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Klangliches zum Studiohorn 2-60 (1. Teil)

Inhaltsverzeichnis

  1. 3 Klangliches zum Studiohorn 2-60 (1. Teil)

Zuerst höre ich mir die Studiohörner 2-60 pur, also ohne den Aufsatz-Superhochtöner TW-1 (500 Euro/Paar) an. Denn ganz ehrlich: Ich bin kein Freund von Produkten, bei denen man schon beim Kauf immer gleich die nächste Ausbaustufe im Auge haben muss. Das hat bei mir nämlich schnell den Effekt, dass ich mich über die Investition gar nicht so richtig freuen kann, weil ich immer denke, dass noch etwas zum vollständigen Glück fehlt. Wir werden sehen, ob das im Falle des TW-1 wirklich so ist.

Expolinear-Studiohorn im Hörzimmer
Expolinear-Studiohorn 2-60 im Hörzimmer

Seit ich die grandiosen Hornmanufaktur Akusmatik A90 im Test hatte, bin ich bekennender Fan von Back-loaded-Basshörnern. Meinem röhrenbestückten Jadis Orchestra blacksilver kommen die 95 dB Wirkungsgrad der Studiohörner auf jeden Fall entgegen – auch wenn er eine für einen Röhrenverstärker ordentliche Leistung von 2 x 45 Watt zur Verfügung stellt. Wenn man bedenkt, dass die meisten Lautsprecher sich mit 10 dB weniger Wirkungsgrad in die Öffentlichkeit trauen (6 dB entsprechen einer Verdoppelung des effektiven Schalldrucks), ist das alles andere als von Pappe. Da wundert es mich fast, dass die EU-Bürokraten Hornlautsprecher nicht verpflichtend vorschreiben: Was hier an Energie zu sparen wäre!

Expolinear-Weiche
Expolinear-Weiche

Der Klang der Expolinear Studiohörner erinnert mich sofort an meine T-120. Er ist von Leichtigkeit und Spielfluss geprägt. Wobei „Leichtigkeit“ im Fall der Studiohörner 2-60 ganz bestimmt nicht heißt, dass es sich um musikalische Leichtgewichte handelt. Mit Leichtigkeit meine ich eine wunderbare Geschwindigkeit und Feindynamik ohne Kompressionseffekte oder störende Resonanzen, was dem musikalischen Fluss entgegen kommt. Zu der schnellen und sauberen Impulsverarbeitung tragen nicht zuletzt die schweren Steinwände bei: Hier schwingt kaum etwas mit, was Impulse verschmieren könnte. Die solide Standfestigkeit der 90 Kilo tut ihr übriges. Und so ist es nicht verwunderlich, das Perkussion und Schlagzeug über Expolinears Studiohörner ein absoluter Genuss sind. Die Schlagzeug-Einlage in Stück „Cherokee“ auf der Live at Yoshis von Dee Dee Bridgewater ist über die Expolinear-Boxen ein Erlebnis.

Was ich von den T-120 aber definitiv nicht kenne, ist ein solcher Bass. Hier setzt sich das Horn eindrucksvoll in Szene. Ich gebe zu: zunächst ein wenig zu eindrucksvoll. Back-loaded-Hörner sind im Vergleich zum rechnerischen Ideal fast immer zu klein dimensioniert. Da aber der Raum, in dem der Lautsprecher zum Einsatz kommt, das Horn ergänzen kann – Boden und Wände bilden die Verlängerung und Erweiterung des Hornmundes zur erforderlichen Größe -, stelle ich die 2-60 zunächst weiter in die Raumecken als ich es bei anderen Boxen tun würde. Das entpuppt sich als Fehler. Erst als die Studiohörner dort stehen, wo sich die meisten Lautsprecher bei mir im Raum wohlfühlen – mit circa 70 Zentimeter Abstand zu den Seitenwänden und 80 Zentimeter zur Rückwand -, stellt sich ein ausgewogener Bass ein.

China MosesMit akustischen Bässen vertragen sich die Studiohörner nun exzellent. Etwa beim Stück „What a Difference a Day makes” vom Album This One’s for Dinah von China Moses und Raphael Lemmonier. Was die Studiohörner hier selbst in den tiefsten Lagen noch an Durchzeichnung rüberbringen, lässt das Gros der Bassreflex-Boxen, die ich bisher gehört habe, ganz schön alt aussehen. Das mächtige Bassfundament überrascht mich mit einer Qualität, die ich den Lautsprechern nach den ersten, aufstellungsbedingt etwas opulenten Eindrücken nicht zugetraut hätte. Ein kleiner Quercheck mit ähnlichem Material bestätigt meinen Eindruck: Le Bang Bang/Bang Bang, lebt von der modulationsstarken Stimme der Sängerin Stefanie Boltz, die nur von Sven Faller am Kontrabass begleitet wird. Langeweile kommt dabei über die 16 Tracks der CD nicht auf, im Gegenteil. Es ist beeindruckend, was man mit einem Kontrabass so alles anstellen kann. Die Studiohörner übersehen dabei nicht die kleinste Regung des Instruments. Auch Nuancen in den tiefsten Lagen bringen sie so lebendig zur Geltung, dass das Zuhören zum Fest wird. Wow!

Expolinear Studiohorn 2-60

Beim Oscar Peterson Trio mit der 1961 im Kölner Gürzenich eingespielten Aufnahme stehen die Mitten und damit die Präzision und vor allem die „Attack“ des Klavierspiels Petersons im Vordergrund. So spannend wie über die Expolinear habe ich das selten gehört. Die Töne kommen extrem „knackig“ rüber, so dass es manchmal schon fast weh tut – aber das bringt die Aufnahme nun mal rüber. Eine leichte Tendenz zu einer etwas „härteren“ Abstimmung lässt sich dabei nicht leugnen. Auch die Klavierläufe der Jazzscatches des Caroline Wegener Acoustic Trios klingen enorm energiegeladen. Die beinahe perkussiven Anschläge Wegeners, etwa bei den Stück „Berlin bei Nacht“, explodieren förmlich auf den stramm gespannten Stahlsaiten des Pianos. Ja, die Dinger klingen metallisch, denn sie sind aus Metall. Die unteren Lagen machen dabei jederzeit klar, dass hier ein großes Instrument mit einem soliden Resonanzkörper gespielt wird. So „livehaftig“ habe ich Jazzpiano bisher selten über Lautsprecher dieser Preisklasse gehört.

Flächenstrahler der Expolinear

Bei allen dynamischen Qualitäten beschleicht mich aber der Eindruck, dass die letzten Feinheiten ein bisschen zu kurz kommen. Caroline Wegener drischt bei allem Temperament nicht nur auf die Tasten ein; ich habe durchaus schon gehört, dass sie auch sehr nuanciert ihre Anschläge moduliert. Hier müssen sich die Studiohörner Kritik gefallen lassen. Das merke ich vor allem, wenn ich andere Klaviermusik heranziehe. Nelson Freires Spiel der Preludes von Debussy habe ich schon differenzierter erlebt. Gerade das subtile, farbenreiche Spiel vonNelson Freire Freire büßt etwas von seiner Faszination ein. Irgendwie scheinen letzte Feinauflösung und fetzige Dynamik schwer unter einen Hut zu bringen zu sein. Es ist nicht das erste Mal, dass mich eine HiFi-Komponente mit ihren dynamischen Fähigkeiten restlos überzeugt, ich aber in Sachen Feinzeichnung etwas vermisse. Im Gegenzug habe ich aber auch schon zahlreiche Gerätschaften gehört, die sich traumhaft in letzte Feinheiten verstiegen, mich aber in der Gesamtheit gelangweilt haben. Beides – Dynamik und Feinzeichnung – hinzukriegen, scheint gar nicht so einfach zu sein. Ich erkläre mir das folgendermaßen: Für die Wahrnehmung von Dynamik ist der Anfang eines Tones wichtig, die sogenannte Attackphase. Hier sind schnelle Systeme im Vorteil. Die „Feinzeichnung“ nimmt man dagegen eher beim Nachhall der Töne, dem Sustain/Release war. Hier sind Systeme im Vorteil, die lange und fein nachschwingen können. Die Studiohörner sind nun sehr schnelle Systeme, die Nachhallphase „verkürzen“ sie allerdings ein klein wenig, so mein Eindruck. Zugegebenerweise kritisiere ich hier aber schon auf einem sehr hohen Niveau – und es gibt ja auch noch die Superhochtöner.

Test: Expolinear Studiohorn 2-60 | Standlautsprecher

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