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Tune Audio Marvel im Soundcheck

Inhaltsverzeichnis

  1. 2 Tune Audio Marvel im Soundcheck

Mein Devialet D-Premier, der mit seiner DSP-gesteuerten Kombination aus Class-A- und Class-D-Technik (sogenannte ADH-Module) zweimal 240 Watt leistet, käme einem da vermutlich eher weniger in den Sinn. Weil der Devialet aber gerade gut aufgewärmt auf seiner Plattform steht, muss er nach Ankunft der griechischen Schallwandler für die Funktionskontrolle herhalten. Dass es nicht nur bei einem Prüflauf bleibt, liegt daran, dass die Tune Audio Marvel trotz des gehörigen Leistungsoverkills auf die dem Devialet offensichtlich innewohnenden Class-A-Gene ausgesprochen wohlwollend reagieren.

brahmsDie allem Anschein nach bereits in eingespieltem Zustand befindlichen Tune Audios klingen schon kurz nach dem Aufstellen erstaunlich frei und locker, fokussieren scharf und verfügen über einen recht ordentlichen Bassbereich. Ganz schön vielversprechend. Also darf der französische Integrierte erst einmal angeschlossen bleiben. Einige Tage später klingt es tatsächlich homogener, werden einzelne Klangereignisse noch besser und unauffälliger integriert. So interpretierte das Trio um den Violinisten Christian Tetzlaff (Brahms: The Piano Trios, auf Amazon anhören) die Brahms-Trios zu Anfang zwar mit schwungvollem Elan, es wirkte aber ein wenig so, als hätten sich die drei Virtuosen zu einer lockeren Jamsession verabredet. Inzwischen ist das Trio zu einer Einheit verschmolzen. Es macht den Eindruck, als hörten die Musiker jetzt viel konzentrierter aufeinander. Aus den Stimmen der Einzelinstrumente resultiert ein famoser Gesamtklang, mit dem sich die Geschlossenheit der Kompositionen weitaus besser ausdrücken lässt.

Die Tune Audio Marvel im Hörraum

Die Tune Audio Marvel im Hörraum

Stimmwiedergabe

Stacey KentAls nächstes darf sich Steinmusics Vollverstärker Stateline Signature an den Tune Audio Marvel versuchen. Für knapp 2.700 Euro liefert der Integrierte aus Mülheim an der Ruhr zwar nur bescheidene 2 x 30 Watt, schreckt klanglich aber kaum vor namhafter Konkurrenz zurück. Zumindest nicht, wenn er mit passenden Schallwandlern verbunden wird. Ein Umstand, der mit den Marvel augenscheinlich zutrifft. Hält der Devialet D-Premier die Zügel noch recht straff in der Hand, was insbesondere Stimmen eine leichte Strenge verleiht, atmen die Lautsprecher am Stateline befreit durch und entwickeln ein auffallend natürliches Timbre, das eine breite Palette klanglicher Schattierungen zulässt. Das gilt auch für die stimmlich immer ein wenig zerbrechlich wirkende Stacey Kent, die auf ihrem neuesten Album Tenderly (auf Amazon anhören) davon berichtet, was sie so in der frühen Morgendämmerung beschäftigt („In the wee small hours of the morning“). Da sie nicht über einen besonders ausgedehnten Stimmumfang verfügt, kommt es hier auf jede Nuance, jedes Schlucken oder leichtes Beben der Stimme an. Die Marvel beweisen sich als verlässlicher Partner und bleiben kein Detail schuldig.

MozartNicht minder überzeugt Sopranistin Diana Damrau, die als Konstanze in Mozarts Entführung aus dem Serail (auf Amazon) Sehnsucht und Verzweiflung (in der Arie „Ach ich liebte, war so glücklich“) wie auch Entschlossenheit und Opferbereitschaft glaubhaft zum Ausdruck bringt, wenn sie verkündet, eher „Martern aller Art“ ertragen zu wollen als dem geliebten Belmonte untreu zu werden. Dabei haben die Schallwandler einen enorm großen dramatischen Bogen zu übertragen. Von ganz leise bis zur schmetternden Koloratur reicht die Spannweite. Die Tune Audio Marvel erfüllen ihre Aufgabe sehr genau und ungefiltert. Der häufig verspürte Drang bei hohen Sopranstimmen, die Lautstärke zu reduzieren, unterbleibt, da der Hochton keine unnatürlichen Schärfen zu enthalten scheint.

Und Männerstimmen? Unaufgeregt, aber nicht eintönig wirkt die sonore Stimme Christy Moores, wenn er Pink Floyds „Shine on your crazy Diamond“ covert (Listen, 2010). Die Tune Audio Marvel geben seiner Stimme den nötigen Brustton. Man meint geradezu herauszuhören, dass der inzwischen zweiundsiebzigjährige Ire trotz mancher Krise mit sich und seinem Leben im Reinen ist. Ja, die Tune Audio lassen den Hörer ganz generell sehr tief in den Mikrokosmos von Stimmen eintauchen. Tiefer sogar, als ich das von meinen Acapellas her kenne. Das ist der unaufgeregten Natürlichkeit, dem nie aufgesetzt wirkenden Duktus, mit der die Marvel das menschliche Organ reproduziert, geschuldet.

Ein wenig verblüffend ist es schon, dass mir ausgerechnet bei der Rezension eines Hornlautsprechers ein solches Loblied auf die Stimmwiedergabe von den Lippen kommt, schließlich gelten Hörner allgemein als konzeptionell anfällig für Verfärbungen. Davon ist bei unseren Probanden allerdings nichts zu bemerken. Gerade die offenkundig unverfälschte, weitgehende Neutralität vom Mittelton bis weit in den Hochtonbereich hinein scheint die Basis für diese Stärke der Tune Audio zu sein.

Die hohen Lagen

Ob der Zauber auch bestehen bleibt, wenn man mit einer guten Klavieraufnahme Unstimmigkeiten in diesem Frequenzband aufzuspüren versucht? Hier sollen mir die pieksauber aufgenommenen Klaviertranskriptionen des italienischen Pianisten Simone Pedroni als zuverlässiger Gradmesser dienen („Luke & Leia“, John Williams: Themes and Transcrptions for Piano). Bis weit in den Diskant wirkt Pedronis Flügel absolut authentisch. Wie Samt perlen die hohen Töne aus dem Trichter des Hochtonhorns und setzen den klaren, gleichwohl keineswegs farblosen Mitten quasi noch ein kleines Sahnehäubchen oben auf. Erfreulicherweise mutiert die „Sahne“ aber nie zu einem alles überdeckenden, klebrigen Zuckerguss. Freilich soll auch nicht verschwiegen werden, dass einige moderne Hochtonkalotten, insbesondere solche aus Beryllium oder Industriediamant, noch mehr Hochtondetails an des Hörers Ohr liefern können. Andererseits kann eine solche Plethora an feinen Hochtongespinsten beim Hören auch schon mal ermüdend wirken.

Übrigens: Eine zu direkte Ausrichtung des Hochtonhorns auf den Kopf des Hörers ist nicht zu empfehlen, da die Tune Audio Marvel dann ihre Linearität im Mittel-/Hochtonbereich einzubüßen scheint, ja sogar ein gewisser nasaler Horncharakter evident zu werden droht. Es empfiehlt sich also – je nach Hörabstand, in meinem Hörraum waren 2,5 bis 3 Meter ideal – das Horn vertikal in 90 Grad zur Lautsprecherfront oder ein wenig darunter auszurichten.

Im Untergeschoss

Gemeinhin sind Backloaded-Hörner nicht gerade für brutalstmögliche Tiefbassorgien bekannt, da gibt es andere Lösungen, die allerdings zumeist mehr Platz, mehr Membranfläche oder am besten beides verlangen. Sollten die Backloaded-Tiefmitteltöner der Tune Audio Marvel am Ende eine gewisse Zurückhaltung in Sachen Bass an den Tag legen? Nun, ganz offenkundig geht ihnen ein Basspotenz vorgaukelndes „Oberbassbäuchlein“ jedenfalls vollkommen ab. Das ist zumindest ehrlich und daher begrüßenswert, bedeutet aber, dass ohne entsprechendes Musikmaterial auch keine entsprechende Massage des Zwerchfells erfolgt. Also streamen wir uns mit dem Innuos Zenith Mk.II und Tidal HiFi die Aufnahme von Strawinskys Feuervogel in der Interpretation des City of Birmingham Symphony Orchestra (auf Amazon anhören) unter dem jungen Simon Rattle, noch ohne Sir, herbei und staunen, wie druckvoll die Marvel den Höllentanz der Diener des Kastschej servieren.

StrawinskysDieser Tanz ist bekanntlich die Stelle im Ballet, wofür alle vom HiFi-Virus Befallenen dem guten Igor Strawinsky ewig dankbar sind. Und hier gibt’s dann auch den ersehnten Tiefbass, zumindest so tief, wie man es von einem 8-Zoll-Chassis in einem Lautsprecher dieser Größenordnung erwarten darf. Wichtiger aber als der reine Tiefgang scheint mir die Qualität des Gebotenen: federnd und biegsam, schnell im Ansatz, aber auch keine Neigung zum Frühstart – womit die Bässe der Tune Audio sich in die Kategorie „trocken“ einsortieren lassen. Selbst als die Hörner – um zusätzlichen Schub im Bass zu erzielen – versuchsweise weit in die Raumecken geschoben werden, geben sie sich gesittet und weitgehend unbeeindruckt von der Nähe zu den Wänden. Tief unten, in Richtung der unteren Grenzfrequenz, die Tune Audio mit 35 Hertz angibt, büßt der Bass allmählich etwas an Präzision ein. Das fällt mir höchstwahrscheinlich aber nur auf, da ich an die Basspräzision einer Acapella La Campanella gewöhnt bin, die mit 20.000 Euro allerdings auch in einer höheren Preisklasse angesiedelt ist.

Davon abgesehen lässt sich nicht bestreiten, dass die Tune Audio Marvel Bässe natürlicher Instrumente – wie Kontrabass, große Trommel, Tuba oder auch Kirchenorgel – mit großem Realismus reproduzieren können. Elektronischer Mörderbass a la Yello liegt ihnen allerdings weniger. Obwohl Daft Punks zum Gegencheck gestreamtes „Get Lucky“ dank der so schön federnden Gangart doch irgendwie ganz schön anmacht. Glücklicherweise hat Tune Audio für ausgesprochene Härtefälle ja noch die passende Subwoofersäule Kion im Programm.

Pfeilschnell

OttMeist verbindet man mit Hornlautsprechern eine pfeilschnelle und besonders dynamische Impulsverarbeitung. Die Tune Audios Marvel machen da keine Ausnahme, gehen aber feinnerviger und nicht so plakativ vor, wie man es von manch anderem Hornsystem kennt. Sara Alice Ott, nicht zu unrecht seit Jahren ein Publikumsliebling unter den jungen Pianistinnen, hat hörbar gute Laune, wenn sie sich zusammen mit Co-Pianist Francesco Tristane die Transkription von Strawinskys (schon wieder!) „Sacre“ für Klavierduett vornimmt (auf Amazon anhören). Was gemäßigt beginnt, endet in feurigen Salven kraftvoll angeschlagener Akkorde. Die Marvel bringen die schiere Power und archaische Gewalt der Performance ungerührt rüber, ohne auch nur einen Moment die Kontrolle über das Geschehen zu verlieren.

Auflösung im Vergleich

Ja, Tune Audios Marvel gehören ohne Frage zu den besonders feinsinnigen Vertretern der Gattung Horn. Wen es nach weiteren Beweisen für diesen Umstand verlangt, der sollte ein weiteres Mal die Aufnahme des Feuervogels bemühen. Neben schierer Lautheit und grobdynamischen Entladungen gewähren die Marvel ganz selbstverständlich auch den Blick auf feinere Schallereignisse wie einzelne Triangelschläge, ein einsames Schlagholz oder gar Unterschwelliges, wie beispielsweise die Vibrationen des Hallenbodens. Entwickler Manolis Proetakis ist eifriger Konzertgänger und hört offenbar sehr genau hin, denn die fein austarierte Kombination von Schlagkraft und einer wie selbstverständlich wirkende Auslese subtiler Details ist unter Hornlautsprechern keineswegs selbstverständlich. Konventionelle Schallwandler vom Schlage der Progressive Audio Extreme, sei es die kompakte Extreme 1 (3.998 Euro) oder die aktive Extreme 2 (8.300 Euro), die beide in meinem Hörraum standen, betreiben die Sammlung einzelner Schallereignisse zwar fast noch etwas akribischer, doch gelingt es ihnen nicht, die Flut an Einzelinformationen so elegant in einen Gesamtklang zu integrieren, wie die Tune Audio es vermag.

Ausladend in der Breite, aber nicht sonderlich weit in die Tiefe reichend wird die Raumdarstellung hornunterstützter Lautsprecher häufig beschrieben. Obwohl sich solche Verallgemeinerungen selten in allen Fällen als stichhaltig erweisen, geht es mit den Tune Audio Marvel doch ein wenig in diese Richtung. Es gelingt ihnen eine über die Basisbreite der Lautsprecher reichende Bühne aufzuziehen, die Tiefenausleuchtung hingegen fällt eher etwas kompakter aus. Das Klanggeschehen findet hauptsächlich vor und auf Ebene der Lautsprecher statt. Dabei sorgen eine recht gute Dreidimensionalität der Klangkörper und die ausreichend dazwischen vorhandene Luft für eine glaubhafte imaginäre Bühne. Ich würde die Lautsprecher nicht allzu nah an der Wand positionieren, denn sonst reduziert sich der 3D-Effekt vernehmlich. Mit etwa einem guten Meter Abstand von der Rückwand und 50 Zentimeter von den Seitenwänden entfernt, klingt es in meinem Hörzimmer am griffigsten, wobei auch die Abbildungshöhe einen beachtenswerten Realismus erreicht und sich das Klangbild ausgezeichnet von den Lautsprechern löst.

Test: Tune Audio Marvel | Standlautsprecher

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