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Cassandra Wilsons – Coming Forth By Day | Rebecca Ferguson – Lady Sings The Blues

Juli 2015 / Victoriah Szirmai

Am 7. April 2015 hätte Billie Holiday ihren hundertsten Geburtstag gefeiert. Für viele ein hinreichender Grund, uns dieses Jahr einer wahren Schwemme an Hommage- und Tribut-Alben auszusetzen – von durchaus heterogener Qualität. Werfen wir jeweils einen Blick auf beide Enden dieses Spektrums.

Cassandra Wilsons | Coming Forth By Day Cover

Kein Vorbeikommen gibt es an Cassandra Wilsons Coming Forth By Day, das unter der Federführung von Nick Cave & The Bad Seeds-Produzent Nick Laundray entstanden ist. Wilson, die sich schon des Öfteren des Liedguts der Holiday angenommen hat, will hier nichts Geringeres erzählen, als eine neue Geschichte der Lady Day – dafür schreckt sie auch vor Änderungen im Songtext nicht zurück. Auch musikalisch ist es der mittlerweile beinahe Sechzigjährigen nicht um eine möglichst originalgetreue Kopie zu tun, noch hat sie es nötig, die Stücke ganz besonders gründlich gegen den Strich zu bürsten. Souverän, mit rauem, fast rohem Rockappeal, nähert sich die Sängerin elf ausgewählten, von einer Eigenkomposition gekrönten Holiday-Stücken. Flankiert wird sie dabei von ihren langjährigen Mitstreitern Jon Cowherd am Klavier und Kevin Breit an der Gitarre, konnte darüber hinaus aber mit Martyn Casey und Thomas Wydler die Rhythmusgruppe der Bad Seeds gewinnen – und das macht die Sache so richtig interessant!

Schon auf dem gut abgehangenen Opener „Don’t Explain“ zeigt Wilson, dass sie im Gegensatz zu Holiday nicht die liebeskummergebeutelte Schmerzensikone geben wird. Auch „Billie’s Blues“ reiht sie, tatkräftig unterstützt von Caseys Bass, eher in die Tradition ihres eigenen südstaateninspirierten Repertoires – man denke hier nur an „Redbone“ oder „In My Kitchen“ – ein. Hier wird keine stille Gedenkstunde abgehalten: Wilson und ihre Musiker sind laut, es köchelt und dampft, die Bassklarinette vibriert im Gedärm. Da verzeiht man auch das im Kreuzfahrtmodus vor sich hinschippernde „Crazy He Calls Me“, vor allem, da das folgende „You Go To My Head“ fast schon Indiepopopulenz entfaltet. Der millionenfach interpretierte All American Songbook-Klassiker „All Of Me“ bringt die Platte auf den Punkt: Man hat sich hier vor allem der leichten Seite Holidays angenommen, ohne in den Ruch von Hotelbarjazz zu kommen. Im Gegenteil: Eingebettet in ein String-Arrangement, garniert mit „Atmospheric Loops“, kriegt das tausendfach Gehörte eine cinematographische Dimension, die ihm überraschend gut steht.

Cassandra Wilsons | Coming Forth By Day 1.2

Oder „Good Morning Heartache“! Am Anfang noch schwerfälliger Mississippi-Dampfer, bald aber schon stampfend-röhrender Eisbrecher mit voller Maschinenkraft, vermittelt er das Gefühl, diese Platte würde immer lauter werden, ohne dass man an den Reglern gespielt hätte. Die hat sich jetzt auch ohne weitere akustische Täuschungen im Dark-Wave-goes-Kreuzfahrt-Modus eingerichtet, bis mit „Strange Fruit“ dann doch noch das Schwere Einzug hält. Den Lynchmord-Song interpretiert Wilson nicht zum ersten Mal: Aufgrund der Version auf ihrem sensationellen Blue-Note-Zweitling New Moon Daughter von 1995 erschien sie mir immer als eine der wenigen legitimen Interpretinnen dieses Stücks. Zwanzig Jahre später macht sie alles ganz anders. Ich persönlich tue mich mit dem Rock-Opera-Appeal, den die Produktion zum Schluss entfaltet, schwer, aber das ist a) Geschmackssache und tut b) der Genialität des Ganzen keinen Abbruch.

Genial ist ohnehin das Stichwort, denn wie behutsam nach dieser schwer verdaulichen Nummer das nachfolgende „I’ll Be Seeing You“ mit seiner angenehm zurückhaltenden, echoreichen Produktion als emotionaler Türöffner eingesetzt wird, sucht seinesgleichen. Ich bin mir nicht sicher, ob wir es hier nicht sogar recht eigentlich mit dem großartigsten Stück der Platte zu tun haben! Etwas tiefer in die Orchestrationsschublade greift das abschließende „Last Song (For Lester)“, das im Rennen um das schönste Stück der Platte ganz weit vorn liegt. Hier hat sich Wilson gefragt, was Billie Holiday wohl gesungen hätte, hätte man ihr die Teilnahme am Begräbnis ihres Freundes Lester Young nicht verwehrt. Das Ergebnis ist überwältigend zärtlich und hallt noch sehr, sehr lange nach. Eine großartige Platte – aber durch und durch eine Cassandra-Wilson-Platte, keine Billie-Holiday-Platte.

Rebecca Ferguson | Lady Sings The Blues Cover

Rebecca Ferguson hat das Pech, dass ich Lady Sings The Blues direkt nach Cassandra Wilson höre. Im direkten Vergleich kann sie nicht gewinnen. Dabei verfolgt die ehemalige „The X Factor“-Zweite aus Liverpool einen ganz anderen Ansatz: Gleich auf der nach einer Big Band schreienden Eröffnungsnummer „Get Happy“ paaren sich motownesker Stampfbeat und Puttin‘ On The Ritz-Überschwang. „Fine And Mellow“ mischt Latin Beat mit Ray-Charles-Attitüde, reich streicherschmalzverziert kommt „Embraceable You“ daher, als amtlicher Bluesrockdixieswing „That Ole Devil Called Love“. Seltsam zirpend interpretiert die sonst so stimmgewaltige Ferguson „Blue Moon“, und spätestens ab hier stimmt die Aussicht, sich durch eine Album mit sage und schreibe siebzehn Stücken arbeiten zu müssen, nicht mehr ganz so fröhlich.

Das ambitionierte Projekt war eine Idee der Plattenfirma, die lediglich noch nach einer passenden Stimme dafür Ausschau hielt. Ferguson, bislang eher in popsouligen Gefilden zu Hause, stimmte nach einigen Tagen Bedenkzeit zu. Das Ergebnis klingt wie der Auftrag an einen Filmkomponisten, doch mal etwa was „Jazziges“ für Disney zu schreiben. So etwa verkommt „I Thought About You“ zur Tanzschulnummer, doch wenigstens zeigt Ferguson hier wieder Stimme. „Summertime“ bewegt sich ganz nahe an der Opernversion, und auch „I’ll Never Smile Again“ bestätigt: Lady Sings The Blues ist kein schlechtes Album. Es ist aber auch nicht sonderlich aufregend, um nicht zu sagen: schlichtweg uninteressant.

Rebecca Ferguson | Lady Sings The Blues 2.1

Seltsamerweise gewinnt Rebecca Ferguson ausgerechnet Real Book-Klassikern wie „Lover Man“ mehr Biss ab als jetzt noch erwartet. „All Of Me“ zeigt sie als das, was es eigentlich ist: ein schrecklich banales Mädchenlied. Auch dem von Holiday selbst geschriebenen „God Bless The Child“ gelingt es, nicht völlig im süßlichen Arrangement zu versinken – ein richtig gutes Lied lässt sich eben nicht kaputt arrangieren, und Ferguson selbst läuft hier zur Hochform auf. Durchaus hörbar auch „What Is This Thing Called Love“ und „Stormy Weather“. Hat man sich einmal an das Theatralische gewöhnt, kommt auch das titelgebende „Lady Sings The Blues“ gut rüber. „Willow Weep For Me“ dagegen hat das Problem, dass ich es kürzlich in der beeindruckenden Ohrwurmversion von Lucia Cadotschs neuem Projekt Speak Low gehört habe, gegen die jeder andere Interpretationsversuch zwangsläufig verliert.

Erst „Don’t Explain“ lässt eine Ahnung davon aufkommen, was ich bislang auf diesem Album vermisst habe: eine eigenständige künstlerische Aussage. Rebecca Ferguson gibt hier erstmals nicht die Broadway-Sängerin, sondern sich ganz dem Liedinhalt hin. Das gilt auch für das abschließende „My Man“, das letzten Endes in einen überbordenden Gospelgottesdienst ausartet. Rebecca Ferguson hat durchaus das Zeug zur Billie-Holiday-Interpretin, doch auf diesem Album ist das Konzept der Plattenfirma, die sogar Aufnahmen in den legendären Capitol Studios in Los Angeles spendierte, übermächtig. Der Hörer kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier um der Abverkäufe willen auf den Centenniums-Zug aufgesprungen wird. Auch wenn durch die Songauswahl Stolpersteine wie „Strange Fruit“ clever vermieden werden, bleibt beim Hörer die Frage nach dem Sinn dieser Hommage. Eine Platte mit Eigenkompositionen, angereichert mit der einen oder anderen Nummer aus dem Holiday’schen Oeuvre, hätte Rebecca Ferguson einen besseren Dienst erwiesen.

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