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Die Abacus-Hörsession

Inhaltsverzeichnis

  1. 3 Die Abacus-Hörsession

Pink Floyd / The final cutManchmal, wenn ich nicht weiß, womit ich die Hörsession mit einem neuen Lautsprecher beginnen soll, nehme ich das gut abgehangene Album The final cut von Pink Floyd, hier im Besonderen das Stück „Paranoid eyes“. Bei den ersten Takten wird es mir etwas unheimlich. Verflixt, ist das räumlich. Und dabei gleichzeitig glasklar und deutlich. Das Stück macht mir nachgerade ein wenig Angst, denn die unter der Musik laufenden Geräusche – stets eine Spezialität bei Pink Floyd – stehen förmlich dreidimensional im Raum. Die später einsetzenden Gitarren und das Klavier sind sowas von glockenklar, crisp, aber nicht spitz – das hat was.

Gustav Mahler / Sinfonie Nr. 2Harscher Wechsel. Gustav Mahler, Sinfonie Nr. 2, auch als „Auferstehungssinfonie“ bekannt. Die Wiener Philharmoniker unter Gilbert Kaplan von SACD, ich nehme mir den fünften Satz, das Finale vor, das – für meinen Geschmack – eine der atemberaubendsten Passagen in der Klassik überhaupt bereithält, Mahler nannte sie den „großen Appell“. Er vertont hier Klopstocks Gedicht „Die Auferstehung“, der Text wird – es handelt sich um eine Sinfoniekantate – von Sopran, Alt und Chor gesungen. Zunächst hören wir einen durchgehenden, leisen, tiefen Orgelton, Unheil liegt in der Luft, dann Pauken, Trompeten und Hörner, die jenseits der Bühne aufgestellt sind, was dem Ganzen per se eine große, räumliche Tiefe gibt. Wenig später gesellen sich Rufe von Flöte und Pikkolo hinzu, bis plötzlich, nach einer kleinen Kunstpause, der Auferstehungschor mit einer zum Sterben schönen Melodielinie einsetzt. Die A-Box 5 macht mir an dieser Stelle nach wenigen Sekunden eine veritable Ganzkörpergänsehaut. Ich habe – auch bei deutlich teureren Wandlern – selten so einen tiefen Raum gehört, bei dem gleichzeitig die Instrumente und Stimmen so klar und deutlich positioniert wurden. Das ist wirklich außergewöhnlich.

Abacus A-Box 5

Daniel Stelter / HomebrewWeiter: Daniel Stelters Homebrew, ein hochspannendes Modern-Jazz-Projekt aus dem schönen Hessenland. Stelter spielt eine virtuose Gitarre, Ulf Kleiner ein glockiges Rhodes (steht so in den Liner Notes, ich halte es für ein klug eingesetztes Clavia Nord Electro), Tommy Baldu ein absolut reduziertes, aber teuflisch groovendes Schlagzeug mit einer Snare, die nach runtergepitchter Ohrfeige klingt – und Michael Paucker vereint Moog und akustischen Bass aufs Trefflichste. Track 2, „Menime“, hat Atmosphäre, Groove und Widerhaken – und ist überdies staubtrocken und unterkühlt produziert. War die A-Box 5 vorhin noch ein wahrer Raum- und Atmosphärenspender, so spielt sie nun wie ein Nahfeldmonitor. Wieder steht alles festgenagelt an seinem Platz – und mich springt jetzt besonders die Detailwut dieses Lautsprechers an. Ich kenne den Track „Menime“ eigentlich zur Genüge, aber irgendwas fesselt mich und auch ich bin offenbar festgenagelt an meinem Platz, denn ich wage nicht aufzustehen, weil ich Angst habe, etwas zu verpassen. Ja, Detailreichtum, das ist auf jeden Fall neben der Räumlichkeit ein klar hervorstechendes Kriterium.

Kruder & Dorfmeister / The K&D SessionsWie war das noch mit der Werbeaussage? Bis 16 Hz abwärts linear? Das wollen wir erst mal sehen. Kruder & Dorfmeister, The K&D Sessions, „Bomb the Bass / Bug Powder Dust“, und zwar die fiese Dub-Version von Disc 2. Holla, die Waldfee! Alarm im Abacus-Land, als die Tiefbässe einsetzen, die in ihrer Intensität schon eher an stehende Wellen gemahnen. Die Clipping-LEDs beginnen hektisch zu flackern, dabei steht der Lautstärkesteller des Prepino nicht mal auf 10 Uhr und die Gain-Potis der Lautsprecher auf Stellung „5“. Die Membranen der Tiefmitteltöner flattern geradezu mitleiderregend und die Wiedergabe anderer Frequenzen wird damit naturgemäß unpräzise. Ich kann das kaum mit ansehen und bevor ich irgendwas kaputtmache, schraube ich per Rückwandpotis die Trennfrequenz auf 150 Hz hoch, was die Lautsprecher glücklicherweise beruhigt. Damit steht für mich fest: Die Abacus A-Box 5 ist keinesfalls eine Party-Maschine – es sei denn, man ergänzt sie um einen potenten Subwoofer und riegelt die Trennfrequenz im dreistelligen Bereich weiträumig ab.

Abacus A-Box 5 - Detail

Und ich muss sagen, dass die kürzlich hier getestete Nubert nuBox 101 mit solchen Bass-Attacken deutlich souveräner umgeht (indem die Überlast-Sektion ihrer Frequenzweiche die Attacken mit hochgezogenen Augenbrauen in den Orkus schickt). Karl-Heinz-Sonder, den ich auf diese Beobachtung ansprach, antwortete, das frühe Clipping könne auch daran liegen, dass ich eines der wenigen A-5-Exemplare mit Motorola-Endstufentransistoren erwischt hätte; üblicherweise würden inzwischen TI BD249/250 verbaut. Nun, das mag sein, aber eine 5-Zoll-Membran hat nun mal ihre physikalischen Grenzen. Das mit den 16 Hz mag stimmen, aber dann bei doch arg begrenzten Pegeln.

Shellac: 1000 HurtsSteve Albinis musikgewordener Wutausbrauch Shellac: 1000 Hurts wiederum bekommt der A-Box 5 ausgesprochen gut. Dieses auf den ersten Höreindruck etwas mumpfig, auf den zweiten hingegen ausgesprochen klug produzierte Album kriegt über die A-Box 5 einen fetten, satten Punch: Mein Lieblingstrack „Squirrel Song“ mit den bitterbösen, sehr energetischen 5/4- und 4/4-Takt-Wechseln verleiht dem Ohr eine wohldosierte Tracht Prügel.

Radiohead / Kid ABei Radioheads „Everything is in it’s right place“ (Kid A) überzeugt der Abacus-Winzling mit vibrierenden, sauber im Stereo-Panorama platzierten Uraltsynthesizerklängen und einer packenden Stimmdarbietung, die trotzdem zu keiner Zeit spitz oder übertrieben nah tönt. Je mehr ich höre – und die A-Box 5 verführt zum ausgedehnten, langen Hören und Entdecken – desto mehr kristallisiert sich für mich ein Bild heraus: Sie klingt absolut organisch, genau, natürlich – und vielleicht ist es einfach diese Natürlichkeit, die es ihr verbietet, in den tiefen Lagen unbotmäßig dick aufzutragen. Interessanterweise kommt es mir so vor, als könne die A-Box 5 die Charakteristik der jeweils zugespielten Musik unterstreichen: Eine „trocken“ abgemischte Produktion klingt extra dry, eine räumlich abgemischte hingegen nahezu holographisch, eine durchschnittliche Produktion tönt, Sie ahnen es, aber eben auch nur durchschnittlich. Dieser Lautsprecher beschönigt und begradigt nichts, unterstreicht und belohnt aber eine gute Produktion nach Kräften.

P.S.: Eins muss ich noch zum Abacus Prepino loswerden: Dieser wirklich blitzsauber aufspielende und für meinen Geschmack saucool nach Oberstufenlaborgerät aussehende Vorverstärker hat doch tatsächlich keinen Eingangswahlschalter „am Mann“.

Abacus Prepino

Die Eingänge (und derer gibt es sechs) können in der Tat, ich wollte es zunächst nicht glauben, ausschließlich über die Fernbedienung angewählt werden. Dass man stattdessen trotz des brutalen Gehäusepurismus aber ausgerechnet einen Mute-Taster (hier hektisches Lachen des Rezensenten einblenden) am Gerät vorfindet, das ließ mich schon schwer durch die Zähne einatmen. Der Mute-Taster ermöglicht es zwar, den Kopfhörereingang „still“ zu nutzen, aber Herr Sonder, Hand aufs Herz: Warum sollte man einen Preamp stummschalten wollen? Man kann doch auch den Endverstärker – oder die Aktivbox – ausschalten. Bitte, bitte, in der nächsten Auflage des Geräts einen Quellenumschalter am Gerät. Danke.

P.P.S.: Ich hab dann doch nochmal die E-Gitarre angestöpselt: Klappt, klingt, macht Spaß. Wer halbakustisch unterwegs ist, kann die Box sogar als Übungscombo einsetzen.

Test: Abacus A-Box 5 | Aktivlautsprecher, Kompaktlautsprecher

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