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Klang: Martin Logan ElectroMotion ESL (Teil I)

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  1. 2 Klang: Martin Logan ElectroMotion ESL (Teil I)

Zuvor noch ein praktischer Hinweis: Elektrostaten brauchen grundsätzlich ein wenig Zeit, bis sich die Hochspannung auf der Fläche aufgebaut hat und sie klanglich voll auf der Höhe sind. Glücklicherweise geht das bei den Martin Logan ElectroMotion-ESL sehr schnell (etwa eine Minute); bei älteren Vertretern der Gattung konnte das auch mal ein paar Stunden dauern, weshalb deren Folien permanent am Stromnetz hängen mussten und so nebenberuflich als ganz vorzügliche Staubfänger agierten. Bei den ElectroMotion-ESL hat man durch eine spezielle Flüssigkeitsbehandlung erreichen können, dass die kleinen Mikrorisse, die bei der Herstellung der Paneele in der Folienstruktur auftreten, geschlossen werden. Dadurch kann sich die Ladung schneller aufbauen und demzufolge verfügen die ElectroMotion-ESL auch über eine Einschaltautomatik, damit nur dann Ladung erzeugt wird, wenn diese auch benötigt wird. So, jetzt geht’s aber wirklich los!

Martin Logan

Erstaunlicherweise sind ja nahezu alle Alben, an denen Pete Doherty mitgewirkt hat, trotz seines eher mottenzerfressenen Äußeren immer brillant aufgenommen, gemischt und produziert. So auch das gleichnamigeLibertines Album der Libertines. Nehmen wir den Song „Music when the lights go out”. Zur Linken schrubbt eine Akustikgitarre Akkorde, zur Rechten gesellt sich eine Fingerpicking-Melodielinie von einer zweiten Gitarre hinzu, sodann Einsatz von Gesang, zweiter Gesangsstimme, Bass und Schlagzeug. Sofort ins Ohr springt mir, dass die geschrubbte Gitarre nicht nur wie eine Gitarre klingt, sondern auch deren originale Abmessungen mitzubringen scheint. Wie realistisch groß diese Gitarre hier in den Raum gebeamt wird, das ist toll.

Martin Logan mit GitarreÜberhaupt – der ganze Raum scheint mit Musik geflutet zu sein, aber eben nicht diffus, sondern als nahezu greifbare Illusion. Auch die zweite Gitarre, der Gesang, später die Drums – alles besitzt eine ausgesprochen leichtfüßige, direkte, den Wohnraum „bevölkernde“ Gangart. Der Klang fächert sich insgesamt deutlich großzügiger auf, als ich das von gleich großen Standboxen kenne. Dabei sortieren die ElectroMotion-ESL Klangquellen – sofern man im Sweet Spot sitzt – sowohl in der Breite als auch in der Tiefe überdurchschnittlich präzise. Bei Bill Callahans Stück „Roccoco Zephyr“ (Album: Sometimes I wish I were an eagle) gefällt, wie eindeutig die ESL die Gesangsstimme in der Mitte festnageln und wie plastisch und dreidimensional sich gerade obertonreiche Klangquellen im Raum manifestieren, hier im Song zum Beispiel das Ridebecken, das nur einige Male rechts im Stereopanorama auftaucht und bei dessen erstem Erklingen man fast erschreckt, weil es wie eine „spukhafte Erscheinung“ im Raum zu stehen scheint. Dieser Effekt ist meiner Meinung nach dem Umstand zuzuschreiben, dass die Schallquellen kohärent über eine vergleichsweise große Membranfläche wiedergegeben werden.

Tieftöner der Martin Logan ESL

Red Hot Chili PeppersVon der Räumlichkeit zur Tonalität: Hören wir „She looks to me” von den Red Hot Chili Peppers (Album: Stadium Arcadium). Eine Midtempo-Nummer, entspannt und aktivierend zugleich, mit einem absoluten Mitsing-Refrain, den der Drummer durch ein stoisches „Ridebecken auf Viertel“ ganz bewusst abbremst – und damit eigentlich noch viel schärfer und pointierter macht, als wenn er es hektisch, groovend oder „funky“ spielte. Im Bassbereich zeigen sich die Martin Logan ElectroMotion-ESL eher auf der schlanken Seite, dabei gelingt ihnen rhythmisch jedoch die Anbindung an den Mitteltonbereich besser als ich erwartet hatte. Das grundsätzlich sehr tighte Zusammenspiel der Red Hot Chili Peppers gerät nicht durcheinander, obwohl im Tief- und „Resttonbereich“ komplett unterschiedliche Wandlerprinzipien zum Einsatz kommen.

Martin Logan Electromotion ESLMan muss allerdings auch konstatieren, dass es Lautsprecher gibt, die untenrum körperlicher aufspielen. Sowohl meine Arbeitstiere, die Neat Momentum 4i, als auch „alte Bekannte“ von vorangegangenen Tests, zum Beispiel die PSB Synchrony One oder die Swans M6F hatten eine etwas substanziellere, geradezu körperlich empfindbare Art und Weise, den Bass in den Raum zu schieben, ohne dabei jedoch undeutlich zu klingen. Meine Privatvermutung ist, dass man bei der Entwicklung der ElectroMotion-ESL einer rhythmisch akkuraten Anbindung des Tieftonbereichs an den Mitteltonbereich gegenüber der absoluten Basspotenz den Vorrang gegeben hat. Finde ich gut, hätte ich auch so gemacht – denn ansonsten würde man auch das Prinzip der Flinkheit und Unmittelbarkeit, das ja den Elektrostaten auszeichnen soll, hintenrum wieder korrumpieren.

Trotzdem kann man meiner Erfahrung nach mit den Martin Logan ElectroMotion-ESL ganz gut rocken. Ein Stück wie „Neighborhood #2“ von Arcade Fire (Album: Funeral) fetzt über die ElectroMotion-ESL sauber los. Der Drummer macht zu Beginn ausgiebig vom Standtom und seiner tief gestimmten Snare Gebrauch, beides wurde mit viel Raumhallanteil eingefangen. Dazu Schellenkranz und perlende Gitarren-Flageoletts; ein grob- und feindynamisches, rhythmisch anspruchsvolles Feuerwerk brennen die Musiker da ab, noch bevor der Song überhaupt richtig angefangen hat und sich später mit Akkordeon, Streichern, Glockenspiel und quengelndem „Gesang“ weiter ausdehnen wird. Die Martin Logan bildet sehr gut ab, wie dieser Song sich immer weiter steigert. Jedes hinzukommende Instrument erscheint wie ein neuer Stern am akustischen Himmel (50 Cent in die Arcade FireMetaphernkasse, ich weiß), während zugleich das Schlagzeug ein kantiges Fundament setzt. Gut, der Bass könnte natürlich mehr schieben oder ein wenig potenter in den Unterbauch fahren – doch die anspringende und sehr direkte, punktgenaue Art der Mittel- und Hochtonabteilung macht diese kleine Schlankheit mehr als wett. Denn die ElectroMotion-ESL zaubern echtes Livegefühl in die Bude.

Test: Martin Logan Electromotion ESL | Standlautsprecher

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