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Jasmin Tabatabai

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  1. 1 Jasmin Tabatabai

 

Oktober 2011/Victoriah Szirmai

Interview, Teil 1 | Interview, Teil 2 | Die CD „Eine Frau“

Die meisten kennen sie als Schauspielerin. Doch schon einige Jahre, bevor Jasmin Tabatabai 1995 mit Die Mediocren an der Seite von Jürgen Vogel bekannt wurde, war sie mit der Country-Punk-Fun-Cover-Band Even Cowgirls Get The Blues musikalisch erfolgreich. Als im Sommer 1997 die Rolle der singenden Gefängnisausbrecherin Luna im Kinofilm Bandits ihren Durchbruch als Schauspielerin einläutete, enterte auch der Soundtrack – und mit ihm drei Lieder der Cowgirls – die Charts. Mehrere Wochen lang hielt er sich auf Platz eins. Drei Jahre später kam dann Grispholm.

Tabatabai, die sich in der Zwischenzeit – wohl nicht zuletzt durch die Rolle der Carla Sperling in Helmut Dietls Late Show – den Ruf der Charakterdarstellerin erarbeitet hatte, blieb in der Literaturverfilmung von Xavier Koller als Nachtclubsängerin und Tucholskymuse Billie Sunshine der Musik treu. Der Soundtrack enthielt vier Neuvertonungen bekannter Tucholskylieder – „Tamerlan“, „Anna-Luise“, „Sie zu ihm“ und „Körperkultur“ – von David Klein und seiner Klezmer-Band Kol Simcha, kongenial eingesungen von Jasmin Tabatabai. Und weil ihre Art zu singen so gut zu dem Chanson-Stil der Zwanziger- und Dreißigerjahre passt, lag Klein ihr fortan im Ohr, dieses Projekt doch einmal jenseits der Leinwand fortzusetzen. Nach mehr als zehn Jahren ist es nun so weit. Mit Eine Frau legen Jasmin Tabatabai und das David Klein Orchester ein Album vor, dass die damals begonnene Arbeit nicht nur fort-, sondern weiterführt. Die Autorin traf die singende Schauspielerin an einem sonnigen Nachmittag Ende August zum Interview in Berlin.

Victoriah Szirmai: Dein neues Album Eine Frau basiert in gewisser Weise auf deiner Rolle als Kurt Tucholskys singende Muse Billie Sunshine im Film Gripsholm aus dem Jahr 2000 – oder entstammt zumindest dem Geist der Rolle. Dort hast du die Interpretin seiner Chansons gespielt und vier Lieder für den Soundtrack eingesungen. Damals hat die Gruppe Kol Simcha, zu der auch David Klein gehörte, Tucholskys Texte neu vertont …

Jasmin Tabatabai: Also, es basiert nicht auf der Rolle … Es ist jetzt keine Fortführung der Chansonsängerin Billie – wäre eigentlich eine interessante Idee, ein Album mal so aufzuziehen. Der Film war ja auch sehr Dreißigerjahre-Cabaret, und das ist nicht unbedingt der Stil dieses Albums. Die Idee zum Album ist aber durch diese erste Zusammenarbeit mit David entstanden. David meinte schon damals zu mir: „Oh, weißt du was, wir machen mal eine Jazzplatte zusammen“, und ich sagte, ja, wenn es sich ergibt, dann gern.

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Wusstest auch du seitdem, dass du mit dem Thema noch nicht durch bist, dass da noch etwas kommt?

Nee, gar nicht. Aber es hat mir schon damals gefallen. Ich fand es eine tolle Art, Deutsch zu singen – Texte, die dann doch noch mal eine andere Ebene haben als heutige Popmusik. Natürlich ist es auch schwer, Tucholskys Texte an Tiefgründigkeit und Witz zu überbieten, und sie sind im Laufe der Zeit auch gut gealtert, weil sie eben zeitlos sind. Wir haben immer mal wieder darüber gesprochen, aber bis es konkret wurde … das war erst vor drei Jahren. Da hat mir David Demos geschickt und ich war begeistert. Und es war der richtige Zeitpunkt.

Wie du eben schon sagtest, ist Eine Frau keine Fortsetzung vom Gripsholm-Soundtrack, denn hier sind ja nicht nur die Textdichter und Librettisten der 20er- und 30er-Jahre wie eben Kurt Tucholsky, Alfred Grünwald oder Bruno Balz versammelt, sondern auch durchaus gegenwärtige Autoren wie der Regisseur und Autor Georg Büttel oder die Librettistin Edith Jeske. Wie kam es zu dieser Zusammenstellung von alt und neu, von Klassikern und eigens für dich komponierten Songs, wer hat das angeregt und ausgesucht?

Das ganze musikalische Konzept, der ganze Anstoß und überhaupt der Mastermind – das ist alles David Klein. Deswegen habe ich auch darauf bestanden, dass vorn auf der CD „David Klein Orchester“ mit draufsteht. Ich muss auch gestehen, dass ich in dieser Art von Musik – Jazz, Chanson – auch gar nicht den Ehrgeiz gehabt hätte, das jetzt selber produzieren zu wollen, weil ich es nämlich auch gar nicht könnte. Außerdem wollte ich endlich mal wieder ganz egoistisch nur Sängerin sein. Weil das auch mal schön ist und etwas sehr Entspanntes hat, wenn man nicht selber schreibt, selber produziert …

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Einer der ausschlaggebenden Gründe, dem Projekt dann schließlich zuzustimmen?

Ja und nein. Der ausschlaggebende Grund war und ist, dass mir die Musik sehr sehr gut gefällt und dass ich begeistert war von den Songs.

Um noch einmal auf Tucholsky zurückzukommen – er genoss damals den Ruf, solch freche, ironisch überspitzte und frivole Chansontexte wie kein anderer zu schreiben. Mit „Augen in der Großstadt“ hast du dich für ein, wie ich finde, ganz Tucholsky-untypisches Stück entschieden über die erbarmungslose Großstadt, welcher der einzelne Mensch hilflos ausgeliefert ist. Eine bewusste Abkehr vom eher lasziven Image der Gripsholm-Chansons à la „Mir ist heut so nach Tamerlan zu Mut/ein kleines bisschen Tamerlan wär gut“?

Er hat eben auch solche Sachen geschrieben, offensichtlich hatte er bei all seiner Ironie und all seinem Biss, bei seinem Spott – seinem beißenden Spott! – auch eine dunkle, ja vielleicht depressive Seite. Schon in Gripsholm gab es diese Nummer „Sie zu ihm“, die Zeilen enthielt wie „Wer mehr liebt, der muss mehr leiden“. Und „Augen der Großstadt“ … Dass jemand ein Lied, einen Text über diesen Moment schreibt, dass man kurz die Liebe erkennt und dann ist sie gleich wieder weg, über diese Vergänglichkeit …

Es ging hier aber nicht um eine bewusste Abkehr von Gripsholm, denn ich finde nicht, dass dies ein Film war, der nur die fröhliche Seite von Tucholsky gezeigt hat. Im Gegenteil. Er hat ein breites Spektrum. Zwar bin ich jetzt nicht der absolute Tucholsky-Kenner und kenne nicht jeden einzelnen Text von ihm, aber die Texte, die ich kenne – da ist alles drin! Er hat einfach über das Leben geschrieben. Und jeder, der viele Drogen nimmt, viel Alkohol trinkt und viele Frauen hat, rennt ja auch vor irgendetwas weg.

Was mir noch aufgefallen ist – keine Angst, es ist die letzte Gripsholm-Frage …

Wenigstens mal einer, der den Film kennt!

Ist ja auch ein toller Film! Jedenfalls ist in meinen Ohren, wenn auch nicht die Musik selbst, so aber die musikalische Herangehensweise von Gripsholm und Eine Frau gleich geblieben. Du hast damals mit Kol Simcha nicht einfach bestehende Tucholsky-Lieder neu arrangiert, sondern komplett neu vertont. Und auch jetzt sind selbst die Klassiker, die auf der Originalmusik aufbauen – beispielsweise Friedrich Hollaenders „Ich weiß nicht zu wem ich gehöre“ – nicht nur als Neuinterpretationen, sondern als Neudeutungen zu erleben …

Absolut. Richtige Jazzkenner haben mir auch bestätigt, dass die Klassiker, wie sie David Klein mit dem Arrangeur der Platte Lutz Krajenski arrangiert hat – beispielsweise „Kann denn Liebe Sünde sein“ –, echt ungewöhnlich sind. Auch Leute, die diese Jazz-Standards rauf und runter kennen, sagen, dass David da etwas ganz Besonderes gelungen ist.

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Wobei ich persönlich diesen Titel noch als weitaus konventioneller arrangiert empfinde als beispielsweise „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“ – da habe ich wirklich in die Liner Notes gucken müssen, ob das noch die Hollaender-Musik ist oder eine Neukomposition …

Was mir an unserer Version von „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“ gefällt – es ist eines meiner Lieblingslieder auf der Platte –, ist, dass sie nicht frivol und schunkelig, sondern tieftraurig ist. Weil es eben auch sehr traurig ist, wenn jemand nicht weiß, zu wem er gehört. Ich glaube sogar, dass das die ursprüngliche Intention des Textes war, dies auszudrücken.

Auf deiner Platte wird auch viel mit südamerikanischer Musik geflirtet, ob nun der brasilianische Komponist Egberto Gismonti bemüht wird, ob Reinhard Meys „Herbstgewitter über den Dächern“ im Bossa-Gewand daherkommt oder „Menschen, die sich lieben“ („Un Homme Heureux“) als Tango. Und auf dem Titeltrack „Eine Frau“ paaren sich afrokubanische Rhythmen mit denen einer Rumba …

Sind ja auch tolle Rhythmen! Ich war zum Beispiel immer ein großer Yma-Sumac-Fan! Und David hat mir immer gerne Elisa Regina vorgespielt und gesagt, „Hör dir mal an, wie sie singt, wie locker, wie leicht, wie unangestrengt, das ist so toll!“

Wobei das Ganze dadurch ja auch so ein bisschen Kreuzfahrtschiffsatmosphäre bekommt …

Soso … aber dadurch hat es eben auch etwas Entspanntes!

Interview: Jasmin Tabatabai

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