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Jonas „Bibi“ Hammond / Jamestown

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Jonas „Bibi“ Hammond / Jamestown

Den aufmerksamen Lesern wird es nicht entgangen sein: Ich hege eine kleine Schwäche für Bassisten, was durchaus auch persönlich-musikbiografische Ursachen hat, die hier aber nix zur Sache tun. Jedenfalls hat nun einer, der Schuld an dieser frühen Prägung ist, endlich sein erstes Soloalbum herausgebracht. Nach langjähriger Arbeit als Musiker und Produzent für andere Künstler wurde das auch Zeit: Die Rede ist von Jonas „Bibi“ Hammond.

Mit Jamestown zieht der 50-Jährige eine Bilanz der letzten 30 Jahre seines Lebens, versucht er hier doch nichts Geringeres, als alle seine musikalischen Einflüsse zu vereinen: Da gibt es den Pop und westafrikanischen Highlife seiner in Ghana verbrachten Kindheit, Soul, Gospel, Reggae und Blues seiner Jugend und natürlich Jazz und World Music, mit denen er ernsthaft in Berührung kam, als er sich entschloss, nach Europa zu gehen und professionell Musik zu machen. Jamestown gerät somit nicht nur zum persönlichen Entwicklungsroman, sondern zugleich zum Streifzug durch die – vorrangig schwarze – Musikgeschichte der letzten Dekaden. Mal ein bisschen Sly Stone, mal eine Nuance Rick James, dann noch etwas Jamiroquai … So eine Platte macht man nicht als junger Künstler. Dazu muss man schon etwas gelebt – und im Idealfalle auch erlebt – haben.

Jonas „Bibi“ Hammond

Los geht es mit dem programmatischen The Way I Am, meinem persönlichen Jamestown-Lieblingslied. Erinnern Sie sich an das Jahr 1999, als Lenny Kravitz mit seinem schlicht 5 betitelten fünften Album und vor allem der Single If You Can’t Say No schockierte? Der bis dahin als „zu spät geborenes Blumenkind“ oder gar „Schmalspur-Hendrix“ Belächelte hatte damals tatsächlich einen dezenten HipHop-Beat und allerlei moderne Elektronika verwendet, es zirpte und fiepte vor sich hin, wo man Retro-Gitarren erwartet hatte. Hammonds The Way I Am kreiert nun klanglich eine ganz ähnliche Atmosphäre, auch hier gibt es – wenngleich das Thema des Songs ein komplett anderes ist als bei Kravitz: die öffentliche Erklärung des persönlichen Status Quo, gewissermaßen – allerhand angenehmes Störgeräusch mit Raumschiffcharakter, einen entspannten, manchmal stolpernden Beat und eine warm blubbernde Basslinie. Und während sich andere plattenmachende Bassisten wie Bootsie Collins oder Marcus Miller Gastvokalisten ins Studio laden, singt Jonas Hammond selbst. Und dann auch noch gut.

Jonas „Bibi“ HammondJamestown wurde fast im Alleingang komponiert, eingespielt und produziert, von wenigen musikalischen Gästen abgesehen. Kein Wunder, dass das Album stellenweise an die One-Man-Veröffentlichungen von Prince denken lässt. Das hat schon etwas von unbedingter Kontrolle. Ohnehin ist Hammond ein Künstler, dem man bedingungslos folgen muss, der absolut ist, ob im persönlichen Gespräch oder in seiner Musik. Halbgares ist so gar nicht seins, und Dinge, mit denen er nicht zu einhundert Prozent zufrieden ist, macht er nicht. Jeder Satz ein Manifest. Das Album sollte Jonascity heißen uns nicht Jamestown. Schon lange habe ich kein so egomanisches Album mehr gehört. Und selten ein so schönes.

Zunächst war ich überrascht, wie die Platte eines Bassisten nur so gitarrenlastig sein kann. Da gibt es beispielsweise den Titeltrack Jamestown, eine entspannte Akustikgitarrennummer, oder One Smile, das an das Alterswerk Curtis Mayfileds erinnert – ebenso wie Can’t Put A Good Man Down, nur dass es dort ganz schön zuckerig fiedelt, das ist dann doch ein bisschen too much! Wenn man sich dann schon gänzlich im Zuckerkoma befindet, rüttelt einen aber das karibisch anmutende Leaving Babylon wieder auf. Needle In A Haystack kommt als klassische Neunzigerjahre-R&B-Nummer à la Johnny Gill, Babyface oder Brian MyKnight mit einem Brenda Russel’schen When He Plays Piano In The Dark-Klavier daher. Auch Quincy Jones’ Secret Garden ist hier nicht weit. Mit neunzehn habe ich so etwas unheimlich gern gehört, und in Form dieses Songs macht es mir auch jetzt wieder Spaß.

Jonas „Bibi“ Hammond

Darüber hinaus verarbeitet Jonas Hammond afrikanische Elemente, wie etwa auf Ga Man Funk, das – völlig unbeabsichtigt – auf Facebook eine politische Diskussion entfache. Einer meiner Lieblingssongs ist die Contemporary R&B-Nummer Wait Too Long, doch werde ich, wie schon bei b-ebenes in der vorletzten Ausgabe von Victoriah’s Music bemängelt, nie begreifen, weshalb Menschen traumhaft schöne Stücke, die definitiv nicht als Duett angelegt sind, unbedingt zum Duett machen müssen. Auch hier stört ein weibliches Stimmchen, das so gar nicht zu der Musik passen will, massiv – und das ist jammerschade, denn der Song hat Schmeichler-Qualitäten, wie man sie sonst nur bei Al B. Sure! und Konsorten findet.

Jonas „Bibi“ HammondEin paar „Pulsaufschneider“ dürfen natürlich auch nicht fehlen, wie etwa das hochgradig indieradiokompatible S.I.S. (Suffering In Silence) und vor allem Blue Blue Blue, ein Song über das klassische Ende einer Liebesgeschichte, wenn man sich wünscht, den anderen nie gekannt zu haben … Das kann einen ganz schön herunter ziehen, fast möchte man sich zum Fenster hinaus stürzen! Wer sich mal wieder so richtig schön in Herzschmerz suhlen will – bitteschön, hier ist der passende Soundtrack dazu. Nicht nur Blues-Liebhaber werden Blue Blue Blue lieben, auf dem sich Hammond obendrein als Sänger mit nahezu Bobby Womack’schen Qualitäten erweist.

Den wirklichen Charme der Platte machen aber nicht zuletzt die positiv-relaxten Liebeslieder aus, wie zum Beispiel The One For Me – eine Liebeserklärung, wie sie sich wohl jede Frau wünscht. Das können sie im Auto hören, beim Fahrradfahren, beim Kochen, unter der Dusche … einfach überall dort, wo alltägliche Momente ein bisschen Sonne gut vertragen könnten.

Plattenkritik: Lilith 2010 | Jonas „Bibi“ Hammond | Leela James

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