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Electrocompaniet Endstufe AW180 – Accuphase – Testbericht – fairaudio

Inhaltsverzeichnis

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Electrocompaniet Endstufe AW180 – Klangliches

Electrocompaniet AW180

Sprach ich bei Electrocompaniets Vorstufe von einer gewissen Sachlichkeit, so gehen die Monos als natürlich sexy durch, darunter tu ich’s nicht, auch wenn das jetzt nicht ganz sachlich klingt. Mir egal. Wenn die beiden Blöcke schön warm geworden sind und gerade keine blöden A/B-Vergleiche anstehen – man also tatsächlich zum Musikhören kommt -, kann‘s bisweilen magisch werden. Kräftig und stabil – aber ohne Großmannssucht. Warm und voll – dabei gleichzeitig unverhangen und transparent. Dynamisch und rhythmisch agierend – aber ohne die Impulse künstlich „anzuspitzen“ und so den Eindruck nur vorzugaukeln, sondern ausgewogen, den Nachklang nicht vergessend, also fließend.

Sicherlich, es sind bei allen genannten Aspekten noch Steigerungsmöglichkeiten drin (wann ist das nicht der Fall?), aber die Summe der Eigenschaften macht es hier; und das natürlich in Relation zum aufgerufenen Kurs. Um die rechte klangliche Balance über alles mit den geringsten Verlusten im einzelnen Detail zu erreichen, ist viel Abstimmarbeit nötig. Und so klingen die Dinger meiner Meinung nach auch – als hätte jemand mit Blick aufs Ganze den Endstufen viel Feinschliff angedeihen lassen. So soll es sein, da seh‘ ich dann gern über gewisse ergonomische Eigenwilligkeiten hinweg.

Electrocompaniet AW180

Dabei wird die AW180 wohl nicht als „Everybody’s Darling“ durchgehen, von „Tendenzgerät“ lässt sich zwar ebenso wenig sprechen, aber ein gewisses Timbre besitzt die Endstufe schon. Und wessen klangliche Präferenzstruktur nun genau „invers geformt“ sein sollte, wird vielleicht etwas unbeteiligt mit den Achseln zucken. Es gibt ja die seltsamsten Leute …

Die Schokoladenseite der Monos ist der Bereich zwischen Bass und (unteren) Mitten, und ja, hier legen die Electrocompaniets eine Schippe drauf. Das rein Quantitative ist aber nicht das Geheimnis, auf die Qualität kommt es an und die beschreibe ich weiter unten genauer – hier geht’s mir erstmal um etwas anderes: Durch besagte Schokoladenseite kann durchaus der Eindruck „warm“ entstehen, was umgekehrt für den ein oder anderen nach „etwas zu wenig Hochtonenergie“ tönen mag (ich persönlich halte das Level in den oberen Oktaven für neutral). Wenn man nun zu denen gehört, die ein ausnehmend crispes, in den Höhenlagen explizites Klangbild wünschen und zudem der Ansicht ist, dass 7 kEuro-Endstufen auch in riesigen Wohnzimmern einen Monstertiefbassschub veranstalten müssen, dann wird’s wohl eher schwierig mit den AW180. Nicht, dass wir uns missverstehen: Über 12 Uhr komme ich am Vorverstärker nicht hinaus, ohne dass mein gesamtes Zimmer mittanzt, da sind also durchaus noch Reserven. In Plus-50qm-Zimmern mag sich das aber anders verhalten. Die Electrocompaniet Monos reichen bis ganz unten hinab, aber eine Tiefbass-Bugwelle schieben sie auch nicht vor sich her.

Electrocompaniet am Hörplatz

Collins / Cray / Copeland - Showdown!Zum Qualitativen: Ja, wie es so ist, wenn’s saftig und geerdet zugeht – da kommt erstmal Freude auf. Irgendwie muss mich der Nostalgieteufel geritten haben, jedenfalls ist mir die alte Collins / Cray / Copeland-Platte Showdown! zwischen die Finger gekommen. Einen ausgemachten E-Gitarrenfimmel schein‘ ich mal besessen zu haben, die drei Bluesmänner lassen es mächtig aufheulen … freilich auch angenehm nach vorne rumpeln: Mr. Gayden am Bass zupft bei diesem Boogie Woogie-Teil „Lion’s Den“ zwar nicht übertrieben komplexe Figuren, aber was soll’s, nach dem Vier-Minuten-Stück ist die Spätwinterdepression jedenfalls weggeblasen, man kann Johnny Cash - At Folsom Prisonnicht immer Schönberg hören. Jedenfalls geht das Stück mächtig ins Bein, solange die ECs spielen – wenn die vergleichsweise zu Rate gezogene Endstufe von Accuphase das Feld bestellt, ist’s eher ganz nett, aber dieser besondere Drive, der ist nicht mehr da. Die Norweger wissen, wie der Song nach vorne getrieben werden muss, sie lassen es nie zu knochig werden. Nein, wahrlich nicht, da ist anständig Fleisch dran. Was auch für den Grundtonbereich gilt: Männerstimmen wirken voll ausgebaut, körperlich, beanspruchen ihren Platz im Raum. Dies funktioniert in Maßen sogar bei eher mauen Aufnahmen wie Johnny Cashs At Folsom Howe Gelb - 'Sno Angle Like YouPrison, jedenfalls tönt Cashs Stimme hier durchsetzungsfähiger und substantieller als bei schlankerer Grundtonwiedergabe der Fall – und bei guten Aufnahmen wie Howe Gelbs ‘SNo Angle Like You ist es richtiggehend beeindruckend, mit welcher physischen Präsenz der Mann ins Zimmer gestellt wird. Sehr fein. Aber das können einige andere auch.

Wie gut Electrocompaniet die Abstimmung der Monos gelungen ist, zeigt sich meiner Meinung nach erst im Zusammenhang mit ihren anderen Qualitäten. Das Zusammengehen von eher substantiell-physischer Tonalität und exzellenter Raumausleuchtung sowie hoher Auflösung halte ich für die Besonderheit der AW180 – hierin liegt für mich das Geheimnis, warum sie „natürlich“ klingen.

AW180 - Soundcare-Fuß

Korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege, aber bei mir haben sich schon des Öfteren folgende zwei Beobachtungen/Zusammenhänge eingestellt: Teilt eine Komponente in der Wärmeregion einen Schnaps mehr aus, so benebelt dies häufig den Sinn für eine transparente Bühnendarstellung, und auch ein ausnehmend detailliertes Klangbild will sich nicht immer einstellen, was im Zusammenhang mit akustischen Verdeckungseffekten stehen dürfte. Und umgekehrt, spielt ein Gerät im Bass/Grundton leicht asketisch, so ist es mir schon häufiger passiert, dass ich spontan von der Tiefe der Bühne und dem Informationsgehalt der Musik angetan war – und es weniger spontan nach längerem Hören für einen artifiziellen Zug gehalten habe.

Electrocompaniets AW180 passen nun weder in die eine noch in die andere Schublade. Alle Details sind da, aber sie wirken eingebettet, nicht wie auf dem Silbertablett serviert, nicht wie mit einem gleißend weißen Licht bestrahlt; die Tiefenstaffelung gerät vorzüglich, aber einzelne Klänge werden nicht „abstrakt“ positioniert, wie mit dem Laser in den leeren Raum gebrannt, sondern natürlich geschichtet. Die EC-Endstufen besitzen ein ausgemachtes Talent zur körperlichen Klanggestaltung, läuft alles perfekt, kann man es mit atmenden Klang-Objekten zu tun bekommen, kein Witz – es ist mit den AW180 eben nicht so, dass qua Grundtonsubstanz nur alles irgendwie dicker = körperlicher erscheint, die Klänge aber einen recht statischen Umfang behalten: Auch das Gefühl für die physischen Ausmaße eines Klangs besitzt hier einen zeitlichen (dynamischen) Verlauf, besonders gut natürlich bei Bläsern zu beobachten. Kurz und gut: Die Norweger treten für mich den Beweis an, dass ein sexy volltönendes Timbre mit Transparenz und hoher Auflösung einhergehen kann.

Electrocompaniet AW180

Dabei fragt sich natürlich, was man unter „Auflösung“ versteht. Bei manchen Hörern sehr hoch im Kurs, gilt sie anderen als „HiFi-Sound“ ohne rechten Bezug zur „echten Musik“, ein wenig so, als sei vor lauter Bäumen (Klängen) der Wald (Musik) nicht mehr zu sehen. Häufig wird von dieser Seite auch der berühmt-berüchtigte musikalische Fluss vermisst. Die Rede von der „Musikalität“ wird nun wiederum von der anderen Fraktion argwöhnisch betrachtet und gilt ihr oftmals als euphemistische Wendung für ein wenig differenziertes, diffuses Klangbild. So hat dann jeder seins und man kann sich mehr oder minder gepflegt darüber streiten, wer denn recht habe. Keiner von beiden, würde ich behaupten, zumindest nicht in dieser leicht überspitzen Reinform, in der ich hier „Hörer-Lager“ gegenüber gestellt habe.

ADSR-Hüllkurve
Quelle: Wikipedia | Autor Tobias R. – Metoc

Schaut man sich die oben abgebildete, schematische Hüllkurve eines Klanges an, die den zeitlichen Verlauf des Pegels eines einzelnen Tons nachzeichnet, so lässt sich, glaube ich, schon sagen, dass es Lautsprecher und Komponenten gibt, die tendenziell …

  • den linken, vorderen Teil der Kurve betonen beziehungsweise den hinteren, rechten vernachlässigen. Häufig wird dies mit Begriffen wie „impulsiv“, „rhythmisch“, „dynamisch“ und – für mich zunächst einmal überraschender Weise – auch „aufgelöst“ beschrieben. Letztgenanntes vermutlich deshalb, weil der Eindruck entstehen kann, dass beispielsweise ein Klavieranschlag um so „reiner“ tönt, je weniger der Nachklang der vorangegangenen Note „im Weg rumsteht“ und den je aktuellen Ton maskiert.
  • den hinteren Teil der Kurve betonen, und sei es nur dadurch, dass sie den vorderen abrunden. Und „rund“ hört man denn auch öfters zur Kennzeichnung dieses Klangbildes sowie „fließend“, nicht ganz zu unrecht, wird der „Fluss der Noten“ doch nicht so sehr von der Härte des Anschlagsmoments „unterbrochen“. Je nach Art und Grad der Ausprägung kann dies freilich auch breiig tönen. Jedenfalls will mir der Begriff „musikalisch“ bei solchen Geräten nicht immer einleuchten – so „hart“ wie im Original, also bei Live-Darbietung, wurde zuhause noch keine Saite, geschweige denn Bassdrum getroffen.

Ich will diesen Exkurs nun nicht mit der Behauptung beschließen, die Electrocompaniets AW180 könnten in dieser Hinsicht alles. Kein Verstärker kann alles (oder ich habe ihn noch nicht kennengelernt). Aber sie lösen jede Menge auf und zwar, salopp gesprochen, sowohl vorn an der Kurve als auch hinten. Das ist ihre Besonderheit: Sie fassen das ganze Bild (des zeitlichen Verlauf eines Tons) ins Auge, fokussieren also nicht auf einen Teilbereich. Und dass ihnen dies derart balanciert und detailliert gelingt, unterscheidet sie von (sehr) vielen Alternativangeboten. Einem verkürzten Verständnis von „musikalischer Fluss vs. Auflösung“ schieben sie den Riegel vor – sie tönen im besten Sinne tendenzlos, also detailliert und musikalisch.

Test: Electrocompaniet EC 4.8 und AW180 | Vor-End-Kombi

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