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XTZ 99.36 MK3 im Hörcheck

Inhaltsverzeichnis

  1. 2 XTZ 99.36 MK3 im Hörcheck

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„You look like a car crash and i can´t look away“ – nicht gerade nett, was die Neogrunge-Rocker Three Days Grace im Song „Car Crash“ (Album: Human, auf Amazon anhören) singen. Da es sich vermutlich um eine Dame handelt, der diese zweifelhafte Feststellung gilt, noch weniger. Allerdings werden die markigen Worte mit kraftstrotzenden Powerchord-Riffs und einem treibenden Drumbeat im besten Genrestil untermalt. Und das ist dann wieder gut, denn: Attacke, Kraft und Power liegen den XTZ-Säulen ganz vorzüglich.

Three Days GraceNachdem ich diverse Klangsettings mit Schaumstoffpfropfen und Steckbrücken durchexerziert hatte, war ich zu dem Ergebnis gelangt, dass die „Deep Bass“-Einstellung (bei neutraler Hochtonwiedergabe „0 dB“) in meinem mit knapp 18 Quadratmetern nicht übermäßig großen, mit „Fast Audio“-Elementen allerdings recht aufwendig bedämpften und asymmetrischen Hörzimmer am besten passt. Insgesamt ergibt sich so eine sehr tief hinabreichende Basswiedergabe, die aber trotzdem „schnell“ und punchy rüberkommt. Die Variante mit komplett offenen „Atemöffnungen“ zu arbeiten, ergibt eher eine Art Kickbass mit toller Attackphase, jedoch recht wenig Tiefgang, was aber auch an meinem Raum liegen kann. Aufgrund der etwa im Vergleich zu meinen Magnat Quantum 905 recht deutlichen Richtwirkung der XTZ-Chassis, habe ich die 99.36 MK3 FLR zudem stark auf meinen Hörplatz eingewinkelt, sozusagen „face to face“ mit den Chassis gesessen. Dann rastet die Abbildung hörbar ein.

Die Frequenzweiche der XTZ 99,36 MK3 FLR

Die Frequenzweiche der XTZ 99.36 MK3 FLR

Aber wir waren zunächst beim Thema Kraft, Power und Grobdynamik – ja, da fühlen sich die Schwedinnen hörbar wohl. Je lauter, desto besser. In der Tat lassen sich die XTZ 99.36 MK3 FLR auch bei sehr hohen Pegeln nicht aus der Fassung bringen, sie pressen nicht, sie schreien nicht, sie zerren nicht – wer will, bekommt es eben „voll auf die Zwölf“. Toll, wie ansatzlos und griffig die oben erwähnten Powerchords in „Car Crash“ förmlich in das Hörzimmer platzen und wie nachdrücklich-gnadenlos E-Bass und Schlagzeug schieben. Das wirkt so unerbittlich wie massiv, als wolle die XTZ ihrem Auditorium sagen: „Ihr wolltet es so. Jetzt kommt Ihr aus der Nummer nicht mehr raus.“ Diese kraftvolle Demonstration nimmt mich gefangen, fesselt mich in meinem Sitz, wobei ich mich keineswegs unangenehm überrumpelt fühle. Nein, der involvierende An- und Auftritt der Säulen facht vielmehr meine Lust an, es noch weiter rocken zu lassen.

The Winery DogsWas ich gern den Männern von The Winery Dogs (Album: Hot Streak, auf Amazon anhören) überlasse, die gleich mit dem Opener „Oblivion“ bestes Achtzigerjahre-Hardrockflair (das Album ist von 2016) mit Poser-Gitarrensoli und allem, was das Genre an Klischees hergibt, bieten. Auch hier: Der kraftvoll stampfende Drum- und E-Bass-Beat bahnt sich einer unaufhaltbaren Dampflok gleich seinen Weg in die Gehörgänge, die tiefen Lagen gründeln irgendwo unter meinen Fußsohlen und sind somit physisch spürbar. Aber: Sie schwimmen nicht auf, erzeugen kein Dröhnen und kein Wummern. Trotz seines Tiefgangs wirkt der Bassbereich unheimlich kontrolliert, sauber und trocken. Da scheint selbst meine „Haus-Benchmark“ Magnat Quantum 905 – es gibt wohl keinen Lautsprecher, auf den ich besser eingehört bin – ein wenig mit ihrem Tieftöner zu schlackern. Angst? Neid? Nun, bislang hat sich die Rheinländerin, die bei ihrem Erscheinen mit 2.000 Euro Paarpreis signifikant oberhalb der Schwedin angesiedelt war, zumindest von kaum einem meiner Testgäste langfristig beeindrucken lassen. Jetzt zeigt der Direktvergleich, dass die Magnat weder so weit hinunter spielt noch dabei so trocken-präzise bleibt wie die XTZ.

Der Tiefmitteltöner besitzt einen Phase-Plug

Der Tiefmitteltöner besitzt einen Phase-Plug

Ein Rückblick auf die von mir vor etwa einem Jahr getestete Saxx coolSound CX-90 – ein stämmiges Standlautsprechermodell zum extrem fairen Paarpreis von knapp 1.200 Euro – macht die Tieftonleistung der Schwedin noch einmal deutlicher. Auch die Saxx vermochte tief in den Frequenzkeller hinabzusteigen. Und auch sie neigte dabei nicht zum Dröhnen. Die fast schon staubtrockene Tieftonstruktur der XTZ, die sich gegenüber der Saxx fast wie ein Relief ausnimmt, konnte sie aber nicht zeitigen. Die Magnat Quantum 905 wiederum gerät bassmäßig zwar erst bei Lautstärken deutlich oberhalb der vielzitierten Zimmerlautstärke an ihre Grenzen, beginnt dann aber etwa bei „Sail“ von Awolnation (Album: Megalithic Symphony) am unteren Frequenzende „aufzuweichen“. Das ist nicht nur einfach ein anderer klanglicher Fingerabdruck. Nein, die XTZ 99.36 MK3 FLR macht schlicht den besseren Bassjob. Punkt.

Steve Hogarth & RanestRane: Friends, RomansNatürlich können die Nordlichter nicht nur Muskelspiele. Auch bei niedrigen Pegeln gelingt es ihnen, einen guten Eindruck ihres kontrolliert-kraftvollen Charakters abzugeben. Im Mittenband, das sich vollkommen fließend an den Bassbereich anschließt, pflegt die XTZ 99.36 MK3 FLR einen etwas anderen Duktus als ihre kompakte Schwester „Master M2“, die in der Firmenhierarchie über ihr angesiedelt ist (Preis: 1.950 Euro) und die ich vor einiger Zeit testete. Das hochglanzschwarz lackierte Kleinod gab sich in den Mitten neutral-ehrlich und unterstrich damit ihren audiophilen Anspruch. War ihre unmittelbare, plastische und kristallklare Stimmwiedergabe auch frappierend gut, neigte sie doch auch dazu, nicht ganz so hochwertig abgemischtes Audiomaterial schonungslos aufzudecken. Die „99er“ zeigt sich hier weniger entlarvend, man könnte es auch „verbindlicher“ nennen, wenngleich gezupfte Gitarrensaiten etwa in „House“ (Steve Hogarth & RanestRane: Friends, Romans) herrlich crisp und klar intoniert werden, Snaredrums trocken knallen und der Gesang des ausnahmsweise auf Solopfaden wandelnden Marillion-Frontmannes Hogarth verfärbungsfrei, plastisch und präsent im Raum steht. Auch die XTZ 99.36 MK3 FLR hat Effekthascherei nicht nötig. Stimmen und Naturinstrumente tönen weder zu warm und schon gar nicht unterkühlt.

Der in den Mitten etwas „gnädigere“ – durch ein vergleichsweise leicht reduziertes Auflösungsvermögen erkaufte – Eindruck gegenüber der XTZ Master M2 manifestiert sich denn auch nicht unbedingt in hervorstechenden Einzelereignissen, es gibt aber Tracks wie das deutlich komprimierte „Dust“ von Tremonti (Album: Dust), die über die Master M2 aufgrund hörbarer Artefakte schlicht weniger genießbar sind, lästig und flach tönen, über die Standbox jedoch durchaus Freude bereiten. Dennoch habe ich nicht das Gefühl, sie wolle mir qualitative Mängel unbedingt vorenthalten. Das ist ein Charakterzug, den sich die Schwedin mit der Magnat Quantum 905 teilt. Auch die „kann“ Mitten, stellt Stimmen wunderbar griffig und natürlich dar, zeichnet den Klangkörper einer Akustikgitarre gleichsam natürlich wie volltönend nach. Eine klitzekleine Tendenz hin zu einer wohligen Samtigkeit, einen Schuss Wärme, kann die Rheinländerin jedoch nicht verleugnen. Ich würde bei ihr keinesfalls von „Sounding“ sprechen wollen – aber doch davon, dass sich die XTZ einen Ticken neutraler gibt.

Dabei wirkt sie mit ihrem taktgenauen Timing ungemein lebendig und feindynamisch, ohne zu überziehen. Dafür wäre, wenn überhaupt, der Bändchenhochtöner zuständig, der jedoch ebenfalls einfach einen guten Job abliefert. So wird die intime Atmosphäre des römischen „Parco della Musica“, in dem Steve Hogarth und seine italienischen Mitstreiter von RanestRane im September 2015 einen musikalisch denkwürdigen Abend gestalteten, mit detaillierten Informationen über die Dimensionen des Saales und stets offen-luftig „atmend“ transportiert. Wie zuvor erwähnt, lässt sich auch die Performance des Hochtöners mittels direktem Eingriff auf die Weiche (nichts anderes leisten die Steckbrücken) entweder forcieren oder aber einbremsen. Beides bringt – so zumindest meine Erfahrung – die sehr gut ausbalancierte Klangwaage der XTZ ein wenig ins Ungleichgewicht. Hebt man die Höhen an, wirken vor allem weibliche Gesangstimmen schon mal überpräsent und fördern vorwitzige Sibillanten, was im Einzelfall unangenehm werden kann. Wird das obere Frequenzende zurückgefahren, verzichtet man dann doch auf einen gewissen Teil an Rauminformation und manches Detail, das zwar nicht gänzlich verschwindet, aber eben auch nicht so fein ausgeleuchtet wird, wie es das Chassis eigentlich könnte.

Für die oberen Lagen ist ein Bändchen zuständig

Für die oberen Lagen ist ein Bändchen zuständig

Die leicht silbrige Brillanz, mit der etwa Blasinstrumente „toupiert“ werden, verleiht dem gesamten Klangbild eine durchaus angenehme Frische, die aber – wohlgemerkt, in 0-dB-Position des Klangregelwerks – nie lästig wird. Dafür hätte es vielleicht nicht unbedingt ein Bändchen gebraucht, immerhin stellt sich die nunmehr zwölf Jahre alte „fmax“-Kalotte meiner Magnat Quantum 905 nicht weniger detailverliebt und rauminformativ an als der technisch aufwendigere Fountek-Treiber der XTZ, aber schaden tut´s auch wieder nicht. Samtige Raffinesse (Magnat) gegen nahezu kristalline Klarheit (XTZ), so würde ich die eher charakterlichen, keinesfalls absoluten qualitativen Unterschiede in der Hochtonwiedergabe beider Lautsprecher einordnen wollen. „Falsch“ machen beide nichts, das Niveau ist sehr hoch.

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An der Raumabbildung der stilvoll gestalteten Lautsprecher gibt es kaum etwas auszusetzen. „Kaum“ bezieht sich darauf, dass man bei der Aufstellung der XTZ 99.36 MK3 FLR dafür Sorge tragen sollte, dass einen ihre Chassis „anschauen“, man die Lautsprecher also durchaus stärker einwinkelt, als man es dem Gefühl nach zunächst tun würde. Gemeinhin lautet das hifidele Credo ja, dass die Schallwandler leicht am Kopf vorbei „zielen“ sollten, um eine nachvollziehbare Basisbreite zu erreichen. Das stimmt bei der XTZ nicht so ganz. Positioniert man sie in der beschriebenen Weise, wirkt die Bühne zu den Seiten hin doch etwas zerfasert und inhomogen, einzelne Musiker spielen eher für sich selbst als mit der Band. Richtet man die Nordlichter frontal auf den Hörplatz aus, rastet die Abbildung ein und die Darstellung passt. Im Sinne von nachvollziehbar realistisch, weder aufgebläht-großzügig noch zu eng gestellt, es wirkt „richtig so“.

Die Ortung einzelner Schallereignisse gelingt gut, einzig die Staffelung des Geschehens in die Tiefe – von der Grundlinie ausgehend – hätte noch etwas Luft. Hier zieht beispielsweise die Magnat Quantum 905 das Geschehen nach hinten weiter auf, was vor allem dann von Vorteil ist, wenn große, klassische Ensembles gespielt werden. Für einen vollständigen „dreidimensionalen“ Höreindruck sollten etwa die großen Pauken noch ein Schrittchen weiter zurücktreten können. Die XTZ rückt – wenn man von einer halbkreisförmigen Aufstellung des Orchesters ausgehen würde – den „hinteren Bogen“ ein Quäntchen zu sehr in den Vordergrund, flacht ihn also ab. Bei Rock- und Popmusik fällt das aber nicht ins Gewicht, selbst bei Livemitschnitten fällt es kaum auf.

Lonely the BraveDas Auflösungsvermögen der XTZ 99.36 MK3 FLR würde ich als gut beschreiben, wenngleich sie auch keine akustische Lupe ist. Als „Stolperstein“ nutze ich gern die musikalisch stark verdichteten Opener-Tracks „Wait in the car“ und „Black Mire“ von Lonely the Brave (Album: Things will matter, auf Amazon anhören). Die britischen Indierocker aus Cambridge spielen hier mit verschiedensten Effekten, unter anderem stark verzerrtem Gesang, was sich über Systeme mit geringerem Auflösungsvermögen häufig in nervendem Klangbrei manifestiert, den man sich nicht über einen längeren Zeitraum anhören möchte. Die schwedischen Säulen lassen sich davon nicht erschüttern, tauchen in die verschachtelten Melodiebögen ein und fächern sie so gut auf, wie es bei einer ohnehin komprimierten Produktion eben geht. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

Keine Frage, dass ihr das umso leichter fällt, je hochwertiger die Ausgangsbasis ist. Im verträumt-mystischen Instrumental „Old Man of the Sea“ von Steve Rothery feat. Steve Hackett & Steven Wilson (Album: The Ghosts of Prypiat) spürt die XTZ viele hörenswerte Details auf und rückt sie liebevoll ins rechte Licht. Wiederum, ohne sie mit der Lupe zu suchen oder den Song zu sezieren. Sie tut das einfach mit großer Selbstverständlichkeit, was ich ohnehin als ein markantes Merkmal dieses Lautsprechers feststelle: Stets vermittelt der Vortrag etwas Souveränes und Entspanntes. Man hört gerne lange zu.

Test: XTZ 99.36 MK3 FLR | Standlautsprecher

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