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Rot ist die Farbe der Liebe, Grün der Hoffnung – und manch einer soll ja tatsächlich gelb vor Neid werden. Was ich mit Blick auf „meine“ goldgelben Pro-Ject Speaker Box 12 E Carbon – die selber für ihre Farbe aber nichts können – absolut verstehen würde. Und bestimmt funktioniert das auch mit den anderen verfügbaren Varianten wie etwa Tannengrün oder Stahlblau. Ja, für die mutigen, spacy Farben muss ich Pro-Ject (https://www.audiotra.de/) gleich in der Einleitung mal lobhudeln. Zumal die Lackoberfläche der Lautsprecher wirklich überraschend hochwertig anmutet, die Schallwand durch keine unnötigen Löcher verunziert wird (die Abdeckungen haften magnetisch), und die Treiber sich mit ihr sauber und bündig verheiraten. Nein, die Box 12 E Carbon sind optisch zwar schlicht gehalten, kosten vergleichsweise schlanke 1.199 Euro, dennoch beißt man hier augenscheinlich in kein Sparbrötchen. Bevor wir im Hörraum zum ersten wirklichen Happen ansetzen, schauen wir uns die beiden österreichischen Schmankerln aber noch ein bisserl näher an.
Ähnlich schlank wie der Preis fällt das Gehäuse der Pro-Ject Speaker Box 12 E Carbon aus: Die einen Meter hohen Schallwandler sind gerade mal knapp über 16 Zentimeter breit. Das sieht gut aus, lässt aber eben auch nur jeweils sechseinhalb Zoll durchmessende Konusse zu. Wir werden hören, was die Basswiedergabe dazu sagt. Immerhin sind für die tiefen Töne beide Konusse zuständig, wobei sich der untere ausschließlich um die Basswiedergabe kümmert und der obere laut Pro-Ject bei 1,7 Kilohertz getrennt wird. Der Hochtöner des Zweieinhalb-Wege-Systems verfügt also über einen schon recht überdurchschnittlichen Verantwortungsbereich und muss im Betrieb mit entsprechender Belastung klarkommen.

Die Schallwand der einen Meter hohen Pro-Ject Speaker Box 12 E Carbon ist gerade mal 16 Zentimeter breit
Ungeahnt liebevoll – die Treiberauswahl
Die finale Auswahl der Treiber und die Entscheidung für ein Glasfaser-Carbon-Komposit als Membranmaterial beziehungsweise eine „schnelle“ Seidenkalotte erfolgte laut Pro-Ject übrigens mithilfe „eines Listening-Panels, das sich aus verschiedenen Hörern mit unterschiedlichen Geschmacksvorlieben zusammensetzt“. Die Österreicher vertrauen bei der Entwicklung also neben allen gängigen Mess- und Simulationstechniken vor allem den Ohren, dieser pragmatische Ansatz habe sich schon beim Dauerbrenner Speaker Box 5 bewährt. Hm, mit Blick auf die Preisklasse der Pro-Ject Speaker Box 12 E Carbon empfinde ich ein solches Vorgehen ja fast schon als ungeahnt liebevoll … ein Busserl dafür.
Schlank, aber standfest
Ich bin etwas abgekommen, denn mit dem Thema „schlank“ bin ich eigentlich noch gar nicht durch. Wo sind denn die Outrigger? Das wird doch sonst zu kippelig, was nicht nur Impulse verschmiert, sondern auch gefährlich für die Katze wird. Die aber zum Glück nicht so leicht am untersten Treiber mit seinen rund 70 Zentimetern Bodenabstand kratzen kann. Und was sind das für komische Stöpsel da unten auf den Rückseiten der Boxen? Bitte nicht abziehen, denn dann rieselt es aus den Lautsprechern. Genau, die Pro-Ject Speaker Box 12 E Carbon haben Sand intus. Was zum einen klangabträgliche Vibrationen absorbiert und zum anderen eine gute Standfestigkeit mit sich bringt. Man muss die 15 Kilogramm schweren Gehäuse seitlich schon bestimmt um 20 Grad neigen, will man sie zu Fall bringen.

Die 15 Kilogramm Stückgewicht der Pro-Ject Speaker Box 12 E Carbon beruhen zu einem Gutteil auf der Sandfüllung im unteren Bereich des Gehäuses, von der äußerlich ein „Stöpsel“ zeugt
Apropos Gehäuse: Klopft man die Pro-Ject Speaker Box 12 E Carbon ab, merkt man, dass die Wandstärken nicht übermäßig hoch ausfallen – Pro-Ject gibt 22 Millimeter an –, die Resonanzen sich durch die internen Verstrebungen und Kammern aber sauber im Zaum halten. Der Sockelbereich klingt aufgrund der Sandfüllung sogar vergleichsweise „tot“.
Die Konusse sind mit dem Gehäuse verschraubt; wer an die Schrauben ran will, kann versuchen, die magnetisch haftenden, schicken Blenden vorsichtig zu entfernen. Die Hochtöner sind hingegen verklebt, was den einen oder anderen zunächst stören mag, aber aus klanglicher Sicht durchaus begrüßenswert ist: Wo keine Schrauben sind, kann sich auch nichts lösen oder undicht werden. Ich erinnere mich, dass genau des guten Sounds wegen beispielsweise der englische Hersteller Neat Acoustics früher bewusst mit verklebten Chassis experimentierte und arbeitete – nur der Service geriet irgendwann zu aufwändig.

Die magnetisch haftenden Blenden der Konusse fügen sich absolut sauber ein, wie überhaupt die ganze Verarbeitung der Pro-Ject Speaker Box 12 E Carbon sehr wertig ausfällt – gerade auch mit Blick auf die Preisklasse
Pro-Ject Speaker Box 12 E Carbon – Hörtest & Vergleiche
Normalerweise klopfe ich nicht nur Gehäuse ab, sondern für meine Klangbeschreibungen vor allem die einzelnen Sound-Parameter, um am Ende hoffentlich ein aussagekräftiges Profil zu erhalten, das die Qualitäten der jeweiligen Audiokomponente schön aufzeigt. Ausgerechnet den vergleichsweise preisgünstigen Pro-Ject Speaker Box 12 E Carbon wird das aber nicht ganz gerecht: Ich finde, dass diese zierlichen Standlautsprecher „über alles gehört“ klanglich etwas besonders Kultiviertes an sich haben – gerade mit Blick auf ihre Klasse. Sie glänzen mit einem Gesamtauftritt, der mehr ist als die Summe oder der Querschnitt der Einzeldisziplinen. Dazu im Test-Fazit mehr.
Stellen wir zunächst aber die Pro-Ject-Lautsprecher frei auf (Wandabstände > 75 Zentimeter), richten sie kippelfrei aus (ich verwende Audioplan-Antispikes, den Boxen liegen ansonsten Metallspikes bei), winkeln sie nahezu auf Achse ein (so gefällt es mir akustisch am besten) – und steigen neugierig in den Hörparcours ein:
Schon richtig erwachsen – der Bass
Warum kauft man sich Stand- und keine Kompaktlautsprecher? Natürlich meist wegen der vermeintlich größeren Basspotenz. Schaut man sich die beiden kleinen 6,5-Zoll-Konusse auf der gerade mal 16,5 Zentimeter schmalen Schallwand der zierlichen Säulen an, wird der eine oder andere Hörer bestimmt Zweifel hegen. Um nach den ersten Takten umso angenehmer überrascht zu sein: Diesen klar über Kompaktboxenniveau hinausgehenden Tiefgang und Bassdruck hätte ich den Box 12 E Carbon nicht zugetraut. Ja, das klingt schon richtig erwachsen: Typische Rocksongs bauen auf einem so kräftigen Fundament auf, dass nichts an Emotion verloren geht. Und auch einschlägige Drum-and-Bass- oder Dubstep-Tracks verarbeiten die Pro-Ject Speaker Box 12 E Carbon derart wirkungsvoll, dass ich der schmalen Schallwand spontan einen respektzollenden Blick zuwerfe.
Wer quantitativ wirklich mehr will, sollte sich gleich nach wesentlich größeren Standlautsprechern, ausgewiesenen Spaßlautsprechern oder bestimmten Aktivsystemen umsehen. Höhere Pegelfestigkeit ist dann häufig inklusive, wobei die Pro-Ject-Lautsprecher immerhin für saubere Lautstärken gut sind, mit denen man in Mietwohnungen zumindest empfindliche Nachbarn noch wirkungsvoll traktieren kann. Für viele Hörer bestimmt wichtiger: Die Pro-Ject Speaker Box 12 E Carbon beherrschen geringe Lautstärken so gut, dass sie sich für Fans intimer nächtlicher Sessions empfehlen.

Auf ein Bi-Wiring-Terminal kann man in dieser Preisklasse eigentlich gut und gern verzichten. Betreibt man die Pro-Ject Speaker Box 12 E Carbon per Single-Wiring, klingt es homogener, wenn man die Lautsprecherkabel mit den unteren Polklemmen verbindet. Höherwertige Brücken von AudioQuest (Bild) führen zu einem noch transparenteren Klangbild; die Hörrunden für die Klangbeschreibungen erfolgten aber mit den preisklassenadäquaten vormontierten Blechbrücken
Zumal es – egal ob leise oder laut – an der Bassqualität überhaupt nichts zu mäkeln gibt, im Gegenteil: Untenrum geben sich die Standlautsprecher rechtschaffen konturiert und differenziert, nicht staubtrocken zwar, dafür angenehm rund – ohne, dass man schon von „verrundet“ sprechen dürfte. Die österreichischen Entwickler hatten hier offenkundig weniger eine sensationsheischende Bassabstimmung im Sinn als eine integrativ-musikalische, die noch nicht ins Weiche kippt.
Womit wir eigentlich auch schon das Thema Grobdynamik erschlagen haben: Mit ihrem ebenso neutralen wie erwachsenen Bassfundament und der nicht übermäßig zackigen, aber doch akkuraten Attack schleudern mir die Pro-Ject Speaker Box 12 E Carbon Impulse so involvierend entgegen, dass ich – und bestimmt auch Sie – musikgenreübergreifend Spaß habe.
Mitten, Höhen und Genuss …

Die Seidenkalotte und die Konusse mit mit ihrem Glasfaser-Carbon-Komposit als Membranmaterial zeitigen ein langzeittaugliches, organisches Klangbild
Keine künstlichen Geschmacksverstärker, kein tonales Gepose: Auch der Mittel-Hochton-Bereich ist nicht zuletzt angesichts der Preisklasse überraschend audiophil-langzeittauglich abgestimmt. Die Höhen sind bar jeder unangenehmer Anklänge von Zischelei oder Silbrigkeit und nach ganz oben hinaus sogar etwas milder als streng neutral.
Die Feindynamik ist im Grunde eine Doublette der Grobdynamik: Ausgesprochen „schnelle“ Lautsprecher wie die Canton GLE 30 geben feine Impulsunterschiede profilierter wieder und lösen zudem feinstofflicher und definierter auf. Die Pro-Ject Speaker Box 12 E Carbon halten mit mehr Tieftonpotenz, einem gehaltvolleren, farbigeren Klangbild und audiophiler Seidigkeit dagegen. Ja, ihr Klangbild wirkt geradezu vorbildlich entgratet – ohne, dass Mikroimpulse und feine Details gänzlich eingeebnet oder unter den Tisch fallen würden, da müssen Sie wirklich keine Bange haben. Im Grunde ist, wenn man vom Superhochton absieht, sogar alles da, nur einen Tick fließender ausgeformt und wärmer ausgeleuchtet.
Die Pro-Ject Speaker Box 12 E Carbon wollen keine hochpräzisen Studiolautsprecher sein, sondern ein Genussmittel, das nicht spektakulär schmeckt, sondern gerade durch seine Eleganz und Unaufgeregtheit mundet. Suche ich in höheren Preisklassen nach klanglichen „großen Vorbildern“, ist den 12 E Carbon sicher eine Perlisten S5m deutlich näher als etwa eine PMC twenty5.21i.
Entspannt-prägnant: Die Stimmwiedergabe
Wobei zwei Aspekte noch explizit erwähnenswert sind: Die mittleren Mitten muten genau wie ein Teil der mittleren Höhen nicht die Spur zurückgenommen an. Heißt: Die meisten Hochtonereignisse wirken nicht als Ganzes zurückgenommen, sondern werden vor allem etwas weniger silbrig und luftig interpretiert. Die Brillanz und Präsenz des gesamten Klangbildes wirken entspannter.
Und was die Mitten- und Stimmwiedergabe angeht, darf man – je nach Tonlage der Musik – von „leicht warm, aber prägnant“ sprechen: Gesang und Gitarren klingen zwar eine Spur sonorer und weniger offen als über erzneutral abgestimmte Lautsprecher, entwickeln dennoch einen Druck, der sie gerade gegenüber den darüber liegenden Frequenzbereichen leicht herausstellt.
Die Qualität des Gebotenen rechtfertigt diesen tonalen Trick allemal: Ich empfinde die Mittenwiedergabe als außergewöhnlich rein für diese Klasse und bin mir sicher, dass die Pro-Ject Speaker Box 12 E Carbon hier überdurchschnittlich niedrige Verzerrungswerte aufweisen. Dies und die tolle Balance aus ordnungsgemäßer Transparenz und der schönen Deckkraft der Klangfarben lassen Gesang und akustische Instrumente angesichts der Preisklasse geradezu wunderbar organisch wirken. Nicht zuletzt Fans klassisch-englischer Klangabstimmung dürften an den Pro-Ject Speaker Box 12 E Carbon so ziemlich Gefallen finden, selbst, wenn sie deutlich teurere Lautsprecher gewöhnt sind.
Schön involvierend – die Räumlichkeit
Und auch die Räumlichkeit dürfte verwöhnte audiophile Ohren überzeugen. Was die Ausdehnung in Breite und Höhe angeht, sind die Unterschiede zu meinen deutlich teureren Arbeitslautsprechern im Grunde eher vernachlässigbar. Überdies löst sich das Klangbild schön nach vorne Richtung Hörer ab, so wie ich das in meinem Raum bei der üblichen Lautsprecherpositionierung gewohnt bin. Es resultiert eine schön involvierende Bühnenillusion.
Die von einer guten Ortungsschärfe zusätzlich befördert wird: Mögen Lautsprecher, die grundsätzlich noch detailverliebter und feinstofflicher zeichnen, räumlich noch umrissschärfer und unmissverständlicher wirken – die Pro-Ject Speaker Box 12 E Carbon lassen dennoch keinen Zweifel daran, wo sich einzelne Töne oder Instrumente befinden. Hier lässt sich beim bösesten Willen nicht wirklich etwas bekritteln, zumal die österreichischen Säulen dabei auch eine überzeugend natürliche Plastizität illusionieren. Die letzten Standlautsprecher ähnlicher Preisklasse, die mich in Sachen Räumlichkeit begeisterten, waren die aktiven Argon Forte A55 WiFi, die sogar noch konturierter als die Pro-Ject Speaker Box 12 E Carbon (selbst mit hochwertigster Verstärkung vorne dran) zeichneten, dafür aber die vertikale Bühnenausdehnung etwas einschränkten.

Die den Pro-Ject Speaker Box 12 E Carbon beiliegenden Spikes. Für den Hörtest wurden die Lautsprecher aber mit Audioplan Antispikes „besohlt“
Test: Pro-Ject Speaker Box 12 E Carbon | Standlautsprecher




