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Sonoro Maestro Quantum

Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Klangvolle Geschichte(n)
  2. 2 Quad ESL 2812X: Hörtest und Vergleiche

Ach, die Seitenwände! Sie sind ein altes Ärgernis. Über Reflexionen, die mit einem Laufzeitunterschied zum direkten Signal aus dem Lautsprecher beim Ohr eintreffen, verhageln sie uns oft genug eine saubere räumliche Darstellung. Es wäre zu schön, wenn man dieses Problem abschaffen könnte, damit nicht die ganze Einrichtung des Wohnzimmers unter den akustischen Bedürfnissen leidet. Und dann dieser Kistenklang! Was wird da für ein immenser Aufwand betrieben, um den Lautsprechergehäusen das akustische Eigenleben abzugewöhnen. Wie mag es wohl klingen, wenn alle Töne befreit von solcherlei „Kisten“ den Raum fluten und die Musik zum Leben erwecken? Und ach: die punktförmige Schallquelle! Das wäre doch auch was. Nicht zwei, drei oder noch mehr Entstehungszentren für den Klang, deren Signale dann hoffentlich einigermaßen gleichzeitig beim Ohr landen – sondern ein „Punkt“. Aber bitte ohne die bauartbedingten Nachteile der üblichen Breitbandchassis …

Das sind wohl die drei alten Seufzer der HiFi-Welt, die jeder von uns schon einmal ausgestoßen haben dürfte. Und mit diesem Sehnen sind wir nicht alleine, schon Peter J. Walker träumte in den 1950er Jahren den kühnen Traum von einem Lautsprecher, der mit ein paar Grundproblemen ein für alle Mal aufräumt. Im Jahre 1957 war es soweit und der revolutionäre Quad ESL-57 (Vertrieb: www.quad-highend.de) erblickte das Licht der Welt. Die bahnbrechende Konstruktion minimierte die genannten Probleme auf elegante Weise: Da die Schallabstrahlung einer Acht gleicht, ist der Lautsprecher zur Seite hin ziemlich still, und wenn kein Signal zur Seitenwand geschickt wird, droht von dort auch kein Ungemach. Und wenn die „Kiste“ nicht stören soll, wird sie kurzerhand entsorgt: Schon dem ersten ESL war aufgrund des fehlenden Gehäuses eine verblüffend freie Spielart zu eigen, die mit üblichen Hörgewohnheiten aufräumt. Und die große, in konzentrischen Kreisen angesteuerte Membran will beides bieten: Punkt und Fläche.

Quad ESL 2812X (links) und ESL 2912X (rechts)

Die Quad-Elektrostaten können inzwischen auf eine bald siebzigjährige Tradition zurückblicken – die neuesten Inkarnationen sind der Quad ESL 2812X – links im Bild, Gegenstand dieses Testberichts – und der größere ESL 2912X (rechts)

Die aktuelle Inkarnation des Quad ESL trägt den Namen ESL 2812X (Preis: 13.999 Euro) und ist das kleinere von zwei Modellen – wobei „klein“ im ESL-Kontext zu verstehen ist. Eine so große Membranfläche benötigt eben Platz und damit ist schon eine erste Nebenwirkung dieses Lautsprechers erwähnt: Wer klein, stylisch, unauffällig sucht, sollte besser weiter klicken, denn nichts davon wird von den Quad bedient. Auch in normal großen Wohnzimmern geben sie sich so unauffällig wie ein Hummer vor der Garage eines vorstädtischen Reihenhauses.

Quad ESL 2812X – technisches Konzept

Technisch basiert der neue Quad ESL 2812X auf der Grundidee von vor fast 70 Jahren, die Entwicklung der letzten Jahre war eher Evolution als Revolution. Nach wie vor „schwebt“ hier eine zwischen zwei gelochten Metallplatten – den Statoren – eingespannte Folie, die von einem elektrostatischen Feld in Bewegung gesetzt wird und so Schall erzeugt. Legte man zehn dieser speziellen Mylarfolien aufeinander, käme man auf die Dicke eines menschlichen Haars – damit Sie eine Ahnung davon bekommen, wie fein hier gearbeitet wird. Auf diese Membran wird in hochpräzisen Arbeitsschritten eine Beschichtung aufgesprüht, über die sie mit Spannung versorgt wird: In diesem Fall sind es konstante 5250 Volt. Im Fuß der Lautsprecher befindet sich die passende Steuereinheit, die nicht nur für die konstante Spannung der Membran sorgt, sondern bei größeren Membranauslenkungen (und drohendem Lichtbogen) sofort den Hahn zudreht.

Das Anschlussterminal der Quad ESL 2812X

Das Anschlussterminal der Quad ESL 2812X – natürlich ist auch ein Netzanschluss vonnöten, denn die Folie muss unter Spannung gesetzt werden

Das Musiksignal wird durch die Lochbleche geleitet, was die unter Spannung stehende Folie abstößt und anzieht (Drei-Finger-Regel der rechten Hand, wer erinnert sich?). Da diese Bewegungen sehr klein sind, wir sprechen über wenige Millimeter im äußersten Fall, sollen die Verzerrungen vernachlässigbar bleiben. Pegel und tiefe Frequenzen werden hier nicht durch Hub, sondern durch Membranfläche erledigt.

Blick auf die Statoren des Quad ES

Blick auf die Statoren des Quad ESL: Gut zu sehen sind die in konzentrischen Kreisen angeordneten Leiterbahnen, die definiert zeitversetzt angesteuert werden, um eine Punktschallquellen-Charakteristik zu erreichen

Eine zweite Steuerung kümmert sich um das Musiksignal, das zuerst in ein Hochspannungssignal umgewandelt wird und danach – über ein Array aus speziell gefertigten Transformatoren – die in konzentrischen Kreisen angeordneten Leiter in den Statoren (die Leiterbahnen liegen tatsächlich vertieft in Fräsungen in den Lochblechen) minimal zeitversetzt, von der Mitte startend bis hin zum Rand, versorgt. Käme das Signal überall zur gleichen Zeit an, so die Entwickler, entspräche das Schallentstehungszentrum der Gesamtfläche der Membran, was eine deutlich schlechtere Raumabbildung zur Folge hätte. Durch den Zeitversatz werde eine punktförmige Schallquelle mit einem Durchmesser von nur wenigen Zentimetern simuliert, so Entwickler Peter Comeau.

Evolution

Im Vergleich zu früheren Versionen besteht der Rahmen der ESL 2812X nicht mehr aus Holz, sondern aus Stahl und Aluminium, was das Gewicht von 35 Kilogramm pro Stück erklärt. Eine zusätzliche Strebe im Rücken beugt einer Bewegung des Rahmens bei lauten Impulsen vor, was nicht zuletzt der Feindynamik nutzen soll. Im Fuß sitzt die schon erwähnte Elektronik, außerdem kann man hier die Steuerung der Bodenbeleuchtung und der Helligkeit des Logos vornehmen. Beides lässt sich auch ausschalten, was ich sehr zu schätzen wusste, meine Kinder jedoch bedauerten.

Bodenbeleuchtung des Quad ESL 2812X

Lightshow: Logo und Boden des ESL 2812X leuchten im Dunkeln – doch das ist dimm- und abschaltbar

Wie gesagt, das Konzept ist noch das alte, es wurde aber an einigen Punkten verfeinert. Besonderes Augenmerk legte man laut Peter Comeau auf eine präzisere Lochung der Statoren, um sie akustisch verschwinden zu lassen. Zudem wurde mit neuen Beschichtungen für die Membran experimentiert, hier standen die Themen Homogenität und Sicherheit ganz oben auf der Liste – und die Transformatoren wurden mit Hilfe von Rob Flain, einem langjährigen Servicemanager von Quad, nach den Spezifikationen von Peter Walker zusammen mit den ursprünglichen Herstellern entwickelt. Dass die Elektronik mittlerweile nicht mehr pragmatisch wie früher, sondern mit Markenbauteilen (von Murata und Vishay beispielsweise) bestückt wird, ist der Preisklasse angemessen.

Das Thema Aufstellung

Kommen wir zur bangen Frage, wie sich dieser „Lautsprecher-Sonderweg“ klanglich auswirkt. Doch vor diese Erkenntnis hat die Physik die Arbeit gesetzt, denn ein Lautsprecher, der nach vorne und hinten fast gleich laut abstrahlt, will sorgsam platziert werden. Bei einem Quad ESL wirkt sich das freilich anders aus als bei konventionellen Boxen, die beispielsweise eine zu wandnahe Aufstellung oft mit Dröhnen quittieren. Bei den Quads ist es vor allem die Qualität der Mitten, die es zu beurteilen gilt, denn auch die Beschaffenheit des Raumes hinter dem Lautsprecher zählt. So können die mittleren Lagen matt, vorlaut, flach, undeutlich wirken, wenn etwas nicht stimmt. Bei meinen Versuchen waren zwischen ein und eineinhalb Meter zur Rückwand und eine gute Diffusion, aber wenig Dämpfung ideal. Doch jeder Raum ist anders, ich rate zu eigenen Experimenten.

Dabei sollten natürlich auch die Themen Basisbreite und Einwinkelung nicht vergessen werden. Ich würde die Lautsprecher eher großzügig breit platzieren, die zuerst vorgenommene, fast parallele Aufstellung klang mir etwas zu unbeteiligt und räumlich flach. Letztlich standen die Lautsprecher gute drei Meter auseinander, die Achsen kreuzten sich einen Meter hinter dem Hörplatz.

Standfuß des Quad ESL 2812X

Die Standfüße des Quad ESL 2812X sind höhenverstellbar, so gelingt eine perfekte Ausrichtung auf den Hörplatz

Sehr fein lässt sich der Klang übrigens auch mittels der vier höhenverstellbaren Füße justieren. Unterschiedliche Sitzhöhen kann und sollte man auf diese Weise bedienen. Das mag etwas mühsam erscheinen, aber das Konzept birgt ja Vorteile: Die relativ starke Bündelung der Quad ESL 2812X blendet auch Bodenreflexionen weitgehend aus. Dabei fällt mir auf: Ich habe noch gar nicht die Seitenwände erwähnt. Tja, die Abstrahlung des Dipols in Form einer Acht sorgt dafür, dass es ziemlich egal ist, was sich neben den Lautsprechern befindet. Ob Sessel oder nackte Wand spielt kaum eine Rolle.

Dass ich bei diesem Lautsprecher so detailliert auf die Aufstellung eingehe, bedeutet nur eines: Es zählt. Man hört es wirklich. Das gilt auch für die Wahl des Verstärkers. Krey Baumgartl vom deutschen Vertrieb IAD warnte im Vorfeld, dass es nicht nur auf Watt ankäme, es müssten gute Watt sein … Der sich gerade hier warmspielende ASR Emitter I HDHV erwies sich freilich als idealer Partner und fand Gnade vor den strengen Quads. Im Nachhinein vorgenommene Tests mit anderen Verstärkern zeigten, dass Baumgartl recht hat: Einige Verstärker, die sonst gute Arbeit verrichten, konnten an den ESL nicht überzeugen.

Quad ESL 2812X: Hörtest und Vergleiche

Des Knaben Wunderhorn von Gustav MahlerAlles steht, alles läuft. Endlich. Im CD-Player dreht sich Des Knaben Wunderhorn von Gustav Mahler mit Riccardo Chailly und dem Concertgebouw Orkest Amsterdam (DECCA CD). Track Nummer drei ist das Lied „Tamboursg‘sell“, eine einsame, gedämpfte Rührtrommel beginnt leise, ganz hinten auf der Bühne mit einem ostinaten Rhythmus aus Vorschlägen und Wirbeln. Und schon nach einer Sekunde haben mich die Quads erwischt. Denn auch dank der großartigen Aufnahme beamen mich die Lautsprecher nach Amsterdam und lassen mich Mahlers düstere Seelenpfade durchwandern. Aber der Reihe nach.

Bühnenbild

Der Raum erstreckt sich von minimal vor den Lautsprechern bis weit hinter das Wohnzimmer der Nachbarn im nächsten Haus, eine solche Tiefe habe ich tatsächlich noch nicht erlebt! Die Trommel weit hinten klingt natürlich dumpf, und offensichtlich ist ein Naturfell und keine Plastikmembran im Einsatz, die Einzelschläge des offenen Wirbels sind mühelos auszumachen, allerdings ohne diesen feinen Glanz, der bei vielen Lautsprechern durch Kompression entsteht. Nein, man hört alles einfach nur, weil es eben da ist. Ganz natürlich, ohne Spotlight. Das Orchester kommt nach und nach dazu, jede Gruppe steht an ihrem Platz, von grummelnden Kontrabässen bis hin zur grellen Piccolo steht jeder Klang exemplarisch natürlich im Raum, eingebettet in die großartige Akustik des Concertgebouw.

Der Quad ESL 2812X im Hörraum

Der Quad ESL 2812X im Hörraum – der im Hintergrund zu sehende Vollverstärker ASR Emitter I HDHV entpuppte sich im Test als kongenialer Spielpartner

Auch wenn sich der Raum mit einiger Entfernung vor dem Hörer aufbaut, erlebt man die Musik durch die starke Richtwirkung der Lautsprecher mit einer gewissen „Kopfhörerintensität“. Schon nach einer halben CD ist klar, dass man über die Quad ESL 2812X Musik nur mit Mühe nebenbei hören kann. Jeder Ton ist wichtig, intensiv, prall – wenn man nicht voll dabei ist, sollte man besser abschalten. Ich erlebe es an dem Tag und auch in den Wochen danach immer wieder, dass Gespräche, die begonnen werden, während die Musik läuft, bei mir weniger Chancen als sonst haben.

Bass und Grundton

Massive Attack MezzanineIm Frequenzkeller geht es ehrlich, wenn auch nicht imposant zu, einige konventionelle große Lautsprecher bewegen da schon mehr Luft. Will man sich also regelmäßig von Massive Attack mit Mezzanine das Zwerchfell massieren lassen, gibt es andere Boxen, denen man sich zuwenden sollte. Insgesamt würde ich die Quads im Bass als etwas schlanker als neutral verorten, insbesondere im Tiefbass – wer hier mehr braucht, sollte sich vielleicht den größeren Bruder ESL 2912X mit dem Extra-Basspanel anhören. Vielleicht fehlt mir aber auch nur der Kistenklang, den ich seit über 50 Jahren im Ohr habe!?

Wie auch immer, ab dem Grundton sind wir wieder voll dabei, hier ist bei richtiger Aufstellung kein Pegelverlust erkennbar. Und wir kommend nun auch in den ersten Frequenzbereich, in dem das Fehlen der „Kiste“ seine Vorteile ausspielt: Wenn eine Gruppe Kontrabässe in einem Orchester mit größter Vehemenz zur Sache geht (Dimitri Schostakowitsch, Sinfonie Nr. 8, dritter Satz, Berliner Philharmoniker mit Semyon Bychkov, Philips CD), agieren viele Lautsprecher schnell ein wenig pausbäckig, lassen die Konturen, die nicht nur in den Obertönen gezeigt werden, verschwimmen und können auch die Klangfarben der individuellen Instrumente nicht mehr wirklich klar auseinanderhalten. Die Quads sorgen hier für klare Sicht – wo nichts mitschwingt, kann nichts stören und man hat fast das Gefühl, beim Hören um die Instrumente herumgehen zu können.

Auch wenn sich die Quad ESL 2812X bei den tiefsten Frequenzen etwas zurückhalten – der Bereich darüber wird jedem gefallen, der nicht nur auf Druck und Masse setzt, denn der Detailreichtum, die Farbdarstellung und die Durchzeichnung sind wirklich großartig. In diesen Punkten konnte noch kein bei mir spielender Lautsprecher von Wilson, Audio Physic oder Børresen den Quads das Wasser reichen.

Diese Mitten …

Mit den Mitten kommen wir dann zur Paradedisziplin der Quad ESL 2812X. Nicht umsonst werden und wurden sie seit Anbeginn genau dafür gelobt und auch die aktuelle Inkarnation macht hier keine Ausnahme. Sänger werden über die Quads zum besonderen Erlebnis. Denn es gibt in der Textur berühmter Stimmen so unendlich viele Feinheiten, die bei vielen Lautsprechern untergehen – der Stimmsitz, die Emission, welche Räume im Körper resonieren und so fort.

Der Quad ESL 2812X von der Seite und von hinten

Der Quad ESL 2812X von der Seite und von hinten – die Strebe auf der Rückseite verhindert Relativbewegungen des Rahmens und sorgt so für mehr Präzision, insbesondere bei kräftigen Impulsen

Mit den ESL wird es zur Lust, sich durch verschiedene Opernaufnahmen zu hören und beispielsweise bei einer Tosca die unterschiedlichen Darstellungen von Marion du Tosca zu bewundern. Und dabei muss man nicht mal so gegensätzliche Extreme wie Renata Tebaldi und Maria Callas wählen, sondern einmal Renata Scotto neben die Callas stellt. Scotto etwas metallisch-heller, Callas mit mehr Resonanz im Oberkörper, beide jedoch mit dem unbedingten Ausdruckswillen, dem im Zweifelsfall die Klangschönheit geopfert wird. Über die Quad kann man auch auf diesen alten Einspielungen den Luftstrom verfolgen, hören, wer den Mund weiter öffnet und so die Emission ändert. Kurz, man erlebt nicht nur, dass sie unterschiedlich klingen, man erkennt auch, warum das so ist.

Und wo wir schon beim Ausdruck sind: Renato Bruson als brutaler und gewissenloser Scarpio singt sich so unverhohlen böse durch die Oper wie kein Kollege vor oder nach ihm. Oder die unendliche Schönheit der Leontyne Price, deren Sopran so reichhaltig, mühelos und resonant klingt, dass man der gepeinigten Tosca gegen Ende ihre Verzweiflung schon fast nicht mehr glauben möchte. All diese Feinheiten servieren die Quad ESL 2812X mit fast schon aufreizender Lockerheit, sie tun so, als wäre all das doch keine echte Anstrengung. Keine Schwingungen im Gehäuse und keine Verdeckungen durch die Übernahmefrequenz einer Frequenzweiche im Stimmregister – das zahlt sich hier voll aus.

Wenn ein Lautsprecher all das darstellen kann, enthält er sich eines Kommentars, was bedeutet, dass die Quads in diesem Bereich vorbildlich neutral spielen. Kein Hype, keine Effekte, nur eine Unmenge an perfekt ins Gesamtbild eingebundener Informationen. Die vor kurzer Zeit gehörten Aretai, deren Mitten mich ebenfalls begeisterten, spielen hier ähnlich kompetent – und doch anders. Während Auflösung und Durchhörbarkeit auf ähnlichem Niveau liegen, besitzt die Aretai beispielsweise den deutlich breiteren Sweetspot – während die Quads, was die Tiefendimension der Bühnendarstellung angeht, noch einmal in einer ganz anderen Liga spielen.

Befestigung der rückseitigen Strebe an der Oberseite des Quad ESL 2812X

Auflösung, Dynamik und glitzernde Kronen

Wenn ein Lautsprecher solche Feinheiten erfahrbar macht, dürfte klar sein: Auflösung und Feindynamik sind in überreichem Maße vorhanden. Dass ein solches System nicht die grobdynamische Fachkraft ist, um knallharte Konturen bei tiefsten Frequenzen in den Raum zu hebeln, dürfte ebenfalls klar sein. Darüber haut es allerdings auch mit der Grobdynamik bestens hin – auf eine wiederum sehr eigene Weise. Bei manchen Lautsprechern bekommen starke Impulse durch die stattfindende Kompression so eine Art kleine, glitzernde Krone aus Verzerrungen aufgesetzt. Und wenn es dem gefühltem Dynamikerlebnis auf die Sprünge hilft, möchte ich dagegen noch nicht einmal so viel sagen. Die Quads sparen sich diese Artefakte aber und klingen im ersten Moment gar nicht so zackig, wie sie eigentlich sind. Umhören und neu entdecken ist hier gefragt, auch von liebgewonnenen Fehlern muss man sich erst einmal lösen lernen.

Requiem Strophen Wolfgang RihmLeicht nachvollziehbar ist das Genannte mit den Requiem-Strophen von Wolfgang Rihm, die in einer wirklich erstklassigen Aufnahme mit Mariss Jansons und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks vorliegen (NEOS): Was so schlicht und fast monophon beginnt und in den ersten Takten noch keine rechte Herausforderung an die Anlage stellt, entwickelt sich innerhalb weniger Minuten zur veritablen Nagelprobe, wenn in zahlreichen Stimmen Töne und Klänge geschichtet werden, manche gar nur noch klangfarblich differenziert werden können. Was bei vielen Lautsprechern zu einem undurchdringlichen Wust mutiert, bleibt hier klar und luftig durchhörbar, ohne indes Substanz und „Fleisch“ vermissen zu lassen. Ein absolutes Erlebnis. Ein Beweis für die sinnstiftend natürliche Art der Musikreproduktion der Quad dürfte auch sein, dass ich Krey Baumgartl selbst bei so sperriger Kost wie Helmut Lachenmanns Kontrakadenz schlicht nicht mehr aus dem Sessel bekam.

Die andere Seite der Medaille sei nicht verschwiegen, und deshalb noch ein Wort zur Performance bei Pop-Produktionen. Es gilt das schon Gesagte – hier kommt allerdings dazu, dass einen die Quad ESL 2812X durch die einzelnen Schichten einer solchen Produktion hören lassen. Länge und Beschaffenheit der Hallfahne, Attack und Release des Kompressors, Sidechain-Effekte – die Quads breiten den Mixplan akribisch vor einem aus. Und man hört natürlich, wie gelungen oder eben nicht er umgesetzt wurde. Das ist die Kehrseite des Themas „Auflösung“. Mittelmäßige Aufnahmen klingen genau so.

Hochton

Dass die Höhen noch keine gesonderte Erwähnung fanden, mag daran liegen, dass sie aufgrund der schon genannten Verzerrungsfreiheit schlicht nicht auffallen, sondern einfach da sind. Da die Quads zu hohen Frequenzen hin zunehmend richten, kann man mit der Einwinkelung die gewünschte Höhendosis deutlicher steuern als bei den meisten Lautsprechern mit kleiner Kalotte, die erst deutlich höher bündeln.

Fußbereich des Quad ESL 2812X

Verblüffend ist hier wieder die Homogenität und Natürlichkeit, mit der beispielsweise eine Triangel dargestellt wird. Bei vielen Lautsprechern auf ein körperloses „Ping“ reduziert, hört man hier neben allem Hochtonglanz auch die Masse an Metall, die bei dem Anschlag in Schwingung gesetzt wurde. Und ganz nebenbei auch, ob der Schlägel aus Stahl, Kupfer oder Messing bestand. Soll ich noch mehr schreiben? Ich denke, es ist alles gesagt.

Na, fast alles: Auch wenn man die ESL 2812X direkt auf den Hörplatz richtet, zeichnen sie sich bei allem Detailreichtum durch eine gewisse Milde aus. Eine Børresen X3 (10.000 Euro) beispielsweise geht hier deutlich forscher zu Werke, ohne indes wirklich mehr Details zu liefern. Alle kleinen Informationen sind vielmehr „gehighlightet“, wodurch man sie leichter erkennt. Bei der Quad muss man konzentrierter hinhören – kann das aber auch problemlos über mehrere Stunden tun, ohne dass die Ohren wattieren.

Billboard
Cambridge Audio A100

Test: Quad ESL 2812X | Standlautsprecher

  1. 1 Klangvolle Geschichte(n)
  2. 2 Quad ESL 2812X: Hörtest und Vergleiche

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