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Naim Ovator – die Message

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  1. 4 Naim Ovator - die Message

That‘s not everybody’s darling. Das gleich mal vorab. Die Naim Ovator S-600 spielt deutlich anders, so deutlich, dass es Absicht sein muss, wie mir nach zehn Minuten dämmerte. Für mich hat diese Naim-Box eine Art „Message“, ein übergreifendes Thema, und wollte man dies auf ein Wort verkürzen, dann: Rhythmik! Ja, mit Ausrufezeichen.

Naim Ovator S600

Allerdings sind neben der Message auch ein paar klangliche Nebenwirkungen oder anders: Perspektivverschiebungen festzustellen. Ziehe ich mir also zunächst mal den Hut des neutral-distanzierten audiophilen Chronisten auf und setze zu ein paar kleinen, bisweilen kritischen Notizen an. Warum ich (trotzdem oder deshalb) so viel Spaß mit der Naim hatte, muss ich im Anschluss klären.

Um mit der Tonalität zu beginnen: Die Ovator ist hinreichend tiefbassfest – ein Lautsprecher dieser Größe und dieses Preises könnte aber rein quantitativ betrachtet mehr bringen, auch wenn das keiner ernsthaft braucht. Eher schade ist es da schon, dass man im untersten Subbereich ein wenig im Ungefähren tappt, was aber noch nicht mal daran liegt, dass es hier zu leise ist, sondern an dem, was in den zwei Oktaven darüber abgeht. Denn was hier von den mittleren Basslagen bis in den Grundtonbereich hinein geboten wird, ist verdammt kräftig – ja, das ist eine ausgewachsene Betonung. Und die verstellt mir etwas die Sicht nach ganz unten.

Irrtierender Weise verstellt sie mir aber nicht die Sicht nach oben. Natürlich: Die stimmlichen Lagen insbesondere von Männern wirken durchaus sonor und kräftig und auch die Damen schilpen nicht ätherisch durch den Raum, sondern haben ihr Volumen. Aber ausnehmend warm im Sinne von satt-gefällig oder gar weichlich-verhangen werden die Mitten nicht präsentiert – im Gegenteil, der Vortrag besitzt etwas dezidiert knackiges, das ist fast schon crisp zu nennen. Eine ungewöhnliche Kombination ist das: erdig & crisp – im Rückschluss spricht dies für Qualität des quantitativ geboosteten Bassbereichs. Denn derartiges Muskelspiel ohne Verdeckungseffekte in den höheren Lagen zu provozieren muss man erstmal hinkriegen. Wie schaffen die Briten das?

Wir erinnern uns: Schließt man ein Lautsprechergehäuse, nimmt dies (ganz unten) etwas Wirkungsgrad weg, allerdings erreicht man so eine stabile Dämpfung des Chassis in seinem Arbeitsbereich – dies tut der Impulstreue gut und insbesondere droht natürlich kein Bassreflex-Geschwabbel mehr. Es könnte gut sein, dass das eine der „schnellsten“ Bassbetonungen ist, die ich bis dato bei einem Lautsprecher hörte. Es macht das Ganze zu einer völlig anderen Geschichte, als wäre der gleiche Pegel mit einer Bassreflex-Konstruktion realisiert worden. Hier wird die Auspolsterung der unteren Lagen nicht zur Erzeugung einer (tonal) romantischen Schaukelstuhlstimmung verwendet, sondern steht im Dienste der oben apostrophierten Message – sie sorgt für zusätzlichen Drive. Und das man damit en passant ein erdiges Klangbild erreicht, dagegen wehrt man sich nicht …

Gleichwohl: Auf einer neutralen Linie liegt der Bassbereich nicht. Im Gegensatz zu dem, was man über das Regiment des BMR-Treibers sagen kann. In den sechs bis sieben Oktaven, die er beackert, drängelt sich kein Frequenzbereiche ungebührlich vor beziehungsweise bleibt keiner zurück. Zudem tönt es sehr geschlossen und miteinander verknüpft – so gehört sich das für einen guten Breitbänder auch.

BMR-Chassis von Naim Audio

Spontan vermutete ich, dass die Ovator dann und wann einen leicht präsenten Zug zeigt, doch nach längerem Hören muss ich das revidieren. Der falsche Ersteindruck kam wohl zustande, weil ich Musik mit recht viel Percussion hörte – und insbesondere dann, wenn der Schlegel auf Metall trifft, verabreicht die Naim Energie. Das Anschlagsmoment bei Becken klingt deutlicher, kräftiger als die „übliche highfidele Reproduktion“. Es könnte gut sein, das die Ovator damit tatsächlich ein Stück näher bei der Realität liegt, wie auch immer wir die definieren wollen.

Vielleicht so: Sie sitzen in einem mittelgroßen Club circa fünf-sechs Meter entfernt vom Drumset, und der Mann dahinter bearbeitet die Metallabteilung. Sie fragen sich, ob das bei Ihnen daheim wohl auch so klingt, gehen zum Ausgang, nehmen eine Band-CD mit, und fahren nach Hause. Wo Sie entdecken müssen, dass ihre 19 mm-Kalotte, die so „seidig“ spielt, in Sachen dynamischer Reproduktion eines Beckens eher ein schlechter Scherz ist … Der Unterschied kann wirklich frappierend sein.

Naim Ovator

Ich bin durchaus der Meinung, dass es einen Zusammenhang zwischen der Größe einer Membranfläche und des Eindrucks der Unmittelbarkeit eines Schallereignisses gibt – auch in den höheren Lagen. Jedenfalls klingen große Flächenstrahler und horngeladenen Hochtöner – bisweilen auch Mitteltöner, die bis 4 kHz oder so hinauf spielen – bei Percussion häufig energetischer und durchsetzungsfähiger. Und in diese Richtung geht es mit Naims BMR-Chassis auch. Daher glaubte ich anfänglich, es mit einer Präsenz-Betonung zu tun zu haben. Doch die Gegenprobe mittels hoher Frauenstimmen und quitschig-jaulender E-Gitarren lehrte mich eines Besseren – denn dergleichen klang nun eben nicht frontaler als die restliche Bühnenabbildung und auch nicht schrill, spitz oder zischelig. Während transiente Klänge in diesem Bereich kräftiger dargestellt werden.

Ovator

Um die tonale Diskussion abzuschließen: Nach ganz oben hinaus Richtung Superhochton marschiert die Ovator stur geradeaus weiter – sie rundet nicht ab und sie rundet nicht auf. Dem audiophilen Feingeist mögen vielleicht nicht gleich Begriffe wie Luftigkeit, seidiger Schimmer, Aura oder ähnliches durch den Kopf gehen – Glanz und Strahlkraft sind aber vorhanden.

Test: Naim Ovator S-600 | Standlautsprecher

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