
Test: Sehring Audio 945 | Standlautsprecher
Unter Spannung
von Ralph Werner
Im Test: Sehring Audio 945 | Standlautsprecher
UVP zum Testzeitpunkt: ab 22.500 Euro
Eigentlich wollte ich ja nur mal schnell nachsehen, wann ich den letzten Sehring-Lautsprecher getestet habe und nicht gleich von unserem Testarchiv über die Vergänglichkeit des Seins aufgeklärt werden. 18 Jahre ist das her? Wahnsinn! Anno dunnemals ging es um den zweitkleinsten Lautsprecher im Programm der Berliner Manufaktur des Herrn Stefan Sehring (https://sehring-audio.com/). Heute hingegen um den zweitgrößten, um das Dreiwege-Standmodell Sehring 945, das preislich bei 22.500 Euro/Paar startet. Mit circa 60 Kilogramm sicherlich ein ausgewachsenes Stück Lautsprechertechnik, doch selbst inklusive der Outrigger-Lösung „nur“ 1,27 Meter hoch und 26 Zentimeter breit wie tief – und damit weniger dominant im Wohnzimmer als manch anderer Lautsprecher dieser Liga. Eine bewusste Entscheidung.
Schon auf den ersten Blick erkennt man, dass die 945 eine Sehring sein muss. Zumindest dann, wenn man sich einmal mit den Lautsprechern der Firma beschäftigt hat. Woran das liegt, kann ich gar nicht mal genau sagen. Der charakteristische Schwarz/Weiß-Look spielt sicherlich mit hinein, doch den bieten andere Hersteller ebenfalls und man kann eine Sehring auch in anderen Farbvarianten bekommen (wovon die meisten Kunden allerdings absehen). Typisch ist aber dieser „Form follows function“-Ansatz: Sehring-Lautsprecher folgen einem modularen System. Die fünf Modelle der neuen 9er-Serie bauen nicht nur „logisch“ aufeinander auf, sie lassen sich ineinander überführen. Der Kunde, der sich für einen bestimmten Lautsprecher entschieden hat, kann – etwa wenn sich Raum, Hörwunsch und/oder Kontostand ändern – upgraden und zahlt dann immer nur die Differenz zwischen den Modellen.

So kann die Reise, startend beim kompakten Zweiwege-Monitor 920, über die Jahre hinweg zum 1,6 Meter hohen Tower 946 führen, wenn man das denn möchte. Die getätigten Investitionen sind dabei nicht abzuschreiben, sondern werden Bestandteil des jeweils neuen Sehring-Lautsprechers; hier darf man tatsächlich einmal von „Nachhaltigkeit“ sprechen. Und in Sachen Form schlägt die Funktion halt auch durch: So besteht die Sehring 945 für jedermann klar ersichtlich aus drei miteinander verbundenen Modulen. Die Mittel-/Hochtoneinheit – übrigens: so sieht „solo“ der 920-Monitor aus – befindet sich zwischen zwei Bassmodulen, einem unteren, größeren, ventilierten und einem oberen geschlossenen. Nähme man nun beispielsweise statt diesem ein zweites großes Bassmodul, landete man beim Sehring-Flaggschiff 946 und hätte dafür als vormaliger 945-Besitzer zusätzlich 6.400 Euro fürs Upgrade zu entrichten.
Der modulare Ansatz dient nicht allein dazu, dem Kunden Upgrade-Möglichkeiten zu bieten, sondern auch dem Wunsch nach einer mechanischen Entkopplung der Baugruppen, die Wechselwirkungen zwischen ihnen effizient minimieren soll. Das ist nicht die einzige technische Besonderheit der 945, doch bevor wir auf weitere zu sprechen kommen, kurz ein paar Worte zur generellen „Zielstellung“ bei der Lautsprecher-Entwicklung, wie Stefan Sehring sie definiert.
Ziele …
Ein ebenmäßiger Frequenzgang sei das eine, so Sehring, doch konzentriere man sich bei der Entwicklung zu sehr auf diesen Parameter allein, gehe Wesentliches verloren. Tauscht man sich länger mit dem Diplom-Elektroingenieur über die Frage aus, was denn nun „wesentlich“ sei, so tauchen zwei Begriffe immer wieder auf: Verzerrungsarmut und Zeitrichtigkeit. Wobei er ein etwas ambivalentes Verhältnis zu Letztgenanntem zu haben scheint und lieber von einer möglichst idealen Sprungantwort spricht.
Fangen wir mit dem ersten Begriff an. Tatsächlich wird über das Verzerrungsverhalten von Lautsprechern auffallend wenig gesprochen, was nicht zuletzt daran liegen könnte, dass – im Vergleich zu Audio-Elektronik – regelmäßig ziemlich hohe Werte erreicht werden, was sich marketingseitig wenig gewinnbringend einsetzen lässt. Andererseits muss gesagt werden, dass beispielsweise 2 % THD im Bassbereich, die schnell erreicht werden können, kein Drama sein müssen, gilt das menschliche Ohr in diesen Gefilden doch als relativ unempfindlich. Nun, Stefan Sehring sieht das offenbar anders und strebt um Größenordnungen geringere Werte an: Den Klirrfaktor seiner 945 ab 40 Hertz aufwärts spezifiziert er mit < 0,3 %, den im wichtigen Bereich zwischen 300 und 7000 Hertz gar mit < 0,1 % (beides bei 90 dB im Freifeld gemessen). Das ist ziemlich heldenhaft für einen Lautsprecher, wenn’s stimmt.

Zur Sprungantwort: Warum die bei einem Lautsprecher so wichtig ist, begründet Sehring letztlich mit den biologischen Grundtatsachen des Hörens. Während Lautstärke und Tonhöhe eines akustischen Signals über Art und Grad der Resonanzstruktur auf der Basilarmembran im Innenohr ausgewertet würden, werde der Ort und die Gestalt der Schallquelle über die initiale Druckwelle beim „Signalstart“ ermittelt. Der zeitliche Versatz einer transienten Druckwelle zwischen den Ohren – und jener zwischen initialem Druckmaximum und dem direkt darauf folgenden Druckausgleich – sei für das räumliche Hören essenziell. Deshalb würden Lautsprecher mit zweifelhaften Sprungantworten das Signal verfälschen, wenngleich nicht unmittelbar zu hören im tonalen Bereich, sondern eher in räumlicher Hinsicht. Bleibt noch zu ergänzen, dass der „Startbereich“ eines Klangs – also der, bevor er sich eingeschwungen hat – auch mitentscheidend dafür ist, wie Klangfarben und -signaturen bestimmter Instrumente wahrgenommen werden. Und da nun der Startimpuls – genauer: dessen Verarbeitung durch den Lautsprecher – am besten von dessen Sprungantwort abgelesen werden könne, schaue er sie sich während der Entwicklung eines Lautsprecher so intensiv an, so Stefan Sehring.
… und Mittel
Wer eine exzellente Sprungantwort erreichen möchte, wählt bei der Entwicklung eines Passiv-Lautsprechers meist eine 6-dB-Weiche, denn diese bieten den geringsten Phasenversatz – und dementsprechend hat die Sehring 945 eine solche an Bord, zumindest für den Übergang zwischen Mittel- und Hochton. Richtung Bass wird mit 2. Ordnung getrennt.

Allerdings handelt man sich mit flach filternden Weichen das Problem ein, dass die Chassis über einen weiteren Frequenzbereich spielen als bei steilerer Trennung, was neben der größeren Gefahr von Interferenzen zwischen den Treiber auch bedeutet, dass sie „härter arbeiten“ müssen, und das womöglich außerhalb ihres optimalen Bereichs – was der Tendenz nach Verzerrungswerte ansteigen lassen kann. Da man bei Sehring aber akkurates Zeitverhalten und Verzerrungsarmut anstrebt, hat dieses „Dilemma“ unmittelbare Folgen für die Wahl des Treibermaterials – das nämlich eine sehr hohe Bandbreite besitzen sollte, damit auch bei flacher Filterung kein Ungemach droht. Dementsprechend wurden die Treiber ausgesucht.

So kommen in der Sehring 945 neben zwei Langhub-Basswoofern von Wavecor Hoch- und Mitteltöner von SB Acoustics zum Einsatz, die allesamt eine sehr hohe Bandbreite besitzen sollen. Die des 13-cm-Mitteltöners liege beispielsweise zwischen 45 und 12.000 Hertz, und selbst wenn das etwas optimistisch taxiert sein sollte, so befinden sich die Grenzen doch weit entfernt vom eigentlichen Einsatzfeld zwischen 400 und 3.500 Hertz – und ähnlich verhalte es sich beim Tweeter und bei den Basstreibern. Wie man es sich fast schon denken kann, modifiziert Stefan Sehring die Chassis weiter nach seinen Vorstellungen. So wird die Kohlefasermembran des Mitteltöners zusätzlich beschichtet und von hinten selektiv bedämpft, was ein verzerrungsärmeres Verhalten vor allem im K3-Bereich zeitige. Aus ähnlichen Überlegungen heraus wurde die Dämpfung der Rückkammer des Hochtöners verändert – und am Antrieb sämtlicher Treiber kommt Butylkautschuk zum Einsatz, was sich ebenfalls segensreich auswirke.
Spannender als das finde ich allerdings, was sich hinterm Kürzel „MES“ verbirgt, womit man bei Sehring Audio „Mass Energy Storage“ meint. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, deshalb:

Was im Foto oben wie das passende Equipment für Kugelstoßer ausschaut, ist tatsächlich eine 1,4 Kilogramm schwere Stahlkugel, die von hinten am Mitteltöner befestigt wurde; beim Hochtöner gibt es Ähnliches, nämlich Stahlscheiben mit einem Gewicht von 360 Gramm. Die Idee dahinter ist im Grunde einfach: Ein Lautsprecherchassis ist ein elektroakustischer Wandler; kommt ein elektrischer Impuls, übersetzt es ihn in einen mechanischen, die Membran bewegt sich vor und zurück – da nun aber Kraft gleich Gegenkraft gilt, wird nicht allein die Membran, sondern auch der Treiber als Ganzes in Gegenrichtung angeregt. Was natürlich unerwünscht ist, will man einen maximal sauberen akustischen Impuls erreichen. Gleichzeitig ist Kraft nichts anderes als Masse mal Beschleunigung, und will man letztere in Gegenrichtung verringern, könnte man glatt auf die Idee verfallen, die Masse zu erhöhen … logisch, oder? Im Grunde Mittelstufenphysik. Weshalb sich die Frage stellt: Warum sehe ich das eigentlich zum ersten Mal bei einem Lautsprecher? Weil die Idee vielleicht einfach sei, die konkrete Umsetzung aber schwer, so Stefan Sehring. Natürlich dient ein normales Lautsprechergehäuse mit seiner Masse auch immer als „Beschleunigungsaufnehmer“ für die Chassis – aber es ist nachvollziehbar, dass tendenziell weniger mechanische Energie aufs Gehäuse übertragen wird, wenn die Masse des Treibers selbst höher ist. Stefan Sehring spricht von einem deutlich verbesserten Impulsverhalten durch diese Maßnahme.

Das reicht ihm aber offenbar noch nicht, weshalb er sämtliche Treiber zusätzlich von innen verspannt. Hierzu wird ein Multiplexkeil rückseitig mittels Gewindestangen mit definiertem Druck gegen die Chassis gezogen – gleichzeitig dient dies auch dem Verspannen des Lautsprechergehäuses, das an genau ermittelten Stellen Aufnahmen für den „Keil“ besitzt, der fürderhin nicht lediglich als statische Verstrebung, sondern als eine unter Zug wirkende fungiert. „SRD“ – Stressed Resonance Damping, so nennt man das bei Sehring Audio. Die Technik dahinter kam schon in den 1930er Jahren beim Brückenbau zum Einsatz, erfahre ich. Man nutze sie hier, um das Resonanzverhalten der Lautsprechergehäuse verzerrungsminimal zu gestalten. Entsprechend „tot“ klingt das Gehäuse der Sehring 945 auch.

Sehring 945: Hörtest und Vergleiche
Es ließe sich noch viel zur Technik der Sehring 945 anführen, aber irgendwann ist auch mal gut und entscheidend ist ja eh auf dem Hörplatz. Eine Sache aber noch: die Einstellmöglichkeiten auf der Frequenzweiche.

Nicht nur kann bei der 945 eine Impedanz-Korrektur zugeschaltet werden (was sich vor allem bei Röhrenverstärkern empfiehlt), auch lässt sich der Pegel von Bass, Mitten und Höhen um +/- 3 dB mittels unterschiedlicher Widerstände anpassen sowie – durch entsprechende Kondensatoren – der im Übergangsbereich, sprich beim Grundton und den unteren Höhen. Da das Ganze doch ein wenig komplexer als bei gängigen Wald-und-Wiesen-Passiv-Lautsprechern ist, lässt sich die 945 auch deutlich umfangreicher an Hörgeschmack und Raumakustik anpassen – ein Task, der mithilfe des Fachhandels als Dienstleistung für den Kunden angeboten wird, denn so ganz ohne ist es nicht, wie gesagt. Die 945 kommt mit einer Standardabstimmung, wer sie weiter adaptieren möchte, sollte den Sehring-Händler seines Vertrauens fragen. Für diesen Test habe ich natürlich ebenfalls experimentiert und bin bei einer Einstellung gelandet, die ich als „gefühlt neutral“ für einen Lautsprecher dieser Größe in meinem 40-qm-Raum beschreiben möchte. Und damit wissen Sie auch schon, wie es grosso modo im Tonalen tönt.

Breitbandig
Neutral kann freilich Unterschiedliches heißen, meiner bescheidenen Meinung nach kann auch eine kleine Kompakte neutral aufspielen, obwohl sie es strenggenommen ja nicht tut, wenn sie die unteren zwei Oktaven unterschlägt. Wenn aber der Rest ebenmäßig ist, wie soll man es sonst nennen? Nun, am besten drückt man sich klarer aus und spricht von der Bandbreite, die bei solchen Konzepten naturgemäß eingeschränkt ist.

Ganz im Gegensatz zur der der Sehring 945, wie es scheint. Auch wenn dies ein rechtschaffen ausgewachsener Lautsprecher ist, so habe ich doch oft schon größere erlebt. Meine eigene Acapella BassoNobile (aktuell knapp 40.000 Euro) dürfte über den Daumen gepeilt viermal so viel Volumen besitzen, geht aber nicht ganz so tief hinab wie die 945 es vermag. Respekt, Herr Sehring! Tatsächlich gibt er zu, dass er für einen ausgebauten Tiefgang etwas Wirkungsgrad (der Kennschalldruck liegt bei 87 dB/W/m) geopfert habe. Das hört man. Mit schwachbrüstigen Verstärkern wird man das volle Potenzial der 945 wohl nicht ausloten, aber ab stabilen 50 Watt aufwärts soll‘s klappen. „Erheblicher Tiefgang“ heißt nun wiederum nicht, dass man mit der Sehring jeden großen Raum mit Bombast-Bass beschallen kann – die Acapella beispielsweise langt üppiger hin und ist auch in noch größeren Zimmern vollmundiger unterwegs, das stimmt. Aber es heißt, dass die Sehring 945 mir mit deutlich mehr und insbesondere tieferen Bass entgegentritt, als ich ihrer äußeren Gestalt zugetraut hätte.
Vor allem aber geht es hier um Qualität. Die ist nicht minder famos als besagter Tiefgang. Gut aufgenommene Jazz-Kontrabässe projiziert die Sehring sowieso lebensecht ins Wohnzimmer, faszinierender finde ich da fast das Verhalten bei Normalo-Produktionen mit massivem Tieftoneinsatz wie bei Nick Caves & The Bad Seeds „Water‘s Edge“ (auf Push the Sky away), die doch gerne einmal versuppen und das Klangbild verstopfen; die Sehring 945 hingegen legt das fiese Bass-Gegrummel exemplarisch trocken und zeichnet durch, ohne nun aber ins Akademische abzudriften.

Zwischenfazit Untergeschoss: Nichts weniger als großartig fürs Geld und für die Größe dieses Lautsprechers. Eine ähnlich gepreiste Raidho X2.6 kommt in Sachen Tiefgang und Durchzeichnung nicht mit, das hier geht schon eher in Richtung Magico A5, wobei die wohl doch noch etwas differenzierter und, wenn dazu aufgerufen, dynamisch unmittelbarer Bassimpulse umsetzte – allerdings dürfte die Sehring tatsächlich noch minimal tiefer bohren, und das bei einem circa 40 % günstigeren Einstiegskurs. Eine weitere Abgrenzung, da ich den Kontrast gerade unmittelbar erleben durfte: Bei aller Qualität bietet die 945 einen „normalen HiFi-Lautsprecher-Bass“, wie ihn das Gros der Hörer schätzt – und nicht diese besonders leichtfüßig-federnde Gangart, wie große Pappen sie oft an den Tag legen, etwa die der jüngst getesteten aktiven Genelec 8380A oder meiner alten (passiven) Blumenhofer.
Raumdarstellung
Kommen wir zur zweiten Stärke der Sehring 945, der Raumdarstellung. Das finden Sie jetzt komisch, weil nach der Behandlung des Basses doch Mitten und Hochton kommen müssen? Nun, ich finde es eher natürlich, denn über eine Qualität des Tieftons habe ich ja noch gar nicht gesprochen, und die bildet die Brücke: Er erscheint mir nämlich auch räumlich akkurater beziehungsweise kompakter abgegrenzt zu werden, als ich es sonst oft erleben darf. Wo eine Bassdrum gerne schon mal flächig-breit von hinten kommt, wirkt das Areal, aus dem der Impuls mit der 945 zu entspringen scheint, klarer und enger abgezirkelt. Ich will hier gar nicht die Diskussion aufmachen, was denn nun „richtiger“ ist, aber eben doch auf den Unterschied hinweisen. Es passt jedenfalls sehr gut zur 945, die einfach jede Klangquelle klar abgrenzt und das Klangbild sauber durchstaffelt.
Und vor allem: völlig frei abbildet. Ich bilde mir ein, zu hören, dass man das Gehäuse nicht hört. Die Sehring sind im Grunde akustisch unsichtbar, die Musiker erscheinen „unverschmiert“ im Raum und haben mit den Boxen nichts zu tun – so jedenfalls die gelungene Illusion, die die 945er bieten. Diese besondere Qualität hat nicht zufällig Ähnlichkeit mit der Raumdarstellung, wie man sie von anderen Marken kennt, die ebenfalls auf ein maximal ruhiges Lautsprechergehäuse Wert legen – wie etwa Wilson Audio, Magico oder meinetwegen auch Betonart Audio.
Bezahlt macht sich das vor allem bei klassischem Programm, weil diese Freiheit der Abbildung mit sehr guter Staffelung in der Tiefe einhergeht und der virtuelle Raum nebelfrei rüberkommt – das Arrangement lässt sich sauber durchhören und wirkt sehr natürlich. So zu erleben mit dem Streichquartett Nr. 47 von Luigi Boccherini (Album: La musica notturna delle strade di Madrid) oder, großorchestraler und bei mir zum Standardrepertoire gehörend, Frank Zappas „The Yellow Shark“. Wichtig dabei, im Sinne besagter Natürlichkeit: Die 945 überzieht es mit der Lokalisationsschärfe nun auch nicht, wie es etwa mit hart auf den Sweet Spot eingemessenen Aktivmonitoren schon einmal geschehen kann. Sie bildet akkurat ab – aber nicht hyperreal. Sehr überzeugend gelingt das oft auch mit Stimmen. Als Micah P. Hinsons Organ bei „Throw the Stone“ (Album: Micah P. Hinson and the Red Empire Orchestra) erklang, muss ich ziemlich dumm aus der Wäsche geguckt haben, so überzeugend stand der Indie-Folker vor mir.

Damit erinnert mich die Sehring 945 wiederum an die Magico A5, was ja kein schlechter Referenzpunkt ist – und weniger an meine Acapella High BassoNobile. Warum das? Nun, die Acapella zeichnet vor allem in der Breite des Raums großzügiger – und auch, was einzelne Klangquellen angeht –, zudem kommt sie im Gegensatz zur 945 eher ein Schrittchen auf den Hörer zu. Eine Raidho X2.6 ist in dieser Hinsicht übrigens ähnlich. Die Sehring hingegen besitzt keinen eingebauten Drang nach vorne, sondern orientiert sich an der Aufnahme, und so startet sie meistens auf der Stereobasis. Es sei denn, die Produktion will dezidiert etwas anderes, dann reicht sie das monitormäßig weiter. Überhaupt: Ihr Grundcharakter gleicht eher dem eines Reporters denn eines Animateurs, pointiert formuliert.
Dynamik
Was die Dynamikfähigkeiten angeht, sortiert sich die Sehring in ihre Klasse ein. Das ist auch schon das „Kritischste“, was ich zur 945 sagen kann. So klar es ist, dass die 945 grobdynamisch fester im Sattel sitzt als die schon mehrfach erwähnte Raidho, so klar ist auch, dass besagte aktive Genelec im Fall der Fälle schneller und heftiger in den Angriffsmodus schaltet als die passive Kollegin aus Berlin. Und Konzepte, die es darauf anlegen, wie etwa das der Blumenhofer Acoustics 4×17 P, besitzen naturgemäß einen anderen Antritt. Wenn Sie so etwas wollen, sind sie hier nicht richtig. Kurz und gut: Schon alles in Ordnung mit der Dynamik der Sehring 945 – aber sie fällt als solche nicht besonders auf.
Hervorzuheben ist allerdings, dass die Sehring auch bei mäßigen Pegeln (so um die 65-70 dB am Hörplatz) vollständig bleibt – tonal, räumlich sowie dynamisch –, das funktioniert noch ein Eckchen besser als mit meinem Acapella-Dickschiff. Erstaunlich pegelfest ist die Sehring ebenfalls. Wenn man ihr Leistung liefern kann, setzt sie sie sauber um.
Saubermann
Damit ist das richtige Stichwort gefallen: sauber. Es mag sich komisch anhören, aber ich bin der Meinung, dass der Klangcharakter der Sehring 945 vor allem auch dadurch geprägt wird, was man nicht von ihr hört. Nebelbänke. Schleier. Undefiniertheiten. Färbungen.

Hier wie bei der Raumdarstellung scheint mir der Verdacht, dass das vor allem an der „Nichteinmischung des toten Gehäuses“ liegt, plausibel zu sein. Jedenfalls schlägt es hier beim Großthema Auflösung durch, sei’s bei leisen Signalen wie dem Verklingen einer Klaviernote, dem Verhallen von Raumrückwürfen, Details feinfühligen Beckenspiels oder den Nebengeräuschen, die ein Orchester halt so macht, wenn es zusammensitzt und musiziert. Oder auch – Sie erinnern sich vielleicht? – das kleine Glöckchen bei PJ Harveys „Working for the man“: Tausendmal gehört, tausendmal mit den Schultern gezuckt, und dann hängt es WIRKLICH im Raum. So jedenfalls die Illusion. Das alles kommt quasi nebenher, unaufgeregt und wie selbstverständlich rüber, und genau diese scheinbar nebensächlichen Details sorgen dafür, dass es „irgendwie echt“ klingt.

Dabei ist diese Reinheit und das sich daraus ergebende Auflösungsvermögen im Hochtonbereich gar nicht einmal so erstaunlich fürs Geld – und gute Flächenstrahler, wie die der Raidho oder Betonart Audio, kommen mit beziehungsweise bieten hier und da ein Fitzelchen mehr. Ungewöhnlicher, da seltener zu erleben, ist der „Sauberkeits-Fimmel“ im Oberbass- und vor allem Grundtonbereich: Von der schlackenlosen, geradezu nackten Präsentation profitieren vor allem akustische Instrumente und Stimmen. Wohlgemerkt: Ich spreche nicht vom tonalen Temperaturlevel, das können Sie an diesem Lautsprecher zusammen mit Ihrem Händler selbst justieren. Ich rede von diesem ungefilterten, puren Zugang zum Ton, etwas pathetisch gesprochen. Der sorgt nämlich dafür, dass es je nach Aufnahme sehr unterschiedlich klingen kann, Klangfarben mithin nicht durch „Rot- oder Blauverschiebung“ auffallen, sondern durch klare Differenzierbarkeit. Stimmt zwar, dass das keine auffällige Charaktereigenschaft ist, sondern eher dezente Charakterlosigkeit. Doch genau die macht sich, je länger man diesem Lautsprecher zuhört, umso mehr bezahlt.
Leserbrief

