Test: Scansonic M20.2 | Standlautsprecher
Keine halben Sachen
von Elmar Salmutter
Im Test: Scansonic M20.2 | Standlautsprecher
UVP zum Testzeitpunkt: 2.600 Euro
Nein, einen Blumentopf oder ein Porträt von Mutti sollte man nicht auf die Scansonic M20.2 stellen, sonst gibt’s Scherben: Die Oberseite des Lautsprechers fällt nach hinten deutlich ab und gleicht einer Rutschbahn. Schief gewickelt war bei der Entwicklung der M-Serie trotzdem niemand, schließlich steckt hinter Scansonic (https://scansonic.dk/) die dänische Dantax-Gruppe, die auch die Edellautsprecher von Raidho baut. Und von dort sollen Technologien in die deutlich erschwinglicheren Modelle von Scansonic geflossen sein. Bei der M20.2 handelt es sich um die kleinere von zwei Standboxen der M-Serie, die nach dem 2,5-Wege-Prinzip arbeitet, aber trotzdem keine halben Sachen macht (Preis: 2.600 Euro).
Kollege Boris Fust hatte es vor einem guten halben Jahr mit den Kompakten Scansonic M15.2 zu tun, die aus derselben Serie stammen – mit 18,8 Kilogramm pro Standbox fallen unsere heutigen Probanden allerdings gewichtiger aus, doch sie sind trotzdem recht schnell aus dem Karton gewuppt und dank wohnraumfreundlicher Maße von 24 x 93,5 x 38 Zentimetern (BxHxT) zügig aufgestellt. Lediglich das Anbringen der Standfüße mit je vier Schrauben pro Box kostet ein paar Minuten zusätzlich, geht aber auch recht flott von der Hand. Die justierbaren Spikes lassen sich an Unebenheiten anpassen und beschädigen den Boden nicht, da sie ganz unten nicht spitz, sondern leicht abgeflacht sind.

Optisch unterscheidet sich die Scansonic M20.2, die es in mattem Seidenschwarz oder Seidenweiß gibt, stark von meiner Canton Reference 7: Während die Canton ausschließlich auf Rundungen setzt, kommt die Dänin im Vergleich ziemlich eckig und kantig daher. Ihr Design wirkt zeitlos modern, weist klare Linien auf und reduziert den Look aufs Wesentliche – typisch skandinavisch eben und prima kombinierbar mit nahezu jedem Einrichtungsstil.

Wer möchte, kann auch die magnetisch haftende Frontabdeckung anbringen, die die empfindlichen Treiber vor äußeren Einflüssen schützt. Die Verarbeitungsqualität des Lautsprechers ist makellos und entspricht locker dem Preisschild. Auch beim matten Finish des schwarzen Testpärchens geht der Daumen nach oben – es sieht zeitlos gut aus, widersteht Fingerabdrücken allerdings kaum besser als jede Hochglanzlackierung. Das vorne leicht abgeschrägte MDF-Gehäuse ist stark versteift und akustisch optimiert, um Resonanzen zu reduzieren.
Ein interessanter Rücken kann entzücken
Eine Besonderheit, die man nicht allzu oft sieht, befindet sich auf der Rückseite: je zwei passive Papier-Bassmembranen pro Lautsprecher. Die fünf mal neun Zoll großen, oval geformten Bassradiatoren ersetzen ein klassisches Bassreflex-System, indem sie Luftdruck-Schwingungen im Gehäuse in zusätzlichen und vorgeblich stets präzisen Bass umwandeln. Das soll zudem den Vorteil haben, dass keine Luftverwirbelungen und Strömungsgeräusche wie bei konventionellen Bassreflex-Systemen auftreten können.

Auch für die Rückseite liefert Scansonic Abdeckungen mit, die allerdings nicht magnetisch haften, sondern sich über kleine Löchlein befestigt lassen. Last, but not least setzen die Dänen auf der Rückseite auf vergoldete, solide wirkende Single-Wiring-Terminals und verzichten somit auf Bi-Wiring.

Hochtöner und Weiche
Bei der Scansonic M20.2 handelt es sich um eine 2,5-Wege-Standbox – der obere der beiden Tiefmitteltöner kümmert sich um die Mitten und Tiefen, während der untere ausschließlich Bassanteile in den Raum wuppt. Bei dem in einem ovalen Waveguide sitzenden magnetostatischen Hochtöner kommt eine sehr dünne, leichte Kapton-Folie zum Einsatz, die in einem starken Magnetfeld schwingt. Das extrem leichte Schwingelement soll besonders schnell und exakt auf kleinste Signaländerungen im Hochtonbereich reagieren, weshalb dieser Hochtöner-Bauart offene, luftige und lebendige Höhen nachgesagt werden, die ohne jede Art von Schärfe auskommen sollen. Laut Morten Kim Nielsen, CEO der Dantax-Gruppe, hat sich der Hochtöner im Vergleich mit der ersten Generation der M-Serie nicht verändert. „Entscheidend ist für uns immer die Integration“, so Nielsen, „also dass das Bändchen nicht ,für sich‘ klingt, sondern nahtlos und stressfrei mit den Tiefmitteltönern zusammenarbeitet.“

Der Hochtöner kommt ab 3,2 kHz zum Einsatz, bei der Frequenzweiche setzt Scansonic laut Nielsen auf hochwertige Bauteile. „Wir haben bewusst auf günstige Standardlösungen wie zum Beispiel Elektrolyt-Kondensatoren verzichtet und ausschließlich gute Folienkondensatoren eingesetzt. Das ist in dieser Preisklasse ungewöhnlich, bringt aber genau die Sauberkeit, Ruhe und Kohärenz im Übergangsbereich, die wir wollen.“

Im Bienenstock
Die Membranen der 5,25-Zoll-Tiefmitteltöner der M-Serie bestehen aus drei unterschiedlichen Materialien mit wabenförmiger Honeycomb-Struktur, wie Nielsen auf Nachfrage verrät: Glasfaser, Baumwolle und dann wieder Glasfaser. Damit will Scansonic eine sehr hohe Steifigkeit bei geringem Gewicht und guter innerer Dämpfung erreichen, Partialschwingungen reduzieren und dergestalt für saubere Mitten und einen präzisen, kontrollierten Bass sorgen. Warten wir den Hörtest weiter unten ab.

Mit einem Wirkungsgrad von 88 dB (2,83 V/1 m) lässt sich die Scansonic M20.2 mit den meisten Verstärkern zu hohen Pegeln pushen, der Hersteller empfiehlt Amps zwischen 50 und 180 Watt Leistung für eine dynamische Wiedergabe. Ich habe die Scansonic M20.2 auch mit einem 2 x 42 Watt starken Röhrenverstärker ausprobiert, was rein von der Power her gut harmonierte. Scansonic bezeichnet die M20.2 als Acht-Ohm-Box, das Impedanzminimum sinkt laut Hersteller nicht unter vier Ohm, was für einen recht unkompliziert zu treibenden Schallwandler spricht.
Scansonic M20.2: Hörtest und Vergleiche
Zunächst einmal darf das Testpärchen an einem starken und ultrastabilen Transistor-Vollverstärker nuckeln: am McIntosh MA8950 AC (13.290 Euro) mit 2 x 200 Watt. Eine lange Eingewöhnungszeit brauchen die Lautsprecher nicht, da sie bereits eingespielt sind, wie auch leichte Gebrauchsspuren am Gehäuse zeigen. Ich platziere sie in meinem 26 Quadratmeter großen Musikzimmer zunächst wie meine ähnlich großen Canton Reference 7, also nur leicht eingewinkelt zum Hörplatz, mit rund 80 Zentimetern Abstand zur Rückwand. Dieser Abstand erwies sich auf Anhieb als ideal, denn schon am ersten Tag fiel mir speziell die Basswiedergabe positiv auf: tief und kraftvoll, aber nicht schwabbelig, sondern stets mit einem schönen Kick. Sehr agil, knackig und anmachend – die beiden rückseitigen Passivmembranen bringen also tatsächlich was! Zu dicht (50 Zentimeter oder weniger) würde ich sie aber nicht an die Rückwand stellen.

Eine Platte, die ich in- und auswendig kenne, ist Faith von The Cure. Das düstere Wave-Album aus dem Jahr 1981 weist einen markanten, teilweise sehr tiefen Bass auf und klingt selbst heute, 45 Jahre später, von der Produktion her hervorragend und ausgesprochen druckvoll. Der Bass beim rasant treibenden, klinisch kühlen „Primary“, das mit gleich zwei Bassgitarren eingespielt wurde, die sich duellieren, reicht zwar in diesem Stück nicht so tief herunter wie bei modernen Electro-Produktionen. Aber er liegt genau im Bereich, in dem viele Schallwandler ins Schwammige abdriften. Genau das passiert hier aber nicht. Beide Basslinien klingen quicklebendig, federnd, durchtrainiert und neutral, außerdem lassen sie sich jederzeit klar unterscheiden. Laut Hersteller reicht die Scansonic M20.2 bis 38 Hertz herunter, was ich nach ein paar Wochen Hörvergnügen so auch unterschreiben würde. Der Bass zählt zu den größten Stärken der M20.2 und reicht qualitativ ein gutes Stück über ihre Preisklasse hinaus.
Wie am Schnürchen
Und noch ein zweiter Aspekt ragt positiv hervor: die Höhen. Als Testsong dient beispielsweise „Crystalised“ von The XX (Album: XX, 2009). Die Hi-Hats und leichten Percussion-Elemente in diesem minimalistischen Stück klingen sehr fein aufgelöst und sitzen ziemlich weit oben im Frequenzspektrum. Gute Lautsprecher schneiden die Höhen nicht abrupt ab und zeigen eine eher seidige Textur statt Zischeln. Mit genau dieser Seidigkeit glänzt auch die Scansonic M20.2: Sie klingt mit keiner Musikrichtung scharf oder unangenehm, geizt aber nicht mit Auflösung und Feininformationen. Im Gegenteil: Hier fehlt gefühlt gar nichts und die Informationsfülle wird langzeittauglich, geschmeidig und mit neutralem Pegel serviert. Die Scansonic M20.2 meistert diese Gratwanderung sensationell gut. Auch damit reicht sie ein gutes Stück über ihre Klasse hinaus und erinnert mich angenehm an die deutlich teurere Kompaktbox Elac Concentro S 503 (7.000 Euro) mit ihrem genialen JET-Hochtöner.
Fehlen noch die Mitten. Die erweisen sich als schön eingebettet, besitzen allerdings einen leichten Hang zum Warmen. Stimmen wirken klar und minimal betont, zum Beispiel das tiefe Männerorgan von Leonard Cohen, das im intimen, spirituell anmutenden „You Want It Darker“ vom gleichnamigen 2016er-Abschiedsalbum, das kurz vor seinem Tod erschien, stark im Vordergrund steht. Die Scansonic stellt die feine Körnung, das Atmen und die leichte Heiserkeit in Cohens Stimme glaubwürdig und voluminös dar, ohne dass es kratzig oder zu nasal wird.

Die Stimme mutet dabei noch etwas dunkler an, als ich es etwa von meiner Sonus Faber Olympica Nova 3 (mittlerweile 16.000 Euro) her kenne – zumindest dann, wenn die Zuspielung über den erwähnten McIntosh-Vollverstärker erfolgt. Hängt der Röhrenvollverstärker PrimaLuna EVO 300 mit seinen 2 x 42 Watt an den dänischen Lautsprechern, wendet sich das Blatt aber nur minimal: Die Stimme tönt lediglich eine Nuance heller. Es zeigt sich also, dass die Scansonic M20.2 insgesamt einen leicht dunkleren/wärmeren Klangcharakter besitzt. Auch das Adjektiv „gutmütig“ kam mir im Laufe der Zeit immer häufiger in den Sinn, denn speziell alte, eher schlecht und hell produzierte Aufnahmen klangen mit beiden angeschlossenen Vollverstärkern überraschend gut genießbar. In Dänemark sagt man dazu auch „Hygge“, ein Substantiv, das so viel wie Wohlgefühl, Entschleunigung und Entspannung bedeutet. Im Vergleich klangen alle Canton-Lautsprecher, die ich bisher testen durfte, jedenfalls heller, so auch die Canton Vento 100 (ab 4.698 Euro). Geschmackssache.
Brecheisen und Flüstertüte
In puncto Grobdynamik findet die Scansonic M20.2 einen schönen Mittelweg zwischen Fluss und Explosivität. Wer etwas extrem Abrundendes oder umgekehrt sehr Angriffslustiges sucht, liegt hier falsch, vielmehr dürfte sie mit dieser kontrollierten Abstimmung das Gros der Hörer ansprechen. Die M20.2 ist also weit davon entfernt, eine Schlaftablette zu sein, sie schleudert einem große Pegelsprünge nur nicht so unverblümt ins Gesicht wie zum Beispiel die sehr explosive Audio Note J-LX-Hemp (rund 6.700 Euro). Auf der anderen Seite agiert die Scansonic M20.2 grobdynamisch etwas agiler als zum Beispiel die Canton GLE 70 S2 (1.198 Euro), die ich vor nicht allzu langer Zeit bei mir begrüßen durfte, erreicht in dieser Hinsicht aber nicht ganz die teurere Canton Vento 100. Letztere hämmert die Drums und E-Gitarren in Radioheads Kultsong „Paranoid Android“ (Album: OK Computer, 1996) druckvoller und polternder in den Raum.
In feindynamischer Hinsicht agiert das dänische Duo etwas flinker. Bleiben wir bei Radioheads „Paranoid Android“ und springen zum Anfang des Songs zurück: Er weist viele kurze Transienten und klitzekleine Pegelabstufungen auf, die sich prima zum Beurteilen der feindynamischen Fähigkeiten eignen. Die vorsichtig gezupfte Akustikgitarre zu Beginn in Kombination mit Thom Yorkes feinen Pegel- und Artikulationsunterschieden in der Stimme sind ein guter Prüfstein. Exzellente Boxen wie die Canton Reference 7 zeichnen hier jede kleine Lautstärke- und Artikulationsnuance mit, während in dieser Hinsicht schwächere Schallwandler eher eine homogene, glatte Fläche vermitteln. Die Scansonic M20.2 tendiert hier zur zackigen Darstellung und arbeitet feine Pegelsprünge gut heraus, auch wenn noch Luft nach oben bleibt.
Feinstoffliche und räumliche Qualitäten
Hören wir uns die Feinauflösung mit „Waiting For The Night“ von Depeche Mode an (Album: Violator, 1990). Das ruhige, atmosphärische Stück arbeitet mit sehr leisen Hintergrundebenen, subtilen Syntieflächen und langen Hallfahnen, die Boxen mit nur mittelmäßiger Auflösung gerne glattbügeln und im schlimmsten Fall verschlucken. Bei der Scansonic M20.2 tritt dieses Verhalten nicht auf: Die Hallfahnen der schwebenden Synthies laufen langsam aus – das zeichnet die Dänin für einen Schallwandler dieser Liga überdurchschnittlich gut nach. Alles lässt sich präzise nachverfolgen und nicht bloß erahnen. Hier bewegt sie sich durchaus auf dem Niveau der teureren Canton Vento 100.
In puncto Räumlichkeit herrscht mit der Scansonic M20.2 hingegen Normalmaß. Die Bühne reicht seitlich nur ein kleines Stückchen über die Lautsprecher hinaus, bleibt also tendenziell eher kompakt. Und da die M20.2 nicht mal einen Meter in die Höhe ragt, ist auch die Bühnenhöhe etwas begrenzt. Mehr lässt sie in puncto Tiefenstaffelung und Ortungsschärfe erkennen, wie beispielsweise „Atmosphere“ von Joy Division demonstriert: Die hypnotische Stimme von Ian Curtis schwebt ein gutes Stück vor der Lautsprecherlinie, während die elektronischen Drums weiter hinten den Takt vorgeben und der Bass beide in der Mitte verbindet. Die M20.2 spielen aber nicht immer offensiv nach vorne, sie zählen nicht zu den ausgesprochen „anmachenden“ Schallwandlern, sondern eher zu den entspannteren. Zu ihren Stärken zählt auf jeden Fall die dreidimensionale Darstellung einzelner Instrumente, die – siehe Joy-Division-Musikbeispiel – schön greifbar und klar abgegrenzt voneinander im Raum stehen.
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