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Vincent SV-700 – Klangeindruck

Inhaltsverzeichnis

  1. 2 Vincent SV-700 - Klangeindruck

Ich gebe zu, dass mir ein „Duell“ ganz besonders unter den Nägeln brannte: Das direkte Aufeinandertreffen zwischen meinem Magnat RV-3 und dem Vincent SV-700 versprach schon deshalb spannend zu werden, weil beide Amps auf das gleiche Grundkonzept setzen. Beide sind Hybridverstärker mit Röhren in der Vor- und Transistoren in der Endstufe. Aber nicht nur das: Sowohl Magnat als auch Vincent verschalten die Röhrenstufe nach dem SRPP-Prinzip ohne weitergehende Gegenkopplung und beide verwenden Toshiba-Transistoren für die Endverstärkung.

Im Vincent SV-700 kommen insgesamt 6 Vorstufenröhren zum einsatz
Im Vincent SV-700 werkeln sechs Doppeltrioden

Zu den Unterschieden: Der Rheinländer verzichtet auf die Möglichkeit des Class-A-Betriebs, er läuft ausschließlich in Class AB. Auch haben ihm seine Entwickler keinen D/A-Wandler mitgegeben, wohl aber einen sehr ordentlichen Phono-Pre (MM und MC) und einen Kopfhörerverstärker. Gleichwohl ist er etwas günstiger als der Vincent – dem ich mich jetzt klanglich voll und ganz widmen werde. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass sich die nun folgenden Klangbeschreibungen auf den Betrieb im Class-A-Modus beziehen. Auf Class AB gehe ich im Laufe des Tests gesondert ein.

Die Kühlrippen sind nicht nur zur Zierde da - gerade im Class-A-Betrieb entwickelt der Vincent einiges an Abwärme
Die Kühlrippen sind nicht nur zur Zierde da – gerade im Class-A-Betrieb entwickelt der Vincent einiges an Abwärme

Zur Einstimmung in den Hörparcours habe ich mir Finks „Pretty Little Things“ in einer besonderen Version herausgesucht. Live eingespielt in der niederländischen Radioshow „2 Meter Sessies“, die es seit 1987 gibt und die deshalb so heißt, weil die Hauptmikrofonierung in etwa zwei Meter Abstand zu den jeweils agierenden Künstlern aufgestellt wird, was eine ganz besondere Studioatmosphäre erzeugt (auf Youtube ansehen). Sehr intim, sehr präsent, sehr dicht. Fink schlägt seine Akustikgitarre, ein anderes Instrument ist während dieser Aufnahme nicht zugegen, in „Pretty Little Things“ sehr hart an und nutzt sie gleichzeitig als Rhythmussektion, indem er einen Takt auf der Decke klopft.

Der Vincent überträgt diese Aufnahme so unmittelbar dreidimensional und greifbar in meinen Hörraum, dass ich mich praktisch als Gast in jenem niederländischen Hörfunkstudio wähne. Der Gesang steht sehr präsent und organisch-lebendig vor meinem Hörsessel, wenngleich Finks Stimme mit einem durchaus angenehmen, leicht angewärmten Timbre versehen ist, das ihr in natura eigentlich abgeht. Wird das gleiche Stück über den Magnat RV-3 wiedergegeben, kommt der Gesang tonal nüchterner ‚rüber, das „samtige Deckchen“ fehlt, wenngleich auch der Rheinländer nicht als Neutralitätsfetischist durchgeht. Hier deutet sich ein Charakter an, der sich im weiteren Verlauf verfestigt.

Der Vincent SV-700 ist auch in Silber zu haben
Der Vincent SV-700 ist auch in Silber zu haben

So klingt etwa das Bassthema in Piers Facchinis „Sharpening Bone“ (Album: Tearing Sky, auf Amazon anhören) über den Vincent sehr tiefgründig und voll, das einsetzende Schlagzeug tönt eindringlich und recht mächtig. Über den Magnat ist es dagegen etwas schlanker und strukturierter. Dennoch verschiebt der SV-700 die „innere tonale Balance“ des Titels nicht. „Sharpening Bone“ gehört zu den etwas „forscheren“ Songs dieses Albums, das insgesamt durch seine intime Präsenz besticht. Beim Durchhören des Albums Piers Facchinis bekomme ich den Eindruck vermittelt, Faccini habe alle seine Titel überwiegend „aus der Mitte“ heraus komponiert, der klangliche Schwerpunkt seiner Songs liegt auf seinem sehr „griffigen“, sehr unmittelbaren Mittenband, sein Gesang und einige wenige begleitende Instrumente (vorwiegend akustische Gitarren, ein E-Bass und sparsame Perkussion) bilden den tonalen Fokus. Diesen wahrt der Vincent auch, es ist nicht so, dass er etwas hinzudichtet, was nicht dazugehört. Er interpretiert die Vorlage nur etwas fülliger, malt Konturen mit dickerem Strich. Dennoch klingt das „richtig“, wenn auch nicht im streng neutral-analytischen Sinn. Eher sympathisch kraftvoll, ein klein wenig schwelgerisch, in Klangfarben badend. Was mir persönlich ausnehmend gut gefällt. Aber ich würde mich selbst auch nicht als „militant audiophil“ bezeichnen.

Daft PunkSeine Stärken kann der Vincent vor allem dann ausspielen, wenn es auch einmal grobdynamisch zur Sache geht und er „die Keule“ ‚rausholen darf. Übrigens gilt das genreunabhängig. Ob nun ein großes Orchester zu einem furiosen Tutti ausholt, die Elektro-Stars von Daft Punk ihr „Lose yourself to dance“ (Album: Random Access Memories, auf Amazon anhören) auf den Dancefloor hämmern oder die Metaldrum-Größe Vinnie Appice ein 15-minütiges Schlagzeugsolo in die Felle drischt, hörbare Limits kennt der SV-700 ohrenkundig nicht. Und auch keine Gnade, wenn es darum geht, im Basskeller richtig auszuteilen. So massiert Jan Delay in „Ein Leben lang“ (Album: Wir Kinder vom Bahnhof Soul, auf Amazon anhören) Magengrube und Fußsohlen, bis es wohlig kribbelt. Die sich von dem Hamburger Multitalent, das derzeit mit seiner Ur-Band Absolute Beginner reüssiert und die Jan Delaydeutschsprachige Hip-Hop-Szene aufrollt, auch gern zum Tanzen aufgefordert fühlen dürfen. Jan Delays mitreißend-groovige Kompositionen sitzen auf den Takt genau, zeitlichen Versatz leistet sich der Vincent bei seiner Darstellung nicht. Er hat sprichwörtlich „den Rhythmus, bei dem man mit muss“, wenn Sie mir den kleinen Kalauer erlauben. Dabei gibt er nicht einfach nur den sympathischen Muskelprotz, der seinem Zuhörer kumpelig „Komm, lass‘ loslegen und Spaß haben!“ zuraunt, sondern beherrscht auch die vielen Facetten zwischen großformatiger Partystimmung und leisen Momenten, er weiß auch mit feindynamischem Besteck sicher zu hantieren.

Blick ins Innere des Vincent SV-700
Blick ins Innere des Vincent SV-700

So gräbt sich „Long & Lost“ von Florence & The Machine (Album: How big, how blue, how beautiful, auf Amazon anhören) auf sanften, geschmeidigen Pfaden tief in meine Gehörgänge, wo es hängen bleibt und mich vor meiner Anlage fesselt. Weil es eine weitere große Stärke des Vincent zeigt: Er verbindet seine leuchtenden Klangfarben mit einem ungemein involvierenden Florence & The Machinemusikalischen Fluss. Involvierend im Sinne von „tief-in-die-Aufnahme-hineinhören-können“, aber auch im Sinne von „mitnehmen“ und den Zuhörer am Geschehen teilhaben lassen.

Auch das obere Frequenzbandende ist reich an Informationen und Facetten, allzu grell blitzende Glanzlichter vermeidet der wuchtige Amp allerdings zugunsten seines insgesamt geschmeidigen Charakters. Was nicht heißt, dass der Hochtonbereich auffallend zurückgenommen klingen würde oder man der Meinung sein könnte, er sei nicht vollständig. Dem ist nicht so. Sagen wir es mal so: Der Magnat RV-3 benutzt in den oberen Lagen eine moderne LED-Lampe mit dennoch „warmweißem“ Licht, um die Ecken auszuleuchten, die dadurch etwas konturierter erscheinen, während der Vincent auf die gute, alte Glühlampe setzt. Auch die leuchtet hell, verströmt aber einen weicheren Lichtkegel.

Es gibt ja gerade im hochpreisigen Segment Geräte, die sich eher distanziert geben, sich als reine Übermittler von Musik begreifen, nicht als Interpreten. Der Vincent SV-700 ist da etwas anders. Er mischt sich ein, verführt mit Lebendigkeit, Wärme und ordentlich Schmackes. Wenn man sich darauf einlässt, kommt man kaum Editorsumhin, ihn zu mögen. Und sich einfach in das sphärische „No Harm“ der Editors (Album: In Dream, auf Amazon anhören) hineinfallen, sich auf dem pulsierenden Beat treiben und von Tom Smiths Gesang umhüllen zu lassen. Der warme Grundton des SV-700 trägt dazu bei, dass man das stundenlang genießen kann und sich vom Fluss der Musik wegtreiben lässt.

Mit Souveränität bringt er das dynamisch fordernde „Salvation“ (gleiches Album) zu Gehör, welches auf einer – so scheint’s – riesigen virtuellen Bühne ertönt. Ja, mit Größe und Opulenz hat es der wuchtige Amp. Räume wirken stets in allen Dimensionen großzügig. Dabei bleiben die Relationen gewahrt. Die Ortbarkeit einzelner Schallereignisse ist gut, an Lokalisationsschärfe mangelt es in keinem Moment. Die virtuelle Bühne wirkt indes etwas weitläufiger als sie etwa der Magnat interpretiert. Aber keine Angst: Eine gedachte Sängerin hat keinen übergroßen Kopf. Der SV-700 stellt diese Sängerin aber auf eine vergleichsweise größere Bühne, die, von der Boxen-Grundlinie aus startend, höher, breiter und tiefer aufgezogen wird, als ich es sonst gewohnt bin. Auch die Musiker, die unsere Vokalistin begleiten, haben mehr Bewegungsfreiheit, die gesamte Atmosphäre wirkt luftiger, gleichsam aber sehr entspannt, sozusagen „laid back“. Alles fließt. Wen stört da das eine oder andere Detail, das am Wegesrand liegen bleibt? So akribisch genau nimmt es der SV-700 da nicht.

Temperaturgefälle: Class AB und Digitaleingänge
Nicht nur im Wortsinn – im Class-AB-Modus wird das Gehäuse des Vincent nicht halb so warm wie im Class-A-Betrieb – arbeitet der SV-700 mit „kühlerem Kopf“, wenn man sich für die Betriebsart Class AB entscheidet. Auch tonal verändert sich sein Charakter – nicht grundsätzlich, aber doch deutlich hörbar.

Röhren im Vincent

Über das gesamte Frequenzband hinweg tritt er mit etwas weniger kräftig kolorierten Klangfarben an, der zuvor eher breite Pinselstrich wird feiner, lässt mehr Konturen zutage treten. Auch dem Bassbereich, wenn man es denn eher trocken und punchy als saftig mag, kommt dies in diesem Sinn zugute. Härter und tiefer langt er jetzt zu. Es scheint fast, als würde das allertiefste Fundament noch etwas an Massivität zunehmen, wobei sich der Basspegel insgesamt so gibt wie zuvor, also durchaus etwas voluminöser als 100%ig neutral. Komplexe Texturen wie etwa beim vielschichtigen und musikalisch dichten „The new Kings“ der britischen Prog-Rocker Marillion (Album: Fear, auf Amazon anhören) lassen sich durch die entschlacktere und weniger glutvolle Class-AB-Wiedergabe transparenter erforschen. Eine tonal warme Tendenz, die sich hauptsächlich in den Mitten bemerkbar macht, bleibt indes – wenn auch zurückhaltender – bestehen.

Steuert man in Class AB den internen D/A-Wandler des Vincent SV 700 an – ich habe hier den S/PDIF-Eingang benutzt –, zeigt der Verstärker sein tonal neutralstes Gesicht. Allerdings gerät das im Vergleich zu Class A mit einer hochwertigen analogen Quelle fast ein wenig langweilig. Nicht, weil’s falsch wäre. Sondern weil er es anders kann. Und weil genau dieses „anders“ den Charme des Vincent ausmacht.

Test: Vincent SV-700 | Vollverstärker

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