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Gov’t Mule – Peace…Like A River

Mit dem neuen Album Peace…Like A River macht Gov’t Mule vor, wie es geht, viele Jüngere alt aussehen zu lassen. Drei Viertel der Band sind mittlerweile um die 60. Aber sie zeigen sich experimentierfreudig, offen und wagemutig wie nie. Damit unterstreicht das Quartett seine absolute Ausnahmestellung im Rockbusiness. Gov’t Mule hat über die Jahre einen sofort erkennbaren eigenen Stil kreiert und diesen mit unermüdlicher (Live-)Arbeit und viel Herzblut entfaltet. Sämtliche Versuche, Gov’t Mule nachzuahmen, blieben erfolglos und untermauerten nur die unangefochtene Position der Band in der Königsklasse des Rock.

Gov't Mule

Gov’t Mule haben Legendenstatus erreicht, weil keine Band Einflüsse aus Southern Rock, Blues, Soul, Funk und Jazz so einfallsreich mit launigen Bühnen-Jams verschmilzt und dabei stets eine faustdicke Heavyness an den Tag legt. Mittlerweile hat das Quartett um Mastermind, Sänger und Gitarrist Warren Haynes eine unfassbare Intensität des Zusammenspiels erreicht. Bassist Jorgen Carlsson, der Jüngste im Bunde, schmiegt sich mit melodischen Parallelen und rhythmischen Kontrapunkten so eng an Haynes‘ Gitarrenlinien, dass man dafür den Begriff ‚kammermusikalischer Rock‘ erfinden müsste. Hört man auf Carlssons Bass auf Peace…Like A River, meint man eine beinahe telepathische Beziehung zum Bandleader zu erspüren. Umso trauriger, dass Carlsson noch vor Platten-Veröffentlichung die Band nach 15 gemeinsamen Jahren verlassen hat.

Gov't Mule

Entstanden ist das Album parallel zum preisgekrönten Vorgänger Heavy Load Blues im benachbarten Studio. Während die in den Abendstunden aufgenommene Blues-Platte mit eigenen Songs und Covern vom Equipment bis zum Sound ganz auf Vintage getrimmt war, kommt das Dutzend von Peace…Like A River (die Deluxe-Version kommt mit vier weiteren Nummern und einer Alternativ-Version), mit detailreichen, ausgetüftelten Arrangements und ungemein vielschichtigen Sounds daher. Hier lohnt es sich, die Kopfhörer aufzuziehen und durch die verschiedenen Klangschichten zu gleiten. Die bei Fantasy Records erschienene Platte klingt schön kernig und lässt im Klangbild trotzdem viel Raum für die ungebremste Spielfreude, die Gov’t Mule auch in den Arrangements zeigt.

Stilistisch schließt das neue Album mit seinem heavy Funk und Soul am ehesten an Shout (2013) an. Der düster-dunstige Dub-Reggae von „The River Only Flows One Way“ mit dem knorzigen Sprechgesang von Billy Bob Thornton hat auch viel mit Dub Side of the Mule oder dem Reggae auf Mighty High gemeinsam. In jeder Hinsicht macht Gov’t Mule hier nun allerdings einen großen Satz voran. Manche Fans werden wohl einige Hördurchläufe brauchen, um damit warm zu werden. Wer sich allerdings in die neuen Songs vertieft, kommt zu dem Schluss: Gov’t Mule hat mit dieser Platte einen brillanten Klassiker geschaffen.

Schon der Einstieg mit „Same As It Ever Was“ zeichnet den Weg vor: Zunächst eine falsche Fährte Richtung folkigen Country legend, wartet der Song im Weiteren mit unzähligen Wendungen, straffen Riffs, schlendernd offenen Harmonien und mehrstimmigem Gesang auf. Und doch ist diese Vielgestaltigkeit schlüssig zu einem Ganzen geformt, gekrönt natürlich von Haynes‘ stupender Gitarrenarbeit. Und selbst straighte Rocker wie „Peace I Need“ stattet Gov’t Mule mit genügend Widerhaken aus, um zum Hinhören anzuregen – ganz zu schweigen vom epischen „Made My Peace“, das immer wieder die Richtung wechselt.

Eine illustre Schar an Gästen gibt sich hier die Klinke in die Hand. Und auch hier zeigt Gov’t Mule, dass es ihnen nur um die Musik geht. Neben der Reisnagelkehle von Billy F. Gibbons (ZZ Top) bekommt auch die aufstrebende Soul-Hoffnung Celisse in „Just Across The River“ ein Podium, daneben die Soul-Ikone Ivan Neville und Ruthie Foster. Sie veredeln ein Album, das von Anfang bis Ende vor Spielfreude, Spritzigkeit und Virtuosität strotzt: Ein Highlight in der Trophäensammlung einer Ausnahmeband.

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Nils Kugelmann – Stormy Beauty

Nils Kugelmann

Da steht jemand in den Startlöchern, der das Zeug für den großen Wurf mitbringt. Der Münchner Nils Kugelmann empfiehlt sich mit Stormy Beauty als vielseitig begabter Komponist, Bandleader und Bassist. Nicht umsonst hat er in jüngster Zeit zahlreiche Preise eingefahren – unter anderen den BMW Young Artist Jazz Award 2022, den Förderpreis des bayerischen Jazzverbands, ein Musikstipendium der Stadt München und mit Stücken seines neuen Albums den Europäischen Burghauser Nachwuchs-Jazzpreis 2023. Lässt man die neun Titel von Stormy Beauty auf sich wirken, wundert das kein bisschen. Denn ganz ähnlich wie das ebenfalls in die ACT-Reihe „young german jazz“ aufgenommene Vincent Meissner Trio unterstreicht Nils Kugelmann mit seinem Trio: Im deutschen Jazz gibt es momentan ambitionierte junge Ensembles, die es wissen wollen – und genug Potential haben, sich in der internationalen Szene zu etablieren.

Nils Kugelmann

Der Bandleader Nils Kugelmann bietet auf Stormy Beauty zusammen mit Luca Zambito (Klavier) und Sebastian Wolfgruber (Drums) eine Kostprobe dessen, was improvisierte Musik so unerhört spannend macht. Denn so prägnant und zugänglich, charaktervoll und melodisch charmant Kugelmanns Themen und Motive schon bei ihrem ersten Auftritt sind – viel aufregender ist, was aus ihnen im spielerischen Prozess der improvisatorischen Umformung wird. Viele der Stücke leben vom Kontrast von stockenden Rhythmen und knackig erfundenen Motiven, die wiederholt und in neue Umgebungen verpflanzt werden. Daraus gewinnt schon der Opener „About the Moment of Beginnung“ seine Energie und steigert sich nach „Symphony for the Rain“ zu den zuckenden Gesten von „Finding Your Place“. Seinen Höhepunkt findet das stimmungsvolle Spiel mit Kontrasten im Titelsong.

Das Trio um Nils Kugelmann hat eine Jazzästhetik, die Elemente aus Pop und Rock lückenlos integriert, in sich aufgenommen. Die Musik von e.s.t., dem Tingvall Trio, Oddgeir Berg Trio und weiteren Formationen hat ihre Spuren hinterlassen. Trotzdem findet Nils Kugelmann mit seinen Mitmusikern einen eigenen Zugang. Statt Melodien ausufern zu lassen oder mit Ostinati vornehmlich auf Groove zu setzen, prägen Kugelmann, Zambito und Wolfgruber einen kleinteiligen Ansatz. Nie wird eine Idee zu lange ausgewalzt, selbst das balladeske „Unexpected Love“ bietet – dem Titel entsprechend – mehrere Richtungswechsel.

Am erstaunlichsten ist vielleicht, dass der Bandleader seinen Mitmusikern so viel Freiräume eröffnet, dass sie ihre Stärken voll ausspielen können. Auch im knackig-trockenen Klangbild bewegen sich die drei auf Augenhöhe. Für einen jungen Wilden in den Startlöchern ist das schon ganz schön reif.

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Robert Jon & the Wreck – Ride Into the Light

Robert Jon & The Wreck

Umtriebig sind sie, die südkalifornischen Souther-Rockern Robert Jon & the Wreck. Nach einer EP und einer deftigen Live-Scheibe im März dieses Jahres legen sie jetzt im Sommer gleich nochmal nach. Allerdings besteht die erste Hälfte der gerade mal gut eine halbe Stunde währenden Neuerscheinung Ride Into the Light aus den vier Titeln der EP. Die Ausbeute an ganz Neuem ist überschaubar.

Robert Jon & the Wreck gehen den seinerzeit eingeschlagenen Weg konsequent weiter. Mit schillernden Produzenten-Größen (Dave Cobb, Don Was, Kevin Shirley) an ihrer Seite, machen sie ihren vormals ungestümen Roots-Rock mainstreamiger und auch ein ganzes Stück geradliniger. Vor allem im Vergleich zur Live-Scheibe fällt auf: Es gibt keine Longtracks mehr. Die Zeit des Austobens ist anscheinend vorüber.

Robert Jon & The Wreck

Ein Schaden? Nicht unbedingt. Schließlich wird man mit bunt schimmernden Arrangements und einer hochprofessionellen Produktion belohnt. Die aufgetürmten Schichten akustischer und elektrischer Gitarren wirken wie ein dickes Geflecht, aus dem in regelmäßigen Abständen die Farbfäden der Slide-Gitarre James Schneekluths hervorleuchten. Und auch Jake Abernathies warme Tastenklänge (wunderbar relaxed im Titelsong) spielen eine tragende Rolle. Solche Klangzutaten heben Robert Jon & the Wreck dann doch über den radiotaugleichen Mainstream hinaus – auch wenn der Ohrenschmeichler „West Coast Eyes“ mit Pomp-Chorus und das ebenfalls ruhige „Who Can You Love“ mit Country-Einschlag schon sehr auf (Massen-)Wirkung getrimmt sind.

Zwingender wirken Robert Jon & the Wreck, wenn sie ihre Wurzeln im Southern Rock offenlegen und mit strammen Riffs aufwarten, etwa im Opener „Pain No More“ oder dem stampfenden Rock von „One of a Kind“, das mit rhythmischen Finessen zu überraschen weiß. Allzu viele solcher Überraschungsmomente hat die Band hier nicht abgeliefert, aber für eine halbe Stunde gute Laune weiß sie zu sorgen. Und am Ende bleiben die Orgelsounds von „Ride Into the Light“ im Ohr. Die Schlussnummer ist Musik gewordene Lässigkeit.

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