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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Dickhäuter oder Sensibelchen?
  2. 2 Tune Audio Marvel im Soundcheck
  3. 3 Testfazit: Tune Audio Marvel

Sirtaki, Olivenöl, Eurokrise – mehr fällt Ihnen beim Stichwort „Griechenland“ nicht ein? Keine Sorge, ich habe nicht vor, Sie mit einem geopolitischen Vortrag oder einer Exkursion in die antike Mythologie Griechenlands zu langweilen, schließlich ist der Themenschwerpunkt bei fairaudio bekanntermaßen ein ganz anderer.

Da trifft es sich gut, dass auch in Griechenland eine ziemlich rege HiFi-Szene existiert, die es keinesfalls zu unterschätzen gilt. Ich empfehle da unbedingt mal einen Blick auf die Website des Audiophile Club of Athens (www.aca.gr) zu werfen. Das ist nicht nur ziemlich kurzweilig, sondern verdeutlicht auch, mit wie viel Enthusiasmus und Herzblut die Hellenen dieser Leidenschaft frönen.

Manolis Proetakis von Tune Audio

Manolis Proetakis von Tune Audio

Eine Leidenschaft, die auch bei Manolis Proetakis zu spüren ist, den ich auf den Norddeutschen HiFi-Tagen im Januar 2017 getroffen habe. Er ist nicht nur gebürtiger Kreter und als solcher vielleicht sogar ein Nachfahre der Europa, die nach einem Techtelmechtel mit dem Göttervater auf der Mittelmeerinsel hängengeblieben ist, sondern auch und vor allem Chef des in Athen ansässigen Lautsprecherherstellers Tune Audio (Vertrieb: www.walterkircher.com).

Tune Audio unterhält eine hübsch aufgemachte Website (www.tuneaudio.com), auf der kein Hehl daraus gemacht wird, welchem Lautsprecherprinzip man in Athen den Vorzug gibt. Alle vier derzeit angebotenen Modelle sind Hornlautsprecher. Der Tune-Audio-Chef hat dabei nicht nur den bekanntermaßen höheren Wirkungsgrad von Hornlautsprechern im Sinn, sondern sieht einen nicht zu unterschätzenden Vorteil dieses Konzepts in der besseren Ankopplung der Membranfläche an das Luftvolumen des Hörraums. Und wo wenig gebremst wird und kleine Membranhübe für ordentliche Schalldrücke schon ausreichen, kann auch gerne zu leistungsschwächeren, in der Regel weniger komplex aufgebauten Verstärkern – wie etwa Röhrenamps – gegriffen werden.

Tune Audio Marvel

Neben den objektiven Vorteilen soll aber nicht verschwiegen werden, dass Kritiker des Hornprinzips dieser Bauart immer wieder tonale Verfärbungen anlasten. Und auch wenn Hörner in Sachen Dynamik einen Spitzenplatz unter den Schallwandlern innehaben, gilt das nicht unbedingt in Bezug auf Feinzeichnung und Raumabbildung. Manolis Proetakis winkt dazu aber ab. Glaubt man ihm, sind durch überlegte Konstruktion und konsequente Verwendung ausgesuchter Materialien Schwächen in diesen Bereichen leicht vermeidbar. Er selbst verwendet mit Vorliebe baltisches Birkenholz-Multiplex für die Gehäuse und fräst Mitteltonhörner aus einem Block des gleichen Materials, während bei den Hochtonhörnern ein speziell bedämpfter Kunststoff zum Einsatz kommt. Zudem gibt Proteakis 6-dB-Weichen den Vorzug, die er mit wenigen, aber erlesenen Bauteilen realisiert. Für ihn behindern sie den musikalischen Fluss hörbar weniger als Frequenzweichen höherer Ordnung.

Für die Innenverkabelung kommt bei Tune Audio nur ein Solidcore-Draht aus OFC-Kupfer in Betracht, welcher extra aus Italien bezogen wird. Die Leiter erhalten einen Mantel aus Baumwollgewebe und werden anschließend zwecks Steigerung der klanglichen Eigenschaften in Honigwachs getränkt. Wenn das nicht lecker klingt! Ein wenig ungewohnt mutet der ausgiebig gepflegte Einsatz von poliertem Messing an. Nicht nur bei diversen Halterungen, auch für Verschraubungen, Kabelkontakte und Terminals setzten die Griechen auf die Kupfer-Zink-Legierung. Und zwar aus klanglichen Gründen, wie mir Tune Audio versichert. Manolis Proetakis schreibt diesem Material offenbar musikalischere Eigenschaften zu als dem landläufig genutzten Kupfer.

Zu langsam und zu leblos erscheint dem Entwickler aus Athen die Performance konventioneller Lautsprecher, weshalb für Tune Audio nur Vollbereichshörner infrage kommen. Weil aber frontal abstrahlende Hörner für den Bassbereich in der Regel extreme Ausmaße annehmen und damit eine kaum zu bewältigende Herausforderung an mitteleuropäische Wohnrealitäten darstellen, nutzen die Griechen das Backloaded-Prinzip, bei dem die Schallenergie von der Rückseite des Basstreiber über ein innenliegendes, gefaltetes Horn in Richtung Boden geleitet wird.

Klein ist relativ: Tune Audio Marvel mit Testautor Frank Hakopians

Klein geht anders: Tune Audio Marvel mit Testautor Frank Hakopians

Da die beiden großen Dreiwegekonstruktionen Avaton und Anima mit den 24 qm meines Hörraumes einfach nicht kompatibel sind, ist die Entscheidung, den zweitkleinsten Schallwandler, die Tune Audio Marvel, genauer unter die Lupe zu nehmen, schnell getroffen. Wobei „klein“ in Bezug auf die gut 149 Zentimeter hohe Marvel nicht wirklich das passende Adjektiv ist. Da sie aber mit einer Stellfläche von exakt 32 mal 56 Zentimeter auskommt, lässt sie sich auch in ein gewöhnlicheres Wohnumfeld recht gut integrieren, wobei die Marvel laut Tune Audio gerne ein wenig näher an die Seitenwände und sogar in Richtung Ecke gerückt werden darf. Ein Hörabstand von unter zwei Metern wird hingegen nicht empfohlen.

Die von Kircher Hi-Fi, dem Vertrieb für Österreich und Deutschland, angelieferten Testlautsprecher verfügen über ein seidenmatt glänzendes Furnier in edlem Walnut-Burl, einem dunklen Walnusswurzelholz. 13.500 Euro müssen für ein Paar der Tune Audio Marvel veranschlagt werden, wobei auf Wunsch neben diversen Furnieren auch eine Lackierung in sämtlichen RAL-Farben möglich ist. Wer es hochglänzend bevorzugt, muss dafür allerdings einen Zuschlag von 1.500 Euro einkalkulieren.

Der Fe 208 EZ Sigma von Fostex verantwortet den Tief-/Mitteltonbereich

Ein modifizierter Fe 208 EZ Sigma von Fostex verantwortet den Tief-/Mitteltonbereich

Der zentral platzierte Mittel-/Tieftontreiber der Marvel fällt mit einem ungewöhnlich geformten Konus aus dem üblichen Rahmen. Es handelt sich um den zum Einbau in Hornlautsprecher beliebten Fe 208 EZ Sigma der Firma Fostex, ein 20 cm großer Breitbänder, dessen Konus aus Bananenfasern besteht und dem dank seiner hyperbol-parabolen Formgebung eine hohe Steifigkeit nachgesagt wird. Allerdings wird er vor seinem Einsatz in der Tune Audio Marvel von Manolis Proetakis noch umfassend überarbeitet. Unter anderem wird die Membran des Konus‘ mit drei geheimnisvollen Substanzen imprägniert – diese Behandlung lasse das Gewicht um lediglich 0,3 g ansteigen, erhöhe aber die Steifigkeit um den Faktor 10. Außerdem verwendet Tune Audio das Chassis nicht als Fullrange-Breitbänder, sondern blendet ihn mit einer 6-dB-Weiche bei 2500 Hertz sanft aus.

Das Hochtonhorn der Tune Audio Marvel

Das Hochtonhorn der Tune Audio Marvel

Darüber verrichtet ein Tractrixhorn mit 22 cm Durchmesser seinen Dienst, welches von einem 2,5-cm-Kompressionshochtöner mit Titanmembran befeuert wird. Das Horn ist über eine Messinghalterung an der Innenseite der Tune Audio Marvel befestigt. Höhe und Neigung können auf den Hörer eingestellt werden. Ein unter der Trägerplatte der Halterung befindlicher Nadelfilz entkoppelt das Hochtonhorn vom Gehäuse und reduziert die Transmission von Vibrationen aus der Mitteltieftonabteilung. Die Tune Audio Marvel bietet die Möglichkeit, die Lautstärke des Hochtöners in einem Bereich von +/- 2 dB über ein Poti anzupassen. Das kann je nach Raum ein durchaus sinnvolles Feature sein. Leider kratzen die Potis bei unseren Testexemplaren vernehmlich. Zwar lässt sich keinerlei Einfluss auf den Spielbetrieb feststellen, ein Grund beim Hersteller nachzufragen ist das aber allemal. In Athen signalisiert man Entwarnung: Nach Hörtests habe man sich für im HiFi-Bereich eher selten anzutreffende Drahtpotenziometer entschieden, weshalb bauartbedingt die knarzige Geräuschkulisse während des Verstellvorgangs völlig normal sei.

Terminal der Tune Audio Marvel

Terminal der Tune Audio Marvel

Die Terminals mit den Anschlussklemmen bestehen ebenso aus massivem Messing wie die vier schraubbaren, recht spitzen Kegel, auf denen die Marvel steht. Das hoch aufschießende griechische Horn bringt gerade noch erträgliche 42 kg auf die Waage. Dennoch lässt seine schiere Größe zwei weitere helfende Hände beim Aufstellen und Ausrichten ratsam erscheinen. Die Grundaufstellung ist rasch erledigt, da weder der Abstand zur Rückwand noch der zu den Seitenwänden – nicht zuletzt aufgrund der Richtwirkung des Lautsprechers – all zu kritisch ist. Das zum Boden abstrahlende Backloaded-Horn neigt selbst bei ecknaher Positionierung nicht zum Dröhnen. Etwas Einwinkeln kann nicht schaden, denn so gelingt es, das Klanggeschehen zwischen den Lautsprechern noch besser zu fokussieren.

Ein wenig müssen wir uns noch einmal über die passende Verstärkung unterhalten. Hornlautsprecher werden nicht zuletzt aufgrund ihres hohen Wirkungsgrades als Idealpartner für Röhrenverstärker – insbesondere auch solcher, die mit Kleinleistungsröhren wie eine 300B oder eine 2A3 ausgestattet sind – angesehen. Die Marvel besitzt einen Wirkungsgrad von 97 dB/W/m und macht, zusammen mit ihrer Impedanz von 8 Ohm, da sicher keine Ausnahme. Entwickler Proetakis schließt Transistoren aber keinesfalls aus. Am besten seien solche mit wenigen Verstärkerstufen und geringer Gegenkopplung. Gemeinhin also Amps, die klangstark, aber nicht unbedingt mit größtmöglicher Lautsprecherkontrolle daherkommen …

Test: Tune Audio Marvel | Standlautsprecher

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