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Leela James / My Soul

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Leela James / My Soul

Mit modernen R&B-Sängerinnen ist das so eine Sache. Meistens haben sie große Stimmen, die Produktion ist jedoch seelenlos und glatt. Hochglanz-R&B für Sechzehnjährige ist das. Langweilig und steril. Wohltuende Ausnahmen sind mir lange nicht mehr untergekommen. Linas Stranger on Earth (2001) und Cherokees I Love You … Me (2002) waren die letzten R&B-Platten jenseits der NuSoul-Welle, die mir gefielen.

Dann kam die kleine Schwester von Beyoncé, Solange Knowles, und legte 2008 mit Sol-Angel & The Hadley St. Dreams ein ganz erstaunliches Album vor, das sich am guten alten Sixties-Soul orientiert. Hier in Deutschland, genauer, in Hamburg, gibt es die Nigerianerin Nneka, die mit tollen Platten wie Victim of Truth (2005), No Longer At Ease (2008) und Concrete Jungle (2010) die Fahne der traditionellen Rhythm and Blues-Sängerinnen hochhält, wobei sie eigentlich schon fast als Slam Aktivistin à la Ursula Rucker oder Sarah Jones gelten kann. Und jetzt also – Leela James:

Leela James

Auf dem für funky Sechzigerjahresoul bekannten Traditionslabel Stax hat die Sängerin Ende Mai 2010 ihr drittes Studioalbum My Soul veröffentlicht. Doch schon mit ihrem Debüt A Change Is Gonna Come von 2005 auf Warner begab sie sich in die musikalischen Fußstapfen von legendären Funksoul-Klassikern wie James Brown, Stevie Wonder, Mavis Staples, Roberta Flack, Gladys Knight oder Marvin Gaye, wobei ihr kraftvolles Organ sogleich Vergleiche mit Aretha Franklin laut werden ließ. Unterstützt von Raphael Saadiq, Kanye West und Wyclef Jean, verstand es James, sich die Musik, die sie – Dank der umfangreichen einschlägigen Plattensammlung ihres Vaters – in ihrer Jugend inspiriert hatte, zu eigen zu machen. Ihre Mission war klar: Der heutigen Zeit den alten Soul zurückzubringen – nicht jedoch ohne ihn um eine zeitgenössische Perspektive, die den Wurzeln des Genres dennoch Respekt erweist, zu bereichern.

Mit dem Erscheinen ihrer Platte auf Stax ist für Frau James ein Traum in Erfüllung gegangen – schließlich sei sie eine Soulsängerin und Stax ein Soullabel, verrät die Künstlerin … nun, tatsächlich kann man sich für jemanden, der sich in dem Maße der Bewahrung der Soultradition verschrieben hat wie Leela James, wohl kaum eine passendere musikalische Heimat vorstellen. Immerhin machte die Sängerin schon auf der ersten Single Music ihres Debütalbums klar, was sie von heutigen R&B- und HipHop-Songs hält: nämlich gar nichts. Heutzutage gehe es doch nur noch um die Glorifizierung von Materialismus und Frauenfeindlichkeit, nicht aber mehr um Kunstfertigkeit, Hingabe und Aufrichtigkeit. Wer solle solche Musik denn noch erst nehmen? Leider zu viele – und Leela James ist es darum zu tun, dem jungen Publikum von heute die längst vergessenen Werte, welche von den Musikern vergangener Dekaden vermittelt wurden, zurückzubringen.

Auf My Soul, wo bis auf drei Songs alle aus James’ eigener Feder stammen, hatte sie zudem die volle Kontrolle über den Produktionsprozess und konnte endlich all ihre musikalischen Facetten zeigen. So finden sich diesmal auch dezente HipHop-Anklänge unter den traditionellen R&B-Sounds, wollte die Künstlerin doch beweisen, dass sie mehr ist als eine große Balladensängerin.

Leela James

Das für mich schönste Stück des Albums ist I Want It All, ein psychedelischer Blaxploitation-Track à la Shaft mit gesellschaftskritischem Text, ein bisschen Curtis Mayfield, ein bisschen Sly Stone, dicht gefolgt vom energiegeladene Let It Roll, einem Song wie geschaffen für die letzten Kilometer einer Ausdauersportart, wenn es darum geht, noch einmal einen Extra-Energieschub zu bekommen.

Supa Luva hingegen könnte direkt aus den Neunzigerjahren importiert sein, als auf MTV spätnachts noch MTV Amour mit der unvergleichlichen Camilla Raznovich lief und Schlafzimmerbarden wie Chico de Barge (Iggin’ Me, Superman), Ginuwine (550 What?) oder Keith Sweat (Nobody) ihre Hochphase hatten – ich habe sie alle geliebt!

Leela James / My Soul

Auf der ersten Singleauskopplung des Albums, Tell Me You Love Me, wiederum wähnt man sich Ohr in Ohr mit einem lange verschollenen Soul-Klassiker, und bis heute bin ich mir nicht sicher, ob es tatsächlich keiner ist, nimmt das Stück doch mehr als deutliche Anleihen (allerdings nicht genug, um als Coverversion durchzugehen) bei der 1978er-Manhattans-Ballade Then You Can Tell Me Goodbye … Natürlich darf auf My Soul auch der Genre-typische, aus dem Gospel stammende 6/8-Groove nicht fehlen, zu finden auf The Fact Is oder Mr. Incredible Ms. Unforgettable – Letzteres übrigens ein Duett mit dem Neo-Soulman Raheem DeVaughn. Bei Hören von DeVaughns Single Bulletproof könnte man übrigens meinen, es mit einem wiedergeborenen Marvin Gaye zu tun zu haben. Leider fällt der Rest seines Albums gegen diese herrliche Nummer ab; so war das schon oft mit den Wiedergängern des Trouble Man – man denke nur an Künstler wie Rahsaan Patterson oder Eric Benet, die immer einen Wahnsinnssong auf ihren Alben haben, aber sonst irgendwie alle gleich klingen. Genau wie die austauschbaren R&B-Püppchen unserer Tage.

Für Leela James gilt das mit Sicherheit nicht.

Plattenkritik: Lilith 2010 | Jonas „Bibi“ Hammond | Leela James

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