen einfach zum Niederknien: angefangen beim knackigen Metal-Riffing, über jazzige Klangflächen, retro gefärbte Synthesizer, metrisch vertrackte und verschachtelte Klangebenen bis hin zu virtuosen Soloeinlagen, die in ausgedehnten, komplex geschichteten Instrumentalpassagen ausgebreitet werden.

Sky Architect – Nomad

Sky Architect bringt die unterschiedlichsten Elemente mit teils harten Kontrasten zusammen, und stets lauert hinter dem Ende jedes noch verworrenen Taktmaßes die nächste unerwartete Wendung. Die Niederlänger nehmen mit hochindividueller musikalischer Handschrift Elemente früherer Aufnahmen auf und bringen sie zur Krönung: Die Longtracks von Nomad sind immer noch vielgestaltig und fordernd, sie vereinen großartige Melodien mit abgedrehter Komplexität der Mehrstimmigkeit – aber die ausladenden Songs sind nun schlüssiger strukturiert, kompakter und kompositorisch runder als auf den drei vorherigen Alben.

Das zumindest offenbart sich, wenn man in die von Gitarren und Keys dominierten, vom Schlagzeug gewitzt untermalten Songs tief eintaucht – das ist notwendig und lohnt sich: Nomad öffnet sich nur zögerlich, will erobert werden und fordert die intensive Auseinandersetzung. Je öfter man diese Musik hört, desto mehr wertvolle Details offenbaren sich.

Manches aber zündet schon beim ersten Mal, ganz unmittelbar. Gleich im ersten Song „Wasteland“ erzeugt nach düsterem Beginn und kraftvollen Gitarren-Riffen die metrische Phrasenverschiebung einer simplen Textur – rhythmische Impulse und darüber liegende melodische Pattern in Gitarre und Synthie – eine verstörende Wirkung: Da nehmen die Himmelsarchitekten nur einen winzigen Baustein heraus, und schon ist der gesamte musikalische Bau windschief – große Kunst mit minimalem Materialaufwand. Das zeugt von künstlerischer Reife.

Zu einem der Prog-Höhepunkte des Jahres wird Nomad, weil die fünf Niederländer Fantasiereichtum, Komplexität, Vielfalt der Stilistik (Spacerock, metallische Riffs, jazzige Trompetensoli, mit denen das Album träumerisch „Into Singularity“ entschwebt) auf unnachahmlich vertrackte Weise verbinden. Und mit „Race to the Sun“ haben sie zugleich einen veritablen riffstarken Progrocker mit Hammer-Chorus in Ohrwurmqualität im Angebot. Der Höhepunkt steht mit „Endless Roads“ bereits an zweiter Stelle. Hier wird neben orientalischen Exotismen alles geboten, was Sky Architect ausmacht: jazzig verquaste Buntheit von melodischen Fragmenten und verschwurbelten Soundfacetten, zündende Rhythmusarbeit, in sich kreisende Wiederholungen und eine aus dem Nichts emporstrebende Hookline, auf der man davonfliegen kann.

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Big Big Train – Grimspound

Wer mit Sky Architect abhebt, landet womöglich bei der britischen Prog-Band Big Big Train, die mittlerweile auf eine Größe von acht festen Mitgliedern angewachsen ist. Die Truppe legt einen ungebremsten Schaffensdrang an den Tag, seit sie die Krähe zu ihrem heimlichen Bandmaskottchen auserkoren hat. Kaum hat BBT vor einem Jahr mit Folklore an Glanzzeiten des English Electric-Doppels angeschlossen, wurde aus der eigentlich nur als Ergänzungs-EP geplanten Platte nun ein ausgewachsenes Album namens Grimspound, das sogar noch mehr beeindruckt (und mittlerweile hat die Band sogar schon die angekündigte EP nachgelegt).

Big Big Train – Grimspound

Ebenso wie beim Vorgänger wird auch diesmal das sehr geschmackvolle Artwork von einer Krähe geziert; wie in den Erläuterungen zu den einzelnen Songs – einige erinnern an kleine Geschichtsstunden von belesenen, aber uneitlen Gelehrten – zu lesen ist, hat man ihr den Namen Grimspound gegeben. In dem gleichnamigen Titelsong, benannt nach der bronzezeitlichen Fundstelle Grimspound (in Devon), fragt die schlaue Krähe, was verglichen mit den Überlieferungen aus früheren Zeiten vom ‚digitalisierten‘ 21. Jahrhundert wohl übrigbleiben wird. Überhaupt handelt es sich bei den Texten der historisch bewanderten Band um tiefgründige, anspruchsvolle und elegante Lyrics, die zu keinem Zeitpunkt pseudo-tiefsinnig erscheinen. Sie verbinden sich mit der folkloristisch grundierten Spielart des Retro-Prog samt lebhaften Tempowechseln, druckvollem, schlankem und beweglichem Bass sowie jubilierenden Gitarren-Soli in der Nachfolge von Genesis oder Yes zu einer zwingenden Einheit. Hinzu kommen hymnische Aufschwünge, pastorale Färbung, melancholische Grundnote und manch nostalgisch-eskapistische Schwärmerei.

Das klanglich glasklar und angenehm durchsichtig produzierte Grimspound ist insgesamt ausgeglichener und auf ganzer Linie überzeugender als der Vorgänger Folklore. Es gibt nicht den einen Übersong, sondern Qualität auf ganzer Linie, wenn auch das kurze „Meadowland“ eher wie eine kurze Erholungsphase wirkt. Allerdings beinhaltet es eine textliche Grundlage, die dann in dem von Rikard Sjöblom (Ex-Beardfish) komplex angelegten Lobgesang auf Aufklärung und Wissenschaft „A Mead Hall in Winter“ opulent ausgepolstert wird.

Big Big Train Grimspound

Big Big Train

Am eindrücklichsten ist die musikalische Kunst von Big Big Train gleich im Einstiegssong „Brave Captain“, in dessen unterschiedlichen Teilen die Geschichte des früheren britischen Fliegerhelds Albert Ball aufgeblättert wird. Der hat eingängige Melodien, die David Longdon mit hell-metallischer Peter-Gabriel-Färbung ausbreitet, ist klanglich äußerst abwechslungsreich und bietet im ausgedehnten instrumentalen Mittelteil dem treibenden Bass (Greg Spawton), der bratzelnden Gitarre Dave Gregorys sowie der filigranen Weltklasse-Schlagzeugkunst von Nick D’Virgilio eine wunderbare Spielfläche. Letzterer veredelt mit äußerst variablen solistischen Einlagen zusammen mit Pianist Danny Manners das Instrumental „On the Racing Line“ zu einem jazzigen Duell von Tasten und Trommeln – große Klasse!

Für die folkloristische Schlagseite sorgt vor allem die Geigerin Rachel Hall, die für die gesamten Streicher-Arrangements verantwortlich zeichnet und nicht nur in dem historisch gewandeten „The Ivy Gate“ (Gast: Judy Dyble) die schmerzhaft-elegische Atmosphäre unterstreicht. Das ist – wie die gesamte instrumentale Ausarbeitung – in der Harmonie der Einzelteile unglaublich schön, wirkt aber nie zu dick aufgetragen.

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Anathema – The Optimist

In die Nähe der Übertreibung gelangt Anathema hingegen schon mal. Da werden Melodieschnipsel wieder und wieder aneinandergereiht, und jedes Mal kommt eine neue instrumentale Schicht dazu, bis eine fast undurchdringliche, dicht gewobene, melancholische Soundwall aufgebaut ist, überwölbt von elegischen Streichern. Die bedrückte, in Moll-Klänge gekleidete Schönheit hat das Liverpooler Sextett um die Brüder Cavanagh auf seinen letzten Platten immer zuckriger werden lassen (angefangen hatten sie im Bereich Doom und Death Metal), zuletzt gewannen allerdings elektronische Klänge die Oberhand. Daran schließt das klangtechnisch filigran gearbeitete, die Ansprüche von Soundenthusiasten zufriedenstellende The Optimist (dessen Audio Blu-ray Version hier als Grundlage dient) unmittelbar an.

Anathema – The Optimist

Thematisch allerdings nimmt Anathema einen Faden auf, den sie mit A Fine Day to Exit im Jahr 2001 fallen ließen. The Optimist ist der direkte Nachfolger, was schon daran ersichtlich ist, dass der Opener die Koordinaten des Silver Strand Beach im Titel führt, an dem das Cover den Protagonisten bzw. dessen Auto 2001 stehen ließ. Nun macht sich The Optimist, ohrenscheinlich aus den Wogen des Ozeans steigend, auf die Reise. Ist es ein Neustart oder ein Davonlaufen (bzw. -fahren) vor der Vergangenheit? Die elf Songs sind ein veritabler musikalischer Roadmovie, das verschiedene Stationen auf der Fahrt nach Norden („San Francisco“, „Springfield“ etc.) abbildet und unterschiedlichste Stimmungen einfängt. Als Motor der musikalischen Fahrt dient Anathema diesmal viel Elektronik: Anathema baut auf den Elektromotor, könnte man treffend kalauern.

The Optimist, das mit einem stimmungsvollen Artwork ausgestattet ist und dessen unzählige klangliche Schichten von Tony Doogan in eine dichte, aber schön durchhörbare Klangstaffelung gebracht wurden, ist eine hochemotionale musikalische Reise, bei der Musik und Text eng aufeinander bezogen sind. So ist beispielsweise das aus stetigen, in sich kreisenden Wiederholung kleiner Melodiepartikel bestehende „Can’t Let Go“ trotz seines treibenden Rhythmus‘ musikalisch nicht gerade spannend, doch zusammen mit den Lyrics entfaltet sich eine klaustrophobische Stimmung des Getriebenseins: Da findet einer einfach keinen Ausweg, hetzt rastlos voran und jagt der Liebe hinterher.

Anathema The Optimist Caroline Traitler

Caroline Traitler

Auch die anderen Songs sind atmosphärisch sehr dicht, wobei sie sich in der Regel aus relativ ruhigen Linien, mal gesungen von Vincent Cavanagh, mal von der sphärenhaft tönenden Lee Douglas, mal von beiden („The Optimist“) durch Stapelung immer weiterer Klangschichten zu dichten Klanggewittern entwickeln. Der Verlauf der Songs ist meist ähnlich – aber aufgrund der vertrackten, filigranen Arrangements (samt Streichern) doch immer wieder aufs Neue faszinierend. Das ist Musik, die von klanglichen Nuancen lebt und deren düstere Atmosphäre vor allem über Kopfhörer wie dunkle Nebelschwaden direkt ins Hirn dringt und Bilder erzeugt.

Die Reise des Protagonisten kennt neben Verlorenheitsgefühlen („I don’t belong here“ heißt es in „Springfield“) und Albträumen („Close Your Eyes“ samt jazzig-filmmusikalisch eingesetztem Posaunen-Crescendo und Kontrabass – ein an Musik des Film Noir erinnerndes, sehr geschmackvoll inszeniertes Horrorszenario) vor dem musikalisch versöhnlichen Ende („Back to the Start“) allerdings auch Momente flackernder Bedrohung: „Wildfires“ schafft mit echohaften, flatterhaften Stimmen-Überlagerungen und musikalischen Leuchtwürmchen eine großartig mysteriös-beängstigende Klangszene, die über aggressiv-obsessive Rhythmik in eine düstere, alles niederwälzend Klangorgie mit Noise-Elementen mündet. Zum Schluss bleibt nur noch eine simple Kinderspieluhrenfigur übrig. Erschreckend – und großartig.

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