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Jasmin Tabatabai/Eine Frau

Inhaltsverzeichnis

  1. 2 Jasmin Tabatabai/Eine Frau

Interview, Teil 1 | Interview, Teil 2 | Die CD „Eine Frau“

Wahrscheinlich haben viele Leute – musikalisch betrachtet, wegen des Films Bandits und deiner alten Band, den Cowgirls – noch eher dieses Bild von dir: als Interpretin von Country-Trash oder als Rockröhre. Spiegelt sich in der Wandlung von der Rebellin zur Lady auch ein persönliches Reifen, oder kannst du dir vorstellen, nach Eine Frau musikalisch wieder etwas Rockigeres zu machen?

Letzten Endes hatte ich – nicht mehr und nicht weniger – einfach Lust, ein Jazz-Album zu machen, etwas Ruhigeres, etwas Entspannteres, etwas Erwachseneres, ohne Anstrengung. Was das nun bedeutet …

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Die Banditen …

Wenn du sagst, „etwas Erwachseneres“, heißt das wohl, dass du mit Eine Frau jetzt auch ein anderes Publikum ansprechen wirst als bisher. Ich habe gelesen du hättest gesagt, dass du am Chartradio komplett das Interesse verloren hast. Nichtsdestotrotz möchte man sich mit einer Albumveröffentlichung auch einem Publikum präsentieren …

Ich möchte natürlich gerne viele Menschen erreichen, aber ich mache mir wenig Illusion zu glauben, dass wir jetzt von den üblichen Chartsradiosendern gespielt werden. Ich meine, das ist Formatradio, und du weißt doch, was das heißt: Die haben ganz spezielle Anforderungen, und ich weiß gar nicht, ob so etwas wie Eine Frau da auch nur im entferntesten eine Chance hat, reinzukommen. Ich würde mal eher sagen, nein.

Ist eine gute Frage. Ein, zwei solche Sachen hat man ja immer dabei. Leute wie Till Brönner oder Annett Louisan sind auch in den Charts aufgetaucht. Und wenn du jetzt nicht nur von den Media Control Top 100 Charts redest – mittlerweile hat ja jede Sparte ihre eigenen Charts, und es gibt ja auch die Jazz-Charts …

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… und die Cowgirls

Ach, ich weiß, aber ich habe vor langer Zeit aufgehört, die Charts zu verfolgen, weil es nichts Wesentliches mehr hat. Ich bin tatsächlich noch aufgewachsen als Charts-Hörer, saß bei „American Top Forty“ oder auch bei den bayerischen Charts, die dann im Radio kamen – und es war richtig wichtig, wer jetzt diese Woche Nummer eins ist. Und das ist schon so lange nicht mehr so, weil es egal ist, wer da nun Nummer eins ist, es ist eh alles gekauft. Alles durch Marketing gemacht, da kann mir keiner erzählen, dass das anders läuft. Und es ist so selten ein neuer Song dabei, bei dem ich aufhorche und denke, was ist denn das für eine Melodie. Ich weiß nicht, ob es am Alter liegt – oder an der Qualität. Aber es ist mittlerweile schon öfter so, dass ich mir vorkomme wie ein alter Sack, weil ich denke – zum Beispiel wenn mich meine Kinder im Auto zwingen Radio Teddy zu hören: Mannmannmann, so ein langweiliger Song hätte es in den Achtziger nie und nimmer in die Top Ten geschafft.

Die neue Platte ist ja ein Hochglanzprodukt, also eine schöne, teure Studioproduktion – insofern bin ich gespannt, wie ihr das live umsetzen werdet. Was mich auch direkt zu meiner nächsten Frage führt: Bei deinen Soloalben habe ich das Gefühl, dass du bewusst dieses unfertige, intime Element zelebriert hast, indem du auch kaum nachproduzierte Demos auf die fertigen Alben genommen hast. Bei Eine Frau hattest du im Gegensatz dazu den Luxus des unbeschränkten Budgets …

Weil David Klein sich arm gemacht hat – er hat das alles aus eigener Tasche bezahlt!

… und konntest alle nur erdenklichen technischen Finessen nutzen, so dass ein audiophiles Kleinod entstanden ist. Geht bei solch einer groß angelegten Produktion das Intime, das Authentische nicht verloren?

Nein, für mich nicht, weil ich mich nur auf den Gesang konzentrieren konnte. Das war für mich eine ganz konzentrierte Arbeit. Und das andere … Es ist ja auch immer im Kontext zu sehen: Ich war nach Bandits so abgenervt von der Musikbranche und dem Gelaber von allen, die ankommen und sagen, du musst jetzt dies und du musst jetzt das, weil sie in dir einen Goldesel sehen … das war so ein Emanzipationsakt, dass ich gesagt habe, ich produziere jetzt meine Sachen selbst, einfach nur so ganz pur, und ich lass‘ mir nicht mehr reinreden von irgendwelchen Vollidioten. Das war natürlich auch so eine Entwicklungsphase. Bei Eine Frau hatte ich es mit Leuten zu tun, vor allem mit David Klein, den ich musikalisch hundert Prozent vertraut habe. Das ist natürlich der viel angenehmere Part, es ist kein Kampf, kein Sich-Abgrenzen und kein Dann-mache-ich’s-eben-halt-alleine, das musste ich hier überhaupt nicht.

Wenn du sagst, du warst so genervt von der Musikindustrie damals – ist als Reaktion darauf auch die Gründung deines eigenen Labels entstanden?

Ja, ja, na klar.

Wie ist das mit deinem Label, seid ihr da noch aktiv?

Polytrash gibt es natürlich noch, aber Eine Frau kommt bei Edel raus. Aber dass das jetzt so aufwändig aufgenommen wurde und so gut klingt, liegt daran, dass David Klein das aus eigener Tasche bezahlt hat, denn die Plattenfirmen können heutzutage leider kaum mehr einfach einen dicken Scheck ausstellen. Auch ich habe übrigens noch keinen Pfennig verdient mit dieser Platte. Es ist einfach eine reine Liebhaberei, bei der man sagt, man glaubt daran. David will damit natürlich auch zeigen, wie man mit Musik umgehen sollte. Er ist ein Verrückter, im positiven Sinne – jemand, der die Musik so sehr liebt, dass er sich dafür in den Ruin stürzt.

Er hat sich ja sogar fünfundvierzig hochkarätige Streicher eines A-Orchesters eingeladen …

Ja, da ist alles echt! Und auch die hat er aus eigener Tasche finanziert.

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Eine letzte Frage habe ich noch, und ich hoffe, dafür ist noch Zeit: Es geht um zwei sich widersprechende Aussagen, die ich über dich gelesen habe. Auf deiner Fanpage kann man unter der Rubrik „Fragen zu Jasmins Musik“ lesen, du hättest nie Musikunterricht gehabt, könntest keine Noten lesen und hättest auch nie eine Gesangsstunde genommen. Wikipedia hingegen behauptet, du hättest nicht nur Schauspiel, sondern auch Musik studiert.

Das Erstere ist richtig. Ich war an der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst Stuttgart, aber Abteilung Schauspiel. Deswegen denken manche wahrscheinlich, ich hätte auch Musik studiert. Nein, ich habe leider nicht Musik studiert. Ich bin überhaupt nicht stolz darauf, dass ich keine Noten lesen kann, aber es ist leider so.

Hast du vor, das noch nachzuholen? Oder etwas anderes in der Art?

Ja, ich wollte immer Klavier lernen, aber irgendwie glaube ich, das ist jetzt auch schon vorbei.

Deine Mutter und Schwester, habe ich gehört, spielen gut Klavier?

Ja, und meine große Tochter hat Unterricht. Aber ich – hach ja, schade, schade.

Dann vielen Dank für das Interview!

Ja, sehr gern.

Gleich der erste Titel von Eine Frau perlt mit seinen Pianokaskaden aus den Tasten Christian Gutfleischs elegant in Moll aus den Boxen, und man weiß nicht, was hier mehr Lufthauch hat: Die Stimme Tabatabais oder die Klarinette von Don Li. „Augen in der Großstadt“ ist einer der düstereren Texte Tucholskys, und in den von David Klein gesetzten Strophen findet er seine kongeniale Entsprechung. Leider tue ich mich mit Jasmin Tabatabais Interpretation hier etwas schwer: Zu sehr fallen Rezitationston und Gesangsstimme gegeneinander ab. Besonders ohrenscheinlich wird dies in den höheren Lagen. Auch fragt man sich, sobald der Refrain einsetzt, was zum Henker dieses Happy-Go-Lucky-Dur jetzt in dem Lied verloren hat, es wirkt wie künstlich drangeklebt – eine Frage, die sich im Verlauf des Albums leider noch des Öfteren stellen wird. Auch wenn der Song mit einer ebenso melancholischen wie schönen Vorbei-verweht-nie-wieder-Stimmung endet, muss diese schon bei „Kann denn Liebe Sünde sein“ einer Easy-Listening-Atmosphäre weichen, die das Album zunächst konsequent begleiten soll. Mit der bekannten Zarah-Leander-Version jedenfalls hat das Vibraphon-lastige Arrangement nur noch wenig gemein, und nach anfänglicher Irritation ist der Song vor allem eins: eingängig. Tabatabai schmeichelt sich katzenhaft durch den Track, und es deutet sich hier schon an, was seinen Höhepunkt auf „Ich weiß nicht zu wem ich gehöre“ entfaltet: Jasmin Tabatabai ist durch die Schauspielerei eine perfekte Interpretin, die sich in die jeweiligen Rollen der auf Eine Frau vertretenen Frauen ganz tief einfühlen kann – aber sie ist eben keine Jazzsängerin.

An das Arrangement von „Ich weiß nicht zu wem ich gehöre“ musste ich mich langsam gewöhnen. Es ist zunächst seltsam, einen tausendmal gehörten Klassiker so ganz anders zu erleben. Immerhin wartet der Song nicht nur mit einem gewöhnungsbedürftigen Neuarrangement, sondern auch einem seltsamen Trompetensolo auf. Aber die Tabatabai macht ihren Job gut. Das selbe gilt auch für „Ein Brautkleid“, das in erster Linie durch einen herrlich komischen und frischen Text der zeitgenössischen Librettistin Edith Jeske besticht, vor der sich Chansontexter wie Frank Ramond, die sich mittlerweile zu oft selbst reproduzieren, durchaus in Acht nehmen sollten. Tabatabai geht völlig in der Protagonistin des Stückes auf, und ja, genau das ist die Stärke von Eine Frau.

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Als Jazzplatte indessen erlebe ich sie nicht. Viel eher wird ihr die Beschreibung „modernes Liederalbum“ gerecht. Ein sehr Bossa-haltiges Liedalbum, wohlgemerkt, denn ihre Affinität zu südamerikanischen Rhythmen verleugnet die Platte keine Sekunde lang. Ob Latin Jazz oder Boogaloo – die Neuinterpretationen voller südlichem Flair sind dann zunächst auch das Interessanteste an Eine Frau. Wer kann schon von sich behaupten, „Herbstgewitter über den Dächern“ von „des Königs Barde“ Reinhard Mey als Bossa gehört zu haben? Dennoch hätte ich mir für Eine Frau mehr Lieder wie „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?“ gewünscht, das gleichzeitig groovt wie Hund und dabei total relaxed ist, mit einer schnurrenden Tabatabai in Hochform. „Nimm ihn dir“ macht Spaß, obgleich auch hier das eingangs erwähnte Strophe-Refrain-Gefälle besteht: Die Strophen sind einfach um Klassen besser als der Refrain. Das Stück fährt eine energiegeladene Mischung zwischen Blaxploitation-Soundtrack und Big-Band-Wand auf, würde an den Vocals allerdings eine Shouterin erfordern, die Tabatabai nun einmal nicht ist.

Wirklich großartig dann „La chanson d’Hélène“, das mich an die Balladen des 1998er-Albums Autrement des ansonsten ziemlich scheußlichen „Le Rock“ produzierenden Nicolas Peyrac erinnert. Von der schon im Interview angedeuteten Kreuzfahrtbelanglosigkeit und stellenweiser Seichtheit der Easy-Listening-Nummern ist hier nichts mehr zu spüren. Ähnlich melancholisch geht es auf „Menschen die sich lieben“ weiter, das – um die (wohlige) Depressionen des Hörers auf die Spitze zu treiben – als Tango noir noch mit einem weinenden Bandoneon und dem potenziell Selbstmordgedanken verursachenden Cello Lev Sivkovs aufwartet; und auch der letzte Song – „Nacht“ – bleibt der tangoesken Stimmung zunächst verhaftet, hebt sie jedoch ganz behutsam wieder ins Optimistische; und hier endlich entfaltet sich eine Gesangsleistung, die dem Lied mehr als gerecht wird.

Hier zeigt sich, dass Eine Frau eine Platte ist, die ein unglaubliches Gespür für Albumdramatik hat. Hier wurden nicht einfach nur elf Lieder aneinandergereiht, sondern mit Verstand und vor allem ganz viel Detailliebe in eine Reihenfolge gebracht, die allein schon eine Geschichte erzählt. Die Lieder auf Eine Frau bedingen und brauchen sich gegenseitig, und was am Anfang vielleicht noch als Kritikpunkt an die Oberfläche gelangt, wird im Laufe des Albums durch eine zunehmende Anziehungskraft in den Hintergrund gedrängt. So lässt die berückende Schönheit der letzten drei Lieder den Umstand, dass Jasmin Tabatabai keine „richtige“ Sängerin ist, unbedeutender werden, und auch die Pianokaskaden des Beginns erscheinen nicht mehr gar so plakativ. Eine Frau ist eine Platte, die man langsam kommen lassen muss und die bei mehrmaligem Hören gewinnt.

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Interview: Jasmin Tabatabai

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