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T.A.C.s große Röhre: Räumliches und Tonales

Inhaltsverzeichnis

  1. 4 T.A.C.s große Röhre: Räumliches und Tonales

Die Räumlichkeit, die der T.A.C. bietet, ist exzellent. Sowohl bei kleinen Jazz-Besetzungen, etwa Lisa Bassenge Trio, A Sigh, A Song als auch bei großer Klassik – ich habe mich sogar mal wieder an Mahler herangewagt (Mahler Symphony No. 3 mit Anna Larsson und den Berliner Philharmonikern unter Claudio Abbado) – macht der Amp gerne die große Bühne auf, ohne aber die einzelnen Instrumente, Instrumentengruppen oder Sänger aufzublähen. Im Gegenteil: Der T.A.C. schafft es, allen am musikalischen Geschehen Beteiligten klare räumliche Konturen zu verleihen, ohne das Gesamtbild zu zergliedern. Allerdings vereinnahmt er den Hörer dabei gern. Gemütlich in der fünften Reihe sitzen ist nicht. Mit dem T.A.C. sitzen Sie ganz vorn, den Blicken der Musiker ausgeliefert. Sie sollten also nicht in der Nase bohren. Die Gefahr, dass Sie anfangen zu gähnen, besteht dafür nicht so schnell. Und emotionale Reaktionen sind erlaubt, vielleicht sogar willkommen.

T.A.C. V-88

Wobei der Büheneindruck natürlich wesentlich von der Aufnahme abhängt. Der T.A.C. „macht“ keine Räumlichkeit. Bei einer Aufnahme des Oscar Peterson Trios, 1961 im Kölner Gürzenich (Jazzline N 77004), hat der WDR sein damals bestes Aufnahme-Equipment verwendet. Die Dynamik und Feinzeichnung der Aufnahme lassen daran keinen Zweifel. Allerdings ist es eine Live-Einspielung ohne die heute üblichen Stützmikrofone. Entsprechend klingt das Klavier im Vordergrund deutlich präsenter als etwa das weiter hinten stehende Schlagzeug, bei dem der indirekte Schallanteil überwiegt. Trotzdem ist es eine atmosphärisch unglaublich dichte Aufnahme, die vielleicht mehr Live-Charakter besitzt als manch moderne Aufnahmetechnik sie bietet. Dazu tragen nicht zuletzt die eingefangenen Publikumsgeräusche sowie das Vor-sich-hin-Brabbeln, mit dem Oscar Peterson sein Spiel begleitet, bei. Und all das bringt der Verstärker so klar rüber, dass man meint, live zugegen zu sein.

Der T.A.C. V-88 von hinten

Räumlichkeit, Rhythmus und Feinzeichnung liegen beim T.A.C. also auf hohem Niveau. Und wie sieht es mit den einzelnen Frequenzbereichen aus? Vorweg: Tonal – also was das Verhältnis beziehungsweise die Quantität der einzelnen Frequenzbereiche zueinander betrifft – ist der T.A.C. schlicht neutral. Er spielt nicht hell und nicht dunkel. Bemerkenswerter ist vielmehr die Qualität, mit der der Amp die einzelnen Frequenzbereiche wiedergibt.

Im Bassbereich geht es einfach nur ab. Ich habe den Eindruck, dass der T.A.C. den Wiedergabebereich meiner Geithains hier um mindestens eine Oktave nach unten erweitert. Wobei ich keine knallharte Kontrolle der Bassmembranen höre. Will ich aber auch gar nicht. Viel lieber höre ich bei dem Dinah-Washington-Klassiker „What a Difference a Day Makes“ auf dem Album This One’S For Dinah von China Moses und Raphael Lemmonier den Bass präzise im Raum stehen. Und das meine ich genau so. Bei geschlossenen Augen denke ich, ich kann aufstehen und um das Instrument und seinen Musiker herumgehen. Selbst das Mitschwingen des Bodens scheint einen konkreten Ausgangspunkt zu haben. Ich höre die Saiten schnalzen und den Beitrag des Resonanzkörpers dazu. So hört sich ein Bass an. Aber es klingt nicht nach einer „perfekt kontrollierten“ Lautsprechermembran. Wenn Sie jetzt unbedingt „mangelnder Dämpfungsfaktor“ sagen – bitte. Ich sage: „Musik! Und wie!“

T.A.C. V-88 - Eingangsrelais

Gut, ich gebe zu: Die explosiven Synthie-Bassattacken auf Madonnas Album American Live habe ich über andere Verstärker schon härter gehört. Über den T.A.C. fällt mir aber auf, dass sie gar nicht so tief hinunterreichen sondern viel „Show” machen, und sich eher im oberen Bassbereich abspielen. Hier gibt es im Vergleich sicher trockener aufspielende Verstärker. Bei Musik, die vom Bass lebt, etwa bei „Where in the World“ von The Notwist auf dem Album The Devil, You + Me, gibt‘s aber nichts zu bekritteln. Es ist beeindruckend, wie viele Details auch in den tiefen Tönen stecken. Trotz des massiven Auftritts versinkt nichts in einem undifferenzierten Gegrummel.

In den Mitten fällt als erstes die unglaubliche Detailfülle auf, die der T.A.C. bietet. Dabei versteht er es, alle musikalischen Informationen einerseits fein zu differenzieren, andererseits die Zusammenhänge zu erhalten. Besonders deutlich wird so etwas beispielsweise bei Chören. Egal, ob ich nun Sister Act, „Hail Holy Lautsprecherterminal des T.A.C. V-88Queen“ höre oder Rossinis Petite Messe Solennelle als Kunstkopf-Aufnahme von Tacet, der T.A.C. vermittelt mir die Charakteristika der einzelnen Stimmen und die Position der Solisten exakt. Nie ist unklar, wer singt – stets lässt sich unterscheiden, welches Merkmal zu welchem Sänger gehört.

Überhaupt ist die Eindringlichkeit, mit der der V-88 Stimmen zu transportieren weiß, phänomenal. Dazu kommen eine Dynamik und Ansatzlosigkeit, die ich – das ist jetzt kein Klischee, sondern meine Hörerfahrung – in dieser Form nur von exzellenten Röhrenverstärkern kenne. Genauso souverän weiß der T.A.C. aber auch mit Instrumenten und ihren Klangfarben umzugehen. Seien es nun feinste Nuancen von Klavieranschlägen oder der subtilste Ausdruck eines Streichinstruments – er patzt nicht. Und doch: Selbst abgenudelte 1980er- und 90er-Discosounds lässt er so wunderbar grooven, dass ich spontan Party machen möchte.

Röhren des

Der Hochtonbereich ist ebenfalls untadelig. Luftig, schnell und wunderbar durchgezeichnet passt er hervorragend zum Gesamtbild des Verstärkers. Auch hier schafft der T.A.C. einen seltenen Spagat: Die oberen Oktaven sind fein aufgelöst, präsent, aber niemals scharf. Patricia Barber zischelt auf Modern Cool ein wenig vor sich hin, wird aber nicht nervig.

Test: T.A.C. V-88 | Vollverstärker

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