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alle stützen sich im moment auf yeats

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

gereifter traum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

wildes und bewegtes

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

einfachheit und komplexität

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

mit witz und charme

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

kommen jetzt ein paar echte cowboys

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

angesagt bärte

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

warum sich mit dem durchschnittlichen zufrieden geben?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

... und dann wah-waht der song noch ein bisschen vor sich hin

Diese Ausgabe unserer Musik-Kolumne enthält acht neue Platten von folgenden Künstlern: Ada | Illute | Maria Taylor | Seide | The Waterboys | Beirut | Megafaun | Krispin


The Waterboys / An Appointment with Mr Yeats

The Waterboys / An Appointment with Mr Yeats

Es muss etwas Atmosphärisches sein: Alle stützen sich im Moment auf Yeats. Nicht nur haben King Oliver’s Revolver den Dichter gerade erst zitiert – auch die schottisch-irischen Folk-Rocker haben sich sein Werk vorgenommen und dem Poeten mit An Appointment with Mr Yeats gleich ein ganzes Album gewidmet. An der Vertonung einzelner Yeats-Gedichte hatten sie sich 1988 auf ihrem Album Fisherman’s Blues sowie 1993 auf Dream Harder bereits versucht – und reihen sich damit in eine höchst heterogene Riege von Musikern ein, von Donovan und Van Morrison über Loreena McKennit und Carla Bruni bis zu den Cranberries und der finnischen Black-Metal Band Circle of Ouroborus. Und nun also gleich ein ganzes Album mit Yeats-Vertonungen.

So ein poetisches Konzeptalbum geht ja gern schief. Schaudernd denke ich da beispielsweise an das deutsche Rilke-Projekt I bis IV zurück. Hier aber ist der seltene und deshalb umso erfreulichere Fall eingetreten, dass es funktioniert. Vierzehn Yeats-Gedichte hat man sich vorgenommen, namhafte und weniger bekannte, ironische, romantische, politische und mystische. Ja, man könnte sagen, es ist den Waterboys darum zu tun gewesen, ein möglichst großes Spektrum des irischen Dichterkönigs zu präsentieren. Dafür erweitert auch die Band um ihren exzentrischen Mastermind Mike Scott gern ihre Stammbesetzung, die auf An Appointment with Mr Yeats durch den irischen Geiger Steve Wickham komplettiert wird, den Scott als „the world's greatest rock fiddle player“ bezeichnet, ferner durch die irische Sängerin Katie Kim, die Multi-Instrumentalistin Kate St. John, die Flook-Flötistin Sarah Allen und den katalanischen Posaunisten Blaise Margail.

Vielleicht hat es hier funktioniert, weil Mike Scott mit An Appointment with Mr Yeats seinen jahrelang gereiften Traum verwirklicht hat. In seinem privaten Songalbum sammelte er über die Jahre die verschiedensten Vertonungsideen, die nur noch auf die passende Gelegenheit warten, endlich umgesetzt zu werden. Dieser lang ersehnte Kontext bot sich nun endlich an und läutet gleichzeitig eine Art spätes Come-Back der längst dem Drogensumpf verfallen geglaubten Waterboys an. „Mit Worten von anderen Leuten zu arbeiten ist etwas, das so natürlich für mich ist, wie mit meinen eigenen Worten zu arbeiten“, sagt Scott über das Projekt. „Auf der einen Seite ist es sogar direkter. Ich habe den Prozess Musik zu schreiben immer als einfacher empfunden als Texte zu schreiben, und Worte mit der Qualität von Yeats in Musik umzuwandeln, ist ein enormes Privileg und besonderes Vergnügen.”

Natürlich steht auch auf ihrem neuen Album die düstere, durch den Konsum von allerlei Substanzen rau und löchrig gewordene Stimme Scotts im Vordergrund, die den lyrischen Vorlagen dennoch erstaunlich behutsam nachspürt und sie klingen lässt, als wären sie eigens für diese Stimme und diese Musik getextet worden. Mit überraschend zarten Arrangements, die man im pathetischen Bombast-Rock dann doch eher selten findet, und einer dank Flöte, Posaune und Englischhorn starken Folk-Betonung lässt Scott Yeats‘ Poesie wirken wie an einem oder für einen verkaterten Morgen danach geschrieben. Als „grandiose Kater-Hymnen“ hat Kollege Christian Preußer sie bezeichnet. Und er hat recht.

Gleich der dritte Song „News For The Delphic Oracle“ ist mit seinem Wechselspiel aus behutsam instrumentierten Teilen und überbordendem Celtrock eines der Highlights des Albums. Aber eigentlich ist es schwer, einen der Songs besonders hervorzuheben. Man hört diesem wilden, bewegten und bewegenden Album an, dass sich Mike Scott sein ganzes Leben lang darauf vorbereitet hat.

Beirut / The Rip Tide

Beirut / The Rip Tide

Wildes und Bewegtes ist man auch vom Band-Projekt Beirut gewohnt. Deren aktuelles Album überrascht jedoch mit ganz neuen Tönen. Wenn Sinnsuche aber eine Form der Poesie ist, dann gehört auch The Rip Tide zwingend in diese Ausgabe von Victoriah’s Music. Immerhin besticht das dritte full-length Release von Beirut nicht etwa durch gewohnt verlässliche Exzentrizität, sondern durch Sehnsucht, Zerrissenheit und Identitätssuche.

Rückblende: 2006 bastelte Szeneliebling und Indie-Wunderkind Zach Condon, nachdem er bereits eine Weile mit LoFi und Doo-Wop experimentiert hatte, mit einundzwanzig Jahren seine ganz persönliche Version von Balkan-Pop, die er in seinem College-Zimmer in Santa Fe, New Mexico mit ein paar befreundeten Musikern aufnahm und als Beirut unter dem Titel Gulag Orkestar herausbrachte. Da er auf diese eklektizistische Weise – hier ein bisschen traditionelle Musik der Sinti und Roma, dort ein bisschen Balkan-Brass, hier ein paar mexikanische Trauermärsche und dort noch etwas Brel und Aznavour – schon Hunderte von Songs eingespielt hatte, dachte er sich nichts weiter dabei. Bis quasi über Nacht der Sturm öffentlicher Begeisterung über den zum Genie stilisierten Condon hereinbrach. Fünf Jahre später ist der Komponist, Bandleader und Multi-Instrumentalist immer noch da.

Nachdem er so viele musikalische Identitäten bis zur Perfektion imitiert hatte, scheint der mittlerweile 26-jährige auf The Rip Tide auf der Suche nach seiner eigenen kreativen Persönlichkeit zu sein. Die äußeren Einflüsse, mit denen er bislang so gekonnt spielte, streift er ebenso ab wie sein Markenzeichen, das Balkanesk-Exzentrische. Natürlich wäre Zach Condon nicht der, der er ist, wenn nicht doch noch ein paar schräge Akkordeon- und Bläserklänge und östlich inspirierte Drumloops Eingang auf The Rip Tide gefunden hätten, beispielsweise auf „Vagabond“. Im Vergleich zu seinen früheren Werken wirken sie aber nur wie ein weit entfernter Widerhall. Nach dem ersten Hören des Albums könnte sich der Beirut-Fan beinahe zu der Behauptung versteigen, dass Condon diesmal ein geradliniges Popalbum produziert hat, das sich in erster Linie durch eine bestechende Einfachheit auszeichnet. Eine Einfachheit allerdings, die erst einmal durch die hohe Schule der Komplexität gehen musste. In der neuen Beirut-Ära ist nichts verloren gegangen, sondern vielmehr in reduzierter Form zusammengewachsen. Gewissermaßen ist The Rip Tide die Essenz jahrelangen Experimentierens, ohne selbst noch einen Hauch Experimentelles aufzuweisen.

Beirut

„East Harlem“ beispielsweise ist ein fast schon beschauliches Stück Musik, die Single-Auskopplung „Goshen“ eine betörend schlichte Pianoballade, die erst in der zweiten Hälfte durch leise Snares einen dezenten Marschcharakter bekommt. „Payne’s Bay“ kommt als Mischung zwischen kammermusikalischem Streichquartett, Barock-Walzer und den das ganze Album wie ein roter Faden durchziehenden Marschrhythmus samt Rührtrommeln und viel Blech daher. Ein bewusst falscher Tubaton beendet das Stück mit viel Witz und Charme. Ohnehin glänzt The Rip Tide durch großen musikalischen Humor und eine neue Leichtigkeit, die allerdings derart durcharrangiert daherkommt, dass auch hier nur noch wenig an die rumpelige Schlafzimmerstudioatmosphäre von früher erinnert. Mit dem getragenen „Peacock“ und „Port Of Call“, das im Refrain einen osteuropäischen Akkordeonschunkelrhythmus entfaltet, der der ukulelenartigen Akustikgitarrenbegleitung der Strophen diametral gegenübersteht, runden das Neun-Track-Album ab.

Und nicht nur musikalisch, auch inhaltlich geht es in der neuen Beirut-Ära um die Suche nach der eigenen Identität, um die Möglichkeit des Wachstums, ohne sich selbst dabei aus den Augen zu verlieren, wie beispielsweise auf „Santa Fe“, das die alte Fragen nach den eigenen Wurzeln und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit thematisiert.

Megafaun / Megafaun

Megafaun / Megafaun

Wem das bislang alles zu zartbesaitet und verkopft war, keine Sorge, für den kommen jetzt ein paar echte Cowboys. Bärtige Singer/Songwriter sind ja gerade schwer angesagt, man denke hier nur an Bonnie „Prince“ Billy, Scott Matthew oder auch Justin Vernon. Letzterer gehört zu den Gründungsmitgliedern von Megafaun, spielt aber seit drei Alben nicht mehr mit und feiert stattdessen mit seinem eigenen Singer/Songwriter-Folk-Projekt Bon Iver Erfolge. Seine Megafaun-Kollegen Joe Westerlund sowie die Brüder Phillip und Bradley Cook haben mit dem melancholisch-depressiven Liedgut Vernons indessen nichts am Hut und machen statt dessen Musik irgendwo zwischen Mid-Tempo-Rock’n’Roll, Freejazz und Delta Blues, rumpelig, erdverbunden und ganz gewiss nicht kopfstimmenjammerig.

Megafaun

Die drei Megafaune spielen das, was gern als „ehrliche Musik“ bezeichnet wird, ob nun sonnenflirrenden Westcoast-Country-Rock, Blues-, Country-, Roots- und vor allem Folk-geprägte Americana oder ob sie gar gelegentliche disharmonische und wild-perkussive Ausbrüche wagen – alles bleibt sehr bodenständig. Was nicht heißt, dass auf Megafaun nicht ab und zu auch elektronische Soundscapes für einen Kontrast zum allzu Handgemachten sorgen. Megafaun spaltet sich von den eigenen Americana-Wurzeln gewissermaßen behutsam in die verschiedensten Richtungen aus, zu denen nicht zuletzt Gastmusiker wie Bellafea-Sängerin Heather McEntire oder Bowerbirds-Geiger Mark Paulson beitragen. Da gibt es mit „Hope You Know“ die große Rock-Piano-Ballade, das zwischen Zirkus und Free Jazz mäandernde „Isadora“, das sich zuletzt als schlichtes, posauenenbegleitetes Volkslied entpuppt, oder den aus Sprachcollagen und Speed-Squaredance-Music zusammengesetzten experimentellen Hidden Track.

Populäre US-amerikanische Musikgeschichte im Schnelldurchlauf, gewissermaßen. Und zu guter Letzt hatte Justin Vernon doch noch seine Finger im Spiel, denn das Album wurde Ende letzten Jahres in seinem „April Base“-Studio in Fall Creek, Wisconsin aufgenommen.

Krispin / Gegen die Uhr

Krispin / Gegen die Uhr

Es gibt im Moment soviel Singer-Songwriter-Musik wie schon lange nicht mehr, noch dazu so viel gute. Weshalb also soll man sich mit dem Durchschnittlichen zufriedengeben? Denke ich oft angesichts so mancher Veröffentlichung, die mir ungefragt ins Haus flattert. Die Berliner Band Krispin gehört definitiv zu den Guten. Als „alternativen deutschen Akustikpop“ bezeichnen die beiden Musiker Roland Krispin (Gesang, Gitarre) und Christoph Thiel (Bas, Gitarre, Gesang) ihre Musik. Dabei haben sie mit Gegen die Uhr ein klassisches Liedermacheralbum herausgebracht, das uns neben einem melancholischen Grundton bislang ungekannte, aber dringend benötigte Wörter wie „Straßenbahnschmerzen“ oder „Fliederduftbüsche“ schenkt.

Ach, aber wie das so mit melancholischen Liedermachern ist: Nach einem an Meike Koesters Seefahrerherz erinnernden Auftakt kann man als Hörer spätestens beim dritten Track „Fröhlichkeit und Wahnsinn“ regelrecht depressiv werden. Ein Album, das sich bestimmt nicht empfiehlt, wenn man ohnehin traurig ist, denn statt zu trösten kann einen Gegen die Uhr, für das die Krispin-Jungs Ex-„Poems for Laila“-Sänger Nikolai Tomás als Produzent gewinnen konnten, richtig runterziehen. Da stehen schon einmal Küchenutensilien trostlos in der Ecke, da fährt der Winterdienst ratlos durch die von bleischwerem Schnee bedeckte Stadt, und dass Papierherzen nicht besonders stabil sind, bedarf wohl auch keiner gesonderten Erwähnung.

Krispin

Leider gibt es auf vielen Liedern von Gegen die Uhr unweigerlich den Moment, wo die Gitarren in die Steckdose gestöpselt werden; und dann wah-waht der Song noch ein bisschen vor sich hin. Dabei müsste das eigentlich gar nicht, denn die Krispin-Lieder sind auch ohne Wah schön. Ganz besonders die, wo Roland Krispins Nichte Julia ganz zauberhafte Background-Vokals flüstert, etwa auf „Nebel“. Der Song schlagzeugbest und schmeichelt sich in die Gehörgänge; aber auch hier bleibt man dem selbst gewählten Depri-Sujet – Abschied und Sehnsucht im Konjunktiv – treu. Nein, optimistisch sind die Lieder von Krispin wirklich nicht. Mit „Schnee“ gibt es eine Nummer in bester Keimzeit-Diktion, was die Musik angeht – thematisch umkreist auch dieser Song Vergänglich- und Endlichkeit. Man muss schon sehr stark sein, um sich nach dem Hören der Platte nicht gleich aus dem nächstbesten Fenster zu stürzen. Am besten hört man sie bei strahlendem Sonnenschein.

Hören indessen muss man sie, weil sie einfach schön ist. Vielleicht sollten wir uns zu Krispin-Hörkreisen zusammenfinden, deren Mitglieder sich gegenseitig Mut zusprechen können. Definitiv enden muss die Listening-Session mit „Kerzen im Kühlschrank“, das einen besänftigt entlässt und bei aller Trost- und Aussichtslosigkeit hier und da einen Hauch Humor aufblitzen lässt. Wobei der bei Krispin eigentlich gar nicht so selten ist – nur eben derart gut zwischen den Zeilen versteckt, dass es manchmal schwerfällt, ihn zu finden. Den Hörer direkt anspringender Witz ist Krispins Sache nicht. Auch die Melodien kicken erst beim zweiten oder dritten Durchlauf, dafür aber umso mehr. Ausnahme: Der Bonustrack „Vergessen“, der im zweiten Teil der Strophe (oder ist das schon der erste Refrainteil? Krispin geben nicht allzu viel auf klassische Song-Strukturen) durch eine wunder- wunderschöne Melodie besticht.

Die auf Mugwort Road Records erschienene Platte bekommen Sie entweder direkt beim Label selbst – oder auf den diversen Seiten der Band, sei es bei Reverbnation oder Myspace.

 

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