Test: Neat Acoustics Momentum J6 | Standlautsprecher
Impulsiv
von Martin Mertens
Im Test: Neat Acoustics Momentum J6 - passiver Standlautsprecher
UVP zum Testzeitpunkt: 11.300 Euro
Noch nie gehört und trotzdem bekannt. Das gibt es vermutlich nur in der Hifi-Szene. Ich spreche hier von Marken oder Komponenten, denen man schon begegnet ist, sei es durch Testberichte, Internet-Suche oder Werbung, und die man spannend findet – aber noch nie selber gehört hat. Genau so ging es mir bisher mit Neat Acoustics. Acht neugierig machende Testberichte auf fairaudio, viel Lob auch von anderen Magazinen – und endlich darf ich selber mal ein Paar Neat-Lautsprecher hören. Und zwar die mit Air-Motion-Transformern bewehrten Standlautsprecher Neat Momentum J6 (11.300 Euro | https://www.earaudio.de/).
Richtig nett mit Jet – die Treiber
In der Neat-Hierarchie ist die Momentum-Serie direkt unterhalb der Spitzenmodelle der Ultimatum-Serie angesiedelt. Darunter gibt es noch die Serien IOTA, Strata und Classic. Die J-Modelle stellen dabei die neuste Evolutionsstufe innerhalb der Momentum-Serie dar. Das „J“ steht in diesem Fall für „Jet“ und weist darauf hin, dass die in früheren Modellen im Hochton eingesetzte Kalotte nun durch einen Jet-Hochtöner des Kieler Herstellers Elac ersetzt wurde, also durch eine von Elac weiterentwickelte Version des Heil’schen Air Motion Transformers (AMT).

Als Tiefmitteltöner kommen in den beiden aktuellen Modellen der Momentum-Serie, der kompakten JS und der hier zum Test anstehenden J6, eigenentwickelte und „R3“ genannte Treiber zum Einsatz: 170-Millimeter-Chassis mit einer Polypropylen-Membran sowie einem Phase-Plug anstelle einer Staubschutzkalotte in der Mitte der Membran. Sowohl der AMT als auch der Tiefmitteltöner der J6 arbeiten in einem geschlossenen Volumen und werden erst bei recht hohen 3,7 Kilohertz getrennt.
Isobarischer Bass?
Unterhalb von 80 Hertz unterstützen zwei weitere 170-Millimeter-Treiber von Peerless in „isobarischer Anordnung“ die Tiefbasswiedergabe des oberen Zwei-Wegesystems: Isobarisch? Hinter dem am Boden der J6 von außen sichtbaren Downfiring-Basstreiber steckt ein zweiter, der elektrisch parallel läuft. Bei gegebener Gehäusegröße soll das für einen tieferen und verzerrungsärmeren Bass sorgen, kostet aber Wirkungsgrad, die Neat Momentum J6 kommen auf eher durchschnittliche 86 dB (2.83 V/1 m).

Überdies arbeitet die Tiefbass-Abteilung unserer Neat-Lautsprecher auf ein Bassreflexvolumen, das rückseitig abstrahlt. Da der Tieftöner des oberen Zwei-Wegesystems nach unten nicht abgeriegelt wird, handelt es sich bei den J6 um sogenannte 2,5-Wege-Lautsprecher. Im Fall der J6 könnte auch man auch von Zwei-Wege-Systemen mit integrierten Subwoofern sprechen.
Sauber getischlert
Die beiden sichtbaren Chassis der Neat Momentum J6 – Jet Hochtöner und R3 Tiefmitteltöner – sitzen auf einer 25 Millimeter starken, vorgesetzten Schallwand, die vom Rest des Gehäuses entkoppelt ist. Offenbar möchte man Einflüsse wie Gehäuseschwingungen von den Chassis fernhalten. Die gut einen Meter hohen Gehäuse der J6 sind übrigens vorbildlich verarbeitet, insgesamt kommt jeder Lautsprecher auf 23 Kilogramm Gewicht, was für einen soliden Materialeinsatz spricht, aber noch gut händelbar ist. Typisch britische Thin-Wall-Gehäuse setzt Neat definitiv nicht ein. Das Eichenfurnier meiner Testexemplare ist nicht nur spiegelsymmetrisch aufgebracht, es ist auch locker fünf Millimeter dick – eine Stärke, die andere Hersteller schon als Brett und nicht mehr als Furnier bezeichnen würden.

Feintuning mit Filz
Auffällig ist der mit einer Art Filz beklebte Bereich um den Hochtöner – eine früher häufiger gesehene Maßnahme, die das Abstrahlverhalten des Hochtöners optimieren beziehungsweise gegen auf der Schwallwand vagabundierende Schallanteile wirken soll, was nicht zuletzt Einfluss auf die räumliche Präzision nehmen kann. Andere Hersteller, wie zum Beispiel Wilson Audio, verkleiden sogar die ganze Schallwand mit Filz. Auch die auf Höhe des Hochtonchassis taillierten Seitenkanten dürften der Verbesserung des Abstrahlverhaltens dienen.
Auf den Korbrändern der Tiefmitteltöner kleben ebenfalls Filzringe, die gleichzeitig die Befestigungsschrauben der Chassis verdecken. Die runden Ausfräsungen für den versenkten Einbau der Chassis wirken recht tief, was der Filzring optisch ausgleicht. Sicher wird das akustische Gründe haben, doch leider gibt sich Neat, was solche konstruktiven Details betrifft, wenig auskunftsfreudig. Einen Nachteil haben die Filzringe: Man kann die Schrauben, mit denen die Chassis befestigt sind, nicht ohne Weiteres nachziehen. Die Erfahrung zeigt, dass das klanglich durchaus relevant sein kann, obwohl fast alle Hersteller betonen ihre Chassis mit dem optimalen Drehmoment zu verschrauben: Einflüsse von Temperaturschwankungen oder Erschütterungen auf dem Transportweg oder einfach die Nachgiebigkeit neuer Materialien mögen hier eine Rolle spielen.

Standfest
Beeindruckend massiv sind die stählernen Traversen, auf denen die Gehäuse mithilfe von Abstandhaltern schweben. Zusammen mit den Spikes, auf denen die Traversen stehen, sorgt die Konstruktion für den nötigen Abstand, damit der Schall der nach unten gerichteten Tieftöner ordnungsgemäß abstrahlen kann. Die Spikes lassen sich mit einem beiliegenden Inbusschlüssel von oben verstellen und kontern. Allerdings konterkariert die massive mechanische Konstruktion das Understatement des restlichen Designs, aber das ist Geschmackssache. Durch ihre zierlichen Abmessungen – 22 cm breit (ohne Traversen), 25,5 cm tief (inklusive vorspringender Front) und 106 cm hoch (mit Spikes) – wirken die Neat Momentum J6 nämlich fast filigran. Mit diesem Format und ihrem attraktiven Erscheinungsbild sollten die englischen Schallwandler in den meisten Wohnumgebungen leicht Akzeptanz finden.
Single aus Überzeugung
Zum Anschluss an den Verstärker stehen Single-Wire-Terminals bereit. Normalerweise bin ich kein Anhänger von Bi-Wiring, doch im Fall der Neat Momentum J6 – als Zwei-Wege-Box mit integriertem Subwoofer – fände ich es ausnahmsweise sinnvoll. Denn damit wäre auch ein Bi-Amping-Betrieb mit separaten Verstärkern für den Tiefbass möglich. Mit einem Röhrenverstärker für Hoch- und Tiefmittelton und einem Transistorverstärker für den Tiefbass oder einem separat regelbaren Amp für die unterste Oktave zu experimentieren, könnte spannend sein. Doch Neat ist sicher stolz auf die sorgfältige Abstimmung der Lautsprecher, sodass nicht jeder daran herumfeilen muss.

Über 30 Jahre Geschichte …
Die Geschichte von Neat Acoustics ist beinahe typisch für eine ganze Anzahl von HiFi-Firmen. 1989 eröffnete der Musiker Bob Surgeoner Neat Acustics als keinen HiFi-Laden im Norden Englands. Er war fasziniert von den kleinen Lautsprechern, die damals angesagt waren – neben den zahlreichen Derivaten der legendären BBC LS 3/5A sorgte zu dieser Zeit etwa auch die ProAc Tablette für Furore und zahlreiche andere Lautsprecherhersteller setzten auf solche Konzepte. Ich selber habe 1989 mit einem Paar Vieta BD5070 gehört, einer spanischen Interpretation dieses Konzeptes. Also entwickelte Surgeoner einen eigenen kleinen Lautsprecher, die Neat Petite, die Neat in aktualisierter Version heute immer noch innerhalb der Classic-Serie anbietet (siehe unser Test der Neat Petite Classic).1991 ging die Petite in Serie und 1993 mutierte Neat dann endgültig zum reinen Lautsprecherhersteller. Surgeoners Hintergrund als Musiker ist geschuldet, dass alle Lautsprecher letztendlich nach Gehör abgestimmt werden. Messungen geben zwar die Richtung vor, aber das letztendliche Feintuning der Abstimmung passiert beim Hören.
Neat Momentum J6: Klangtest & Vergleiche
In meinem Hörraum zeigen sich die Neat Momentum J6 akustisch vom Fleck weg erfreulich unkompliziert. Leicht zum Hörplatz angewinkelt, mit etwa 50 Zentimetern Abstand zur Rückwand und rund einem Meter Abstand zu den Seitenwänden entsteht sofort ein tonal schlüssiges Klangbild. Angesichts des breiten Arbeitsbereichs der Tiefmitteltöner – immerhin von ihrer unteren Grenzfrequenz bis zur Trennfrequenz bei 3,7 Kilohertz – und ihres stattlichen Durchmessers hätte ich erwartet, dass die J6 bei der Schallabstrahlung hörbar bündeln. Auch Air-Motion-Transformer sind nicht unbedingt für ein herausragendes Rundstrahlverhalten bekannt.

Offensichtlich hat Neat den Chassis ein akkurates Abstrahlverhalten „anerzogen“ – Filze, Taillierungen und Einbaupositionen scheinen zu wirken. Nicht zu vergessen: Der Diffusschall leistet in einem realen Hörraum einen wichtigen Beitrag zur empfundenen Gesamttonalität. Wen das Thema näher interessiert, seien mein Test der Vicoustic-Akustik-Elemente sowie der Artikel Grundlagen der Raumakustik des Kollegen Nick Mavridis empfohlen.
Den Spieltrieb geweckt
Gedanken, die Aufstellung zu ändern, andere Kabel zu verwenden, einen anderen Verstärker anzuschließen oder eine andere Musikrichtung zu hören, stellen sich also zunächst einmal nicht ein. Gerade das hektische Zappen zwischen verschiedenen, bekannten Musikstücken ist bei mir ein Zeichen dafür, dass ich mich erst einmal auf eine neue Test-Komponente einstellen muss. Es ist wirklich selten, dass ich mich vor ein neues Paar Lautsprecher setze und den ersten angespielten Track durchlaufen lasse. Das kann natürlich einfach heißen, dass die Neat Momentum J6 meinem Hörgeschmack und meinen Hörgewohnheiten sehr entgegenkommen.

Auf jeden Fall weckt das englische Duo bei mir unglaubliche Lust auf Musik – und Neugier auf neue Künstler und Genres. Mit meinem neuen Musikserver, dem Ideon Audio EOS Stream im Zusammenspiel mit Qobuz Connect, entdecke ich ständig Neues – nicht zuletzt, weil Qobuz mir für meinen Geschmack mehr und bessere Musikvorschläge macht als Roon. Ob Algorithmen oder eine menschliche Redaktion dahinterstecken, weiß ich nicht. Fest steht: Mit den Neat Momentum J6 bleibe ich bei den Neuheiten hängen. Ich höre Sänger oder Gruppen, die ich nicht kenne, lasse mich auf Musikrichtungen ein, die ich bisher wenig auf dem Schirm hatte. Das heißt letztendlich, dass ich bei vielen anderen Geräten zunächst damit beschäftigt bin, die Geräte beziehungsweise deren Klang einzuordnen, wobei die Musik nur Mittel zum Zweck ist. Mit den Neat Momentum J6 geht es dagegen von Anfang an um die Musik, die Technik tritt in den Hintergrund. Irgendetwas machen diese Lautsprecher sehr richtig.
Finden wir heraus, was genau diese Lautsprecher machen. Tonal wirken die Neat-Lautsprecher perfekt ausgeglichen – weder euphonisch-warm noch analytisch-kühl, sondern auf den Punkt neutral temperiert. Beeindruckend ist ihre Bandbreite: Sie gehen im Bass tief herunter, spielen im Hochton weit hinauf und verbinden Substanz mit Luftigkeit. Das alles mit vorbildlicher Ausgewogenheit.
Reinhören in den Raum

Was beim ersten Reinhören nicht sofort zu einhundert Prozent einrastet, ist die räumliche Abbildung. Die fällt generell nicht monitormäßig-präzise, aber doch authentisch aus. Die Bühne beginnt klassisch an der gedachten Basislinie, auf der die beiden Lautsprecher stehen, und dehnt sich, je nachdem, was die Aufnahme her gibt, weit nach hinten aus. Das Ganze klingt sehr realistisch, wirkt aber nicht so involvierend, wie etwa die Darstellung der kürzlich von mir getesteten Perlisten Audio A4t. In der Breitendarstellung geht die Bühne der Neat Momentum J6 bei Bedarf rechts und links weit über die Positionen der Lautsprecher hinaus. Bei allem kommt mir die Lokalisationsschärfe zunächst ein bisschen zu lässig vor. Das irritiert mich angesichts der ansonsten schönen Raumabbildung. Deshalb experimentiere ich doch noch etwas mit der Aufstellung. Das Ergebnis ist, dass die Lokalisationsschärfe klar an Präzision gewinnt, wenn die Lautsprecher nicht zu sehr auf den Hörplatz gewinkelt sind. Die Abbildung bleibt insgesamt „klassisch“, erreicht aber ein solch hohes Niveau, wie man das in dieser Preisklasse erwarten darf.
My New Band Belive, Name des neusten Projekts von Cameron Picton und zugleich Titel seines ersten Albums unter diesem Namen, entstand angeblich aus den wirren Fragmenten eines Fiebertraums. Das Ganze spiegelt sich nicht nur in der spektakulär-abwechslungsreichen Musik, sondern auch räumlich wieder. Im ersten Track, „TargetPractice“, scheinen die verschiedenen musikalischen Versatzstücke räumlich aus unterschiedlichen Richtungen auf mich einzustürmen, nähern und entfernen sich – selten habe ich so viel räumliche Bewegung in Musik wahrgenommen. Der Toningenieur hat hier gezaubert und die jetzt präzise Raumdarstellung der Neat Momentum J6 macht das ganze herrlich effektvoll erfahrbar. Cooler Stoff, coole Lautsprecher. Gute Live-Aufnahmen geben die J6 aber genauso authentisch und atmosphärisch passend wieder.
Im Vergleich zu meinen Divine Acoustics Bellatrix (9.500 Euro), die ich in Sachen Räumlichkeit für exzellent halte, würde ich die Neat Momentum J6 auf dem gleichen, sehr hohen Niveau sehen, wobei die Bellatrix den Fokus etwas auf die Akteure setzt, die J6 mir dagegen mehr über die akustische Atmosphäre des Aufnahmeraums verrät.

Knackig und knackiger: der Bass
Auch im Bass stellt sich ein wenig Feintuning als wirkungsvoll heraus, denn der Abstand der nach unten abstrahlenden Basschassis zum Boden macht sich hinsichtlich Basskontrolle und Volumen deutlich bemerkbar. Wie stark, entdecke ich eher zufällig. Nach dem ersten, schnellen Aufstellen klingt der Tiefbass für meine Ohren eine Nuance träge und voluminös und kann nicht ganz mit dem knackigen Rest des Frequenzspektrums mithalten. Mein erster Gedanke ist, dass das Ganze eben ein wenig nach Subwoofer klingt, was mich das aufgrund der Konstruktion der J6 nicht wundert. Ich gebe zu, dass ich so etwas beinahe erwartet habe.
Umso größer ist meine Überraschung, dass sich dieser Eindruck ändert, als ich die Lautsprecher auf ein paar Brettchen stelle, die ich schnell zurechtgesägt habe, damit die Spikes den Boden beim Herumrücken nicht verkratzen. Die Holzstücke waren nicht als Dauerlösung gedacht – nicht schön und eigentlich zu hoch (etwa einen Zentimeter) sollten sie nur so lange unter den Spikes stehen bleiben, bis ich die perfekte Position für die Lautsprecher gefunden habe. Letztendlich bleiben sie dann während meiner Höressions unter den Spikes, weil der Tiefbass mit dem zusätzlichen Zentimeter genau die Qualität entwickelt, die ihn nahtlos an das Gesamtgeschehen schließen lässt. Aber keine Bange: Sie brauchen keine extra Klötzchen, wenn Sie sich keine Sorgen um Ihren Fußboden machen müssen, die Spikes lassen sich auch einfach weiter herauszudrehen, die Stahlspitzen haben die nötigen Reserven.

Leise + laut
So aufgestellt geht es in den Testparcours. Zu nachtschlafender Zeit fällt mir auf, dass die Neat Acoustics Momentum J6 selbst beim leisen Hören angenehm vollständig klingen, auch im Bass. Gerade vergleichsweise kleine Tieftöner benötigen meiner Erfahrung nach eine Art Mindestanregungsenergie, um tiefe Töne zu reproduzieren. Das scheint für die J6 nicht zu gelten. Ob das an der isobarischen Treiberanordnung liegt? Lange habe ich nichts mehr von Joe Jackson gehört.
Viele seiner Songs haben einen festen Platz in meinem musikalischen Langzeitgedächtnis. Tracks wie „Steppin‘ Out“, „Be My Number Two“ oder „Blaze of Glory“ kann ich jederzeit aus der Erinnerung abrufen. Seit dem Album Blaze of Glory hörte ich zugegebenermaßen nicht mehr viel von Jackson. Umso spannender finde ich es, spätabends sein neustes Album, Hope and Fury zu entdecken. Gleich im ersten Track, „Welcome to Burning By-Sea“ legt sich Jackson mit tatkräftiger Unterstützung seines Bassisten Graham Maby mächtig ins Zeug. Und trotz der der späten Stunde geschuldeten, sehr gemäßigten Lautstärke bringen mir die Neat-Lautsprecher die Tieftonarbeit von Maby überzeugend zu Gehör. Wer viel leise hört oder hören muss, wird mit den J6 auf jeden Fall extrem gut bedient.

Auch bei lauten Pegeln bieten die Neat Acustics Momentum J6 ein tiefes, substanzielles und sehr gut kontrolliertes Bassfundament, das ich den vergleichsweise kleinen Lautsprechern vorab nicht zugetraut hätte.
Zutiefst trocken
Meine Lieblings-Techno-Queen Charlotte De Witte hat kürzlich unter dem Titel „A Prayer for the Dancefloor“ drei neue Tracks released. Die tiefen, dunklen Beats, die die meisten Tracks der Belgierin dominieren, scheinen unmittelbar an tiefere Ebenen meines Bewusstseins anzudocken. Die langsamen Metamorphosen und feinen Veränderungen der verschiedenen Loops transportieren die J6 sehr genau. Die harten, frequenzmäßig weiter oben liegenden Synth-Sweeps schneiden scharf dazwischen (über die Qualitäten der Jet-Hochtöner werden wir später sprechen) und die trockenen Kicks (auch zu den Mitten später mehr) tun das Ihrige, um keine Langeweile aufkommen zu lassen.
Ganz nebenbei offenbaren die Neat Acoustics Momentum J6 dabei immense grobdynamische Talente. Macht die Musik kleine Pausen, um dann auf einmal umso vehementer wieder einzusetzen, vermitteln die J6 das vollkommen ansatzlos. Heftige Pegelsprünge beherrschen sie aus dem Effeff. Damit bieten die Neat-Lautsprecher in meinen Ohren eine noch bessere Basskompetenz als zum Beispiel die Perlisten Audio A4t. Die steht untenrum zwar deutlich besser im Futter, wirkt dafür aber auch etwas behäbiger und ich möchte behaupten, dass sie trotz ihres Plus an Größe und Treiberfläche nicht wirklich tiefer kommt als die Neat Momentum J6. Etwas anderes ist es, wenn man die schlanken Neat mit großen Pappen vergleicht. Wenn ich mich da an meine Horns FP12 MKII (6.950 Euro) zurückerinnere … Deren Antritt war sicher nochmal ein kleines bisschen härter, der Bass noch trockener, dafür fehlte ihnen schlicht das Differenzierungsvermögen, das die J6 auch bei tiefen Tönen aufweisen.
Nicht zu vergessen: das Timing

Techno ist nicht ihr Ding? Jazz vielleicht? Dank Qobuz stoße ich unter anderem auf das Album von der amerikanischen Jazz-Fusion-Band The Messthetics und dem Saxophonisten James Brandon Lewis (The Messthetics and James Brandon Lewis). Das ist teilweise schon ziemlich wild, manchmal etwas nervenaufreibend, aber in der richtigen Stimmung kann man sich das definitiv antun. Besonders, weil Bass und Drums hier oft einen treibenden, wunderbar groovenden Rhythmus vorgeben, und dieses satte Schieben können die Neat Momentum J6 wirklich eindringlich vermitteln. Was mir bei dieser fordernden Musik noch auffällt, ist das perfekte Timing. Ich behaupte mal, nur so kann man wirklich in diese Musik einsteigen, denn wenn das Timing hier nicht passt, wird es bloß nervig. Die Neat-Lautsprecher nerven aber nicht, sie transportieren einfach die Spannung der Musik, die sich manchmal in rhythmischen und tonalen Reibungen äußert. Mit Blick auf ihre Preisklasse würde ich die Bassqualität der J6 insgesamt als extrem gut bewerten.
Marvelous Mitten
Nächste Station: die Mitten. Ich bin überrascht (und ein wenig enttäuscht), wie sehr die Neat Acoustics Momentum J6 meine Divine Acoustics Bellatrix in Sachen Auflösung und Feindynamik hinter sich lassen. Was Bob Surgeoner hier gezaubert hat, ist extrem gut. Wir bewegen uns in einer Preisklasse über zehn Kiloeuro, hier darf man ganz bestimmt hohe Erwartungen hegen, und die J6 liefern – ich würde sagen, sogar deutlich über ihre Preisklasse hinaus! Wobei sie bei aller Detailverliebtheit nicht artifiziell klingen, sie halten die musikalischen Fäden immer beisammen. Hörtesterprobt und immer wieder beeindruckend: Lizz Wright mit „Barely“ von ihrem Album Grace. Die Momentum J6 bilden feinste Details der Stimme ab, das Ganze wirkt intensiv, nah und authentisch, läuft aber nicht Gefahr zum „Stimmritzenporno“ zu verkommen, den manche überzüchtet analytisch abgestimmte Boxen abliefern. Die enorm klare Detailwiedergabe beschränkt sich bei den Neat-Lautsprechern nicht auf die Mitten, die Auflösung ist über das gesamte Frequenzspektrum hervorragend, sodass die Mitten in Sachen Detaildarstellung nicht isoliert wirken. Im Gegenteil, die Performance der Neat wirkt trotz der vielen Details, die sie zu Gehör bringen, geschlossen.
Gerne komplex

Stimmen sind generell ein Benchmark für die Mittenwiedergabe von Lautsprechern. In keinem Frequenzbereich und auf nichts sonst ist das menschliche Gehör so darauf getrimmt, feinste Nuancen wahrzunehmen. Spannend wird es, wenn es sich um recht komplexe Stimmen handelt. Ich finde die Stimme vom Sarah McCoy sehr bemerkenswert. Die funktioniert auch über eher schlechte Wiedergabeketten, die diese besondere Komplexität schlicht unterschlagen, und natürlich vor allem über sehr gute, die wirklich alle Facetten der Stimme wiedergeben können. Dazu kommt die sehr eigene Art von Frau McCoy, Klavier zu spielen. Die Neat Momentum J6 spielen hier ihre Talente voll aus. Sie machen jede Nuance, jede Feinheit im Ausdruck von McCoy hörbar – sowohl was Stimme, als auch was das Klavier betrifft. Der meist düstere Grundtenor, aber ebenso die gelegentlichen Ausbrüche von Hoffnung, kommen klar rüber. „Hot Shot“ von ihrem Album Blood Siren scheint dabei von einem subtilen Beat, der der Stimme innewohnt, vorangetrieben. Hier kommt zur fantastischen Auflösung der englischen Lautsprecher noch ihr gutes Timing, die Neat lassen das Stück in meinen Ohren durch eine ganz eigene Energie vibrieren. Das habe ich zuletzt in dieser Form nur über einen Paar Brodmann Acoustics VC7 so erlebt, und die kosten durchschnittlich das Dreifache der Neat J6.
Farbecht
Auch in Sachen Klangfarben agieren die Neat Momentum J6 auf einem sehr hohen und vor allem sehr natürlichen Niveau. Das Klavier von Frau McCoy klingt perfekt nach Klavier, mit allen Nuancen. Die klare Klangfarbenwiedergabe der J6 zeigt sehr schön auf, dass die Saiten bei einem Klavier unterschiedliche Klangfarben aufweisen: Dass die tiefen Saiten mit Kupferdraht umwickelt sind, damit sie tiefer schwingen, und dass die hohen Saiten keine Dämpfer haben und lange nachschwingen, sodass ihr Obertonspektrum stärker zur Geltung kommt. So saubere Klangfarben bieten selbst viele deutlich teurere Boxen nicht.

Qualität vor Quantität: der Hochton
Zuletzt noch der Hochton. Angesichts der Elac’schen Jet-Hochtöner darf man hier auch einiges erwarten. Und der eine oder andere erwartet hier sicher auch zu viel – nicht hinsichtlich der Qualität, sondern eher der Quantität. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als das Patent von Oscar Heil auslief und sich verschiedene Firmen auf diese Technik gestürzt haben. Einige Hersteller haben sich beim Einsatz von Air-Motion-Transformern zunächst die Finger verbrannt, weil sie die ungeheure Energie und Auflösung, die diese Chassis bieten können, nicht richtig in den Griff bekommen haben. Wenn ich mich da an einige frühe Modelle von Gauder Akustik, Adam Audio, aber auch Elac erinnere, war die Sache nicht immer einfach. Aktuell koppeln viele Hersteller, die auf AMTs setzen, die Chassis recht hoch an. Bei den J6 sind das, wie bereits erwähnt, 3,7 kHz, also schon recht weit im Hochton. Hier spielen die Elac-AMTs ihre Qualitäten voll aus. Ohne zu nerven bringen sie eine wunderbare Transparenz und Luftigkeit ins Klangbild, die aufgrund der sauberen Auflösung nie Gefahr läuft zu anstrengend zu werden, selbst wenn der Hochton auch keinesfalls zurückgenommen wirkt. Wie gesagt: Die Neat Acoustics Momentum J6 agieren mustergültig linear und breitbandig.
Ein sauberer Hochton macht sich meiner Erfahrung nach nicht zuletzt mittelbar bemerkbar. Während der eigentliche Charakter von Instrumenten im Grundtonbereich bestimmt wird, macht sich der Hochton vor allem mit Blick auf Klangfarben, Luftigkeit und Weite, auch bei der Raumabbildung, bemerkbar. Den Hochton der Neat Momentum J6 würde ich ebenfalls über Preisklassendurchschnitt einordnen. Was hier an Details, Luft und Klarheit geboten wird, ist großes Kino. Ich muss nachdenken, wann ich schon einmal einen Hochton auf diesem Niveau gehört habe. Bei meinen hochgeschätzten Bellatrix leider nicht. Die agieren im Hochton sanfter und seidiger, kaschieren damit elegant, dass ScanSpeak-Ringstrahler zwar sehr gut, aber keine Auflösungslupen sind, und erreichen definitiv nicht die Feinstofflichkeit der Neat-AMTs.

Spannend finde ich das Album Kammerkonzert von Squarepusher. Tom Jenkinson aka Squarepusher erzeugt hier mit elektronischen Mitteln Töne, die denen akustischer Instrumente ähneln, wobei er aber die Klangfarben überzieht. Was man sonst eher unbewusst wahrnimmt, das Obertonspektrum, tritt viel stärker in den Vordergrund. Damit erzeugt Squarepusher eine Art Hyper-Realität an Klangfarben, wie ich das noch nie gehört habe. Warum ich das hier anführe? Weil hier unter anderem der Hochton und Klangfarben eine wichtige Rolle spielen und die J6 dieses Spiel auf einem beeindruckend hohen Niveau hörbar machen.
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