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Nubert

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  1. 1 Big in Europe

Wenn Sie sich jetzt fragen, warum wir auch dieses Jahr wieder über eine HiFi-Ausstellung im „fernen“ Warschau berichten, wäre eine mögliche Antwort darauf, dass es doch immer gut tut, auch mal über den eigenen Tellerrand zu blicken. Noch gewichtiger ist freilich, dass die „Audio Video Show“ in Warschau (https://audioshow.pl/) sich nach der Münchener High End zur zweitgrößten Veranstaltung ihrer Art in Europa entwickelt hat. Nach offiziellen Angaben haben schon im letzten Jahr nicht weniger als 14.400 Besucher den Weg zur Audio Video Show gefunden. Knapp 170 Aussteller stellten in 240 Räumen aus. 2018 soll dies nochmals getoppt werden, allein 174 Aussteller sind gemeldet und auch die Ausstellungsfläche hat sich vergrößert.

Diesmal empfängt Warschau mich mit bewölktem Himmel, was für den geplanten Messebesuch unproblematisch sein sollte. Ein wenig stürmischer gerät allerdings die Taxifahrt zum Nationalstadion, wo für 11 Uhr die Pressekonferenz anberaumt ist. Der Taxifahrer hat offenbar ein offenes Ohr für meine geäußerten Terminnöte und so gelingt ihm die normalerweise 30-minütige Fahrt fast in der halben Zeit.

Das nun fällige Trinkgeld könnte in Anbetracht meiner körperlichen Unversehrtheit genau so gut ein Opfer für den Gott des Straßenverkehrs sein, was ich mir aber nicht anmerken lasse. Und so ist auch noch Zeit für einen Kaffee, bevor es in die recht gut besuchte Konferenz geht. Pjotr Metz, ein in Polen bekannter Musikjournalist, begrüßt alle freundlich und gibt sodann die üblichen Informationen preis. Leider komplett auf Polnisch, sodass ich mir das präsentierte Zahlenmaterial von der Leinwand zusammenreimen muss. Jean Michel Jarre, den viele noch aufgrund seiner epochalen Meisterwerke Oxygene und Equinox kennen, soll ebenfalls die Audio Video Show mit seiner Anwesenheit beehren, ist hier aber zunächst nicht zu entdecken. Später treffe ich ihn während eines Gesprächs mit Organisator Pjotr Metz in einem der Studios im Stadion. Seine inzwischen 70 Lenze sieht man dem agilen Franzosen wahrlich nicht an.

Jean Michel Jarre (links) im Gespräch mit Pjotr Metz

Jean Michel Jarre (links) im Gespräch mit Pjotr Metz

Traditionell findet die Audio Video Show in zwei Hotels statt, dem Radisson Blu Sobieski und dem benachbarten Golden Tulip, sowie dem Nationalstadion auf der anderen Weichselseite. Für die Verbindung dorthin sorgen Shuttlebusse.

Messehotel 1: das Radisson Blu Sobieski

Messehotel 1: das Radisson Blu Sobieski

Messehotel 2: das Golden Tulip

Messehotel 2: das Golden Tulip

Ich beschließe den restlichen Freitag zum Besuch des Radisson zu nutzen, was sich als durchaus sinnvoll herausstellt, denn die Aussteller sind hier auf nicht weniger als sieben Etagen plus Erdgeschoss verteilt. Vom letztjährigen Besuch weiß ich, dass im Radisson viele kleinere Vertriebe und Hersteller, häufig aus dem polnischen Inland, ihre Posten bezogen haben. Und so sehe und höre ich reichlich Röhrenverstärker unterer und mittlerer Preisklassen sowie Lautsprecherkonstruktionen, die sich nicht selten international erfolgreiche Designs zum Vorbild genommen haben. Auch Plattenspieler gibt es reichlich.

Aus der Menge sticht der polnische Hersteller Maron heraus. Maron entwickelt Röhrenamps bis in höchste Preisklassen und dazu auch gleich passende Lautsprecher. Ob diese über ein ungewöhnliches Backloaded-Hornprinzip verfügen oder einen besonderen Bassreflexkanal nutzen, war nicht so genau zu erfahren. Sicher ist aber die Möglichkeit, aus drei verschiedenen Hochtonsystemen, unter anderem auch einem Druckkammertreiber, wählen zu können.

Marons großer Monoblock Delta SE 150

Marons großer Monoblock Delta SE 150, der mit einer GM-100-Senderöhre gut 150 Watt in reinem Class-A liefert, fällt natürlich spontan ins Auge. Ein Paar dieser gewichtigen Verstärker kosten die Kleinigkeit von 275.000 Zloty, was etwa 66.000 Euro entspricht. Da bisher nur ein (!) Exemplar fertiggestellt wurde, hören wir in Mono über die Maron-Speaker, die, so mein Eindruck, dem hohen Anspruch des Amps nicht ganz genügen können. Noch klingt es etwas rustikal in den Mitten, während sich im Hochton auch einige harschere Töne einschleichen, wobei der Bassbereich bereits eine für Röhren erstaunliche Festigkeit und Schwärze an den Tag legt. Zur High End im Mai soll dann auch der zweite Monoblock mit dabei sein. Man darf also gespannt sein.

D/A-Wandler und Verstärker von Lampizator (www.lampizatorpoland.com) sind auch in unseren Landen längst ein Begriff, weniger allerdings die Schallwandler der litauischen Manufaktur 8mmaudiolab (www.8mmaudiolab.com). Die Modelle Piu und Piu mini, als Zweiwege-Standlautsprecher beziehungsweise als Ständer erfordernder Monitor konzipiert, beeindrucken mit bis zu 100 mm dicker Front aus Massivholz, in die ein Waveguide zur präziser gerichteten Schallabstrahlung im Hochtonbereich integriert ist.

Im Raum von Lampizator und 8mmaudiolab

Im Raum von Lampizator und 8mmaudiolab

Gemeinsam mit der Lampizator-Elektronik gelingt es den Pius, ein ungemein natürliches Klangbild in den Raum zu zaubern. Hier sind Mitten und Hochton besonders feinzeichnend, fast delikat. Der aufgrund der Größe der Wandler nicht wirklich als fundamental zu bezeichnende Tiefton reicht in diesem Raum vollkommen aus und weist genau jene elastische Beweglichkeit auf, die für eine besonders realistische Reproduktion erforderlich ist. Ein erstes Highlight also, und nicht das letzte, wie man sehen wird.

Messeauftritt von Auris

Messeauftritt von Auris

Ansprüche an Design und Klang kann die von Auris (http://aurisaudio.rs/en/) aus Serbien präsentierte Anlage gleichermaßen erfüllen. Die betont schlanken, je Paar 9.558 Euro teuren Lautsprechersäulen Poison 8 dürften entsprechend gehobenes Wohnambiente eher veredeln, denn verschandeln, wie häufig von weiblichen Partnern audiophiler Genussmenschen behauptet wird. Auch die Rundungen des natürlich röhrenbestückten Vollverstärkers Fortissimo (10.925 Euro) nehmen sich bewusst der Vorlieben femininer HiFi-Fans an. Feinsinnig und ohne wirkliche Schwächen zu offenbaren, eignet sich die Auris-Kette perfekt zu stundenlangem Musikgenuss.

Oben in der luftigen siebten Etage des Radisson Blu gibt’s auch ein Wiedersehen mit Daniela Manger und Ulla Scheu, die bereits auf anderen HiFi-Messen gemeinsam vorgeführt haben. Stets gelang es ihnen, die Besucher mit ausgezeichneten Klängen zu verwöhnen. Diesmal ist das nicht anders. Ich werde sogar Zeuge, wie ein Musiker aus dem Bereich elektronischer Musik sich nach Abhören seiner neuesten CD über die Scheu-Mangersche Anlage sichtlich bewegt bedankt.

Frau Scheu (links) und Frau Manger präsentierten in Warschau gemeinsam

Frau Scheu (links) und Frau Manger präsentierten in Warschau gemeinsam

Der Mann hat jeden Grund dazu, denn Feinzeichnung, Ortungsschärfe und nicht zuletzt ein wunderbar bündig an den Mangerwandler angepasster Tieftöner zeichnen die gelungene Performance aus. Das ist mit Vinyl nicht anders, denn das Scheu-Laufwerk No.2 kann das hohe Niveau der Kette locker mithalten. Damit steht es in der Tradition dieser HiFi-Show, denn immerhin hatte dieses Laufwerk bereits im letzten Jahr zusammen mit Blumenhofers Gran Gioia und Verstärkern von Cary Audio für mächtigen Eindruck bei mir gesorgt. Der Lautsprecher, welcher hier zum Einsatz kommt, ist allerdings Daniela Mangers neues Spitzenmodell P2. In Deutschland wird die P2, abhängig vom Finish, ab 12.000 Euro zu haben sein. Übrigens vertrauen die Damen auf die bewährte Elektronik von Audia Flight und Lumin.

Was nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass gerade Röhrenverstärker auf der Messe insgesamt recht gut vertreten sind. Wo es an vielen Orten heimelig glimmt, sind natürlich betont glaskolbenfreundliche Lautsprecherkonzepte nicht weit. Cube Audio (www.cubeaudio.eu) aus dem Land der Gastgeber hat sein Model Nenuphar mitgebracht. Die immerhin knapp unter 16.000 Euro teuren Lautsprecher verfügen über Cube Audios „F-10 Neo“, ein zehnzölliges Breitbandchassis, das vollmundig als Breitbänder des 21. Jahrhunderts angekündigt wird.

Cube Audio

Cube Audio

Am Verstärker von Tektron aus Italien und wieder einem Lampizator-DAC wirkte es auf mich, wie, nun ja, ein Breitbandchassis: räumlich, impulsschnell, aber auch ein klein wenig harsch in den Höhen, während das Bassfundament höflich etwas Zurückhaltung walten lässt. Andererseits kann der 92-dB-Lautsprecher eben jene bruchlose Homogenität aufweisen, welche man nicht ganz zu Unrecht dieser frequenzweichenlosen Lautsprechergattung nachsagt. Und auch die wohnraumfreundlichen Abmessungen sollte man keineswegs vergessen.

Wenn „Size“ mal wirklich das ausschlaggebende Kriterium sein sollte, geht es tatsächlich noch kleiner: Falcons LS 3/5a Monitor, die seit 2014 für 3.000 Euro pro Paar erhältliche eins zu eins Kopie des klassischen BBC Monitors LS 3/5a in der legendären 15-Ohm-Ausführung. Jerry Bloomfield, der Falcon (Vertrieb: www.gaudios.eu) einst vom ehemaligen KEF-Entwickler Malcom Jones übernahm und mit diesem das Projekt eines hochgenauen Nachbaus des klassischen Schallwandlers trotz aller Widrigkeiten durchsetzte, gesteht schmunzelnd, dass der kleine Monitor ihn nicht weniger als fünf Lebensjahre gekostet habe. Fügt allerdings hinzu, während er fürs Foto in die Knie geht, dass es sich unbedingt gelohnt habe.

Jerry Bloomfield von Falcon Acoustics

Jerry Bloomfield von Falcon Acoustics

Das bestätige ich gerne, denn Raumabbildung und Stimmwiedergabe sind wirklich vorbildlich. Aus einer anderen Vorführung weiß ich, wie die kleine Falcon reagiert, wenn man sie mit kräftigen Class-A-Monos verbandelt: Dann spielt nämlich die Raumgröße plötzlich keine so große keine Rolle mehr und selbst ein richtig griffiger Bass lässt sich den Zwergen entlocken. Die zudem wirklich liebevoll verarbeiteten Falcon LS3/5a gehören definitiv zu den Schallwandlern, die ich mir gerne irgendwann ins Regal stellen würde.

Ebenfalls ohne großen Fußabdruck, dafür aber immerhin 15 Kilo schwer, kommen die Virtuoso daher, die Jiri Peters von Gravelli Bespoke Audio (https://audio.gravelli.com/) in Prag in Beton gießt. In diesen auch mit Blattgold-Front lieferbaren Aktivmonitoren wurden 100-Watt-Class-D-Module von Hypex eingebaut, die sowohl digitalen Signalen via S/PDIF-Cinch und USB-B, als auch solchen aus der analogen Welt über Cinch-Buchsen Zutritt gewähren.

Gravelli Bespoke Audio

Gravelli Bespoke Audio

Damit bekommt der Käufer für die geforderten 12.000 Euro eine komplette Kette aus Vorverstärker, Poweramp und Lautsprechern, die Synergien nutzen und daher in durchaus höhere klangliche Sphären vorstoßen soll. Tatsächlich klingen sie deutlich größer, insbesondere im Bass, wo neben einem 5-Zoll-Woofer auch ein 7 Zoll großer Passivradiator zum Einsatz kommt. Von 300 Hertz bis 22 Kilohertz übernimmt dann ein Breitbandsystem.

Hypostatic Audio ist bislang gänzlich unterhalb meines Radars unterwegs gewesen. Nicht verwunderlich, denn der Indigenum genannte Lautsprecher des Herstellers wurde erstmals Ende August des Jahres der Öffentlichkeit vorgestellt. Der auffällig schlanke Magnetotstat des Hybridschallwandlers strahlt die Mitten und Höhen in einem horizontalen Winkel von 60 Grad ab. Unterhalb von 500 Hertz kümmert sich ein 11-Zoll-Woofer in einer auffällig geformten Behausung aus einer Art Kunststein (Composite Stone) mit nach hinten abstrahlender Passivmembran um das Klanggeschehen.

Hypostatic Audio

Hypostatic Audio

Das System bringt es auf eine Empfindlichkeit von 89 dB/m und wartet mit einer Impedanz von 4 Ohm auf. Klanglich ist der Schallwandler auf der eher schlanken, präzisen Seite zu verorten. Dabei lässt er eine Vielzahl an Details ans Ohr dringen und öffnet, wenn man im Sweet Spot sitzt, auch einen ungemein tiefen Raum. Irgendwie scheint mir die Elektronik von Roksan aber nur recht oberflächlich am Potenzial des interessant gestylten, immerhin 27.800 Euro teuren Debütanten zu kratzen. Vor meinem geistigen Auge erscheint dann auch prompt eine Kombi aus Dan D’Agostinos Momentum Serie und bringt die Indigenum zum Singen. So etwas kann natürlich nur aus Italien kommen. Denkste! Der Entwickler heißt Jari Ollonberg und ist Finne.

Am Samstag ist der Himmel strahlend blau und ich widme mich dem Nationalstadion und den Räumen im Golden Tulip …

Messebericht: Audio Video Show Warschau 2018

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