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Klang Magnat RV-3 (Teil I)

Inhaltsverzeichnis

  1. 2 Klang Magnat RV-3 (Teil I)

Bereits während der Warmlaufphase zu meinem Hörtest, die übrigens dank der bereits beim Hersteller eingespielten Vorstufenröhren erfreulich kurz ausfiel, war mir die fundamental tiefe und dabei knallhart-trockene Basswiedergabe des Magnat aufgefallen, die deutlich anschiebt, es dabei aber nie überzieht. Vielmehr wird durch viele Zwischentöne und Subinformationen eine felsähnliche Struktur der tiefen Lagen herausgearbeitet, die in ihrer Deutlichkeit in dieser Preisklasse Vorbildcharakter besitzt.

Magnat RV-3

Das muskulöse Erscheinungsbild des RV-3 machte Lust auf Punkrock und so ließ ich den Rheinländer zum Einstieg Rise Against‘ „Whereabouts Unknown“ (Album: Appeal to Reason) in mein Hörzimmer dreschen. Wobei mich die gnadenlose Unnachgiebigkeit, mit der mich das Stück aus meinem Sessel hob, schier mitriss. Gerade der irrwitzig schnell gespielte Drumbeat, der dem klassischen Punk-Grundmuster (Hi-Hat oder tiefe Tom auf den Achteln, Snare auf zwo und vier und die Basskicks – Rise Againstgerne auch mit Doppelfussmaschine bedient – irgendwo dazwischen) folgt, platzt staubtrocken und mit ansatzloser Attacke aus den Lautsprechern. Dass Rise-Against-Drummer Brandon Barnes in dem Stück seine Snare-Felle mal mit und mal ohne angelegten Snareteppich spielt (für Nicht-Schlagzeuger: Unter dem Resonanzfell einer Snaredrum befindet sich ein Metallgewebe, welches der Trommel ihren speziellen Klang verleiht. Dieses Geflecht kann man in der Höhe verstellen und so den Snareton ändern), habe ich so zum ersten Mal über den Magnat gehört. Auch dass er hin und wieder – ob absichtlich oder nicht, sei dahingestellt – mit seinen Sticks nicht die Felle, sondern den Metallrand seiner Kessel trifft, war mir bisher verborgen geblieben. In Verbindung mit dem nicht minder furios-schnell und um eine Oktave tiefer gestimmt gespielten E-Bass – so grollt er schön böse – eines Joe Principe, ergibt sich so geradezu ein „Tieffrequenzbett“ als ehernes Fundament für alle Tonlagen darüber.

Fernbedienung aus Alu

Die Leichtigkeit, mit der der Magnat im Bass Unnachgiebigkeit, Nachdruck und Struktur miteinander verbindet, ist für mich ganz große Klasse und bringt – bereits an einem sehr frühen Punkt des Hörtests – meinen Symphonic Line RG 9 MK4, ein reiner Transistorverstärker, in wirkliche Bedrängnis. Und preislich in Erklärungsnot. Obschon bereits einige Jahre am Markt, liegt dessen Kurs noch immer hart an 5.000 Euro. Dass wir uns nicht missverstehen: Tiefdruck mit trockener Härte kann der Duisburger auch – sonst hätte ich ihn nie haben wollen –, das wie gemeißelt wirkende Relief und die Fülle an Subinformationen, die der Magnat herauszufiltern vermag, geht ihm aber in dieser Konsequenz ab. Wackelt da etwa ein persönlicher Thron? Ich fürchte, ja …

Joy & PainDenn auch der Quercheck mit dem gegenüber der Punkscheibe deutlich audiophiler produzierten Livealbum Joy & Pain der Blueslegende Mighty Sam McClain, das einen Mitschnitt seiner 1997er-Deutschlandtour beinhaltet, zeigt das gleiche Bild. Das ausgeklügelte Differenzierungsvermögen, mit dem der Pulheimer sich den Kellerfrequenzen widmet, lässt den Symphonic Line fast – und ja, es tut geradezu weh, dies so deutlich schreiben zu müssen – statisch und ein wenig hölzern wirken. Trotz dieser fundamentalen Bassperformance dröhnt oder wummert nichts, auch kommt es nicht zu Überlappungseffekten mit Frequenzbereichen ab den unteren Mitten aufwärts, die sonst gerne zu einem undifferenzierten „Verschmieren“ führen. Das beeindruckt. Wer hier Verstärkung sucht, die noch nachdrücklicher und massiver hinlangt, ohne dabei an Sauberkeit und Präzision einzubüßen, sollte nach einer reinen Stereo-Endstufe Ausschau halten. Die preislich allerdings mindestens ebenbürtig anzusiedeln ist. Und nicht zu vergessen: Sie brauchen Magnat RV-3dann ja auch noch einen adäquaten Vorverstärker, was das Gesamtensemble ungleich kostspieliger macht.

Und dabei zeigt das rhythmisch und emotional sprichwörtlich bewegende „Long Train Runnin’“ nicht nur bassmäßig, in welche Liga der Magnat gehört. Wie erwähnt ist Joy & Pain eine Live-Einspielung, bei der vor allem die Raumabbildung so realistisch wie möglich gelingen muss, wenn das Konzertfeeling auch im heimischen Hörsessel überzeugen soll. Kein Problem für die Rampensau aus Pulheim bei Köln: McClains immerhin achtköpfige Tourkombo beansprucht nicht zuletzt aufgrund der opulent bestückten Bläser- und Tastensektion mit Tenorsax, Hörnern und Trompeten sowie einem Stagepiano und einer Hammondorgel ganz schön viel Platz. Da muss was rüberkommen. Und es darf nicht zu beengt klingen.

Keine Bange. Der RV-3 sorgt für einen gleichzeitig locker-luftig-atmosphärischen, sowie in Bühnentiefe und -breite stets realistischen Raumeindruck, der zwar großzügig, aber nicht übertrieben dimensioniert erscheint. Gleichwohl gibt es Wettbewerber, die das gedachte Koordinatensystem einer virtuellen Bühne weiter aufziehen und den einzelnen Musikern noch mehr Luft zum Atmen lassen. Der jüngst von mir getestete Perreaux Audiant 80i aus Neuseeland etwa gestaltet seine Abbildung in alle Richtungen ganz besonders groß. Das kann man ihm vorwerfen, weil es nicht immer der Vorlage entspricht – unsympathisch ist das aber nicht, und deshalb werden andere Hörer ihn genau dafür loben. Hier muss der persönliche Geschmack entscheiden. Die Ortung einzelner Schallereignisse auf der Bühne sowie die Beziehungen der Musiker untereinander sind über den RV-3 jedenfalls immer exakt erfassbar. So, wie man sich das wünscht …

Test: Magnat RV-3 | Vollverstärker

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