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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Avanciert klassisch
  2. 2 Klangbeschreibung & Vergleiche: Marantz PM8006

Über die Marke Marantz muss man wohl nicht mehr viele Worte verlieren. Nicht nur hier bei fairaudio hatten wir schon diverse Geräte im Test, auch mir persönlich stand über viele Jahre der SACD-/CD-Spieler SA7001 treu zur Seite und ich habe ihn sehr geschätzt. Insofern erwartete ich freudig die Ankunft unseres heutigen Probanden, nämlich des Vollverstärkers Marantz PM8006 (www.marantz.de).

Während heute ja eine Vielzahl von Geräten, die sich eigentlich „Verstärker“ nennen, bereits ab Werk mit mannigfaltigen Zusatzfunktionen wie D/A-Wandlung oder auch Streamingfunktionalität kommen, gibt sich der Marantz PM8006 an dieser Stelle bewusst bescheiden und auch in mehrerlei Hinsicht old-fashioned: So gibt es bei den fünf Hochpegeleingängen neben „CD“, „Aux“ und „Network“ auch solche für „Tuner“ und „Recorder“. Damit nicht genug: Marantz spendierte dem PM8006 auch einen Phono-MM-Eingang, der jedoch nicht als „freundliche, aber klanglich mittelmäßige Dreingabe“ zu betrachten sei, sondern von Marantz durchaus selbstbewusst als „eine der höchstentwickelten Phono-Stufen in der Branche überhaupt“ tituliert wird. Technisch gesehen handelt es sich um eine Hybridschaltung aus einem eigens von Marantz entwickelten, verzerrungsarmen HDAM-Chip (Hyper Dynamic Amplifier Module) in der RIAA-Entzerrungsstufe und einem diskret mit JFET-Transistoren aufgebauten Class-A-Operationsverstärker. In Summe soll sich ein besonders rausch- und verzerrungsarmes Verstärkerverhalten des Phonoeingangs ergeben.

Marantz PM8006 Rückseite Anschlüsse

Klassisch: Die Anschlüsse auf der Rückseite des Marantz PM8006

Ebenfalls „alte Schule“ ist es wohl auch, dass Marantz dem PM8006 ein dreistufiges – aber per Source Direct „abschaltbares“ – Klangregelnetzwerk (Bass/Mid/Treble) sowie einen Balanceregler mitgegeben hat – und dass sich zwei Lautsprecherpaare anschließen lassen, die alternativ oder parallel betrieben werden können. Da kommen schon „Achtziger-Jahre-Gefühle“ auf, oder?

Gar nicht Achtziger ist hingegen, dass die Lautstärkeregelung mikroprozessorgesteuert arbeitet: Der Drehregler stellt also kein klassisches, im Signalweg liegendes Poti dar, sondern er steuert den integrierten Lautstärkeregelungs-Chip, auf dass potenziometertypische Kanalgleichlauf- und Verschleißprobleme erst gar nicht entstehen. An Bord sind zudem ein Vorverstärkerausgang sowie Endstufeneingang für zukünftige Systemerweiterungen oder die Integration in ein Heimkinosystem. Die Stromzufuhr für den Amp, der übrigens 2 x 70 Watt an 8 Ohm leistet, erfolgt über einen doppelt abgeschirmten Ringkerntrafo; die dreifach verstärkte Bodenplatte ist mit schwingungsdämpfenden Füßen versehen. Apropos Stromzufuhr: Der Marantz PM8006 kommt mit einem harten Netzschalter an der Front – nach einer gewissen Leerlaufzeit wird der Amp jedoch ins stromsparende Standby geschickt; ein kurzer Dreh am Eingangswahlschalter und der Amp wacht wieder auf. So – und nun werden wir auch aktiv und hören rein!

Klangbeschreibung & Vergleiche: Marantz PM8006

Marantz PM8006 im Rack

Mein erster Höreindruck: Hoppala, die Klangsignatur von Marantz hat sich in den letzten zehn Jahren offensichtlich gewandelt. Während mir die Komponenten des japanischen Herstellers von „damals“ als eher mild und feinsinnig in Erinnerung sind, kommt der Marantz PM8006 durchaus dynamisch und flott daher. Vor allem aber mit einer präzisen, ja fast analytischen Bühnendarstellung. So war ich das von meinem SA7001 nicht gewohnt – der tönte eher zartschmelzend und organisch, also dem seinerzeitigen Analogklischee entsprechend. Doch der Reihe nach:

Depeche Mode Some Great RewardTonal gesehen leistet sich der Marantz PM8006 keinerlei Auffälligkeiten. Trocken und konturiert im Bass, keine Oberbasswampe, aber auch kein extremer Tiefgang – im besten Sinne klassische Kost. Es gibt Amps, die in Bezug auf untere Grenzfrequenz und Standvermögen etwas mehr hinlegen: beispielsweise mein Hegel H90. Die Mitten geben sich ausgesprochen gut aufgelöst und die Höhen pendeln sich exakt auf der Nulllinie zwischen „mild“ und „silbrig“ ein. Aber: Faszinierend ist, wie „durchhörbar“ und genau dieser Verstärker über das gesamte Frequenzband spielt; die klassische Dreiteilung aus Bass, Mitten, Höhen analysieren zu wollen – dieser typische Wunsch des HiFi-Rezensenten kommt gar nicht erst auf. Nehmen wir als Beispiel „Blasphemous Rumours“ von Depeche Mode (Album: Some Great Reward; auf Amazon anhören). Durch den flächendeckenden Einsatz von Synthesizern gib es in allen tonalen Lagen viel zu entdecken: Da wären die stumpfen, synthetischen Bassdrum- sowie die metallischen Snare-Sounds. Da wären aber auch glockige Keyboard-Attacken und langgezogene, verhallte Klangflächen. Und im Obertonbereich gibt es zahlreiche perkussive Sounds, die immer wieder kreuz und quer durchs Stereopanorama wandern. Es geht zuweilen schon fast etwas unübersichtlich zu; die enorme Klarheit und Transparenz, mit der der Marantz PM8006 aufwarten kann, macht das alles jedoch zu einem großen Hörvergnügen. Obwohl die Schlagzeugelemente, allen voran die Bassdrum, ziemlich weit vorne und dominant im Mix erscheinen, lassen sich immer wieder feinste Details nebenher ausmachen. So singt Dave Gahan an einer Stelle „She goes down on her knees and prays“ – und auf das Wort „prays“ wird ein langsames Delay gesetzt, welches das Wort noch gut zehn Sekunden lang, langsam leiser werdend, wiederholt. Selbst als es von der Lautstärke her schon fast im Nirwana verschwunden ist, kann man es immer noch gut in all dem Klanggerassel ausmachen, das Depeche Mode in diesem Song entfacht.

Marantz PM8006 geöffnet Innenleben

Das Innenleben des Marantz PM8006

Oben erwähnte ich ja schon die Bühnenabbildung, die im Song „Blasphemous Rumours“ ebenfalls glänzen darf. Hier arbeiten Depeche Mode mit einem verwirrenden Klangeffekt: Es klingt so, als würde eine schwere Goldmünze einige Treppenstufen herunterpurzeln und dann, sich mehrmals um ihre eigene Achse drehend, langsam zur Ruhe kommen. Im Studio wurde dieser Klangeffekt noch verstärkt, indem er im Stereopanorama von links nach rechts und wieder zurück wandert. Über den PM8006 meint man die Münze fast sehen zu können, insofern bildet er sehr realistisch ab – zugleich zeigt er aber auch das Artifizielle des künstlichen Stereo-Panoramas auf. Künstliche Stereofonie klingt nun einmal anders als Laufzeitstereofonie: Das schält der Marantz PM8006 gut heraus – ähnlich gut wie auch mein mit dem „fairaudio’s favourite Award“ prämierter Hegel H90.

Sonic Youth DirtyWenn man sich etwas länger mit diesem Verstärker befasst, stellt man fest, dass die Bühnenabbildung hier durchaus nicht „gemacht“ wird, sondern einfach sehr genau das wiedergibt, was bei der Produktion der Musik hineingegeben wurde. Im Verbund mit der Klarheit und Transparenz, mit der der Marantz PM8006 tonal wie in puncto Ortbarkeit der Schallquellen arbeitet, ergibt sich ein Effekt, den man erst peu à peu entdeckt, dann aber nicht mehr missen möchte: Man versteht auf einer emotionalen Ebene, was da eigentlich geschieht. Ein gutes Beispiel dafür ist „JC“ von Sonic Youth (Album: Dirty; auf Amazon anhören). Wir hören hier im Grunde ein heilloses Durcheinander: Unzählige aufeinandergelegte Gitarrenschichten, eine dominante Basslinie, ein stoisches Schlagzeug und die von Strophe zu Strophe hektischer sprechsingende Kim Gordon.

Marantz PM8006 Höhen- und Bassregler

Über den PM8006 hat man das gute Gefühl, trotz der zahlreichen Klangquellen den Song und sein Funktionsprinzip von Grund auf zu „verstehen“: Der zentrale Fixpunkt ist die Basslinie, die einen quasi durch das Stück führt. Einige der sich links und rechts am Rande des Panoramas auftürmenden Gitarrenspuren dienen lediglich der Geräuschuntermalung und der Erzeugung eines stereofonen Breitwandpanoramas. Die anderen Spuren hingegen bestehen hauptsächlich aus langgezogenen, verzerrten Tönen, die im Zusammenspiel mit der Basslinie immer neue Harmonien erzeugen und dem Song damit ein zweites Gerüst verleihen, an dem man sich festhalten kann (gut so, sonst würde einem auch schwindelig werden). Diese Art von „Einsichten“ in den musikalischen Zusammenhang vermitteln zu können, ist für mich eine besondere Qualität dieses Verstärkers und somit ein echtes Markenzeichen.

Rage Against the Machine Rage Against the MachineEin paar Worte auch zur Dynamik: Der Marantz PM8006 ist auffallend „schnell“ und spielt dynamisch außerordentlich direkt. So hörte ich mich in meinen Hörsessions genussvoll in knackiger, erdiger Musik fest – das energetische „Bullet in the Head“ von Rage Against the Machine (Album: Rage Against the Machine; auf Amazon anhören) mag ein gutes Beispiel geben: Ein über weite Teile ausgeführtes Unisono von Bass- und Gitarrenriff wird von einem knalligen, aggressiven Schlagzeug begleitet – und der Sänger Zack de la Rocha bellt hasserfüllt dazu. Der Marantz-Verstärker gibt hier fast noch etwas mehr Geschwindigkeit und Attack zum Besten als mein Hegel H90, der per se auch kein Kind von Traurigkeit ist – allerdings kann letzterer noch etwas tiefer in den Basskeller hinab langen. So klingt es über den Hegel sonorer und massiver, über den Marantz PM8006 hingegen zackiger und direkter.

Das Phonoteil des Marantz PM8006

Auch die Phonovorstufe ist klasse. Das gilt zum einen für die „Basics“: Man muss den Lautstärkeregler schon wirklich komplett aufreißen und mit den Ohren in die Lautsprecher hineinkriechen, um einen minimalen Rauschteppich erahnen zu können. Dreht man den Regler nur ein Stück weit zurück, herrscht Totenstille – mustergültig. Doch auch klanglich macht sie richtig was her: Bekanntermaßen ist das Konzept „Tonabnehmer/Schallplatte“ digitalen Konzepten in Bezug auf Kanaltrennung, Dynamikumfang und Störabstand himmelweit unterlegen (für den Frequenzgang gilt das ja so nicht generell). Trotzdem kann gute Phonowiedergabe einen Zauber entfalten, an dessen Reproduktion sich die Digitaltechnik seit Jahrzehnten erfolglos abarbeitet. Genau diesen Zauber kann die Phonostufe des Marantz PM8006 liefern, wenn man ihr einen guten Tonabnehmer und gutes Vinyl zur Seite stellt. Und dafür wiederum muss man keine Unsummen ausgeben, bereits mein MM-System Rega Exact (399 Euro) gereichte mir im Verbund mit der Pro-Ject-Phonovorstufe zu ausgedehnten und sehr erfreulichen Hörerlebnissen. Umkabeln auf den Marantz PM8006 ließ jedoch erst richtig die Sonne aufgehen; meine Pro-Ject Phonobox DS+ (Kostenpunkt 299 Euro) hatte dann doch deutlich das Nachsehen. Der Marantz lieferte mehr (aber keinen unrealistischen) Druck im Bassbereich, eine weitaus bessere und präziser sortierte Stereobühne, vor allem aber ein ganz anderes Auflösungsvermögen im Bereich der Mitten und Höhen: Das Ding ist richtig gut und man muss meines Erachtens schon deutlich mehr Geld hinlegen, um weitere Verbesserungen zu erzielen. Zufällig hatte ich von einem Freund die Phonovorstufe Musical Fidelity Nu-Vista Vinyl ausgeliehen – für einen Preis von 3.990 Euro erhältlich. Und ja, diese Vorstufe hat dann doch nochmal einige klangliche Kracher parat, die dem PM8006 abgehen: Gerade bei klassischer Musik, kleiner Besetzung und pianissimo – beispielsweise Schuberts Streichquintett in C (D 956), Emerson String Quartet / Deutsche Grammophon) – klingen akustische Instrumente über die Musical-Fidelity-Vorstufe noch klarer, artikulierter, authentischer. Nun, wäre ja angesichts des Preisvergleichs auch schlimm, wenn es anders wäre. Was festzuhalten ist: Ganz gleich, ob ambitionierter Einsteiger oder vernunftbewehrter Profi: Die Phonovorstufe des PM8006 bringt erstaunlichen Gegenwert fürs Geld – ich jedenfalls kenne zu diesem Preis keinen Vollverstärker mit MM-Phono-Eingang, der dergleichen ähnlich gut hinbekommt.

Marantz PM8006 Logo

Test: Marantz PM8006 | Vollverstärker

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