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VPI Scout – Technik und Handling

Inhaltsverzeichnis

  1. 2 VPI Scout - Technik und Handling

Drei Neuigkeiten weist der VPI Scout auf – sie betreffen die Tonarmform, die Einstellung der Auflagekraft und die Motorsteuerung.

VPI Scout - JMW 9 Arm von vorn

Das Tonarmrohr war bis vor einem Jahr noch gerade, der Durchmesser beim Headshell entsprach also dem in Lagernähe. Zwei Rohre wurden ineinander geschoben und bedämpft. Nun ist das Rohr (und es ist nur noch eines) konisch, beim Headshell lassen sich 10,5mm messen, beim Lager 12,5mm. Diese Maßnahme soll mögliche Resonanzen und stehende Wellen besser unterdrücken; zum gleichen Zweck wurde auch die Rohrbedämpfung überarbeitet.

Der JMW 9 besitzt ein Gegengewicht, welches recht „tief hängt“ und so den Schwerpunkt der Konstruktion tendenziell nach unten verlagert. Die Fixierung erfolgt über eine kleine Inbusschraube.

VPI Scout - Lager udn gegengewicht des JMW 9 Tonarms

So weit, so schön. Aber auch fummelig. Wer darauf insistiert, die Auflagekraft aufs Zentelgramm treffen zu wollen – und so bin ich manchmal -, gerät ins Schwitzen, denn allein ein etwas zu unvorsichtiges Anziehen des Fixierungsschräubchens kann das Ergebnis ruinieren. Hinzu kommt beim VPI-Arm, dass das Gewicht ja eine exzentrische Bohrung aufweist und wenn man nicht aufpasst, hängt’s nicht lotrecht runter, was bei einem Einpunktler die Azimuteinstellung beeinflusst. Schön daher die sehr simple, aber effektive Idee, dem Tonarm hinten eine Gewindebohrung und für diese eine kleine Madenschraube von gut drei Gramm zu verpassen.

Kleines Gegengewicht in Form einer Madenschraube beim VPI Tonarm

Schraubt man sie weiter hinein, nimmt die Auflagekraft zu – und umgekehrt. Der Regelungsbereich beträgt ungefähr +/-0,2 Gramm, man sollte also schon vorher gut zielen sowie den Überhang und den Azimutwinkel eingestellt haben. Die Feineinstellung kann aber abschließend mit dem Schräubchen erfolgen, was die Sache sehr vereinfacht. Doch was heißt schon „abschließend“ – ist eine Justage je abgeschlossen …? Wird beispielsweise der VTA geändert – eventuell experimentieren Sie damit häufiger? – und mit ihm automatisch auch die Auflagekraft, so lässt sich diese prima wieder durch das „kleine“ Gegengewicht auf den korrekten Wert einstellen. Man umgeht also das Risiko, durchs Hantieren am großen die Einstellung zu zerschießen – eine praktische Lösung für analoge Spielernaturen.

VPI Scout - Motor I

Neuerung Nummer 3: Die Motorsteuerung, wenn man sie so nennen will. Der 24-polige AC-Synchronmotor vom Hersteller Hurst hängt direkt an der Netzfrequenz, oder zumindest ziemlich direkt. Vormals fand sich in der schwarzen Stahl-Motordose ein Kondensator zwischen Kaltgerätekupplung und Motor, nun befinden sich dort derer zwei (zudem höher selektierte, so VPI) und ein zusätzlicher Widerstand. Eine übersichtliche, aber durchaus übliche Steuerung.

VPI Scout - Motor II

Der mit dieser Veränderung beabsichtigte Effekt liegt darin, das Drehmoment (siehe Wikipedia) des Motors zu senken, um damit gleichzeitig das Polrucken – beständige Quelle von kleinen Beschleunigungs- und Bremsphasen beim Antrieb – zu reduzieren. Aber keine Bange: Die Hochdreh-Zeit ist weiterhin nach ein paar Sekunden um, sooo schwer ist der Teller nicht. Wer sich eine avantgardistischere Motorsteuerung aus dem gleichen Hause gönnen will, greift zum SDS-Modul für 1.450 Euro, aber das wäre vielleicht doch etwas heftig upgegradet.

Ansonsten vertraut man beim VPI Scout auf das bisher bewährte Grundrezept:

Die Zarge besteht aus einer drei Zentimeter starken MDF-Platte, an welche von unten zwecks Resonanzenminimierung vollflächig eine Stahlplatte geschraubt wurde.

VPI Scout - die Zarge von unten

Sie steht auf vier Kegelfüßen, die, da sie oben eine Schaumstofflage aufweisen, in gewissem Rahmen vibratonsdämpfend wirken. Zu beachten ist, dass man die Stellfläche für den Scout absolut plan aufstellen sollte, zumindest dann, wenn man den vorgenannten Dämpfungseffekt behalten möchte: Wer mittels der VPI-Füßchen das Laufwerk ins Lot zu bringen versucht, der verliert nach zwei Millimeter Herausdrehen den Kontakt zum Schaumstoff.

VPI Scout - Kegelfuß

Die Stahlachse des Lagers ist fest mit der Zarge verbunden – sie trifft auf eine Lagerbuchse mit Teflonspiegel, welche im 3,5cm starken Acrylplattenteller steckt. Es handelt sich also um ein invertiertes Lager, eine Bauform, die inzwischen häufig anzutreffen ist und deren Verfechter mit einer vorgeblich geringeren Taumelneigung als sie bei „normalen“ Lagern der Fall sei argumentieren.

VPI Scout - Das Plattentellerlager

Ein Highlight des VPI Scout ist natürlich der schon erwähnte Arm. Dass es sich beim JMW 9 um einen einpunktgelagerten Tonarm handelt, muss man wohl kaum erwähnen – wie sollte es anders bei VPI möglich sein? Der Vorteil gegenüber einer kardanischen Aufhängung mit vier Lagerpunkten wird in der wesentlich geringeren Lagerreibung gesehen – ein verdammt spitzer Lagerdorn trifft auf eine Lagerpfanne. Was soll da reiben?

VPI JMW 9 Tonarm - Das Lager

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten: Ein Einpunktler kann sich nicht nur rein vertikal und horizontal bewegen, sondern eben auch lateral, sprich, die Geschichte neigt prinzipbedingt zum seitlichen Rumgekippel. Die Kunst besteht darin, einen möglichst taumelfreien Einpunktarm zu konstruieren. Hierzu sollte der Schwerpunkt des Arms möglichst tief sitzen, da dies für eine höhere Stabilität sorgt. Zudem finden bei VPI-Tonarmen typischerweise auch seitliche Auslegergewichte Verwendung, welche für eine erhöhte laterale Masseträgheit sorgen, was die seitliche Taumelneigung ebenfalls reduziert.

VPI JMW 9 im Detail

Ungeachtet der konstruktiven Finessen des VPI JMW 9 Tonarms – und deren hoffentlich segensreichen Auswirkungen – ist er aber auch einfach mal praktisch. Beispiele …

1. Die kleine Madenschraube für die Auflagekraftfeinjustage hatte ich schon erwähnt. Gutes Ding.

2. Der Ring, an dem sich die seitlichen Ausleger befinden, lässt sich drehen – schwergängig und präzise. So kann der korrekte Azimut eingestellt werden.

3. Kleinigkeit, aber trotzdem: In der Mitte der „Lagerhaube“ befindet sich eine Bohrung mit präzisem Lagermittelpunkt – wer solche Einstelllehren verwendet, weiß es wirklich zu schätzen, dass er nicht schätzen muss, wo die Mitte ist:

VPI Scout mit Einstelllehre

4. Ich liebe diese kleine Nut für Bleistiftminen im Headshell!

VPI Scout - Headshell im Detail

5. Eigentlich eine Banalität: Vor der VTA-Rändelschraube steht keine blöde Schraube oder was anderes im Weg herum wie zum Beispiel bei meinem SME 12-Zöller. Man kann sie also frei zugänglich bedienen – so wie es sein soll. Und natürlich sorgt eine Nut im Tonarmschaft dafür, dass sich der Arm nicht mit dreht, wenn der vertikale Abtastwinkel eingestellt wird – auch das habe ich schon mal anders erlebt.

VPI Scout - VTA verstellen leicht gemacht ...

6. Dass man mit der Torsion der Tonarmverdrahtung das Anti-Skating einstellen kann, ist zwar eine originelle Idee – de facto habe ich mich damit aber zurückgehalten. Doch dass der komplette Arm von der Basis genommen und gegen einen zweiten – mit fertig justiertem System! – in Sekundenschnelle ausgetauscht werden kann, ist der Traum eines jeden, der unterschiedliche Pickups ausloten möchte, wie das bei Testredakteuren schon mal der Fall sein kann. Umso unverständlicher meine völlige geistige Umnachtung, keinen zweiten geordert zu haben … Bei 700 Euro liegt ein Austauscharm.

Für sich allein betrachtet, scheint jeder Punkt recht unbedeutend zu sein – nach einem guten Dutzend Systemjustagen kann ich aber sagen, dass sich dies alles zu einer beispielhaften Benutzerfreundlichkeit aufsummiert. Der Arm lässt sich sehr leicht einstellen, ohne unnötige Fummeleien (außer ein wenig am Gegengewicht), ohne nervende Hindernisse. Das mag ich ja an den Amis – die denken auch mal an den, der es bedienen muss. Finish und Verarbeitung des JMW 9 sind zudem erstklassig. Warum sich der Halterungsring nicht perfekt um das Rohr schmiegt, bleibt allerdings (m)eine offene Frage …

VPI JMW 9 Tonarm

Ach ja, die Plattentellerklemme habe ich noch gar nicht erwähnt. Es ist kein schweres Ding aus Metall, sondern ein leichtes aus Plastik – entsprechend wird sie auch aufgeschraubt, ihr Eigengewicht allein kann nichts bewirken. Hierzu wird zunächst eine 2 Euro-große, gelochte Gummischeibe auf den Dorn geschoben, so dass die Schallplatte circa 1mm über dem Teller schwebt – und dann festgezurrt.

VPI Scout Plattenklemme

Die Klemme ist unten konkav ausgeführt und erreicht so auch bei verwelltem Vinyl einen ziemlich guten Kontakt zum Teller. Keine revolutionär neue Erfindung, aber eine wirksame. Also flugs das mir wohlbekannte Ortofon MC Rondo unter den Huf geschnallt, Paul Simons Graceland, Track Graceland, aufgelegt, die Platte „geklemmt“ und gestartet …

Test: VPI Scout | Plattenspieler

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