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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Beats & Balance
  2. 2 Wilson Audio Sabrina V: Hörtest & Vergleiche

Der beste Lautsprecher? Der schallwandelnde Urmeter? Gibt’s nicht. Auch meine fairaudio-Kollegen – und die müssten’s doch wissen – haben sich ganz offensichtlich nicht auf „den“ Lautsprecher geeinigt, ja nicht einmal auf eine einheitliche Marke, werfen Sie gerne einen Blick in die jeweiligen Equipment-Listen. Ich selbst höre und arbeite seit Jahren mit den Wilson SabrinaX, den Vorgängern unserer heutigen Gäste. Bitte ein freundliches Nicken in Richtung der bereits mit den Hufen scharrenden Wilson Sabrina V (36.800 Euro | https://www.audio-reference.de/). Was zeichnet die Sabrina aus? Wo liegen die Unterschiede zwischen Generation X und V? Und ist die neue Generation nicht nur teurer und anders, sondern auch besser? Mag ich auch bekennender Wilson-Fan sein, ich verspreche Ihnen, dass wir diese Fragen im Test objektiv klären.

Die neue Eleganz – das Gehäuse

Zunächst aber zum Äußeren: Dass die Sabrina minimal gewachsen ist, fällt kaum ins Auge – wir reden von nicht mal drei Zentimetern in der Höhe und nur homöopathischem Tiefenzuwachs. Entsprechend zählt die V mit 98,98 × 30,48 × 39,07 Zentimetern (H × B × T) und 55,79 Kilogramm weiterhin zu den kompakt dimensionierten und vergleichsweise leichtgewichtigen Standlautsprechern im Highendbereich. Wilson Audio wollte die Optik eleganter gestalten (unterm Strich wirkt die X tatsächlich etwas rustikaler, was ich persönlich aber irgendwie mag) und zugleich das Innenvolumen im Tieftonbereich leicht vergrößern. Und ja: Die Tieftonausdehnung der Sabrina V zählt zu den hörbaren Veränderungen gegenüber der SabrinaX, wie ich an dieser Stelle bereits ausplaudern darf.

Der Mitteltöner der Wilson Audio Sabrina V

Auch der neue Look um den größeren Mitteltöner herum – ohne Filz links und rechts – trägt zum cleaneren Design der Wilson Audio Sabrina V bei

MDF? HDF? Viel zu profan, heißt es aus Provo (Utah), wo aktuell 53 Mitarbeiter den Bau möglichst weltbester Lautsprecher anstreben. Wilson Audio fertigt seine Gehäuse bekanntlich aus hochdichtem Phenolharz, das mit unterschiedlichem Stützmaterial angereichert wird. Kurz und knapp H, V und X nennt Wilson die verschiedenen Harzvarianten; sie sollen der Schwingungskontrolle dienen und letztlich die räumliche Abbildung verbessern sowie einen niedrigen akustischen Grundrauschpegel gewährleisten. Die Materialien gelangen gezielt an unterschiedlichen Stellen zum Einsatz: Für die Schallwand (das brandneue H-Material) und den Fußbereich (V-Material) verwendet Wilson etwas weichere Mischungen als für den Gehäusekörper und die internen Verstrebungen (X-Material). Laut Wilson soll unter anderem das H-Material den Mitteltonbereich noch „musikalischer“ ertönen lassen.

Zum Weltbesten zählen augenscheinlich schon einmal die Oberflächenqualitäten: Ja, die Lackierungen von Wilson-Lautsprechern sind zu Recht so gut beleumundet – jede besitzt ihre eigene Rezeptur, wie mir Daryl Wilson, CEO und Sohn des 2018 verstorbenen Firmengründers, erläutert: „Premium Pearls beispielsweise haben weitaus mehr Schichten als eine Standardoberfläche und können bis zu mehrere Wochen zum Trocknen benötigen, bevor unsere Handwerker mit der Fertigstellung beginnen. Aus diesem Grund sind die Premium Pearls mit höheren Kosten, mehr Materialeinsatz und mehr Arbeitsaufwand in zwei verschiedenen Abteilungen verbunden. Das visuelle Ergebnis ist jedoch atemberaubend.“

Unsere Testmodelle kommen in der aufpreislosen Variante „Quarz“, die mir zwar nicht den Atem raubt, dennoch ebenfalls extrem wertig wirkt. Allerdings weist sie nur wenig Ähnlichkeit mit den Online-Farbmustern auf – freilich stehen hier der Fachhändler des Vertrauens oder der deutsche Vertrieb Audio Reference mit realen Mustern zur Seite.

Gehäuseverarbeitung der Wilson Audio Sabrina V im Detail

Verarbeitung und Lackqualität der Wilson Audio Sabrina V sind auch im Detail makellos, die Verarbeitung finde ich sogar noch einen Tick akkurater als bei meinen SabrinaX

Versteckte Qualitäten: die Frequenzweiche

Persönlich schätze ich sehr, dass Wilson Audio die Signalwege seiner Lautsprecher – so auch die der Sabrina V – komplett durchverlötet. Heißt: Im Inneren finden sich keine Steckkontakte; lediglich die äußeren Pegelwiderstände, auf die ich später noch eingehe, bilden eine Ausnahme im Signalweg. Damit nicht genug: Auch die Frequenzweiche des mit 87 dB/W/m eher durchschnittlich empfindlichen Gesamtsystems ist Punkt-zu-Punkt verdrahtet und verlötet, also kein Platinenkonstrukt. „Wir verwenden keine Leiterplatten oder Clip-Verbindungen, da beide Ansätze negative Auswirkungen auf die Dynamik haben“, so Daryl Wilson.

Wie ernst man das Thema Frequenzweiche in Provo generell nimmt, zeigt ein weiteres Detail: Welcher Hersteller fertigt schon seine Kondensatoren selbst? Wilson Audio forscht und entwickelt bereits seit 2018 an eigenen Kapazitäten. Die neueste Generation, die AudioCapX-WA-Kondensatoren, findet sich auch in der Sabrina V – inklusive eines neuen Tieftönerkondensators. Doch es geht noch weiter: Die Anschlussterminals der Wilson Sabrina V warten, wie schon jene der Sabrina X, mit hausgemachten Polklemmen auf. Eigene Spulen habe man ebenfalls im Blick, aktuell baue man das Know-how für deren Herstellung auf und sehe bereits vielversprechende Ergebnisse. Lediglich Widerstände will man auch künftig zukaufen; man habe gehörmäßig zahlreiche Typen getestet, um die „musikalischsten“ zu finden.

Die Polklemmen aus eigener Fertigung an den Wilson Audio Sabrina V

Die Polklemmen der Wilson Audio Sabrina V sind „hausgemacht“ und ebenfalls wichtiges Element im detailversessenen Klangkonzept der Amerikaner

„Musikalische Widerstände“ – lass das bloß niemanden lesen. Ja, wir stecken ganz weit drin in Nerdhausen. Und das ist gut so. Wer sich jemals mit dem bisweilen schon verrückt wirkenden akustischen Einfluss von Bauteilen beschäftigt hat, der sich messtechnisch mitunter gar nicht eindeutig erfassen lässt, wird die Vorgehensweise von Wilson sehr zu schätzen wissen. Zumal solche „hidden characteristics“ den Hersteller zwar Geld kosten, seinem vordergründigen Marketing jedoch weniger dienen als irgendwelche shiny Treiberlösungen – auf die Wilson bekanntlich gerade nicht setzt. Auf lange Sicht kommt gerade diese Detailverliebtheit dem Hörer zugute, davon bin ich überzeugt. Der Teufel steckt im Detail, Lautsprecher sind voller Details – und gutes Highend-Audio ist nichts anderes als die Abwesenheit von Fehlern.

Kompromisslos klassisch: die Treiber

Apropos „nicht shiny“ und „Treiber“: Kein Diamant, kein Beryllium – hochtonseitig setzt Wilson Audio auf eine 1-Zoll-Textilkalotte. Aber natürlich nicht auf irgendeine: Der „Convergent Synergy Carbon (CSC)“-Hochtöner wurde ursprünglich für die Alexx V (ab 171.000 Euro) entwickelt. Ich könnte nun ausführen, wofür Wilson diesen Hochtöner alles rühmt – wir hören später lieber selbst. Die angenehme Härte- und Zischelfreiheit der Hochtonwiedergabe der Sabrina V (und auch der SabrinaX, die allerdings mit einem anderen Hochtöner arbeitet) darf ich an dieser Stelle jedoch bereits lobend erwähnen.

Die ausgebauten Hoch-, Mittel- und Tieftöner der Wilson Audio Sabrina V

Drei Treiber, drei Wege – die man ganz klassisch beschreitet. Statt fancy Treibertechnik schwört Wilson Audio auf die Zusammenarbeit mit Scan-Speak

Neu ist auch der größere Papier-Mitteltöner mit 17,78 Zentimetern Durchmesser. Ursprünglich für die Chronosonic XVX entwickelt, kam er auch bei den Alexx V, Alexia V, Sasha V und The WATT/Puppy zum Einsatz. Der Antrieb arbeitet mit einem vergleichsweise teuren Permanentmagneten aus einer Aluminium-Nickel-Cobalt-Legierung (AlNiCo).

Lediglich der 20,32-Zentimeter-Basstreiber der Wilson Sabrina V ist identisch mit dem in meiner SabrinaX. Auch hier setzt Wilson auf eine unspektakulär anmutende Papiermembran. Doch man sollte sich nicht täuschen lassen: In Sachen Timing und „Leichtfüßigkeit“ zählt der Bass der SabrinaX mit zum Besten, was ich kenne. Dank des größeren Innenvolumens und der Optimierung der Frequenzweiche liegt die untere Grenzfrequenz der Sabrina V nun allerdings ein paar Hertz tiefer (27 Hz bei ±3 dB); die Tuningfrequenz des Bassreflexsystems gibt Wilson mit 20 Hz an.

Die Hochtonkalotte auf der Schallwand der Wilson Audio Sabrina V

Nur echt mit Filzzähnchen drumherum: Der „Convergent Synergy Carbon“-Hochtöner

Interessant für den einen oder anderen, der noch nicht so vertraut mit Wilson-Lautsprechern ist: Während Wilson Audio wie gesagt mittlerweile sogar Kondensatoren selbst fertigt, setzt man treiberseitig nach wie vor auf die langjährige Zusammenarbeit mit Scan-Speak. Gemeinsam mit den Dänen entwickelt man Wilson-spezifische Lösungen, die anschließend im Werk in Videbæk produziert werden. „Wir haben eine großartige und produktive Zusammenarbeit mit Scan-Speak“, so Daryl Wilson.

Individuelles Tuning gefällig?

Wem die Ab-Werk-Abstimmung der Wilson Sabrina V in den eigenen Räumlichkeiten nicht als optimal erscheint, der kann mit dem Austausch von Pegelwiderständen, die zugleich als Sicherungen für die Treiber dienen, die Tonalität leicht anpassen. Die Widerstände beeinflussen jeweils den gesamten Frequenzbereich, den der entsprechende Treiber verantwortet. Wird etwa der Hochtönerwiderstand um ein Ohm gesenkt, steigt der Pegel um ungefähr 1 Dezibel über den gesamten Arbeitsbereich des Tweeters.

Das Anschlussterminal mit Aluminiumrahmen an der Wilson Audio Sabrina V

Der Zugang zu den Widerständen auf der Rückseite der Wilson Sabrina V vereinfacht Wartung und Abstimmung. Die Widerstände sind mit Rändelschrauben befestigt, Werkzeug ist beim Austausch nicht erforderlich

Die Pegelwiderstände bietet Wilson Audio optional an – dass man an dieser Stelle nicht mit Wald-und-Wiesen-Widerständen rumdoktorn sollte, versteht sich klanglich wie auch mit Blick auf die Sicherungsfunktion von selbst. Das Novum: Die Sabrina V gestaltet das Experimentieren mit den Pegelwiderständen nun deutlich komfortabler. Statt wie bei der SabrinaX im Fuß versteckt, sind sie nun offen rückseitig montiert, eingefasst von einem sehr wertig anmutenden Aluminiumrahmen. Man sieht’s auf den Bildern.

Wilson Audio Sabrina V: Hörtest & Vergleiche

Normalerweise laufen Testberichte bei mir so ab: Ich höre eine Komponente so lange, bis ich denke, sie wirklich vollständig verstanden zu haben und das Klangprofil vor dem geistigen Ohr „einrastet“. Erst dann geht’s ans Schreiben. Und das am liebsten mit einem gewissen Anspruch an Auf-und-ab, an Dynamik: Was sind die Highlights? Wie äußern sich die Charakteristika, die vielleicht nicht jeder mögen wird? Welche Eigenschaften bleiben eher unauffällig? Als physikalisch unzulänglichstes Element der HiFi-Kette bieten gerade Lautsprecher meist ein vergleichsweise griffiges, „dankbares“ Profil.

Die Wilson Audio Sabrina V im Hörraum

Die Wilson Audio Sabrina V im Hörraum

Nun weiß ich gar nicht, ob ich in fast 20 Jahren fairaudio überhaupt schon einmal einen Lautsprecher zu Gast hatte, der seine Qualitäten so gleichmäßig ausspielt wie die Wilson Audio Sabrina V. Das muss nicht jeder mögen: Viele lieben etwa einen vollmundigen Bass, einen betont relaxten Hochton oder eine sehr frontale Räumlichkeit. Ich hingegen schätze Konsistenz und Homogenität sehr – und bin von der Sabrina V mehr als bloß angefixt. Gleichzeitig stehe ich vor der reizvollen Herausforderung, einen Testbericht verfassen zu müssen, der womöglich ein weniger dynamisches Profil liefert als gewohnt. Nun gut … auf, auf in den Hörparcours.

Feindynamische Geschichten

Legen wir „Akustikgitarre pur“ auf – eine meiner jüngsten Neuentdeckungen auf Bandcamp, die ich umgehend auf die SSD meines Melco N50-S3 bannen musste. „Wer ist G. Weller?“, fragt sich nicht nur die Gitarrenszene. Das Album Pirate Songs of the Lower Islands offenbart nicht nur eine eigentümliche, schwer zu imitierende Spielart der Westerngitarre, sondern erzählt geradezu Geschichten, wenn man sich auf die Musik einlässt. Herrlich das Stück „Hogshead and Holystone“ mit seinem sofort ins Ohr gehenden Hauptthema und den kontrastierenden, rhythmusaufbrechenden, fast schon wie Verspieler wirkenden Einlagen.

"Sabrina V"-Schriftzug am Anschlussterminal der Wilson Audio Sabrina V

Und ja: Das beim ersten Hören vielleicht dahinplätschernd anmutende, tatsächlich jedoch sehr variantenreiche Gitarrenspiel wirkt über die Wilson Audio Sabrina V feindynamisch so markant, so profiliert, so spurtreu, wie man es sich nur wünschen kann. Ob Diskant- oder Basssaiten, klare Impulse oder beiläufige, subtile Schwingungen – die Sabrina V macht keine Unterschiede und bringt das virtuose Auf-und-ab, die feinfühlige energetische Spannung, auf ein extrem hohes akustisches Niveau.

Das jedoch, ohne damit hausieren zu gehen. Denn fast noch wichtiger als eine ungebremste Attack ist die Kunst, Töne nicht bloß „zackig“ erklingen zu lassen, sondern ihren Verlauf fehlerfrei körperhaft zu gestalten – sprich: der Hüllkurve mit akkuratem Sustain das richtige Maß an Substanz zu verleihen. Erst dadurch mutet flirrende Musik wie die von G. Weller nicht nur flink, sondern auch gehaltvoll an. Und eben nicht unangenehm drahtig. (Natürlich spielen hier noch weitere Aspekte hinein, feindynamische jedoch ganz maßgeblich.)

Pirate Songs of the Lower Islands G. WellerÜber die Wilson Sabrina V gereicht, wird Pirate Songs of the Lower Islands zu einem perlenden, organischen Ganzen, das meine im Hochton etwas weicher spielenden Wilson Sabrina X – die ich nach wie vor hervorragend finde – nicht ganz so anmachend darbietet. Aber Moment: Wirken die X dadurch seidiger? Für mein Empfinden nein. Und genau hier zeigt sich eines der besonderen Talente der V in Sachen Ausgewogenheit: Die Sabrina V tönt hörbar zackiger, bewahrt sich dennoch einen exzellenten Fluss. Darauf zahlen die perfekte Balance aus Attack und Sustain sowie die maximal grisselfreie, hohe Reinheit des Hochtons und letztlich des gesamten Klangbilds ein.

Hoch- und Mitteltöner auf der Schallwand der Wilson Audio Sabrina V

Flink und flüssig: Der Hochtöner der Wilson Audio Sabrina V macht geradezu einen mustergültig audiophilen Job

Wer feindynamisch noch stärker elektrisiert werden möchte, muss dann schon zu mit Diamanthochtönern oder Flächenmembranen bewehrten Spezialisten greifen, etwa zur AudiaZ Opera Riva Diamond oder zur Airtech ATS01. Beides faszinierende Lautsprecher, die über alles gehört jedoch mit einem stärkeren Eigengeschmack auftreten.

Pflicht und Kür: die Auflösung

Und klar: Im Grunde schimmert es bereits durch. Wer feindynamisch so souverän abliefert wie die Wilson Sabrina V, wird beim Thema Auflösung nichts anbrennen lassen. Ich fasse mich hier bewusst kürzer und konzentriere mich auf das Besondere. Denn selbstverständlich zählen die V – ebenso wie die erwähnten Airtech, AudiaZ oder auch die Sabrina X – nicht zu jenen Lautsprechern, bei denen man noch staunen müsste, dass auch wirklich alle Kleinigkeiten hörbar werden, dass alles Zählbare, und sei es noch so klein, ans Tageslicht kommt. Das erledigen die Sabrina V mit links, eine bloße Pflicht. Und da sind weder die X schlechter noch die diamantbestückten AudiaZ besser.

Die Kür liegt in der Ausgestaltung: Wird die „Bloom“, diese feine Aura, die sich mehr oder weniger um Töne legt, ohne Wenn und Aber feinfühlig erfasst und damit die Reichhaltigkeit wie Lockerheit des Gebotenen befördert? Lässt sich das Schnarren einer von fetten E-Gitarren-Breitwänden beinahe erdrückten, einsamen Snare so mühelos identifizieren, wie es nur irgend möglich ist? Sind subtile Hallfahnen nicht bloß „da“, sondern so präzise texturiert und umrissen, dass sie die Eingängigkeit und den Realismus der Musikwiedergabe tatsächlich steigern? Und bleibt dabei die Über-alles-Balance aus Komplexität und Fluss gewahrt?

Von mir bekommen die Wilson Sabrina V auf alle diese Fragen jeweils ein unumwundenes „Ja“ – und bei der letzten sogar einen beherzten Applaus mit auf den Weg.

Wilson Audio Sabrina V mit dem Lautsprecherkabel Kimber Carbon 16

Wilson Audio Sabrina V mit dem Lautsprecherkabel Kimber Carbon 16

Kurz zum Vergleich: Die faszinierenden, und deutlich preiswerteren Spendor Classic 1/2, die ich derzeit teste, bieten in Mitten und Höhen eine im Grunde überragende (und für mich überraschende) Transparenz, interpretieren Obertonstrukturen, Glanz und Schimmer jedoch trockener, weniger „duftig-luftig“ aufgefächert. Die Sabrina X erreicht nicht ganz die Luftigkeit der V im Hochton, ebenso wenig deren unmissverständliche Konturiertheit und Definition bei der Darstellung von Mikrodetails – auch wenn die X hier alles andere als schwach aufgestellt ist. Und die so wunderbar feinzerstäubt intonierenden AudiaZ setzen mit einem weiteren Quäntchen ätherischen Hochton-Feenstaubes tatsächlich noch ein wenig zusätzlichen Zauber obendrauf.

Nebenwirkungsfrei: der Hochton

Ja, die Höhen … auch hier empfinde ich die Wilson Sabrina V als absolut tendenzlos. Ebenso markant wie geschmeidig, ebenso ungeschönt ehrlich wie stressfrei. Es gibt nichts Hervorstehendes, aber auch nichts Zurückgenommenes – Letzteres attestierte ich der X ja noch in leichtem Maße. Ergo: Gäbe es auf der Rückseite der V nicht bloß Widerstände zur Klanganpassung, sondern einen magischen Drehregler für einen „Wünsch-dir-was-du-willst“-Hochton, ich würde an der Werkseinstellung aus Utah nichts verändern. Und wenn doch, dann höchstens versuchen, die Höhen ganz, ganz dezent mit etwas von der Ätherik der AudiaZ zu garnieren.

Pegelwiderstände am Terminal der Wilson Audio Sabrina V

Wer an der von Werk aus extrem ausgewogenen Mittenhochton-Wiedergabe der Wilson Sabrina V etwa wegen unzulänglicher Raumakustik etwas ändern möchte, kann das mittels Pegelwiderständen tun

Ungeschönt schön: die Mitten

Die Mittenwiedergabe der Wilson Sabrina V hätte ich eigentlich auch in einem Zug mit den Höhen abhandeln können: Sie fühlt sich tonal so angenehm an – weder zu frisch noch zu warm –, dass ich beim besten Willen ebenfalls nicht auf die Idee käme, mir hier Änderungen zu wünschen. Die V liefern von allen im Test genannten Lautsprechern objektiv die neutralste Performance ab.

Mind Palace Music @ Gleiches gilt für die Klangfarbendarstellung: Gitarren und Stimmen wie etwa von Victoria Rose und Stone Filipczak, dem amerikanischen Hyperfolk-Duo @ (das Album Mind Palace Music habe ich ebenfalls vor Kurzem auf Bandcamp entdeckt), wirken so rein, klangfarblich so schlüssig, dass in meinem Hörraum unweigerlich Livegefühl aufkommt – obwohl die Aufnahmequalität nicht einmal hochgradig audiophil ausfällt. Ja, die V vermittelt sogar einen noch minimal klareren Blick auf die Musik als die ohnehin schon unverstellte X.

Tonalität, Kohärenz, Verzerrungsarmut sowie eine akkurate Obertonwiedergabe, bei der der Hochtöner ein entscheidendes Wörtchen mitzureden hat, sind die Eckpfeiler dieser wunderbar organischen Mittenperformance. Aber klar: Wer mit „organisch“ möglichst üppige, warme Klangfarben und einen schwelgerisch-weichen Schmelz verbindet (die Themen Auflösung und Feindynamik hatten wir oben ja schon), der wird sich womöglich dennoch woanders umhören. Ja, die Mitten der Wilson Sabrina V sind ebenso wie deren Höhen gänzlich frei von künstlichen Härten und Schärfen – aber eben nicht auf „schön“ getrimmt. Im Zweifel würde ich den gesamten Bereich einen kleinen Zeh breit auf der eher knackig-griffigen Seite verorten.

Wunschkonzert im Bass

Der Tieftöner mit Papiermembran der Wilson Audio Sabrina V

Der papiermembranbewehrte Tieftöner der Wilson Sabrina V ist der gleiche wie im Vorgängermodell SabrinaX

Mit Blick auf die Basswiedergabe kommen mir kurz die Airtech in den Sinn, die dort zwar durchaus einen Eigengeschmack, vor allem aber ein tolles Timing aufwiesen. Genau: Timing. Hier ist schon die SabrinaX extrem stark. Ihr Bass reicht für einen Standlautsprecher – zumal zu diesem Preis – zwar nicht sonderlich tief hinunter, hängt aber so unmittelbar am Gas, ohne staubtrocken oder kantig zu wirken, dass ich mich ausgerechnet auch in jene Tonlagen der X verliebte, für die sie wohl nicht zuallererst stehen. Volumen, Druck, Tiefgang bekommt man anderswo deutlich günstiger. Eine bessere Grobdynamik, auf die eben nicht nur Masse, sondern auch Präzision und Agilität einzahlen, aber nicht unbedingt.

Die Wilson Sabrina V setzen in Sachen Tiefgang noch einen drauf: Während die X in meinem 30-qm-Hörraum zusammen mit den eher schlanken Kimber Carbon 16 im Grenzbereich dessen agieren, was ich an Basssubstanz mindestens haben möchte, bieten die V hier noch Puffer – ohne dass die Dröhngefahr auch nur die Bohne steigt. Die V machen mich bei Drum and Bass à la Klute und Photek noch ein wenig glücklicher: Bei hohen Pegeln bekomme ich ein schönes, stärker tiefbasshaltiges Pfund an Ohr und Bauch geschleudert, ohne dass das Gefühl aufkommt, meine Raumakustik würde dabei an irgendwelche Grenzen stoßen. Ganz ehrlich, ganz subjektiv: qualitativ wie quantitativ mein absoluter Wunschbass.

Der Bassreflexauslass der Wilson Audio Sabrina V

Verschraubt und aus Metall: der rückseitige Bassreflexauslass der Wilson Audio Sabrina V. Die Tuningfrequenz liegt bei 20 Hertz

Räumlichkeit mit Nahfeldqualitäten

Laurent Garnier Unreasonable BehaviourRäumlich höre ich wenig Unterschiede zu meinen SabrinaX, die ich hier für ausgesprochen talentiert halte – wenngleich die V durch ihre höhere Präzision Instrumente und Stimmen räumlich noch eindeutiger zu verorten scheinen. Kohärenz und Lokalisationsschärfe sind hoch; da muss man eigentlich schon mit Breitbändern oder sehr kompetenten, kleinen Monitoren im Nahfeld hören, um signifikant weiterzukommen. Die Bühne löst sich dabei schön von den Lautsprechern nach vorn in Richtung Hörer, ohne gleich auf dessen Schoß zu landen. Bei Phasenspielereien wie in „Forgotten Thoughts“ von Laurent Garnier (Album: Unreasonable Behaviour) sind die perkussiven Klicks sogar außerhalb der Basisbreite links an der Seitenwand meines Hörraums zu vernehmen – das kann die X allerdings ebenso gut.

Mit Fokus auf mehrwegige Standlautsprecher sind die V räumlich preisklassenübergreifend sicherlich vorn mit dabei, wenngleich das nicht das Hauptargument dieser Lautsprecher ist. Und da ich in diesem Text ja ohnehin schon Feen und Zauberei bemüht habe: Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, wäre das allenfalls etwas mehr Bühnenhöhe – die größere Lautsprecher wie die AudiaZ oder die Airtech so schön involvierend in meinen Hörraum stellten.

Apropos kleine Monitore im Nahfeld: Ich selbst höre mit 2,4 Metern Abstand zu den Lautsprechern und genieße, ziemlich in der Raummitte sitzend (das Sofa hat fast zwei Meter Luft zur Rückwand), auch mit den SabrinaX und V durchaus Nahfeldqualität. Ich denke, selbst zwei Meter Hörabstand funktionieren mit den Sabrina V (und X) noch gut, was sie zusätzlich auch für kleinere Räume prädestiniert. Je nach Raumakustik mag die optimale Raumgröße ab bereits 20 Quadratmetern losgehen und bei 40 Quadratmetern enden.

Die filzbeschichtete Schallwand der Wilson Audio Sabrina V

Die filzbeschichtete Schallwand der Wilson Audio Sabrina V: Mit „Diffraction Pad“ klänge es einfach besser, sagt Wilson Audio

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Test: Wilson Audio Sabrina V | Standlautsprecher

  1. 1 Beats & Balance
  2. 2 Wilson Audio Sabrina V: Hörtest & Vergleiche

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