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Reverend & The Makers / French Kiss …

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Reverend & The Makers / French Kiss In The Chaos

Als ich mich im Frühjahr bei meiner Besprechung von Mongrels Better Than Heavy über die personelle Zusammensetzung dieser musikalischen Promenadenmischung erging, hätte ich nicht geglaubt, dass mir einige der Musiker so schnell wieder über den Weg laufen werden. Genauer gesagt ist die Rede von Jon McClure und Joe Moskow, die offensichtlich mit nur einem Projekt im Jahr nicht ausgelastet und neben ihrer Mongrel-Mitgliedschaft vor allem der harte Kern der 2005 in Sheffield, England gegründeten und seitdem in locker wechselnder Besetzung agierenden Indie-Rock-Band „Reverend and the Makers“ sind. Mit Blick auf eine weitere Handvoll der leidenschaftlich verfolgten, zumeist politisch motivierten Nebenprojekte des nicht umsonst „Reverend“ genannten Weltverbesserers McClure, muss man sich a) wohl eingestehen, es hier mit einem umtriebigen Mitmenschen zu tun zu haben, der offensichtlich keinen Schlaf benötigt und kann sich b) gleich mal so richtig schlecht fühlen, weil man sich selbst mit Haupt- und Nebenjob schon mehr als gefordert vorkommt und einem mehrstündigen Nachtschlaf durchaus eine gewisse Notwendigkeit beimisst. Von den sich im Abwasch türmenden Geschirrbergen mal ganz zu schweigen.

Reverend & The Makers

Kurioserweise hat Sänger und Songwriter John „The Reverend“ McClure das Rampenlicht nie gesucht, seine Hyperaktivität ist eher einer Unbeständigkeit, einer rastlosen Suche geschuldet. Der Songs Mairmaids erzählt davon: „Ich mag Schmetterlinge und Meerjungfrauen und andere Dinge, die ihre Gestalt ändern. Ich kann mich wirklich damit identifizieren, wie es ist, in einer Situation gefangen zu sein, die du nicht willst …“ So wurden die Makers schon mit Veröffentlichung ihres Demos Ten Songs (2006) in eine bestimmte Ecke gedrängt, wo sie seither als eine Art gesäuberte Version der Artic Monkeys, gewissermaßen als Artic-Monkeys-fürs-Radio, ihr Dasein in der öffentlichen Wahrnehmung fristeten. „Das war etwas, was ich nie gewollt habe, und ich fühlte mich kreuzunglücklich damit. Letztendlich wurde aus mir ein Popstar, dabei war ich noch nie der Typ dafür.“ Anstatt also dem Angebot eines Major Labels zu folgen und weiterhin Musik im Artic Monkeys-Stil zu machen, unterzeichnete McClure beim Indie-Label Wall of Sound, versammelte gleichgesinnte Musiker wie seine Freundin, die Sängerin Laura Manuel, seinen Co-Songwriter und Bassisten Ed Cosens oder Gitarristen Joe Moskow, um sich und nahm das Album The State Of Things (2007) auf.

Reverend & The Makers

Dass man den Sänger spätestens seit dessen Erfolg – immerhin erreichte es den fünften Platz in den britischen Albumcharts! – als Schlüsselfigur der Musikszene Sheffields handelte (war er doch nicht zuletzt Mentor des Alex Turner von den ebenfalls ortsansässigen Artic Monkeys und galt mithin als deren im Stillen agierender Ghostwriter), trug nicht gerade zu seiner Ruhmlosigkeit bei.

Reverend & The MakersKein Wunder, dass sich McClure & Co. von diesem Überhype erst einmal erholen mussten, bis sie wieder bereit waren, sich erneut der Öffentlichkeit zu stellen. In der Zwischenzeit hatten so viele Bands den Gesellschaft und Umwelt kommentierenden Stil des ebenso politisch aktiven wie hochcharismatischen Sängers adaptiert, dass er letzten Endes zur bloßen Persiflage verkam. Mit Botschaften jedenfalls war das Publikum erst einmal übersättigt. Wer nun aber dachte, mit dem Reverend und seinen Mannen sei deshalb nicht mehr zu rechnen, der wurde mit schon mit der Vorab-Single des neuen Albums, Silence Is Talking, eines besseren belehrt. Powervoll schwurbelt sich der grollende Bass Cosens’ unter das Tröten-Sample von Low Rider, einem der bekanntesten Songs der Funkband War, der nicht nur im Nicolas-Cage-Streifen Nur noch 60 Sekunden sowie im Cheech und Chong-Klassiker Viel Rauch um Nichts einen großen Auftritt feierte, sondern auch von den Spanglish-Rap-Veteranen Cypress Hill zweitverwertet wurde. Im typisch dichten, aus diversen Klangschichten en masse zusammengesetzten Stil der Makers, mal Sound der psychedelischen 60er, mal orchestrales Epos, mal straighter Gitarren-Electro-Pop mit Arbeiterklassen-Ethos (von Kritikern auch kurz „Madchester Funk“ genannt), setzt Silence Is Talking den Maßstab für den Rest des Albums.

Reverend & The Makers

Und das soll die geweckten Erwartungen dann auch nicht enttäuschen. Politik und Unterhaltung halten sich die Balance, der French Kiss verbindet Inhalte mit Inbrunst, Aussagen mit Ausgelassenheit, Hintersinn mit Hochgefühl und Leitgedanken mit Lebensfreude. So beispielsweise ist Hidden Persuaders eine unaufdringliche, gegen den allgegenwärtigen Konsumterror gerichtete Mid-Tempo-Nummer mit eingängigem Refrain, während Professor Pickles mit seinen Sitar-Klängen – jaja, die omnipräsenten Sechziger, niemand hat gesagt, dass der Reverend unbedingt ein Kind seiner Zeit wäre – an Hair und Hare Krishna erinnert. Wir haben alkoholgeschwängerte Balladen (Long Long Time) und klassische Rock’n’Roll-Nummern (Manifesto/People Shapers) mit antifaschistischer Botschaft neben Songs, deren groovig geslappter Bass vordergründig aufs Tanzbein abzielt (No wood just trees). En passant wird noch dazu die halbe Pop/Rock-Geschichte zitiert, von den recht offensichtlich grüßenden Beatles bis hin zu den vorsichtig um die Ecke lugenden Electric Prunes mit ihren rückwärts laufenden Gitarrensoli. Das ist alles sehr ambitioniert, kann aber ob der mannigfaltigen Verknüpfungen auch anstrengend werden. Teils passiert in einem einzigen Makers-Song mehr als auf einem kompletten Album der Konkurrenz. Umso erstaunlicher ist es, dass Reverend & The Makers am meisten überzeugen, wenn sie, wie eben bei Hidden Persuaders, am wenigsten in die musikalische Trick- und Zitatenkiste greifen. Mehr davon gibt es auf http://iamreverend.com.

Plattenkritik: 2Raumwohnung | Reverend & The Makers | Frau Contra Bass

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