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Vincent SV-500: Höreindrücke

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Na klar hatte ich klanglich eine gewisse Erwartungshaltung zu diesem Hybrid-Verstärker, und in den vielen Stunden, die ich den Vincent ausprobieren konnte, zeigte sich dann auch, dass ich gar nicht so falsch lag. Doch gehen wir die Sache mal in Ruhe an und schauen zunächst aufs Tonale:

Vincent SV-500

Untenrum gibt’s ordentlich Substanz. Das betrifft sowohl die absolute Tiefe, also die gefühlte untere Grenzfrequenz, als auch die Schubkraft selbst. Der Rezensent vermisst hier: nichts. ShellacNehmen wir Shellacs „Dude Incredible“ vom gleichnamigen Album. Fette Bassdrums, Standtoms mit viel Raumhall, und in der Mitte des Stücks spielt der Bassist sogar Intervalle, gewissermaßen also Powerchords: Das fetzt über den SV-500 in ganz erstaunlicher Manier und geht richtig in die Magengrube. Sauber, das hätte man dem eher harmlos daherkommenden Gerät nicht unbedingt zugetraut. Ebenso erfreulich: die Mitten. Sie sind, um das vorwegzunehmen, auch wirklich die „Sahneschnitten“ des Geräts, weil sie so wunderbar farbenprächtig, feingezeichnet und sauber aufgelöst präsentiert werden, dass es beim Hören richtiggehend emotional werden kann. Das funktioniert bei akustischen wie elektrischen BeirutSchallquellen bestens. Bei Beiruts Song „At Once“ (Album: No No No) setzt nach der ersten Minute ein Ensemble aus Trompeten und Posaunen ein, das in seiner Strahlkraft und Schönheit nicht von dieser Welt ist (auf Amazon anhören). Zunächst leicht belegt und gedämpft, dann immer funkelnder und strahlender schrauben sich die langgestreckten Akkorde empor. Der Vincent grenzt nicht nur die unterschiedlichen Akteure tonal bestens voneinander unterscheidbar ab, er lässt den Zuhörer auch den Wandel von „verhalten“ bis „funkelnd“ (so, als würde man bei einer Trompete peu à peu den Dämpfer wegziehen) miterleben, ja mitspüren. Da kann fast ein Tränchen rollen. Super!

Vincent SV-500

Ich war Ihnen noch die „elektrische Abteilung“ schuldig. Das hervorragende neue Album You Know Who You Are von Nada Surf (auf Amazon anhören) hält mit dem dritten Track, „Friend Hospital“ einen dieser typischen Hidden Champions der Band bereit. Beim ersten Reinhören ganz angenehm – und als der Track endet, weiß man, dass man für die nächsten Wochen einen hartnäckigen Ohrwurm hat. Dieser Song lebt von zwei satt angezerrten, leicht düsteren Gitarren (ja, es gibt jetzt einen hauptamtlichen, zweiten Gitarristen, man tritt nun als Quartett auf), die gemeinsam mit einem sehr geschickt komponierten Basslauf eine unglaublich Nada Surfkompakte, reduzierte Melancholie erzeugen. Matthew Caws mal wieder! Man schmeiße zwei Dur-Akkorde, einen Moll- und einen Moll-7-9-Akkord zusammen, arrangiere das ebenso brillant wie schmucklos, fertig ist der nächste Hit. Beneidenswert. Wo waren wir stehen geblieben? Also: Es scheint, als ob beide Gitarren mit tonal und übersteuerungsmäßig annähernd gleichen Verstärkereinstellungen „gefahren“ werden. Trotzdem klingen sie unterschiedlich, weil Doug Gillard – der neue Gitarrenmann – eine Gibson Les Paul über einen Mesa-Amp spielt und Matthew Caws eine Fender Telecaster über einen Marshall. Der Vincent-Verstärker arbeitet diese kleinen, aber feinen Unterschiede sauber heraus – und zeigt zugleich jedes Detail, jedes verstärkerinduzierte Klirrgeräusch, jedes Umgreifen, jedes Schnarren der Saiten. Was das mit dem Hörer macht? Nun, man fühlt sich in besonderem Maße live dabei. Man gerät in einen regelrechten Sog. Und man wird emotional berührt.

Vincent SV-500

Was die Höhen angeht, zeigt sich der SV-500 eher sonor als hell timbriert. Wenn wir einmal beim Nada-Surf-Song bleiben: Das Schlagzeuger spielt eher gemächlich und schlägt die Viertel auf dem Ride-Becken. Das ist gut vernehmlich und klingt auch schön so, rückt das Becken allerdings auch ein Stück weiter in den Hintergrund. Es gibt Verstärker, die an dieser Stelle mehr Strahlkraft, auch mehr absolute Information (zum Beispiel: Wo genau schlägt der Drummer gerade hin – mehr an den Rand, mehr zur Mitte?) liefern, wie beispielsweise mein Abacus Ampollo. Das ist SUNauch spürbar bei eher heftiger Musik wie die der Band Secrets of the Moon mit dem Song „Man behind the Sun“ (Album: Sun, auf Amazon anhören). Hier kachelt der Schlagzeuger richtig los: In der Strophe malträtiert er eine halboffene Hi-Hat, in den Refrains drischt er die Achtel auf allerlei Crashbecken. Beim Vincent-Amp gerät diese ausufernde Beckenarbeit eher etwas in den Hintergrund, während der Fokus auf den schweren Gitarren, dem wehklagenden Gesang und auch auf den stolpernden Bassdrums liegt. Der Ampollo wiederum lässt die Becken ordentlich rauschen und zischen (nicht zischeln! Er bleibt stets sauber und artefaktfrei) und verleiht dem Song damit einen etwas anderen Charakter. Was man lieber mag, ist letztlich Geschmackssache. Praktischerweise wurde dem Vincent ja noch eine Klangregelung mit auf den Weg gegeben. Wer also etwas mehr Luft in den Höhen mag und trotzdem ruhig schlafen kann, wenn er den Frequenzgang seines Amps leicht verbiegt, der dreht halt einfach den Höhenregler eine Achtel- bis Vierteldrehung nach rechts. Kann man machen!

Vincent SV-500

Eines sollte noch erwähnt werden: Der Vincent liebt Stimmen und zeichnet sie realistisch und in allen Details. Das todtraurige „Steppin‘ In“ von The Notwist (Album: Close to the Glass, auf Amazon anhören) ist ein The NotwistSong, bei dem sich tonal eigentlich alles in den Mitten abspielt: Schlagzeug und Bass gibt es nicht, wir hören nur Akustikgitarre, Streicher, eine Philicorda-Orgel – und natürlich die heisere Stimme von Markus Acher. Trotzdem klingt dieser Song über den Vincent-Amp vielschichtig und spannend – und die fein aufgelöste Stimme sehr berührend. Damit leistet sich der SV-500 tonal insgesamt einen Auftritt, der den Vergleich mit wesentlich kostspieligeren Verstärkern überhaupt nicht fürchten muss.

Vorstufenröhren des Vincent SV-500
Die Vorstufenröhren des Vincent SV-500

Neues Thema: Die Qualität der Bühnenabbildung gehört für mich zu den wichtigsten Tugenden einer HiFi-Komponente. Für mich ist eine HiFi-Anlage ein Vehikel des Eskapismus, ich möchte für eine Weile aus dieser Welt hinaus- und in eine andere eintreten. Das funktioniert für mich am besten, wenn dies akustisch-räumlich spürbar wird. Ich mag es daher, wenn eine Komponente realistisch groß und tief aufspielt – ja, es darf sogar auch ein wenig über die als realistisch anmutende Größe hinausgehen. Wichtig ist mir allerdings zugleich auch eine gewisse Präzision in der Breiten- und Tiefenstaffelung. Ein wolkiges Cinemascope allein tut es nicht. Es müssen also die Grundcharakteristika (absolute Bühnenbreite, -tiefe und -form, Tiefen- und Breitenstaffelung sowie „Luft um die Akteure herum“) in ihrem Gesamtverhältnis stimmen. Und da gibt es bekanntermaßen erhebliche Unterschiede: Nehmen wir den Yarland FV 34 CIII mit seiner enorm breiten, aber eben auch nicht sehr exakten Darstellung. Oder den Audiomat Aria – er lässt den Akteuren viel Freiraum, bildet aber ebenfalls nicht übermäßig ortungsscharf ab. Ganz anders der Abacus Ampollo – große Bühne, tolle Tiefenstaffelung – oder der Jawil Asgard: große Bühne, nicht so viel Tiefe, dafür saubere Breitenstaffelung.

Vincent SV-500

Und wo liegt der Vincent-Amp? Ziemlich genau in der Mitte. Er zieht eine recht breite, auf der Lautsprechergrundlinie beginnende und insgesamt kohärent rechteckig wirkende Bühne auf, staffelt dabei die einzelnen Klangquellen auf dieser Ebene auch erstaunlich präzise. Tiefgang (räumlichen) gibt’s auch, allerdings nicht ganz so viel absoluten wie bei manchen anderen Vertretern der Zunft – dafür ist auch in der Tiefe die Staffelung sauber. Hierfür ziehe ich immer wieder gerne die Band Alt-J heran, bei der ganz offensichtlich auf die Schlagzeug-Mikrofonierung besonderes Augenmerk gelegt wurde. Die geradezu mit dem Reißbrett in den Raum hineingeplanten Toms unterschiedlichster Stimmungen können über den (fast dreimal so teuren) Ampollo richtig tief im Raum verortet werden, sie scheinen sogar – vertikal – auf unterschiedlichen Höhen zu spielen, während sie sich über den Vincent eher in der Breite verteilen. Mich erinnert der SV-500 insgesamt hinsichtlich der Räumlichkeit sehr an den (ebenfalls das Dreifache des Vincents kostenden) Audiomat Arpège Référence, den ich zwar bereits vor mehr als fünf Jahren testete, der mir aber als besonders angenehm aufspielender Amp bis heute in Erinnerung ist.

Vorstufenröhren des Vincent SV-500

Eine kleine Überraschung war für mich übrigens die Qualität des D/A-Wandlers. Wie oben bereits erwähnt, gehört der eingesetzte Wandlerchip ja nicht unbedingt zu den bekanntesten, er liefert aber ein absolut klares, in den Mitten ganz fein durchgezeichnetes, dabei fast schon „weiches“ Klangbild ab – es erinnert mich von der tonalen Charakteristik her sehr an meinen guten alten Marantz-SACD-Spieler 7001. Ich habe bei den Hörtests meinen C.E.C. CD5 parallel analog und digital (koaxial) an den Vincent-Amp angekabelt. Beim Umschalten vom analogen auf den digitalen Eingang wirkte der Klang noch eine Nuance entspannter, fließender – allerdings verbunden mit einer ganz leichten Zurückhaltung an den Frequenzgangenden. Wer es insgesamt tonal eher zackig-knackig mag, der sollte daher vielleicht besser analog zuspielen. Wer das Zünglein an der Klangwaage hingegen noch einige Millimeter in Richtung Röhrenklischee bewegen will, der sollte seine Quellen, falls möglich, durchaus mal digital anleinen. Der einzige Wermutstropfen bei dieser Performance ist, dass kein USB-Anschluss zur Verfügung steht.

Und wie steht’s mit der Dynamik? Nun, grobdynamisch würde ich den Vincent SV-500 als preisklassentypisch einsortieren. Er gibt schon ganz ordentlich Gas, es gibt aber Amps, die hier noch The (International) Noise Conspiracyetwas schneller, vehementer agieren, dafür muss man dann aber eben zumeist auch mehr Geld in die Hand nehmen. Beim Stück „Capitalism Stole My Virginity“ von The (International) Noise Conspiracy beispielsweise schleudert mein Abacus Ampollo die fetten Gitarrenattacken schon noch ein Stück weit massiver, ungerührter in den Raum. Auch das wuchtige Schlagzeug wirkt über ihn noch aggressiver, roher. Andererseits: Den Vergleich mit meinen Audreal-MS-3-Monoblöcken beispielsweise (Paarpreis 2.000 Euro) muss der Vincent nicht scheuen. Die Monos legen zwar im Bass substanziell noch eine kleine Schippe drauf und gehen auch tonal noch ein Stück weiter runter in den Basskeller – merklich „schneller“ oder unmittelbarer spielen sie nicht.

Vincent SV-500

Feindynamisch hingegen darf man dem SV-500 Qualitäten weit jenseits der Preisklasse attestieren: Wie er in Sigur Rós‘ Song „Ný batterí“ (auf Amazon anhören) die zarten Anblastöne der Posaunen in den ersten Sigur RósSekunden wiedergibt und später auch die feinen Anstriche der Gitarren (ja, sie werden hier mit einem Geigenbogen traktiert) reproduziert, das ist schlicht und einfach erste Sahne, denn diese Details werden auch dann noch klar und sauber wiedergegeben wenn der recht tiefe, bauchige Bass einsetzt. Beeindruckend. Wie war noch mal der Preis?

Test: Vincent SV-500 | Vollverstärker

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