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Norddeutsche HiFi-Tage

Klang Neat Motive SX1 (Teil II)

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  1. 3 Klang Neat Motive SX1 (Teil II)

Wenn sich die Motive SX1 also in tonaler Hinsicht kleine Abweichungen vom Original leistet, dann scheint das der Preis für die minimalistische Frequenzweiche zu sein; mit zig Bauteilen Neat Motive SX1mehr ließen sich die Chassis bestimmt so begradigen, dass auch der größte Messfetischist zufrieden wäre. Aber Lautsprecher – man verzeihe mir die Platitude – sind nun einmal immer eine Ansammlung von Kompromissen, und Bob Surgeoner scheint die tonalen Abweichungen in Kauf genommen zu haben, weil er sonst womöglich eine der großen Stärken der Motive SX1 hätte opfern müssen – die dynamische Leichtigkeit und Durchlässigkeit, mit der diese Box mikrodynamische Betonungen bei Stimmen und Instrumenten wiedergibt.

In einem Lautstärkebereich, der von ziemlich leise bis zu sehr gehobener Zimmerlautstärke reicht, verfügt die Neat über eine wunderbare Ausdruckskraft, die Nuancen der Interpretation geradezu auf dem Präsentierteller serviert. Wo andere Boxen manchmal totgedämpft oder überkompensiert erscheinen, vibrieren die kleinen Neats vor Lebendigkeit und Enthusiasmus. Persönlich finde ich das einen sehr sinnvollen Kompromiss. An tonale Eigenheiten einer Anlage gewöhnt man sich üblicherweise schnell, die Ausdruckskraft ist es, die für mich langfristig darüber entscheidet, ob Musik mich anspricht oder ob ich genauso gut auch den Fernseher anmachen kann.

Natürlich darf man sich von einer Box der Größe der Neat keine Diskothekenbeschallung erwarten. Da setzt die Größe der Chassis eine natürliche Grenze. Für normale Ansprüche geht sie aber allemal laut genug, ausreichend Verstärkerleistung vorausgesetzt. Der Wirkungsgrad ist etwas unterdurchschnittlich, wer oft sehr laut hören will, braucht einen kräftigen Verstärker (und eigentlich eine andere Box).

Apropos Verstärker: Bernd Hömke von Input Audio, der die Neats in Deutschland vertreibt, erwähnte, dass Neat-Lautsprecher historisch oft in Anlagen mit Naim-Verstärkern betrieben würden. Also lieh ich mir von einem Freund kurzfristig einen Naim Nait XS (danke, Helmut), um zu schauen, ob diese Paarung mein Urteil noch beeinflusste. Hmm. Ich kann hören, dass da zwei Produkte aufeinandertreffen, die an einem Strang ziehen: Lebendigkeit, Ausdruckskraft und Rhythmusgefühl liegen auch mit dem preislich noch als bodenständig zu bezeichnenden Naim-Vollverstärker auf einem sehr hohen Niveau. Die leichte Zurückhaltung des Naim in den Höhen nimmt den Neats etwas von dem Hochtonstrahlen, zu dem sie fähig sind, bringt andererseits aber auch aufnahmetechnisch Suboptimales zur Geltung, ohne dass man schreiend wegläuft. Der Bass ist nicht so durchgezeichnet wie mit meiner Vor-End-Kombi, aber allemal sauber genug, um die Stärken der Neats in diesem Bereich hervortreten zu lassen. Keine Einwände.

Neat Motive SX1

Auch in Sachen Abbildung treffen beim Naim und den Neats verwandte Geister aufeinander. Die Motives sind keine Lautsprecher für’s Nahfeld. Im Bericht über die Burmester B10 habe ich über die unterschiedlichen Ziele nachgedacht, die der Designer in Sachen Abbildung verfolgen kann: entweder, ein Fenster in den (in aller Regel virtuellen) Aufnahmeraum zu öffnen, oder die Musiker in den heimischen Hörraum zu stellen. Die Motive SX1 fühlen sich definitiv dem letzteren Ideal näher. Die Chassis haben keine Waveguides (allerdings ist um die Membran des Hochtöners eine Lage Schaumstoff angebracht, um die seitliche Abstrahlung zu kontrollieren), die Schallwand ist so schmal, dass die Box bis weit in die Mitten hinein quasi rundum strahlt, und der leicht nach oben zeigende Hochtöner dürfte den Hörraum auch stärker anregen als ein „normal“ positionierter. Die Chassis der Motive SX1 weisen im Übrigen eine gute Paargleichheit zwischen linker und rechter Box auf, Instrumente wandern nicht hin und her, wenn sich die Tonhöhe ändert, sondern bleiben an ihren Plätzen stehen. Das Resultat ist jedenfalls, dass Musiker auf einer virtuellen Bühne stehen, die leicht vor den Boxen beginnt und tendenziell eher in die Breite als in die Tiefe geht.

Eingangs habe ich erwähnt, dass ich die Motive SX1 auch als Problemlöser sehe. Bei Boxen mit so minimalistischen Frequenzweichen wie hier ist es häufig so, dass die Musik schon Neat Motive SX1bei geringen Lautstärken aus dem Quark kommt. Von all den Lautsprechern, die ich für fairaudio besprechen durfte, ist die kleine Neat derjenige, der am besten mit Flüsterlautstärken zurechtkommt. Meine Ayre-K-5xe-MP-Vorstufe hat kein normales Potentiometer, sondern ein FET-geschaltetes Widerstandsnetzwerk, das eine Lautstärkeregelung in 66 1-dB-Schritten erlaubt. Bei 0 ist der Ausgang stumm geschaltet, 1 ist wirklich sehr, sehr leise. Mit den Neats kann man schon bei diesem Minimalpegel mit Freude Musik hören. Mitverantwortlich dafür dürften die oben schon erwähnten tonalen Eigenheiten sein – die leichten Betonungen im Bass und im unteren Bereich des Hochtöners, da Letztere nämlich auch die Sprachverständlichkeit fördert.

Wer also des Nachts Musik hören möchte, während Gattin oder Kinder nebenan schlafen, findet hier eine Box, die keine „realistische“ Lautstärke braucht, um Musikgenuss zu ermöglichen, auch wenn ein bisschen mehr Lautstärke natürlich mehr Feinheiten zutage fördert.

Test: Neat Acoustics Motive SX1 | Standlautsprecher

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