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Test: MFE TA 845 | Vollverstärker, Röhre/Hybrid

Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Test: MFE TA 845 | Vollverstärker, Röhre/Hybrid

August 2014 / Martin Mertens

Beim Anblick des MF-Electronic TA 845 (www.mf-electronic.de) kommt mir sofort der Begriff Steampunk in den Sinn. Als Steampunk bezeichnet man eine bestimmte Richtung der Science Fiction, bei der die technische Entwicklung weitgehend ohne Computer und Mikroprozessoren stattgefunden hat. Und der MFE TA 845 mit seinem rustikalen Design und den zwei mächtigen 845-Trioden auf dem Gehäuse sieht irgendwie so aus, als wäre er der Phantasie eines aus dieser Richtung inspirierten Designers entsprungen.

In Steampunk-Utopien hat die technische Entwicklung eine andere Richtung genommen als wir sie kennen. Sei es, weil sämtliche Computer einem Computervirus erlegen sind, sei es, dass durch einen aufgrund einer Atomexplosionen hervorgerufenen elektromagnetischen Puls alle integrierten Schaltungen vernichtet wurden, sei es, dass sich die Technik in einer Parallelwelt einfach anders entwickelt hat – die Technologie des Steampunk beruht vorwiegend auf Mechanik. Kommt Elektronik ins Spiel, dann höchstens in Form von Röhrentechnik. Steampunk-Anhänger sind gar nicht mal eine so kleine Minderheit. Viele kommen dabei ausgerechnet aus dem technischen Bereich. Und hier wird Steampunk beispielsweise beim case modding von Computern und Zubehör oder dem Design von Computerspielen zelebriert.

Beim MFE TA 845 ist die Ästhetik aber keine Show, sondern der Funktion geschuldet. Es handelt sich nämlich um einen Stereo-Vollverstärker, der pro Kanal mit einer einzigen 845er-Triode in der Leistungsverstärkung arbeitet. Designoptionen gibt es aber auch: Den TA 845 kann man in den Versionen „D“ und „R“ bestellen. „D“ steht dabei für Dreieckgehäuse, bei dem die Seitenwände nach vorne spitz zulaufen und in dessen Spitze der Lautstärkeregler sitzt. Damit haben diese Geräte eigentlich keine Frontplatte im eigentlichen Sinn. Das ist zwar eine originelle Design-Idee, kommt aber offensichtlich nicht bei jedem so gut an. Auf mehrere Eingänge und einen Eingangswahlschalter muss man bei dieser Version nämlich verzichten. Dafür ist sie etwas preiswerter und bereits für 3.880 Euro zu haben. Für diejenigen, die es vom Design her lieber „klassisch“ mögen und mehrere Eingänge benötigen gibt es die „R-Serie“.

MFE TA 854 | Röhren-Vollverstärker

Rechteckig und mit Eingangswahlschalter – die „R-Variante“ des TA 845. Eine Fernbedienung ist optional für 270 Euro zu beziehen

„R“ steht für Rechteckgehäuse. Und diese Geräte haben eine standesgemäße Front aus acht Millimeter starkem Aluminium, auf der sich die Bedienelemente finden. Als da sind: Zwei massive und schön griffige Drehregler für Lautstärke und Eingangswahl – zur Verfügung stehen vier Hochpegeleingänge – sowie der Netzschalter. Die Einschalt-Kontrollleuchte befindet sich auf der Rückseite – die braucht man aber eh nur um gegebenenfalls einen Fehler zu diagnostizieren. Im Normalbetrieb zeigt schon das Leuchten der Röhren, ob der Verstärker eingeschaltet ist. Mein Testgerät war darüber hinaus noch mit Kopfhöreranschlüssen in Form einer 6,35-mm-Stereo-Klinkenbuchse und einer seltener zu findenden, vierpoligen Neutrik-Buchse für Profi-Kopfhörer sowie einem Schalter zum Umschalten zwischen Lautsprecher- und Kopfhörerbetrieb ausgestattet. Da MFE-Electronic ein Manufakturbetrieb ist, sind Kundenwünsche problemlos zu realisieren – etwa bei der farblichen Gestaltung der Gehäuse oder bei der Ausstattung. Neben Kopfhörerausgängen kann man zum Beispiel auch eine Fernbedienung für die Lautstärke bestellen.

Dass es sich beim MFE TA 845 nicht um ein Großserien-Modell handelt, dürfte schon allein aufgrund der Technik klar sein. Auch wenn Röhrenverstärker in High-End-Kreisen gar nicht so selten sind, sind Verstärker, die mit lediglich einer Triode im Single-ended-Class-A (siehe auch Verstärkerklassifizierungen in unserem Lexikon) Betrieb arbeiten, eher Exoten. Und unter diesen Exoten findet man vornehmlich Verstärker, die mit der legendären 300B in der Leistungsabteilung arbeiten. Die 300B wurde 1938 von Western Electric zum Einsatz in Telefonverstärkern entwickelt. In entsprechenden Kreisen sagt man ihr geradezu mystische audiophile Qualitäten nach. Die Krux mit der 300B ist, dass man mit ihr gerade mal 5 bis 7 Watt Ausgangsleistung erzielen kann. Die Leistung lässt sich durch Parallelschaltung zweier (oder mehrerer) Röhren verdoppeln (bzw. vervielfachen).

MFE TA 854 | Röhren-Vollverstärker

Das Innenleben des MFE TA 845

Ein schönes Beispiel dafür sind etwa die Mastersound Verstärker 300B S.E. und 300B P.S.E. Die Parallelschaltung gilt vielen Liebhabern klassischer Röhrentechnik aber schon nicht mehr als die reine Lehre. Um mit lediglich einer Röhre eine zumindest halbwegs praxisgerechte Ausgangsleistung zu erzielen, ist Michael Franken einen anderen Weg gegangen. Er hat auf eine leistungsfähigere Röhre zurückgegriffen. Bei der von ihm eingesetzten 845 handelt es sich um eine luftgekühlte Senderöhre, die 1931 von RCA für den Einsatz in Sendeanlagen entwickelt wurde. Betreibt man sie am oberen Ende ihrer Spezifikationen, lassen sich mit einer einzigen Röhre im Single-ended-Class-A-Betrieb gut 30 Watt Ausgangsleistung erzielen. Der TA 845 beschränkt sich zugunsten der Lebensdauer der Röhren auf 20 Watt. Wer auf dicke Röhren steht, aber mehr Leistung benötigt, kann den MFE auch als Monoblock ordern. Dann bietet er die doppelte Leistung. Allerdings benötigt man dann eben zwei Geräte und eine geeignete Vorstufe – die Michael Franken natürlich auch im Angebot hat.

Die technischen Daten zum Betrieb der 845 sind beeindruckend. Die Heizung benötigt bei einer Spannung von 10 Volt einen Strom von 3,25 Ampere; die erforderliche Anodenspannung zum erzielen von 20 Watt Ausgangsleistung liegt bei rund 900 Volt. Wer im Physikunterricht aufgepasst hat, weiß, dass das kein Pappenstiel ist. Wer einen solchen Verstärker baut, sollte also tunlichst wissen, was er tut. Und das ist bei Michael Franken ganz zweifellos der Fall. Der Diplom-Ingenieur entwickelt und produziert seit 1992 Röhrenverstärker. Sein Portfolio umfasst zurzeit diverse Single-ended-Verstärker mit Röhren wie der 845 aber auch der 211 oder der 805, Vorverstärker, leistungsfähige Endstufen, die mit Röhren in einer Gegentaktschaltung arbeiten (Push Pull) sowie D/A-Wandler und einen Lautsprecher. Auch in Sachen Strom ist Herr Franken aktiv und bietet eigene Netzkabel und Power-Conditioner an. Eine eigene Serie Lautsprecher- und NF-Kabel gehört ja mittlerweile bei jedem engagierten HiFi-Hersteller zum guten Ton. Und ich benutze seit langem den MFE-Phasendetektor zum Ausphasen aller Geräte, die an meiner Anlage zum Einsatz kommen.

MFE TA 854 | Röhren-Vollverstärker

Dass Michael Franken richtig Ahnung von Röhrentechnik hat, merkt man allerspätestens beim Betrieb des MFE TA 845. Das Anschließen des Geräts stellt niemanden vor eine ernsthafte Herausforderung. Das Gerät wird gleich mit einem hochwertigen Netzkabel aus eigener Produktion ausgeliefert. Verschiedene Lautsprecheranschlüsse zur Anpassung des Verstärkers an die Lautsprecherimpedanz gibt es nicht. Das ist aktuell der Trend bei Röhrenverstärkern. Hier hat sich bei vielen Entwicklern die Meinung durchgesetzt, dass es dem Klang förderlicher ist, wenn die zur Impedanzanpassung benötigten Übertrager nur einen Abgriff haben. Das Einschaltprozedere unterstreicht den wertigen Eindruck, den der Verstärker insgesamt abliefert: Nichts knackt, knirscht oder knistert. Beim Einschalten leuchten alle Röhren kurz hell auf und nach 60 Sekunden werden die Lautsprecherausgänge freigegeben. Die mächtigen Röhren geben sich absolut problemlos.

Bevor wir jetzt ans Eingemachte gehen, möchte ich noch ein paar Dinge klarstellen.

MFE TA 854 | Röhren-Vollverstärker

Erstens: Ich gehe davon aus, dass niemand, dessen Klangideal dem aktuellen Mainstream folgt, sich einen Verstärker kauft, dessen technische Grundlagen Anfang der 1930er-Jahre state of the art waren. Leistungswerte im dreistelligen Bereich, hohe Dämpfungsfaktoren sowie Verzerrungen, die sich höchstens in der vierten Nachkommastelle ausmachen lassen, bietet der TA 845 nicht.

Zweitens: Der MFE TA 845 genehmigt sich 300 Watt aus dem Netz und setzt davon einen großen Teil in Licht (ja, eine 845 ist regelrecht hell) und Wärme um. Am Ausgang liefert er rund 2 x 20 Watt „Sprechleistung“. Wer wirkungsgradschwache Kompaktboxen oder Lautsprecher mit schweren, weich aufgehängten Basschassis oder gar Magnetostaten mit Impedanzminima von zwei Ohm verwenden will, sollte ausprobieren, ob er im TA845 den richtigen Verstärker findet.

Drittens: Immer wieder liest man Weisheiten, ein „Röhrenwatt“ entspräche drei bis fünf „Transistorwatt“. Das ist Quatsch. Ein Watt ist ein Watt. Allerdings erzeugen Transistorverstärker, die über ihre Leistungsgrenze hinaus gefordert werden, üblicherweise sehr harte Verzerrungen. Dieses sogenannte Clipping kann Lautsprechern gefährlich werden. Auch Röhrenverstärker fangen an zu verzerren, wenn sie an ihre Leistungsgrenze kommen. Das tun sie sehr vernehmlich, erzeugen dabei aber keine Impulse, die für Lautsprecher letal sein können. Ergo benötigt man im Fall von Röhrenverstärkern nicht so hohe Sicherheitsreserven und damit insgesamt keine so hohen Leistungsreserven. Dennoch: 20 Watt reichen in dem meisten Fällen für gehobene Zimmerlautstärke. Wer sein 300 m²-Loft mit 20-Hz-Bässen bei Discopegeln beschallen will, ist hier aber falsch.

MFE TA 854 | Röhren-Vollverstärker

Wenn Sie sich bis hierhin nicht haben abschrecken lassen, machen wir uns jetzt daran zu erkunden, worin der Charme des MFE TA 845 denn nun liegt.

Test: MFE TA 845 | Vollverstärker

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