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Klang: Meze 99 Classics

Inhaltsverzeichnis

  1. 2 Klang: Meze 99 Classics

Meze 99 Classics seitlich

Stationär am Mytek Brooklyn DAC
Interessanterweise erwecken Kopfhörer mit holzbestückten Treibergehäusen bei vielen Hörern die Erwartungshaltung, dass das Klangbild ein tendenziell weicheres, wärmeres sein müsste. Ob der Meze hier eine Ausnahme macht? Oder diese Annahme bestätigt? Finden wir es heraus.

Noch bevor der Kopfhörer loslegen durfte, versuchte ich mich an den ersten Klangeindruck zu erinnern, als ich den 99 Classics erstmals während einer der letzten Essener CanJams in die Hände bekam. Bereits damals beeindruckte das natürliche und lebendige Klangbild, gerade auch in Anbetracht des für den Meze aufgerufenen Preises. Interessant somit also auch die Frage, wie der Kopfhörer – sowohl zuhause am stationären Kopfhörer-Amp, unterwegs mit einem hochwertigen Digital Audio Player (DAP) oder einfach am Smartphone angeschlossen – in Sachen Handling, Klangperformance und Alltagstauglichkeit auftritt.

Fangen wir mit der ersten, gemütlichen und letztlich mehr als abendfüllend geratenen Hörsession an. Die meisten werden das sicherlich kennen, versunken im Lieblingssessel wird der Konzertsaal per Kopfhörer unmittelbar und direkt ins Bewusstsein projiziert. Dem Meze 99 Classics zur Seite steht der Mytek Brooklyn DAC, der als exzellenter D/A-Wandler MQA-fähig und überdies mit einem sehr leistungs- wie ausdrucksstarken sowie nicht zuletzt fernbedienbaren Kopfhörerverstärker ausgestattet ist. (Und nur der Vollständigkeit halber, weil es so schön ungewöhnlich ist, auch noch mit einen Phonovorverstärker, aber das wäre ein Kapitel für einen eigenständigen Test.)

Potz Blitz – der kann aber laut -, die Lautstärke-Keule traf mich nicht gänzlich unvorbereitet. Das lag aber daran, dass der sich seit dem Vorabend einspielende Beyerdynamic DT 1990 PRO (mit 250 Ohm so ziemlich am anderen Impedanzende zuhause) den Kopfhörer-Amp schlicht mehr forderte. Umso leichteres Spiel also mit dem 99 Classics, der sich mit seiner hohen Empfindlichkeit (103 dB/1mW) und der auf 32 Ohm ausgelegten Impedanz (zur Mobiltauglichkeit kommen wir noch gesondert) um einiges effizienter zeigt.

tom waitsSo legt der Meze bei Tom Waits fulminanter Live-Aufnahme von „Down In The Hole“ aus dem Live Album Fox Theater Atlanta GA, July 5th 2008 wie die Feuerwehr los, wenn er vom Mytek die Sporen zu spüren bekommt. Sein Klangbouquet fächert sich dabei mit einer direkten und vielschichtigen Art auf, von Langeweile keine Spur. Vollmundig, farbenfroh und äußerst dynamisch, um es zunächst mit einfachen Worten zu beschreiben. Doch der Meze vermag auch mit leisen Pegeln sehr homogen und vor allem kohärent zu wirken: Einzelne Instrumente und deren charakteristische Prägung im Klanggeschehen bleiben klar und ausdifferenziert erhalten, von Klangbrei keine Spur.

Aber kein Mensch wird sich einen Kopfhörer in dieser Preisregion kaufen, um ihn im unteren Drittel der Wahrnehmungsgrenze arbeiten zu lassen – also flugs wieder in Pegelregionen zurück, die noch kein gehörschädigendes Level darstellen. Und da war er wieder, der, ich nenne ihn mal: Meze-Effekt.

Hierbei kokettiert der 99 Classics mit seiner leichten Bassbetonung, die ihn zu einer wärmeren, satter wirkenden Klangcharakteristik verhilft. Das muss nicht jedermanns Sache sein, aber, wie gesagt, er übertreibt es hierbei ja auch nicht. Vielmehr berücksichtigt der Meze wohldosiert die Eigenheiten unseres nicht linear agierenden Gehörs. Denn je leiser es wird, desto weniger tieffrequente Schallanteile nehmen wir wahr. Umgekehrt trägt der 99 Classics eben keineswegs übertrieben dick auf, wenn es lauter zugeht.

Meze Kabel

Die Bassläufe zu Beginn des Stücks werden präzise konturiert und mit fülliger Spannkraft nachgezeichnet. Da steckt massiver Groove dahinter, nichts wabbelt oder wirkt schwammig. Bereits hier zeigt sich das stimmige und feine Differenzierungsvermögen des Meze 99 Classics. Wo andere Kopfhörer den Basslauf durch die begleitende, im Pegel anschwellende Instrumentierung gerne überdecken, bleibt er beim Meze fortlaufend wahrnehmbar. Dadurch bekommt das Stück Richtung und Druck und erzeugt so den genau richtigen Drive.

Wunderbar ausdifferenziert und gelassen das turbulente Wechselspiel des einsetzenden Saxophons: Hier gefällt vor allem die präzise Markanz und Körperhaftigkeit, die unser Proband dem Instrument mit auf dem Weg gibt. Auch die Klangfarben von Tom Waits markanter Stimme wirken stets wunderbar präsent, frei, mit der passenden Fülle und Autorität. Lebensgroß projiziert sich dieser, wie nach einer schweren Bronchitis nach Luft japsend, in beinahe greifbare Nahdistanz, dass einem fast schon Angst und Bange wird – wähnt man doch den rauch- und whiskygeschwängerten Odem des Barden am eigenen Hals und Nacken zu spüren. Diese sehr plastisch anmutende Abbildungsqualität zieht sich beim Meze wie ein roter Faden quer durch sämtliche Hörsessions.

Sicherlich spannen andere Kopfhörer – etwa ein Beyerdynamic DT 1770 PRO – an dieser Stelle eine breiter und tiefer umrissene Bühne auf, als es der Meze vermag. Gleichwohl vermittelt dessen direkte Art immer noch genügend Räumlichkeit, die dem Zuhörer zwar nicht das Gefühl suggeriert, Teil des Publikums irgendwo in der Mitte zu sein, aber dafür eben direkt an der ersten Reihe zu stehen. Ja, der 99 Classics ist alles andere als ein nüchtern oder gar steril auftretender Kopfhörer, er transportiert Musik mit hoher Emotionalität, was bei manchen Stücken zwangsläufig zu lauteren Pegeln verleitet, aber selbst dann zeigen sich keine Anzeichen von Aggressivität oder Kompression. Das ist auch deswegen von Bedeutung, weil eher analytisch geprägte Kopfhörer so manche Musikstücke dann schlicht unhörbar werden lassen.

Meze, Sennheiser, beierdynamic

Was nicht heißen soll, dass der Meze einen zurückhaltenden Hochtonbereich liefert. Er löst in den oberen Lagen vielmehr recht fein auf, verkneift sich aber einen Peak und liefert einen klaren, seidig-zarten Oberton, der eher integriert als dominant anmutet. Die Hi-Hats, die man im Hintergrund wahrnimmt, klingen weder beißend noch dünn, sondern fügen sich ohne überpräsent zu wirken wunderbar in das Stück ein. Ganz anders tönt hier beispielsweise der Ultrasone Performance 880, der diese heller timbriert und deutlicher in den Vordergrund stellt, dafür im Mittenband eher kühler und distanzierter wirkt.

Der Meze 99 Classics erstaunt mich umso mehr, je länger ich ihn höre. Trotz seiner ausgeprägten Farbintensität behält er stets eine natürlich wirkende Stimmigkeit bei, ganz gleich bei welchen Pegeln. Er zeigt sich stets temporeich-dynamisch und beweglich, jedes Stück wirkt über den Meze derart fluide und spielerisch leicht, dass man sich unmittelbar involviert fühlt.

Da lohnt ein vergleichender Blick zum Sennheiser Momentum 2, der für den gleichen Preis etwas subtiler zu Werke geht, feinsinniger in der Detailauflösung und mit ausgedehnterer Tiefenstaffelung. Dafür glänzt der Meze mit seiner sonoren Gangart und dem erdigen Schmiss, mithin einer emotionaleren, zupackenderen Spielweise. Und auch bei dem nicht ganz angemessenen Vergleich mit dem ebenfalls in der Einspielphase befindlichen Sennheiser HD 599 zeigt sich ein ähnliches Bild. Die feingliedrige, ja filigrane Transparenz des offenen Sennheiser erreicht der Meze zweifelsfrei nicht, erfreut dafür aber mit opulent farbigem Anstrich im Mittenband und seinem knackig präzisen Bassfundament.

Der Meze 99 Classics mobil am Pioneer XDP-100R DAP

Meze 99 Classics | Ohrmuschel

Bereits in der Besprechung des mobilen Hi-Res-Players XDP-100R von Pioneer erwies sich die Verbindung mit dem Meze als „perfect match“. Wie sich auch im Vergleich zum Smartphone recht eindeutig und rasch offenbart, entlockt der äußerst fein auflösende Pioneer dem gutmütigen Meze viele Feinheiten und lässt ihn laut und kraftvoll aufspielen. Ja, im Verbund mit einem wertigen DAP wie dem Pioneer gibt sich der leicht anzutreibende Meze absolut mobiltauglich. Dabei harmonieren die leicht ins Hellere tendierende Tonalität sowie die Präzision des Japaners Cassandra Wilsonstimmig mit der wie erwähnt erdig-sonoren, langzeittauglichen, aber gleichsam spielfreudig-dynamischen Gangart des 99 Classics.

So zeigt sich bei Cassandra Wilsons „Forty Days And Forty Nights“ aus dem Album Silver Pony (auf Amazon anhören) eine sehr harmonische, vollkommen stressfreie und dennoch druckvolle wie präzise Abbildung des Klanggeschehens. Auch bei den Wiederholungen des Refrains, bei dem die abschließenden S-Laute durchaus zu sägenden Sibilanten heranwachsen können, bleibt alles sauber.

Der Pioneer harmoniert auch, was die maximal erreichbare Lautstärke angeht, bestens mit dem Meze 99 Classics. Hier werden ganz klar Pegelregionen erreicht, die sich mit hochohmigen Hörern nicht realisieren lassen und die von Ärzten empfohlene Lautstärkegrenze die Rücklichter zeigen.

Am Smartphone

Meze 99 Classics | Kopfhörer mit DAP

Abschließend reizt mich die Frage, wie der Kopfhörer mit energischer, basslastiger Musik aus der Elektroabteilung, etwa mit dem Stück „Wildfire“ von SBTRKT vom gleichnamigen Album zurechtkommt, speziell unterwegs, wenn es schnell und unkompliziert gehen muss. Problemlos anzutreiben, erreicht er auch an einem iPhone 6 S Plus sehr laute Pegel und behält seine grundlegende Klangcharakteristik bei, wenngleich mit merklich geringer ausgeprägter Feinzeichnung und Dynamik als über den Pioneer oder den stationären Kopfhörer-Amp, was aber in diesem Fall auf so ziemlich jeden Kopfhörer zutreffen dürfte. Von einer generellen Zurückhaltung in der Gesamttonalität will der Meze rein gar nichts wissen und zeigt sich auch hier, von einem schnöden Smartphone angesteuert, wunderbar lebhaft, statt lustlos und distanziert.

Test: Meze 99 Classics | Kopfhörer

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