special-interest?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

man wird ja noch träumen dürfen …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ein stück weltmusik, das nicht wie weltmusik klingt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ein glücksfall, das ganze

 

 

 

 

 

 

 

 

 

so ein bisschen scheiß-egal?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

undurchsichtig und dramatisch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

zeitreisende

 

 

 

 

 

 

 

 

 

partitur statt programming

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

no happyhippo-synthie-poppers, please

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

dunkelmänner

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

klingt wie direkt dem linientreu entfleucht

Diese Ausgabe unserer Musik-Kolumne enthält acht neue Platten von folgenden Künstlern: Ofrin | Marcella Detroit | Paper Aeroplanes | The Ropesh | Charnett Moffett | Yasmine Hamdan | Caro Emerald | British Electric Foundation


Charnett Moffett | The Bridge. Solo Bass Works

Charnett Moffett I The Bridge I Cover

Solobassplatten erreichen in der Regel nur einen sehr überschaubaren, eingeschworenen Kennerkreis. Im Falle von The Bridge wäre das höchst bedauerlich, denn Charnett Moffett zeigt hier, dass auch ein ausgesprochenes Special-Interest-Thema jedermann angehen kann. Dafür hat der Bassist, der schon als Teenager bei Ornette Coleman spielte, bevor ihn Wynton Marsalis engagierte, mit den zwanzig Stücken auf The Brigde die perfekte Formel gefunden: Alte Spirituals wie „Joshua Fought The Battle Of Jericho“ (kombiniert allerdings mit Adeles „Rolling In The Deep“) finden sich hier ebenso wie Jazzklassiker – beispielsweise der Opener „Caravan“, der eine Komposition Duke Ellingtons ist, oder Wynton Marsalis‘ „Black Code“, Charles Mingus‘ „Haitian Fight Song“, Miles Davis‘ „All Blues“, der von Nat King Cole populär gemachte „Nature Boy“ oder ein Medley aus drei Stücken Thelonious Monks –, die gleichberechtigt neben „Eleanor Rigby“ von den Beatles oder „Fragile“ von Sting stehen und, das versteht sich von selbst, durch eine Handvoll Eigenkompositionen Moffetts zusammengehalten, ergänzt, abgerundet werden.

Charnett Moffett 5.1

The Bridge zeigt eindrücklich, dass Musik nicht nur jenseits von Genregrenzen zu berühren weiß, sondern auch ungeachtet ihrer Instrumentierung: Schließlich gelingt den virtuosen Bass-Soli eine mit spröden Charme bezaubernde Verbindung von Melodie, Harmonie und Rhythmus. Nimmt man zum Beispiel „Caravan“, wird schnell klar, dass der Bassist auch solo das Wesen des Stückes fühlbar machen und ergo eine ganze Band ersetzen kann. Am effektvollsten aber ist nicht, was Moffett spielt, sondern das, was er weglässt, wie beispielsweise beim reduzierten „Eleanor Rigby“, das vordergründig nur aus Melodie zu bestehen scheint, bald aber mit dem einen oder anderen Zwischenton aufwartet, der die Lennon/McCartney-Nummer in ungewohntem Licht erscheinen lässt. Am besten aber gefällt mir, wie Moffett auf „All Blues“ unter Zuhilfenahme seines Bogens eine ganz persönliche Entsprechung für den Davis’schen Trompetenton findet. Atmosphärisch dicht schließt sich der Closer „Free Your Mind“, eine Eigenkomposition Moffetts, daran an. Davon hätte ich gern mehr gehört, zum Beispiel auf einem „Charnett Moffett plays Music from and inspired by Miles Davis“-Album. Man wird ja noch träumen dürfen ...

 

Yasmine Hamdan | Ya Nass

Yasmine Hamdan I Ya Nass I Cover

Was kann jemand, der seit seiner Zeit mit dem Duo Soapkills als arabische Indie-Elektro-Ikone gilt und unter dem Projektnamen Y.A.S. eine Platte mit Madonna-Produzent Mirwais aufgenommen hat sowie obendrein durch eine Kollaboration mit den Weird-Folk-Schwestern von CocoRosie für Furore sorgte, eigentlich noch wollen? Zum Beispiel eine Soloplatte aufnehmen, die „mehr dem entspricht, was ich bin“, wie mir Yasmine Hamdan im Interview erklärt. Auf Ya Nass habe sie einen intimeren, akustischeren Ansatz als bisher verfolgt. Dabei konnte die Sängerin auf die tatkräftige Unterstützung von Nouvelle Vague-Produzent Marc Collien bauen, den sie in ihrer Wahlheimat Paris kennenlernte und den sie, nach vielen bereits vor Jahren angefangenen, aber nie abgeschlossenen Studiosessions endlich dafür gewinnen konnte, das Album zu produzieren.

Ein Glücksfall, dass Hamdan und Collien endlich Zeit und Raum für einander hatten, denn herausgekommen ist ein ganz und gar erstaunliches Album, auf dem Yasmin Hamdan ihre Interpretationen halb-verschollener Lieder aus der Epoche der großen arabischen Sängerinnen Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts – man denke nur an Asmahan! – mit ihren eigenen Kompositionen kombiniert. Hätte man mich nicht dazu überredet, hätte ich Ya Nass nie gehört. Dann aber war ich so froh! Auch, wenn das Album auf den ersten Blick – schon allein aufgrund der alten arabischen Dialekte – weitaus traditioneller daherkommt als das von Y.A.S. veröffentlichte Arabology, handelt es sich bei der Platte um ein Stück Weltmusik, das nicht wie Weltmusik klingt. Vielmehr haben Hamdan und Collien ein akustisches Electro-Album geschaffen – aber keines, das man unter „Chill-out“ abtun kann, sondern eines mit Tiefgang. Um den zu spüren, muss man auch die Texte nicht verstehen. Als Barriere sieht die multilinguale Hamdan, die ohne Schwierigkeiten auch auf Französisch oder Englisch singen könnte, die arabische Sprache nicht an. Ihr sei es viel wichtiger, dass man bei ihren Liedern etwas fühle, als dass man deren genaue Bedeutung verstünde. Schließlich wüsste auch bei den Cocteau Twins, die ja immerhin auf Englisch sängen, niemand so genau, was sie meinten, man könne sogar glauben, sie benutzten eine eigene Sprache, und dennoch bewegten ihre Lieder die Menschen!

Yasmine Hamdan 6.1

Doch während Yasmine Hamdan mit ihrer Stimme den Geist der alten arabischen Sängerinnen heraufzubeschwören sucht – nicht zuletzt, um als Teil einer verlorenen Generation ein positives Zeichen (pan-)arabischer Identität zu setzen –, sind ihre Songstrukturen alles andere als traditionell arabisch. Mit Rückgriff auf klassisches Songwriting sind ihr eine extrem zurückhaltende, unglaublich elegante – und damit letztlich sehr französische – Folk-Pop-Songperlen gelungen, von Collin in sanfte elektronische Vibes gehüllt, die vom Sound seiner gigantischen Sammlung an Vintage-Synthesizern wie etwa dem Roland Jupiter 8 oder dem Chroma Polaris dominiert werden. Dabei nimmt er sich weitestgehend zurück und verliert selbst bei der ausgetüfteltsten Soundfrickelei nie Yasmine Hamdans Stimme und Erzählhaltung aus dem Auge. Einen tiefenentspannteren Produzenten kann man sich wohl kaum wünschen – eben ein Glücksfall, das Ganze.

Yasmine Hamdan 6.2

Beim Opener „Deny“ begegnen einem aber erst einmal bluesige Slide-Gitarren, die aus den tiefsten Südstaaten importiert zu sein scheinen, und wenn Hamdans tiefe, kehlige Stimme einsetzt, in der immer so ein bisschen Scheiß-egal mitschwingt, glaubt man endgültig, in eine Cassandra-Wilson-Aufnahme der frühen Neunziger hineingeraten zu sein. Eine Jahrhundertstimme ist das, so speziell wie die von Lana Del Rey oder Gemma Ray. „Samar“ entführt den Hörer nach Bollywood, während „Nediya“ an Tripphoppiges im Stile Martina Topley-Birds erinnert. Deren absolute Eleganz, zu der nicht zuletzt der unbedingte Wille zur Undechiffrierbarkeit à la Cockteau Twins beiträgt, macht auch einen Großteil der Faszination von Ya Nass aus. Obendrein beglückt die Platte den Hörer mit dem ätherischen „Hal“, das Yasmine Hamdan für den neuen Film von Jim Jarmusch geschrieben hat, in welchem sie auch mitspielt. Klänge das alles nicht so unheimlich relaxt, könnte einem die Hamdan ob ihres vielfältigen Talents ganz wie Marcella Detroit einfach nur unheimlich sein.

Caro Emerald | The Shocking Miss Emerald

Caro Emerald I The Shocking Miss Emerald I Cover

Selten, aber dann und wann eben doch, gibt es auch Sachen aus den populären Charts, an denen Victoriah’s Music nicht vorbeikommt. Für unseren aktuellen Flirt mit den Mainstream sorgt diesmal die Niederländerin Caro Emerald. Immerhin war deren Stück „A Night Like This“ 2009 in einer Martini-Reklame zu hören, und das dazugehörige Album Deleted Scenes from the Cutting Room Floor, mit dem sie dem Hollywood-Glamour der Vierziger- und Fünfziger-Jahre huldigte, bescherte der Pop-Jazz-Chanteuse Dreifach-Platin. Diese Zeitreise setzt sich mit The Shocking Miss Emerald fort – allerdings im glamourösen Paris, das dafür sorgt, dass sich die Platte romantischer, lebendiger, sexier, aber auch undurchsichtiger, düsterer und dramatischer als der Vorgänger ausnimmt.

Caro Emerald 7.2

So schwelgt The Shocking Miss Emerald irgendwo zwischen reich orchestrierter Ouvertüre, TangoHop und James-Bond-Soundtrack in eleganten Retro-Klängen, die uns heute nur noch vertraut sind, weil sie von der Electro-Swing-Szene am Leben gehalten werden. Ob nun Summertime-Anleihen auf „Coming Back As A Man“, Salontangorhythmen auf „Tangled Up”, Dixie-Swing auf „Completely“, club-beatiger, streichergetränkter Film-Noir-Soundtrack auf – klar, dass es hier um einen Secret Lover geht – „Black Valentine“ oder die Louis-Armstrong-Parodie „Pack Up The Louie“, die allerdings – wie könnten es bei Ms Emerald auch anders sein! – auf das berühmte Gepäckstück des Luxuskofferherstellers Louie Vuitton Bezug nimmt ... kurz: Alles, wozu sich Swing & Co. tanzen lässt, wird hier in Großbesetzung zelebriert, mit einem aus sage und schreibe zweiundzwanzig Geigen, acht Bratschen, sechs Celli, vier Kontrabässen, Flöte, Horn, Trompete, Posaune, Tuba und Harfe bestehenden Orchester sowie einer vierzehnköpfigen BigBand. Da kommt schon so einiges für eine Wall-of-Swingbeat zusammen! Ganz groß beispielsweise der Schluss-Waltz „The Wonderful In You“, der sich hinter Adele in der Royal Albert Hall nicht verstecken muss.

Caro Emerald 7.3

Ich freue mich ja immer, wenn so etwas in die Charts kommt und vielleicht doch den einen oder anderen Kirmestechnodeppen überzeugt, dass es intelligentes musikalisches Leben neben four-to-the-floor gibt. Alle anderen freuen sich einfach ganz unpädagogisch an den zeitlosen Rhythmen Caro Emeralds – und damit meine ich selbst diejenigen, die sich mit Electro-Swing immer schwer getan haben, da ihnen die Mixtur von alten Swingbeats und neuen Clubsounds nicht behagte. Hier gibt es das Ganze in der organischen Ausgabe getreu dem Motto: Partitur statt Programming.

 

British Electric Foundation | Music of Quality & Distinction Vol. 3 – Dark

British Electric Foundation | Music of Quality & Distinction Vol. 3 – Dark I Cover

Verlassen wir die eleganten Vierziger/Fünfziger, und wenden uns den nicht ganz so stilsicheren Achtziger-Jahren zu. Die haben zumindest den Vorteil, dass ihnen viele von uns ihre musikalische Sozialisation verdanken und sie, klangtechnisch betrachtet, immer ein Stück Heimat sein werden. Für alle, die die Achtziger erlebt, sich aber der Falco’schen Devise getreu nicht mehr daran erinnern können, habe ich eine gute Nachricht: Es gab damals nicht nur die geschmacksverirrten Happyhippo-Synthie-Popper. Als Gegenentwurf für alle, die es gern ein bisschen düsterer angehen lassen, erfreuten auch Dark Wave & Co. die Gehörgänge.

Das Beste aus beidem Welten vereint sich im 1980 gegründeten experimentellen Klangkollektiv British Electric Foundation – einem elektronischen Zirkel von Freimaurern unter der Ägide des Masters of Ceremonies Martyn Ware, seines Zeichens Musik-produzent (Erasure, Marc Almond, Terence Trent D’Arby, Tina Turner), Synth-Pop-Pionier und Mitbegründer solch legendärer Formationen wie Heaven 17, The Human League oder eben der BEF abgekürzten British Electric Foundation, welche ihre offensichtlich im Zehnjahresrhythmus herausgegebene Reihe Music of Quality & Distinction endlich um eine dritte, schlicht Dark betitelte Ausgabe erweitert hat.

British Electric Foundation | Music of Quality & Distinction Vol. 3 – Dark 8.2

Die erste Music of Quality & Distinction erschien 1982, die zweite folgte 1991. Treu geblieben ist man sich mit der dritten Ausgabe insofern, als dass auch hier wieder handverlesenen Künstlern die Möglichkeit gegeben wurde, ihre Lieblingssongs zu covern. Neu ist der düstere Einschlag. Was sich hier versammelt hat, ist nicht angetan, Soundtrack eines Strandpicknicks zu sein. Da deutet Erasure-Sänger Andy Bell mal eben Kate Bush um, versetzt Heaven 17-Frontmann Glenn Gregory den Sinatra-Klassiker „It Was A Very Good Year“ in after-hourige, ambientige Trance, taucht Sandy Shaw den Motown-Hit „Walk in My Shoes“ in Finsternis. Auch, wie es klingt, wenn Kim Wilde „Every Time I See You I Go Wild“ von Stevie Wonder einen kühlen Einschlag verpasst, Boy George „Make up“ von Lou Reed und „I Wanna Be Your Dog“ von Iggy Pop, Polly Scattergood „The Look of Love“ von Dusty Springfield oder Kate Jackson „Picture This” von Blondie interpretiert, was mal mehr, mal weniger gut gelingt, kann man auf Dark mitverfolgen. Dieses Album scheint weder Landes-, noch Generations-, und schon gar keine Genre-Grenzen zu kennen, geben sich hier doch schon mal gestandene britische Popgöttinnen wie Kim Wilde und Jungspunde wie David J. Roch, der gerade an seinem zweiten melodramatischen Akustikpopamericana-Album bastelt, ein Stelldichein, während der Frontmann der Moskauer Rockband Nogu Svelo! zum Tee vorbeischaut. Oder eher auf einen Wodka, denn sein Abba-Cover klingt wie eine wildgewordene Eurovision Song Contest-Nummer.

British Electric Foundation | Music of Quality & Distinction Vol. 3 – Dark 8.3

Eines der Highlights dieses in jeder Hinsicht grenzoffenen Albums kommt sicherlich von Ex-Communards-Sängerin Sarah Jane Morris, die sich schon auf ihrem 1995er-Solo-Album Blue Valentine dem Covern von Künstlern wie Sade, Lenny Kravitz und Tom Waits verschrieben hatte. Hier legt sie kurzerhand John Martyns „Don’t Wanna Know“ um einige Oktaven tiefer – grandios! Dann wäre da noch Glenn Gregorys kongeniale Interpretation der Trinkerballade „Party Fears Two“, wobei der Suff hier nur Symptom wie Selbstmedikation einer diffusen Sehnsucht nach Nähe bei gleichzeitiger Angst vor emotionaler Abhängigkeit ist. David J. Rochs Version von Bill Withers‘ „Same Love“ klingt wie direkt dem Linientreu entfleucht, einer in den Achtzigerjahren populären Berliner New-, Dark- und Electro-Wave-Disco, und auch die ätherische Interpretation Billie Godfreys des Bronski-Beat-Klassikers „Smalltown Boy“ ist überaus gelungen. Natürlich gibt es auch hier so manches Stück, das schon im Original unerträglich ist – etwa „Didn’t I Blow Your Mind This Time“ von den Delfonics – und selbst durch die Neuinterpretation nicht gerettet werden kann. Das ist auf Dark dann aber schon die große Ausnahme.

 

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