Firmenbericht: Hannl Vinyl Care - Schallplattenwaschmaschinen

Legen, waschen, saugen

Hannl Vinyl Care

September 2013 / Martin Mertens

„Was, bitte? Waschmaschinen? Für Schallplatten?“
„Aber bitte nicht schleudern.“
„Kann man die auch bei 95 °C waschen?“
„Ich nehme an, Buntwaschprogramm, weil Schwarz.“

So oder ähnlich lauten die Reaktionen, wenn man jemanden außerhalb der HiFi-Szene mit dem Begriff „Schallplattenwaschmaschine“ konfrontiert. Ja, sogar der Zoll hatte seine liebe Mühe, die rechte Kategorie für Hans Günter Hannls (www.vinylcare.de) Produkte zu finden und sortierte sie deshalb zeitweilig kurzerhand unter „Weiße Ware“ ein. Aber der Reihe nach …

Hannl
Innenleben des Modells Mera. Hier fehlt noch die Steuerelektronik. Vorne links zu sehen ist die Turbine, dahinter der Abscheider für das Waschwasser. Unscharf in der Mitte ist der Lüfter zu erkennen, der für ein trockenes und kühles Betriebsklima in der Maschine sorgt. Rechts zu sehen das Schaltnetzteil und der Tank für frische Reinigungsflüssigkeit

So ganz gradlinig verlief die Firmengeschichte von „Hannl Vinyl Care“ nicht. Eigentlich sah zunächst nichts danach aus, dass im Bergischen Land, genauer in Remscheid, eines Tages Schallplattenwaschmaschinen gebaut werden würden. Eine Kfz-Mechaniker-Lehre und anschließende Meisterprüfung, wie sie Hans Günter Hannl absolvierte, führt jedenfalls nicht unbedingt in diese Richtung. Aber gut, das grundsätzliche technische Verständnis, dass Herr Hannl hierbei erwarb, war der ganzen Geschichte sicherlich auch nicht abträglich. Auch der anschließende Betrieb einer Tankstelle hatte eher wenig mit Schallplatten zu tun. Mit Reinigen – das schon: Ein Waschplatz oder gar eine Waschhalle ist im Umfeld einer Tankstelle schließlich nichts Ungewöhnliches ...

Dass Herr Hannl damit begann, an seiner Tankstelle Produkte der Firma Kärcher zu verkaufen und kurze Zeit später sogar ein eigenes Kärcher-Geschäft eröffnete sowie Reparaturen und Service für die Geräte anbot, führte schließlich zum Thema. Eines Tages – wir schreiben das Jahr 1990 – stand ein Kunde im Laden, der sich erkundigte, ob Hannl ihm Saugturbinen, wie sie in den Kärcher-Geräten zum Einsatz kommen, besorgen könne. Der Kunde war Christian Bierbaumer, dessen Firma Blue Danube Records inzwischen, nach eigener Darstellung, eine der ersten Adressen für Klassik-Schallplatten in Europa ist (in 18 Räumen lagern hier circa 250.000 Platten). Bierbaumer benötigte die Turbinen zum Bau seiner eigenen Schallplattenwaschmaschinen, die in „Feierabendproduktion“ bei ihm in Österreich entstanden und zu einem großen Teil nach Deutschland verkauft wurden. Ein bekanntes Modell aus Österreich war der sogenannte „Atommeiler“ – offiziell, wie alle Geräte von Blue Danube, „Waschbär“ genannt. Hier war die Turbine auf der Zarge unter einer halbkugelförmigen Behausung montiert, die neben dem Plattenteller emporragte.

Waschbär
Urahn der Hannl-Maschinen: ein „Waschbär“ der Firma Blue Danube. Spitzname: Atommeiler

Neben dem ungewöhnlichen Aussehen zeichnete sich die Maschine vor allem durch ihre Geräuschkulisse aus, die sie bei der Arbeit erzeugte. Die eingesetzte Staubsaugerturbine war laut und darüber hinaus eigentlich auch zu stark, sodass der Motor im Dauereinsatz überhitzte. Die nächste Generation der Waschbären wurde dann mit den Turbinen von Kärcher ausgestattet. Da aber auch diese noch zu stark waren, kam eine Motorregelung zum Einsatz. Die Leistung wurde heruntergesetzt, die Saugkraft gedrosselt und der Geräuschpegel gesenkt. Geboren war der „Flüsterbär“ – die erste Hannl-Entwicklung –, der sich, da der Motor nun nicht mehr an seiner oberen Leistungsgrenze arbeitete, auch für den Dauerbetrieb eignete.

Hannl
An diesem Arbeitsplatz werden die Bürstenarme montiert

Und hier verselbstständigte sich dann die Hannl-Geschichte: Da eh viele Waschbären von Blue Danube in Deutschland im Betrieb waren, übernahm Herr Hannl zunächst den Service für die Maschinen. Von da an war der Schritt nicht mehr weit, die Produktion eigener Maschinen aufzunehmen. Irgendwie schien es wenig sinnvoll, die Turbinen aus Deutschland nach Österreich zu exportieren, dort die Maschinen zusammenzubauen und die kompletten Geräte dann wieder nach Deutschland einzuführen.

Und die neuen Maschinen aus Remscheid kamen an. Ohne großes Marketing, per Mund-zu-Mund-Propaganda und auf Schallplattenmessen sprachen sich die Qualitäten der Hannl-Maschinen schnell herum. Sicher profitierte Hannl vom guten Renommee der österreichischen Waschbären. Aber auch für seine eigenen Produkte entwickelte sich eine regelrechte Fan-Gemeinde. Entscheidend für den Erfolg war nicht zuletzt, dass Herr Hannl großen Wert auf eine gute Kundenbetreuung legte – und immer noch legt. Bei einer kleinen Firma, bei der man sofort den Chef selber am Telefon hat, ist das auch kaum anders denkbar. Kein Vergleich zu den Telefonhotlines großer Konzerne, bei denen man zu einem Callcenter in Indien durchgestellt wird, wo lästige Kundenanfragen nach dem Prinzip der „least intelligence“ abgewimmelt werden – wenn sich der Servicemitarbeiter am Telefon nur dumm genug anstellt, verliert der Kunde die Nerven und sucht anderweitig eine Lösung für sein Problem.

Hannl
Frontplattenbeschriftung per CNC-gesteuertem Laser

Herr Hannl entwickelte seine Schallplattenwaschmaschinen stetig weiter. Saugleistung und Tellerdrehzahl der Hannl-Waschmaschinen wurden beispielsweise stark gesenkt. Dank der richtigen Feinabstimmung ist eine Plattenseite nun nach nur einer Umdrehung trocken, was insgesamt nicht nur schneller geht als vorher mit höheren Leistungen, sondern vor allem auch sehr leise ist.

Hannl-Reinigungsmittel
Die Reinigungsmittel werden in großen Industriekanistern geliefert und bei Hannl in handelsübliche Literflaschen abgefüllt

Ein weiterer wichtiger Schritt war die Entwicklung einer geeigneten Reinigungsflüssigkeit. Dafür hat sich Herr Hannl professionelle Unterstützung gesucht. Ein Spezialunternehmen für Reinigungsmittel hat ihm eine optimal auf die Reinigung von Vinyl abgestimmte Flüssigkeit entwickelt.

Im Rahmen dieser Entwicklung wurden die zu reinigenden Rillenstrukturen auch mikroskopisch untersucht. Dabei fiel den Fachleuten etwas auf: Unter dem Mikroskop betrachtet, ragen die einmodulierten Schallschwingungen wie Bergflanken von rechts und links in das „Tal“ der Rille. Dreht sich nun die Schallplatte unter dem Bürstenarm hinweg, wird die Seite der Flanken, gegen die die Bürstenhaare stoßen, sauber gereinigt. Die andere Seite, die quasi im „Windschatten“ der Bürste liegt, aber nicht – hier können sich Verschmutzungen hartnäckig halten. Diese Erkenntnis veranlasste Herrn Hannl gleich zum Handeln. Er stattete seine Schallplattenwaschmaschinen mit einer Drehrichtungsumschaltung aus. So nimmt die Bürste den Schmutz nun, je nach Drehrichtung, abwechselnd von beiden Seiten der Flanken weg. Bei den aufwendigeren Modellen erfolgt der Richtungswechsel automatisch alle paar Umdrehungen, bei den einfacheren Modellen muss von Hand umgeschaltet werden. Dank des Richtungswechsels werden nun beide Flankenseiten optimal gereinigt, so Hannl.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

sieht so
weiße ware aus?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

historisches
von der tanke

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ungewöhnlich, optisch wie akustisch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

mund-zu-mund-propaganda

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

speziell für hannl entwickelt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

der richtige dreh