Test: Tom Evans The Linear A | Röhren-Endstufe
Something special
von Ralph Werner
Im Test: Tom Evans The Linear A | Röhren-Endverstärker
UVP zum Testzeitpunkt: 10.700 Euro
Wenn Marken wie Magnat oder Vincent einen Hybrid-Verstärker lancieren, arbeiten sie gerne mit orange leuchtenden LEDs, um die Glut der Vorstufenröhren zu „enhancen“ – und Edelmarken wie Mastersound oder Unison Research verstehen sich seit Jahr und Tag darauf, hübsche Glaskolben ins rechte Licht zu rücken. Und dann gibt es die Fraktion, die acht EL84-Pentoden einfach mal blickdicht in einem Gehäuse vergräbt, das eher an einen überdimensionierten Brotkasten erinnert als an eine Röhrenendstufe. Kann man Understatement übertreiben? Wenn ja, kommt so etwas dabei heraus.

Wie passend ist es da, dass der Verstärker von der „Insel“ kommt. Aus Wales, um genau zu sein. Dort wird die Stereo-Endstufe Tom Evans The Linear A (Preis: 10.700 Euro; Vertrieb: https://www.wittmann-hifi.de/) schon seit über zwei Jahrzehnten gepflegt, gehegt und weiter entwickelt, aber optisch hat sich in all den Jahren wenig getan. Irgendwie ist das ja auch schon wieder cool. Und, so viel sei verraten, unkonventionell geht es technisch wie klanglich weiter.
Technik Tom Evans The Linear A
Tom Evans sagt Ihnen etwas? Dann sicherlich wegen seiner „Groove“-Phonostufen, denn dafür ist der Mann beziehungsweise sein Unternehmen bekannt. Wir hatten zuletzt die Tom Evans Groove Plus SRX mk2.5 im Test, die auch gleich mal unseren fairaudio’s favourite Award einheimste. Dass „Tom Evans Audio Design“ auch eine Stereo-Endstufe (sowie viermal kräftigere Monos namens „Linear B“) im Programm hat, war mir, ehrlich gesagt, selbst längere Zeit nicht bewusst. Ein Gespräch mit Oliver Wittmann, der den Vertrieb der Marke in der DACH-Region organisiert, weckte mein Interesse, denn auch was die Endverstärkung angeht, scheint Evans seine ganz eigenen Ideen zu verfolgen.

Im Grunde genommen handelt es sich bei der Tom Evans Linear A um ein Hybrid-Design, nur dass hier die Röhren nicht im Eingang, sondern am Ausgang sitzen. Was wiederum bedeutet, dass in der Eingangs- und der Treiberstufe der Linear A eben keine Vorstufenröhren wie die gängigen ECC81/82/83-Typen sitzen, sondern – Schockschwerenot! – OP-Amps. Da müssen „Röhren-Philosophen“ jetzt ganz tapfer sein, was Evans aber wohl eher zum Schmunzeln bringen dürfte, denn er sieht die Sache nüchtern: OP-Amps bauen kompakt, bieten hohe Bandbreite und Gain – und vor allem sehr geringe Verzerrungen, so seine Argumentation. Während typische Doppeltrioden ziemlich mittelmäßige Intermodulationsverzerrungen von circa -60 dB aufwiesen, lägen die der mit OPs realisierten Eingangs-/Treiber-Schaltung des Linear A bei -130 dB. Was, wenn’s stimmt, natürlich eine andere Welt ist. Tom Evans verspricht sich hiervon einen großen Gewinn an Auflösung und an Durchlässigkeit für mikrodynamische Details, insbesondere bei leisen Signalen, die sonst vom „Verzerrungsteppich“ überdeckt würden.
Ausgangsseitig setzt Evans auf die klassische EL84-Röhre. Dabei verschaltet er pro Kanal vier dieser Leistungspentoden parallel – die Verstärkung erfolgt also in Class-A, single-ended –, und da die Röhren im Ultralinear-Betrieb laufen, würden Ausgangsimpedanz und Verzerrungen noch einmal erheblich reduziert. Dieses Röhren-Quartett soll sich wie eine Single-Ended-Triode verhalten, allerdings mehr Leistung bereitstellen (2 x 25 Watt an 8 Ohm) und die Frequenzextreme besser bedienen können. Jede Röhre werde individuell von einer speziellen, hochpräzisen Auto-Bias-Schaltung mit der korrekten Vorspannung versorgt, so Evans weiter.
Ausgangsübertrager und Netztrafo des Tom Evans Linear A sind ebenfalls keine Standardware, sondern individuell für ihren Job gefertigt – praktischerweise logiert der Freund und Geschäftspartner, von dem Evans seine „Umspanner“ bezieht, im gleichen Gebäude, das macht die Wege kurz und den Austausch leicht.

Der 225-VA-Netztrafo besitzt zwei Abgriffe, einen für die Hochspannung der Röhrenschaltung, einen zweiten zur Versorgung der Röhrenheizungen sowie der sogenannten „Lithos“-Module. Dies sind proprietäre Spannungsregler, eine Entwicklung von Tom Evans, die sich gegenüber konventionellen Reglern durch ein „höheres Tempo“, das Transienten der Musik nicht ausbremse, und deutlich geringere Verzerrungs- und Rauschwerte auszeichne; Evans betont hier wiederum die sich daraus ergebenden Vorteile bei der Reproduktion von Low-level-Signalen. Die Lithos-Regler versorgen Eingangs- und Treiberstufe sowie die Auto-Bias-Schaltung des Linear-A-Amps.

Übrigens: Wir haben es bei unserem Testmuster mit der MK3-Version des Tom Evans Linear A zu tun. Im Vergleich zu den Vorgängermodellen sind in ihr höherwertige ICs im Eingangsbereich am Start, die Siebkapazitäten wurde ausgebaut und in der Stromversorgung arbeiten nun die aufwendigeren, aktuellen Lithos-7.5A-Module. Zudem besitzt der Linear A jetzt einen interessanten Drehregler zwischen seinen Kupfer-Lautsprecherklemmen: Mit dem lässt sich die globale Gegenkopplung zwischen 0 und 3 dB justieren, wobei Zero-Feedback der Standardwert sei, bisweilen, je nach Lautsprecher, aber auch andere Werte Sinn ergeben könnten. Interessant! Logisch, dass ich da zunächst einmal mit diesem Gegenkopplungs-Regler experimentiert habe.
Tom Evans Linear A: Hörtest und Vergleiche
Erste Erkenntnis der Experimente: Natürlich wird es leiser, wenn man das Feedback „reindreht“, also muss man die Lautstärke nachjustieren. Zweitens: Sooo riesig sind die Unterschiede auch nicht. Drittens: Schlussendlich bin ich doch wieder bei Zero-Feedback gelandet. Warum?

Darum: Mit höherer Gegenkopplung wirkt der Bassbereich zwar etwas straffer und schlanker, aber ob das wirklich ein Gewinn ist, liegt wohl tatsächlich sehr am Lautsprecher, den man anzutreiben gedenkt. Im Zusammenspiel mit meiner Acapella High BassoNobile ist es auch ohne Über-alles-Gegenkopplung hinreichend straff, insofern bin ich da bei der Frage mit/ohne Feedback fast leidenschaftslos. Andererseits gibt es schon ein paar Nebenwirkungen, die mit der Gegenkopplung einhergehen: Die Bühne scheint etwas kompakter gezeichnet zu werden, die Abbildung einzelner Klänge hingegen minimal präziser, andererseits wirken sie etwas weniger 3D-haft/skulptural. Zudem, und das ist das Entscheidendste, ergibt sich so nicht nur mehr „Trockenheit“ im Bass, sondern gewissermaßen auch im Mittel- und Hochton. Soll heißen: Die besondere Stärke des Tom Evans – diese Feinzeichnung im Obertonbereich, die auch für die klangfarbliche Authentizität verantwortlich ist – bekommt leichte Abzüge in der B-Note. Es klingt dann zwar alles noch sehr gut, vergleichsweise aber eben doch etwas prosaischer, so als könnten die Töne nicht mehr ganz so frei schwingen wie zuvor. Man höre sich eine gut eingefangene Akustikgitarre an, dann werden die Unterschiede schnell klar. Im Weiteren habe ich ohne Gegenkopplung gehört.
Klischeevermeider
Sie suchen einen Röhrenverstärker, damit es auch tonal so heimelig glimmt wie die Endröhren zu abendlicher Stunde im Hörzimmer? Dann suchen Sie besser woanders. Weder bekommen Sie die Röhren des Tom Evans Linear A zu Gesicht noch kümmert er sich soundseitig groß um Röhrenklischees. Und das ist gut so – zumindest, wenn Sie mich fragen.
Ja, tatsächlich ist dieser Tom-Evans-Amp ziemlich neutral unterwegs. Bei Vergleichen mit anderen Angeboten fallen mir schnell deren Abweichungen auf: Der schicke Rega Solis (8.449 Euro) war jüngst zusammen mit der passenden Vorstufe zu Gast und gab einen kräftigeren Bass sowie mildere Präsenzen und Superhochtonlagen zum Besten. Der Ultrafide U500DC (6.000 Euro) dagegen mag „oben und unten“ ähnlich wie die Rega-Endstufe musizieren, legt in den oberen Mitten aber eher ein Jota drauf statt wie diese etwas abzumildern – oder eben schlicht linear durchzuziehen, wie die Tom-Evans-Endstufe das macht. Und der Tonfall meiner dreimal teureren Electrocompaniet AW-800-Endstufe ist ebenfalls ein anderer – hier gibt’s mehr Power im Bass, insbesondere ganz unten rum, man darf sogar von einer Mini-Betonung reden. Es mag absurd erscheinen, aber tatsächlich fallen mir ausgerechnet Soulution-Verstärker (wie der 330 INT, seinerzeit 17.000 Euro) ein, wenn ich einen ähnlich klaren Reine-Lehre-Ansatz dem Tonalen gegenüber herbeizitieren soll. Schon lustig für eine Röhre, oder?

Okay, die Aussage muss ich gleich wieder etwas relativieren. Nach obenraus, Richtung Airband, kann ich tatsächlich keinen Abfall feststellen, was ich erstaunlich finde. Geht es gen echten Tiefbass, wird es naturgemäß dann aber irgendwann mal dünner als das, was der Schweizer Vollverstärker abliefern kann – und der betont hier nicht, sondern gibt sich neutral. Gleichwohl: Es ist sehr erstaunlich, wie tief man mit diesen „lächerlichen“ 25 Watt hinunterhören kann, zumindest dann, wenn man große Lautsprecher besitzt, die etwas Kennschalldruck und einen passablen Impedanzverlauf besitzen. Meiner Meinung nach liegt es auch daran, dass sich der Linear A ein Oberbassbäuchlein verkneift, mit dem man gerne mal Substanz simuliert – und dafür den Blick nach „ganz unten“ verstellt.
Weil ich’s „albern“ fand, wie komplett der Verstärker rüberkommt, habe ich die fiesen Sachen rausgesucht, um ihn in die Ecke zu treiben – was mich zu Um- und Abwegen über Burnt-Friedman-Electronica schließlich zu Agnostic-Front-Klamotten aus den Achtzigern führte. Doch sogar damit kippt er nicht um, nie wirkt’s zu blutarm. Natürlich gibt es viele Verstärker, die hier mehr und saftiger austeilen, logisch. Doch selbst, wenn ab einem gewissen Pegel die Tiefton-Quantität des Tom Evans ein wenig nachlässt, so versteht er sich doch darauf, das mit seiner besonderen Qualität wiedergutzumachen. Jetzt kommt der nächste schräge Vergleich: Ein wenig verhält es sich mit dem Linear A nämlich so wie mit Lautsprechern mit großen Basstreibern. Die kommen oft gar nicht so bullig rüber wie sie aussehen, im Gegenteil, und supertief runter gehen sie häufig ebenfalls nicht. Doch meist gibt es da diese federnde, lässig-selbstverständliche Ansprache, Bassimpulse kommen super-locker rüber, nie wirkt es wie Arbeit, wie Reproduktion – sondern nach dem echten Stoff (vulgo: liveartig). Und ja, ein bisschen was davon hat der Tom Evans. Er folgt dem Bass-Signal leichtfüßig und unmittelbar, verschluckt sich nicht mal bei New-York-Hardcore, und „Masse“ wird immer so hinreichend zugeführt, dass es in Summe ausgeglichen, wenngleich nicht stämmig/sonor, sondern minimal leichter rüberkommt. (Logisch: Um diese „federnde Qualität“ zu erleben, braucht‘s auch den richtigen Lautsprecher, die Linear A macht aus einer kleinen Kompakten keine 15-Zöller-Simulation, das versteht sich hoffentlich von selbst. Im Vergleich mit anderen Amps am gleichen Lautsprecher fällt mir besagte Qualität aber auf.)
Dynamik und Auflösung
Damit sind wir schon beim Thema Dynamik gelandet, einer klaren Stärke des Tom Evans Linear A. Wobei man unterscheiden muss. Grobdynamisch ist es absolut erstaunlich, was die Endstufe angesichts ihres Konzepts bewerkstelligt, auch wenn es richtig ist, dass man natürlich mehr „Slam“ bekommen kann, wenn man will. Die genannten Rega- und Ultrafide-Endstufen wäre da so Kandidaten, die insbesondere bei Musik mit großem (Tief-)Bassanteil ihre Stärke ausspielen und eine größere Range an fordernden Lautsprecherlasten bedienen können. Trotzdem bin ich begeistert und überrascht, wie substanziell, nachdrücklich und unmittelbar mir der mit Donnergrummeln eingeleitete Chorus („Mary Anne’s a bitch“) von Regina Spektors „Sailor Song“ entgegenschallert, und das auch bei deutlich angehobenen Pegel.

Doch einerlei – was noch deutlicher herausragt, sind die feindynamischen Finessen im Mittenband. Also da, wo’s drauf ankommt. Klavieranschläge, Saitenanrisse, Beckenspiel und Stimmen, mein Gott: Stimmen! Es ist doch immer wieder erstaunlich, was es ausmacht, wenn noch kleinste Schwebungen und scheinbare Nebensächlichkeiten transportiert werden. Das hat nichts mit wärmer oder heller zu tun, sondern vielmehr mit dem Gefühl, filterloser zuhören zu können. Worauf auch das generell hohe Auflösungsvermögen einzahlt; der Tom Evans bietet hier klar mehr als die beiden genannten, freilich auch günstigeren, „UK-Amps“ aus dem Transistorlager (Rega/Ultrafide). Der Linear A schlägt sich sehr gut für seine Klasse.
Und so zieht mich der Tom Evans quasi magnetisch zu „handgemachter“ Musik, in der akustische Instrumente und Gesang die wesentlichen Rolle spielen, von Regina Spektor zu Sufjan Stevens zu This is the Kit, die mit „Magic Spell“ einen geradezu programmatischen Songtitel beisteuern. Ich hänge regelrecht an den Lippen von Kate Stables – nicht, weil sie nun so ausnehmend wunderschön singen würde, sondern weil’s völlig authentisch klingt. Vielleicht war das wirklich ein smarter Move von Evans, in der Eingangssektion seines Endverstärkers für maximale Ruhe zu sorgen, damit nichts unter den Noise-Teppich gekehrt wird. Und apropos „nichts“: Ich höre wirklich nix, wenn kein Signal anliegt, selbst wenn ich mit dem Ohr direkt vorm Horn meiner Acapella klebe. Da geben manche Transistorverstärker mehr Störgeräusch ab als dieser Tom Evans. Schon seltsam.
Raum
Frank Zappas letztes Album The Yellow Shark landet oft bei mir in der Playlist, nicht zuletzt deshalb, weil man mit ihm das Gros aller Klangkriterien abchecken kann – die Besetzung des Ensemble Modern ist vielfältig, ganz unterschiedliche Instrumente sind zu hören und sie decken so gut wie das gesamte Frequenzspektrum ab; Dynamik und Raumdarstellung der Aufnahme sind ebenfalls vortrefflich.
Was fällt mir mit dem Tom Evans Linear A dabei auf? Zunächst einmal das, was oben anklang – erstaunlich, was mit diesem Konzept auch grobdynamisch geht. Doch bei Tutti und/oder vehementem Paukeneinsatz sind die Grenzen erkennbar, da braucht’s dann eben doch noch mehr Leistung, zumindest, wenn man laut hören möchte. Tom Evans wird da wahrscheinlich lächelnd auf seine viermal kräftigeren Monoendstufen verweisen.

Die Raumdimensionen möchte ich mit „normal, aber anmachend“ beschreiben. Das Panorama reicht meist bis zu den äußeren Boxenkanten, mit den richtigen Aufnahmen ein wenig darüber hinaus, aber ich habe auch schon üppigere Soundlandschaften vor mir gehabt. Ähnlich verhält sich das mit der Tiefe – klar ausgeprägt, gut abgestuft, aber Grand-Canyon-Assoziationen bleiben aus, da geht noch mehr. Also rechtschaffen normal fürs Geld – doch der Linear A geht gerne mal nach vorne mit der Bühne; nein, nicht nassforsch, auch nicht so deutlich wie die Rega-Kombi jüngst, aber ein bisschen halt schon, und mit gut eingefangenen Stimmen noch ein bisschen mehr. Man wird involviert, wenn auch nicht gleich umspült.

Interessant ist dabei die Art der Abbildung einzelner Stimmen und Instrumente. Da ist nämlich durchaus so etwas wie „Bloom“ auszumachen, also diese Art von „Aura“ ums jeweilige Instrument herum – aber nicht so exzessiv wie mit mancher 300B-Konstruktion, die sich dreieinhalb Watt aus der Anode schwitzt, aber „begehbare“ Stimmen auf die Bühne stellen. Das Ganze ist eher so, als hätte sich ein Studiomann mal intensiver mit SET-Amps auseinandergesetzt, deren Charme erkannt, und dann beschlossen, selbst einen zu entwickeln – aber halt nach eigenen Vorstellungen. Der Linear A zeichnet die Klänge etwas üppiger und immer ist da diese Art von organisch-plastischer Einbettung, die den Unterschied macht zwischen reißbrettartig-präzise, aber irgendwie nackt und trocken – und halt … naja … natürlich wirkend. Sie merken schon: etwas schwierig zu beschreiben. Aber wunderbar zu erleben. Das hier sind Klänge aus Fleisch und Blut, keine Schattenrisse.
PREMIUM-HÄNDLER, die Tom Evans führen
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