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Test: VPI Traveler | Plattenspieler

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  1. 1 Test: VPI Traveler | Plattenspieler

Mai 2013 / Markus Sauer

Auch im Jahre 31 nach der Einführung digitaler Tonträger erfreuen sich die analoge Schallplatte und die zu ihrem Abspielen nötigen Geräte großer Beliebtheit. Erfreulicherweise findet der Fortschritt nicht nur im gehobenen Preissegment statt, es finden sich nach wie vor auch Hersteller, die im noch bezahlbaren Bereich neue Modelle kreieren.

Der Gegenstand dieses Berichts ist deshalb das neue Einstiegsmodell des amerikanischen Herstellers VPI Industries (Vertrieb: www.h-e-a-r.de), das Laufwerk Traveler. Der Traveler, in der Grundversion einschließlich Tonarm für 1.750 Euro zu haben, reiht sich unterhalb des ehemaligen Basismodells VPI Scout ein, das den Kollegen Ralph Werner im Jahr 2009 sehr positiv beeindruckte.

Der neue Traveler ist das erste VPI-Produkt, das maßgeblich von Mathew Weisfeld, Sohn der Firmengründer Harry und Sheila Weisfeld, gestaltet wurde. Mathew stieg Anfang 2012 in das elterliche Unternehmen ein, nachdem seine Mutter verstorben war. Der Traveler ist ihrem Andenken gewidmet: Ein Teil des Erlöses aus dem Verkauf des Modells wird einer Stiftung zur Erforschung des Bauspeicheldrüsenkrebses gespendet.

VPI Industries Traveler

Dass der Traveler von jemandem (mit)entwickelt wurde, der noch nicht zu lange in der mitunter sehr um sich selbst kreisenden Welt der Vinylfanatiker gefangen ist und deshalb noch die Perspektive des Normalsterblichen einnehmen kann, merkt man dem Laufwerk an. Es eignet sich hervorragend für Neu- und Wiedereinsteiger in die Welt der Schallplattenwiedergabe, weil Aufstellung und Montage auch dem absoluten Laien gelingen. Andererseits wird genauso deutlich, dass dahinter eine Firma mit einer Menge Erfahrung im Analogbereich steckt, die genau weiß, was bei Plattenspielern wichtig ist und wo man mal etwas vereinfachen kann.

Der Grundaufbau der Zarge besteht aus der Kombination einer Kunststoffscheibe und einer aufgesetzten Aluplatte, die fest miteinander verbunden sind und sich gegenseitig dämpfen. Nach Angabe des Herstellers soll es sich bei dem Kunststoff um Acryl halten; für mich sah das eher nach einer POM-Variante aus, aber VPI wird schon wissen, was verbaut wird. Die Aluplatte kommt in der Grundversion ganz in Schwarz daher, wird gegen Aufpreis von 140 Euro aber auch in Rot, Weiß, Blau und – wie beim Testmodell – Silber geliefert.

VPI Industries Traveler - Zarge, unten und oben

Links ist der Motor eingebaut, das Netzteil wurde nicht ausgelagert, sondern sitzt unter der Zarge. Dort wird das Laufwerk auch ein- und ausgeschaltet. Die Antriebsscheibe bietet zwei Durchmesser, einen für 33 1/3, den anderen für 45 Umdrehungen pro Minute – durch Umlegen des Riemens wird die Geschwindigkeit eingestellt. Im Teller sind Rillen eingedreht, der Riemen findet automatisch die von der Höhe her passende. Eine Feinjustierung der Geschwindigkeit bietet der Traveler indes nicht, erfreulicherweise stimmte beim Testexemplar das Tempo – kontrolliert mit einer Stroboskopscheibe – jedoch sehr genau.

Hat man die Einzelteile des Laufwerks aus dem Karton genommen, beginnt der Aufbau, der – dank einer vorbildlichen, in deutscher Sprache gehaltenen und mit zeichnerischen Erläuterungen versehenen Bedienungsanleitung – auch für den Laien in einer halben Stunde erledigt sein dürfte. Von der Feinjustage des nicht zum Lieferumfang gehörenden Tonabnehmers einmal abgesehen (mit der kann man ja bekanntlich nahezu beliebig viel Zeit verbringen).

VPI Industries Traveler - kardanischer Tonarm

Beim Traveler-Tonarm handelt es sich nicht um einen der sonst für VPI typischen einpunktgelagerten Arme, sondern um einen „normalen“, kardanisch gelagerten. Dieser arbeitet in horizontaler und vertikaler Richtung mit Stahlstiften, die in Saphirspiegeln laufen. Die Stifte sind durch Federn vorgespannt, gibt VPI an, wodurch jedes Lagerspiel zuverlässig ausgeschlossen sei. Der Tonarm besitzt eine Länge von zehn Zoll. Zehn oder zehneinhalb Zoll sind der Mittelwert zwischen den sonst gebräuchlichen 9- und 12-Zoll-Tonarmen, sie sollen den Spurfehlwinkel minimieren, ohne dass die effektive Masse des Tonarms – die beim Traveler-Arm übrigens knapp über 10 Gramm, also eher auf der leichten Seite von mittelschwer liegen soll – zu groß wird.

Der Arm wird in eine dafür vorgesehene Buchse auf der Zarge eingeführt: Der Armschaft verfügt über ein Gewinde, auf dem eine große Rändelschraube läuft. Die verhindert einerseits, dass der Arm einfach bis zum Anschlag des Kardanlagers in die Buchse eintaucht, bietet andererseits eine recht feinfühlige Höheneinstellung. Ist die richtige Höhe gefunden, wird der Arm noch mit einer Schraube, deren Spitze einen Gummiüberzug aufweist, fixiert.

Tonarmmontabe bein VPI Traveler

Antiskating ist beim Traveler-Arm nicht vorgesehen. VPI verzichtet bei allen hauseigenen Armen auf die Kompensation der Skatingkraft, mit der Begründung, bei fast allen Platten sei das Mittelloch nicht perfekt zentriert, sodass der Arm bei der Abtastung immer ein bisschen hin und her wandere. Das Antiskating behindere diese Bewegung, man könne es bei der Arbeit hören. Ergänzen lässt sich, dass die Skatingkraft gemäß ihrer Definition von der Reibung des Diamanten in der Rille und damit unter anderem auch von der Rillenmodulation abhängig ist, die sich naturgemäß ständig ändert. VPI ist nicht der einzige Hersteller, der auf eine Skatingkompensation verzichtet, aber die meisten Hersteller sehen das anders. Die Bedienungsanleitung bietet das Verdrillen des Kabels vom Arm zur Anschlussbuchse als Ersatz an.

Die Einstellung des Auflagegewichts ist elegant gelöst. Nach dem Aufsetzen des Tonarms auf das Laufwerk wird provisorisch das Tonabnehmersystem montiert. Dann wird das Gegengewicht aufgesetzt und so lange hin und hergeschoben, bis der Arm in der Balance ist. Danach kann man eine am rückwärtigen Ende des Arms angebrachte Schraube so lange drehen, bis das gewünschte Auflagegewicht – eine der klassischen Shure-Waagen ist zur Einstellung beigefügt – erreicht ist. Das funktioniert leicht, nachvollziehbar und narrensicher.

Gegengewicht des VPI-Tonarms
Das Lager: kardanisch statt einpunktgelagert

Ich habe zunächst ein Dynavector 10X5, ein System der 450-Euro-Klasse, montiert. Das passt vom Gewicht und der Nadelnachgiebigkeit her gut zum Traveler. Ein bisschen fummelig ist die Montage von Tonabnehmern ja leider immer. Es ist keinem denkenden Menschen erklärbar, warum Tonabnehmerhersteller sich nicht schon vor Jahrzehnten auf eine Standardgeometrie festlegen konnten, insbesondere auf eine Standardhöhe und einen Standardabstand zwischen den Montagelöchern und der Nadel. Wären diese Parameter genormt, bräuchten Tonarme keine Langlöcher und keine Höhenverstellung, sondern könnten viel einfacher konstruiert und justiert werden. Und warum zum Teufel müssen Tonabnehmer mit vier kleinen, fitzeligen und eigentlich nur mit einer Pinzette oder einer kleinen Zange zu greifenden Steckern angeschlossen werden? Mit ein bisschen Normung könnte man das mit einem einzigen vierpoligen Stecker viel besser lösen, besonders für feinmotorisch eher minderbegabte Menschen wie den Autor dieser Zeilen.

Headshell des Traveler

Der Traveler hat allerdings eine Schablone mit im Gepäck, die die Justage des Systems sehr einfach macht. Das System wird provisorisch in die Headshell des Arms montiert, dann legt man die Schablone auf – die so ausgeschnitten ist, dass sie nur in exakt einer, der richtigen, Position auf das Laufwerk passt – und schiebt das System so lange hin und her, bis der Nadelträger parallel zu den aufgedruckten Strichen liegt. Eine Lupe ist bei der Kontrolle äußerst hilfreich. Außerdem muss die Nadel beim Absenken ein kleines Kreisfeld treffen. Hat man beides geschafft, ist das System geometrisch richtig montiert.

Dynavector Tonabnehmer am VPI

Später kann man dann noch die Tonarmhöhe justieren, um den richtigen Eintauchwinkel der Nadel in die Rille, den sogenannten Stylus Rake Angle (SRA) zu treffen, und weil Geometrie nun mal so funktioniert, darf man die gesamte Einstellprozedur dann gegebenenfalls wiederholen, sollte die Nadel dann nicht mehr das Kreisfeld treffen … Hat man Arm und Tonabnehmer endgültig justiert, kann man den Arm abnehmen und die Headshellschrauben fest anziehen. Danach den Tonarm wieder aufsetzen und die schon erwähnte Schraube am Tonarmschaft fest anziehen. Geschafft! Einen weiteren Parameter, den Fanatiker der Tonarmjustage für wichtig halten, den Azimut, kann man beim Traveler-Arm übrigens nicht einstellen.

Wenn Ihnen diese Beschreibung der Aufstellung des Traveler zu wenig ausführlich und/oder anschaulich war, auf Youtube habe ich ein (allerdings französisches) Video gefunden, das den ganzen Vorgang im Bild nachvollziehbar macht. Und damit zum Klang …

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