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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Groß, nicht artig
  2. 2 Pylon Audio Amber Mk2: Hörtest und Vergleiche

Dreiunddreißig Lautsprechermodelle, die sich in acht Linien aufgliedern – nein, die Rede ist nicht von Canton, Elac, B&W oder einem anderen großen Hersteller, sondern von: Pylon Audio. Sagt Ihnen nichts? Ging mir genauso. Bis uns Frank Koglin, der die Marke hierzulande vertreibt, im letzten Jahr eine Pressemeldung zum wohl auffälligsten Lautsprecher im Programm des polnischen Herstellers zukommen ließ – der Amber Mk2. Bei der Größe, Bestückung und dem Design der Box war mir schnell klar, dass sie bestimmt mal bei mir vorbei schauen möchte. Und jetzt ist es endlich soweit.

Pylon Audio Amber Mk2 – Konzept und Technik

„Was denkst du, was die Dinger kosten?“ – „Oh, schwer zu sagen … über 20.000 Euro?“ – „Nicht ganz. 4.999 Euro.“

Dialoge dieser Art darf man wohl als Kompliment für die Pylon Audio Amber Mk2 verbuchen. Und sie kommen nicht von ungefähr, allein schon die Dimensionen dieses Schallwandlers lassen einen spontan höhere Preisklassen vermuten – die Amber Mk2 misst 1,26 Meter in der Höhe, ist ziemlich feiste 50 Zentimeter breit und derer 43 tief. Kampfgewicht: 65 Kilogramm das Stück. Auch die Bestückung ist zwar teils aus, aber bestimmt nicht von Pappe: In Zeiten, in denen manch ein Hersteller einen „Achter“ im Bass schon für amtlich hält, mit gleich zwei 12-Zöllern je Box aufzutrumpfen, ist ein grundsympathischer Zug. Membranen aus speziell beschichteter Zellulose, ein ventiliertes Magnetsystem und Glasfaser-Spulenträger zählen laut Pylon Audio zu deren technischen Highlights.

Einer von zwei 12-Zoll-Woofern der Pylon Audio Amber Mk2

Die Pylon Audio Amber Mk2 ist pro Box mit zwei 12-Zoll-Woofern bestückt. Die Membran besteht aus beschichteter Zellulose

Zwischen den beiden Jungs platziert findet sich das eigens für die Amber Mk2 entwickelte Hochtonhorn mit Tractrixgeometrie, angetrieben von einem 1-Zoll-Kompressionstreiber des deutschen Chassis-Hersteller BMS. Das Horn mischt sich ab 1200 Hertz ins Geschehen ein, denn ja: Dieser große Lautsprecher ist „nur“ ein Zweiwegekonzept. Die Trennung erfolgt mit 12 dB/Oktave. Als Kennschalldruck gibt Pylon Audio 97 dB/2,83V/m an, umgerechnet auf die Nominalimpedanz des Lautsprechers von 4 Ohm ergibt das 94 dB, was ich immer noch etwas optimistisch finde, aber egal, lauter als normale Boxen sind die Amber allemal.

Pylon Audio Amber Mk2 - Hochtonhorn mit Tractrixgeometrie

Die Amber Mk2 besitzt ein Hochtonhorn mit Tractrixgeometrie, angetrieben wird es von einem Kompressionstreiber von BMS

Doch nicht nur die Größe, auch das Design und dessen Ausführung können einen auf die falsche Fährte führen, was den Preis angeht. Die äußerliche Dreiteilung des Lautsprechergehäuses macht was her. Einerseits ein kantig-klares, bulliges Männerspielzeug, bringen diese Zierfugen anderseits doch Struktur und Abwechslung ins Erscheinungsbild der Amber. Und wo wir bei Dreiteilung sind: Pro Lautsprecher gibt’s drei magnetisch haftende Stoffabdeckungen, das lädt natürlich zu Experimenten ein: nur das Horn abdecken – oder lediglich die Bässe? Doch nur einen Bass? Oder ganz nackig? Alles möglich, gerade wie‘s beliebt.

Die Pylon Audio Amber Mk2 mit abgedeckten Basstreibern und freiem Hochtonhorn

Die Pylon Audio Amber Mk2 mit abgedeckten Basstreibern und freiem Hochtonhorn

Apropos: Die große Pylon Audio ist in zahlreichen Ausführungen zu haben. Insgesamt stehen sechzehn Furniere zur Auswahl sowie die diversen Farbtöne der RAL-Palette. Am teuersten wird’s mit schwarzer oder weißer Hochglanzlack-Lackierung – unser Testmuster liegt deshalb bei 5.799 Euro. Die furnierten Varianten starten jedoch bei den oben erwähnten 4.999 Euro. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Wir reden wie immer von Paarpreisen.

Die Pylon Audio im geölten Eiche-Furnier

Die Pylon Audio gibt’s in 16 furnierten Varianten – hier die Ausführung Eiche-Walnuss

Im Innern setzt sich die Dreiteilung nicht fort. Der Kompressionstreiber ist abgekapselt, die beiden Woofer teilen sich ein gemeinsames Volumen – das so Richtung 200 Liter tendieren dürfte. Nicht gerade wenig also, was mich wiederum an eine meiner „Verflossenen“ erinnert, die Blumenhofer Genuin FS1 Mk2, die ähnlichen Rauminhalt mit einem 16er statt zwei 12ern bespielte. Im Gegensatz zur bayrischen Wuchtbrumme strahlt das Bassreflexsystem der polnischen aber nicht auf den Boden, sondern nach hinten ab. Über dem Single-Wire-Terminal finden sich zwei faustgroße Reflexöffnungen, und damit die Amber keine Kleintierfalle wird, wurden sie mit Akustikstoff „versiegelt“. Aufgebaut wird das Amber-Mk2-Gehäuse aus 22 Millimeter starken MDF-Platten und im Innern an zentralen Stellen zwecks Resonanzminimierung verstrebt, so Sławomir Wieruszewski von Pylon Audio. Der Lautsprecher steht auf einer schwarzen Basisplatte und die wiederum auf vier höhenverstellbaren, mit Filzgleitern versehenen Füßen.

Die Verarbeitung der Pylon Amber ist weit mehr als anständig. Besagtes Terminal ist sehr solide, die Spaltmaße sind perfekt. Wenn ich den Mecker-Onkel spielen müsste, könnte ich allenfalls anführen, dass ich schon mal noch glattere Lackarbeiten gesehen habe – aber das entdeckt man nur aus der Nähe und wenn man extra darauf achtet. Für den aufgerufenen Kurs sind Materialeinsatz und -güte der Pylon Audio Amber Mk2 super.

Pylon Audio Amber Mk2: Hörtest und Vergleiche

Laut Pylon Audio sind die Amber Mk2 für Räume von 20 bis 100 Quadratmeter geeignet. Die obere Angabe akzeptiere ich sofort, auch in weitläufigen Wohnzimmern werden diese Lautsprecher kaum verhungern. Aber 20 Quadratmeter? Na, viel Glück. Aus dem Bauch heraus würde ich eher sagen, so ab 30 qm aufwärts ergibt es Sinn. Die Pylon brauchen einfach etwas Raum zur Entfaltung. Auch deshalb, weil ein ordentlicher Wandabstand nicht schaden kann, bei mir standen sie jedenfalls einen Meter von der Rückwand und anderthalb von den Seiten entfernt.

Pylon Audio Amber Mk2 im Hörraum

Big Beats

Na klar, stimmt schon, Aug‘ in Aug‘ mit so feisten Schallwänden und vier 12-Zöllern entwickelt man gewisse Erwartungen. Und ja – die Pylon Audio Amber Mk2 sind kräftig im Bass. Aber das nun auch nicht so extrem, wie manch einer vermuten mag. Im Mittel- und Oberbass legen sie eine Handbreit drauf, sie erschlagen einen aber nicht – ausreichend Auslauf und Wandabstand einmal vorausgesetzt, siehe oben.

Nicht jede Betonung klingt gleich. Legt eine Kompaktbox im Bass etwas drauf, so wirkt’s vielleicht überraschend – und warm-sonor. Die Amber Mk2 hingegen klingt nicht so sehr warm denn mächtig. Sie lässt einen sofort wissen: Ich kann immer nachlegen, egal was für kranke Pegel du hier abrufst. Das ist mal souveräne Kraftentfaltung. Die mobilisierbare(n) Basspower und -dynamikreserven sind fürs Geld ziemlich einmalig, mir fällt so schnell kein Passivlautsprecher der 5.000-Euro-Liga ein, der ähnlich potent ausgestattet wäre. Ob Sie das auch wirklich brauchen und wollen, ist natürlich Ihre Endscheidung – aber falls ja, werden Sie diesen Lautsprecher lieben.

Pylon Audio Amber Mk2 - in Weiß, ohne Abdeckung

Da die Pylon Audio mächtig ausschaut und klingt, gibt’s zum Warm-up auch gleich mal eine Tour durch den Indie-Rock der Neunziger, Opa holt die alten Hits raus. Was böte sich zum Start mehr an als Nirvanas „Smells like teen spirit“? Pegel rauf, föhnen lassen. Das geht ja ganz gut … Und weiter: „Celebritiy Skin“ von Hole, „I Alone“ von Live, „Today“ von den Smashing Pumpkins. Oh Mann, und wie das geht!

Ich habe es wahrscheinlich schon tausendmal geschrieben: Es macht einen großen Unterschied, ob man wirklich ordentlich Membranfläche zur Verfügung hat oder ob sich zwei Achtzöller oder sowas in der Art „redlich mühen“. Mit den vier Zwölfern der Pylon kommen rockige Drumsets und E-Bassläufe mit echter, livehafter Energie rüber, nicht staubtrocken, aber durchaus konturiert. Das Entscheidende ist: Nie wirkt es bemüht. Im Gegenteil, die Unmittelbarkeit von Bassimpulsen auch bei an sich schon hoher Abhörlautstärke ist das Besondere, das so eben nur mit wirklich großen Lautsprechern und entsprechender Membranfläche zu haben ist. Solche Lautsprecher sind meist aber deutlich teurer als die Amber.

Um auch die Tiefbassfähigkeiten auszuloten, steuere ich Alben wie Space Is Only Noise von Nicolas Jaar, James Blakes selbstbenanntes Debüt oder was sich von Nik Bärtsch auf dem Musikserver befindet an. Die wenig überraschende Erkenntnis: Es gibt keinen Grund zur Klage. Einerseits. Andererseits hätte ich von so einer so großen Box noch mehr Power in den alleruntersten Lagen erwartet. Der Tiefbass wirkt in Relation zur mächtigen Gangart im Mid-/Oberbass leicht verborgen. Sprich: Eigentlich ist er schon da, aber die Basslagen darüber wirken prominenter, was den Blick nach ganz unten nicht komplett freigibt.

Pylon Audio Amber Mk2 im Hörraum

Das andere Extrem: Hochton

Im Hochton verhält es sich im Grunde umgekehrt wie im Bass. Während der „in Summe“ leicht betont rüberkommt und nur in den allertiefsten Tiefen etwas abfadet, wirken die oberen Oktaven insgesamt etwas dezenter – mit einer kleinen, schmalbandigen Ausnahme in den mittleren Höhen. Diese etwas „angepfefferte“ Stelle liegt hoch genug, um Stimmen meist nicht zu tangieren, aber wenn ein E-Gitarren-Sturm losbricht, weht’s einem bisweilen doch recht frisch ans Ohr. Und von solchen Stürmen hat‘s in meiner Indie-Playlist doch ein paar.

Aber das ist, wie gesagt, die Ausnahme – die Regel ist, dass die Höhen etwas milder rüberkommen. Überraschend mild sogar, schließlich haben wir es doch mit einem Hochton-Horn zu tun, die strahlen gemeinhin etwas mehr Energie ab. Nun, dieses hier ist gedeckter unterwegs, und so kommt die Pylon Audio Amber Mk2 auch nicht wirklich luftig rüber, sondern … tja, wie eigentlich? Sagen wir mal so: Wäre sie ein Verstärker, wunderte ich mich nicht, das Naim-Logo darauf zu entdecken, wenn Sie wissen, was ich meine. Dabei ist die Auflösung für ein Hornkonzept dieser Liga gut, ähnlich gepreiste Lautsprecher mit gut gemachten Gewebekalotten, Bändchen oder AMTs bieten einem aber meist noch mehr Details.

Basstreiber der Amber Mk2

Mitten

Während die Frequenzgangenden „mit Charakter“ abgestimmt wurden, gibt sich der Mitteltonbereich balanciert. Wieder bin ich erstaunt, hätte ich doch eher etwas Biss in den Präsenzen oder mehr Grundtonwärme, vielleicht sogar beides erwartet. Doch weder wirken tiefe Männerstimmen extrafett noch singen Frauen fistelig.

Okay, insgesamt tendiert die Mitten-Balance doch leicht ins Sonore, aber das ist eher eine (angenehme) Nebenwirkung der Bass- und Hochtonabstimmung. Akustikgitarren werden beispielsweise schön physisch-körperlich-holzig nachgezeichnet, während der Anriss der Saiten eher dezenter rüberkommt – kaum verwunderlich, Impulshaftes ist nun mal hochtonlastig, und die Höhen der Pylon sind ja etwas milder.

Pegel, Dynamik, Auflösung

Zur Pegelfestigkeit muss ich wohl nichts mehr sagen, oder? Eher hissen Sie oder Ihre Nachbarn die weiße Flagge, als dass der Pylon Audio Amber Mk2 Schweiß auf der Stirn steht. Die bleibt auch bei brachialen Lautstärken ganz locker-flockig. Gut und praktisch ist darüber hinaus, dass man mit ihr auch leise hören kann, ohne dass das Klangbild dynamisch und die Auflösung betreffend groß abbaut. Ich vermute aber stark, dass die mit diesem Lautsprecher anvisierte Zielgruppe nicht fortwährend mit Flüsterpegeln hört.

Rückseite der Pylon Audio: Single-Wire-Terminal und zwei Bassreflexöffnungen

Auf der Rückseite der Pylon Audio befinden sich das Single-Wire-Terminal und zwei große Bassreflexöffnungen

Was die Dynamik angeht, muss man differenzieren. Sicherlich gibt es Lautsprecher, die feindynamisch noch enger am Mann sind, auch wenn das, was die Pylon Audio Amber Mk2 hier bietet, gut und der Preisklasse angemessen ist – was übrigens auch für den Detaillierungsgrad angeht. Um mal einen möglichst starken Kontrast zu wählen: Die ähnlich gepreiste Betonart Audio Syno modelliert Transienten und Impulse schärfer heraus, auch bietet sie im Mitten- und Hochtonband die höhere Auflösung – aber was Grobdynamik, Pegelfähigkeiten und Basspower angeht, sieht sie natürlich nur noch die Rücklichter. Ungewöhnlich sind beide Lautsprecher – und konzeptionell wie klanglich sehr unterschiedlich.

Ist die ebenfalls in dieser Preisliga angesiedelte Orbid Sound Mini Galaxis V der Pylon Audio ähnlicher, schließlich lassen sich beide mit einigem Recht als „Hochpegellautsprecher“ bezeichnen? Hm, eigentlich auch nicht. Klar, Live-Pegel können beide, doch es klingt schon sehr anders. Die außergewöhnliche Orbid schärft Impulse nicht zuletzt aufgrund ihrer leichten Präsenzbetonung eher noch an, derweil die Pylon sie abmildert, und während jene ausnehmend luftig klingt, besitzt diese deutlich mehr Power im Untergeschoss. Was insgesamt, wenn man den Raum dafür hat, kräftiger, souveräner und langzeittauglicher wirkt.

Nils Petter Molvær KhmerAlso: Zweifellos ist die Pylon Amber Mk2 ein grobdynamisches Talent, aber nicht so sehr, weil sie Impulse im Mittel-/Hochtonbereich explosiv/scharf rüberbringt, sondern wegen der schon weiter oben angesprochenen Unmittelbarkeit der Bassansprache und der fast grenzenlos wirkenden Kraftreserven im Untergeschoss. Und davon profitiert natürlich nicht nur Indie-Rock, sondern auch Großorchestrales, intelligent gemachte Electronica oder solche soundscapeartigen Klanggemälde, wie sie etwa Nils Petter Molvær (zum Beispiel auf den Alben Khmer (auf Amazon anhören) oder Baboon Moon) liefert. Was natürlich auch am Bühnenaufbau liegt …

Pylon Audio Amber Mk2 - seitlich Perspektive

Raumschiff

Frei, breit, groß, raumfüllend – das sind die Stichworte, die mir zur Bühne als erstes in den Sinn kommen. Eines fehlt noch: involvierend! Die Pylon Audio Amber Mk2 macht einen guten Schritt auf mich zu, und was näher bei mir steht, nimmt mich schneller mit auf die musikalische Reise.

Howe Gelb The ListenerDiese etwas offensivere Gangart passt gut zum großformatigen Auftritt der Pylon, und so auch der Umstand, dass sie das Klang-Panorama jenseits der seitlichen Begrenzungen der Lautsprecher abbilden kann. Etwas größer fallen zudem die Einzelklänge aus, nicht viel, aber ein bisschen halt schon – aufgefallen ist mir’s bei der Gitarre und der Stimme im Stück „Cowboy boots“ von Howe Gelb (Album: The Listener; auf Amazon anhören).

Andere Lautsprecher haben andere Talente: So gelingt es beispielsweise der schon genannten Betonart Audio, aber auch einer Orbid Nandur (circa 5.400 Euro), den virtuellen Bühnenraum tiefer auszuleuchten – da ist mit der Pylon ziemlich genau bei der hinteren Boxenkante Schluss – und einzelne Instrumente und Stimmen lokalisationsschärfer abzubilden. Die Pylon Audio zeichnet die „Ränder der Klänge“ mit weicherem Stift, was freilich auch seinen Charme hat. Ja, so wie die Amber Mk2 die Bühne aufzieht, passt es gut zu ihrer Abstimmung: saft- und kraftvoll, mitreißend – und einfach etwas größer als normal.

Pylon Audio Amber Mk2 in Eiche-Ausführung

Pylon Audio Amber Mk2 im Eiche-Chocolat-Furnier

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Input Audio

Test: Pylon Audio Amber Mk2 | Standlautsprecher

  1. 1 Groß, nicht artig
  2. 2 Pylon Audio Amber Mk2: Hörtest und Vergleiche

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