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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Traumwandeln
  2. 2 Klangbeschreibung & Vergleiche: Linnenberg Telemann

Linnenberg Audio kennen Sie nicht? Ich kann Sie beruhigen, das geht selbst vielen Kennern der Szene so. Das ist schade, aber nicht schlimm, denn das können wir ändern. Ein willkommener Anlass ist der von Linnenberg kürzlich vorgestellte D/A-Wandler namens Telemann.

Warum der deutsche Hersteller Linnenberg in Deutschland wenig bekannt ist, lässt sich schnell erklären: Ivo Linnenberg hatte sich in der Vergangenheit vertriebsseitig vor allem auf den asiatischen Markt konzentriert. Seit Björn Kraayvanger von Len HiFi (www.lenhifi.de) die Deutschland-Distribution von Linnenberg übernommen hat, ist Linnenberg allerdings wieder verstärkt auf dem heimischen Markt vertreten. Offensichtlich haben sich da zwei gefunden, deren Talente sich ergänzen: der akribische Tüftler Linnenberg und der agile Vertriebler Kraayvanger. Das erste Linnenberg-Produkt, das nach langer Zeit wieder offiziell auf den deutschen Markt kam, war der Kopfhörerverstärker Maestro SE. Der Telemann ist die zweite Neuentwicklung, die offiziell in Deutschland auf den Markt kommt und bei deren Entwicklung der Vertrieb, also Björn Kraayvanger, ein gewichtiges Wort mitzureden hatte. Und es wird weiter gehen: vor Kurzem ist eine Mono-Endstufe namens Liszt vorgestellt worden, darüber hinaus stehen Gerüchte über eine mögliche Phono-Vorstufe im Raum.

Linnenberg Telemann DAC/Vorstufe in Silber

Standardmäßig gibt’s den Linnenberg Telemann in Silber, die schwarze Ausführung gegen Aufpreis

Linnenberg ist kein Newbee auf dem HiFi-Sektor. Der Vorgänger des Telemann, der Vivace, war im Ausland hoch beleumundet, vor allem im Zusammenspiel mit dem passenden Unisono-Netzteil. Auch die frisch vorgestellte Endstufe Liszt hat mit der Allegro einen viel gelobten Vorgänger. Die Ahnenreihe des Maestro-Kopfhörerverstärkers reicht auf das Modell Spa1 zurück. Wer will, kann noch weiter in die Linnenberg-Historie abtauchen, etwa bis zur CD-Player/Vollverstärker-Kombination cdp3E/amp2S oder dem von Aufbau und Design her Maßstäbe setzenden CD-Player cdp1. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere: Das war das Teil, bei dem das CD-Laufwerk quasi offen zwischen dem Netzteilgehäuse und dem Gehäuse mit der Elektronik schwebte. Ein Design, das in seiner Konsequenz bis heute Maßstäbe setzt.

Die Kombination aus Telemann und ersten Exemplaren einer „Null-Serie? der Liszt gab es schon im Herbst 2017 auf den Westdeutschen HiFi-Tagen zu hören. Der Linnenberg Telemann kann im unmittelbaren Zusammenspiel mit Endstufen eingesetzt werden, da er über eine integrierte Lautstärkeregelung verfügt. Was man ihm allerdings nicht ansieht, denn die Lautstärke lässt sich nur mit Hilfe der beiliegenden Fernbedienung betätigen. Drückt man auf dem schmucken kleinen Alu-Geber die „Vol-? oder die „Vol+? Taste, wird der Vorgang von emsigen Klickgeräuschen aus dem Inneren des Geräts begleitet.

Der Grund für das Geklacker ist, dass Linnenberg zur Lautstärkeregelung auf ein analoges Widerstandnetzwerk setzt. Langlebige Goldkontakt-Relais schalten hier Einzelwiderstände zu dem jeweils erforderlichen Spannungsteiler zusammen. Der Vorteil gegenüber einer Lösung auf digitaler Ebene ist, dass die Dynamik des Digitalsignals nicht reduziert wird; der Vorteil gegenüber einem analogen Poti ist, dass der Widerstand konstant bleibt und der mechanische Verschleiß bei Relais deutlich geringer ist als bei den Schleifkontakten eines Potis. Richtig aufwändig ist die Sache, weil der Telemann komplett symmetrisch aufgebaut ist. Entsprechend ist die Lautstärkeregelung pro Kanal für die positive und die negative Halbwelle getrennt in zwei Zügen aufgebaut.

Linnenberg Telemann DAC/Vorstufe Bedienfeld und Display

Das Display leuchtet nur bei Bedarf bzw. Ansteuerung kurz auf und schaltet sich dann wieder ab

Da die in der Entwicklung befindlichen Monos ebenfalls symmetrisch arbeiten, bietet sich der Telemann als Zuspieler förmlich an. Natürlich verfügt der DAC auch über unsymmetrische Ausgänge in Form zweier Cinchbuchsen. Die kann man als solche nutzen. Man kann allerdings auch im Inneren des Geräts zwei Jumper umstecken, dann agieren die Cinchbuchsen auf der Rückseite nicht mehr als Ausgänge, sondern als Eingänge für ein analoges Signal. So kann man den Linnenberg Telemann mit seiner aufwändigen Lautstärkeregelung auch als passive Vorstufe, etwa für einen Phonovorverstärker, nutzen. Das Ausgangssignal wird in diesem Fall nur symmetrisch über die XLR-Buchsen ausgegeben – wer dann eine unsymmetrische Endstufe anschließen will, kann das mit Hilfe eines passiven Adaptersteckers tun.

Dass Linnenberg seit Jahrzehnten im Thema ist, zeigt sich an vielen Stellen des Telemann. Da ist das aufwändige analoge Linear-Netzteil zu nennen, das unter Zuhilfenahme von diversen Sieb- und Stabilisierungsschaltungen alle Bereiche des DACs mit saubersten Strömen und Spannungen versorgt. Von preiswerten Schaltnetzteilen hält Herr Linnenberg aufgrund deren hochfrequenter Störstrahlung wenig. Auf der digitalen Ebene kommen erwartungsgemäß nur feinste Bauteile zum Einsatz. Angefangen bei einem aktuellen ESS Sabre ES9028PRO Chip, der pro Kanal mit vier 32-Bit-Rechenkernen arbeitet und von einem Femto-Taktgeber (Clock) mit einer maximalen Ungenauigkeit (Jitter) von 0,0000000000001 s getaktet wird, über einen galvanisch isolierten, asynchronen USB-B-Eingang bis zu einem Ausgangsfilter, das sieben verschiedene Filtercharakteristiken bietet. Damit verarbeitet der Telemann PCM Signale bis 352.8 kHz/24 Bit (DXD) und DSD bis DSD512 (8-fach DSD). Alle ankommenden Signale reicht er ausschließlich nativ an den Sabre-Chip weiter. Auf das populäre Upsampling verzichtet Linnenberg vollständig. Das ist neu. Früher war Linnenberg ein Anhänger des Upsamplings. Das hat sich mit den neuen ESS-Sabre-Pro-Chips geändert.

Linnenberg Telemann DAC/Vorstufe Rückseite

Digital hinein geht’s in den Telemann per S/PDIF (Coaxial, AES/EBU, Toslink) oder USB-B, analog hinaus via Cinch oder XLR, der Cinch-Ausgang fungiert optional auch als analoger Eingang

An digitalen Eingängen stehen neben USB noch zwei S/PDIFs in Form von Cinchbuchsen sowie eine XLR-Buchse für Digitalsignale nach dem AES/EBU-Standard zur Verfügung. Ein optischer Eingang im TOSLINK-Standard ist für alle, die auch den Fernseh-Ton über den Telemann ausgeben wollen, interessant. Wer sich über die etwas seltsame Anordnung der Ein- und Ausgänge des Telemann wundert: Linnenberg legt extrem hohen Wert auf kurze Signalwege. Die Anordnung der Buchsen ist, wie übrigens auch die kompakte Bauform des Telemann, einem entsprechenden Platinenlayout geschuldet. Die komplette Bedienung – die Lautstärkeregelung, das Umschalten zwischen den Eingängen und verschiedenen Charakteristika des Digitalfilters sowie die Stummschaltung (Muting) – erfolgt über die Fernbedienung in Verbindung mit dem roten Display auf der Front. Das Display leuchtet bei Bedarf kurz auf und schaltet sich dann wieder ab, um Störeinflüsse auf die Wandler-Elektronik auszuschließen. Auch wenn das, so Linnenberg, unnötig sei, da es sich beim Display – wie auch bei den LEDs für PCM/Power/DSD – um Gleichstrom-Ausführungen handele, die keine Störungen verursachen würden. Auf der Rückseite des Telemann sitzt ein harter Netzschalter, auf der Front der Taster, mit dem man den Telemann aus dem Standby zum Leben erweckt.

Was fehlt? Dass man den Linnenberg Telemann auch per Fernbedienung aus dem Standby erwecken kann. Dass man die Lautstärke auf der Front regeln kann – wünsche ich mir zumindest, weil ich mir vorstellen kann, den Telemann als Desktop-DAC auf dem Schreibtisch zu benutzen. Dass der Taster auf der Front einen definierteren Druckpunkt hat. Dass die „inneren“ Kanten an Boden- und Deckelplatte der Fernbedienung abgerundet sind. Letzteres ist nicht lebensnotwendig, es besteht keine Verletzungsgefahr, aber dann hätte die Fernbedienung endgültig das Zeug zum Handschmeichler. Wie zu vernehmen war, hat der Hersteller hier aber bereits nachgebessert. Und wenn ich noch einen völlig exotischen Wunsch äußern dürfte: Ein I2S-Eingang in Form des sich hier zum Standard etablierenden HDMI-Anschlusses wäre wegweisend. Anstelle immer irrsinnigere Datenraten über die mechanisch wackelige wie protokolltechnisch aufgebohrte USB-Verbindung zu jagen, bestünde hier die Chance, das Thema Computer-Audio wirklich mal ein Stück weiter zu bringen. Aber das schreibe ich an dieser Stelle nur, weil ich es immer schon mal irgendwo anbringen wollte.

Klangbeschreibung & Vergleiche: Linnenberg Telemann

Auf dem Desktop

Linnenberg Telemann DAC/Vorstufe auf dem Schreibtisch

Weil er von der Größe her so schön passt, nimmt der Linnenberg Telemann zum Einspielen zunächst den Platz des Antelope Zodiac+ auf meinem Schreibtisch ein. Symmetrisch an zwei bei mir als Desktop-Lautsprecher agierende Genelec 8020B angeschlossen, passiert gleich Erstaunliches. Die Tischplatte entwickelt bei höheren Abhörlautstärken ein Eigenleben, wie ich es mit dem Zodiac+ als Zuspieler nicht erlebt habe. Ich habe beinahe den Eindruck, dass der Linnenberg DAC den Lautsprechern am unteren Ende ihres Übertragungsbereiches Frequenzen entlockt, die der Antelope ignoriert. Bei genauerem Hinhören bestätigt sich das. Darüber hinaus bringt der Linnenberg Telemann auch in anderen Bereichen akustische Informationen ans Licht, die mir der Zodiac+ vorenthält. Dass der Antelope etwas grobkörnig agiert und dafür schön dynamisch klingt, ist mir hinreichend bekannt. Dafür mag ich ihn. Aber dass der Linnenberg Telemann an meinen „Computer-Lautsprechern“ so vernehmlich breitbandiger und vor allem so offenhörbar detailreicher klingt, das ist schon außergewöhnlich.

Im Hörraum

Linnenberg Telemann DAC/Vorstufe im Rack

An meiner „großen“ Anlage trifft der Linnenberg Telemann auf den North Star Design Supremo. Trotz der äußeren Unterschiede haben die Geräte einige Gemeinsamkeiten. So setzen beide beim Wandler-Chip auf Spitzenmodelle aus dem Hause ESS – der Supremo nutzt den ES9018 der Reference-Serie –, die Stromversorgung erfolgt bei beiden Geräten über ein Linear-Netzteil. Ausstattungsmäßig ist der wesentliche Unterschied, dass der Telemann die erwähnte Lautstärkeregelung besitzt und der Supremo so etwas nicht bietet. Optisch macht der Italiener meiner Meinung etwas mehr her. Ok, Bella Figura ist eben so ein italienisches Ding. Doch der Telemann ist keinesfalls hässlich, sondern im Vergleich einfach weniger schick, finde ich. Standardmäßig gibt es den Linnenberg übrigens nur in Silber, die schwarze Version gegen Aufpreis. Mir gefällt das Schwarz sehr gut.

James BlakeGenug geguckt, jetzt geht es ans Hören. Und ja, auch an meiner großen Anlage macht der Linnenberg Telemann klar, dass er gewillt ist, in Sachen Basswiederhabe Maßstäbe zu setzen. Auch hier klingt er auffallend souverän und machtvoll. Dabei bleibt er tonal völlig ausgewogen, denn es ist nicht die Quanität, mit der der Telemann beeindruckt, sondern die Qualität. Er bietet einen Bass, der in Sachen Tiefgang, Kontrolle und Präzision Maßstäbe setzt. Die Nagelprobe, „Limit to Your Love“ von James Blake auf dem Album James Blake (auf Amazon anhören), meistert der Telemann mit Bravour. Die extrem tiefen synthetischen Töne scheinen den ganzen Raum einzunehmen und die Wände vibrieren zu lassen. Und dabei reizt er ganz bestimmt auch die letzten Reserven meiner Valeur Audio Micropoint SE4 in Sachen unterer Grenzfrequenz aus.

Amy WinehouseIm Bass ganz gut zur Sache geht (oder leider ging) es auch bei Amy Winehouse. Ich persönlich halte Back to Black immer noch für ihr bestes Album (auf Amazon anhören). „Rehab“ schiebt gleich mächtig los. Wow, wo zaubert der Linnenberg diese Energie her? Und wie kriegt er diese Kontrolle hin? Beim Test einer Endstufe könnte ich solche Phänomene ja verstehen, aber wir reden hier über eine Quelle! Der Bassbereich des Telemann ist auf jeden Fall einfach klasse.

Wo schon Amy Winehouse läuft, richte ich mein Ohrenmerk auf die Stimmwiedergabe. Wieder stelle ich fest, dass diese Stimme alles, nur nicht leicht zu fassen ist. Oft klingt sie auf weniger guten Anlagen besser als auf guten; nur richtig gute Wiedergabeketten schaffen es, die Komplexität, die Brüche herauszuarbeiten. Und kein Zweifel, der Telemann hat das Zeug, das Herz oder besser der Kopf einer ziemlich guten Kette (in diesem Fall der in meinem Hörraum) zu sein. Er schlüsselt die Stimme auf, arbeitet jedes Detail der Artikulation und der Betonung heraus. Nicht nur den Gesang von Frau Winehouse, sondern auch das ganze Setting, ihre Mitspieler, die kompakte Wall of Sound, die einem auf Back to Black so beeindruckend entgegen flutet, differenziert der neue Linnenberg-DAC sauber, separiert die Instrumente – sowohl hinsichtlich ihrer Klangcharakteristika (Klangfarben, Transienten…) als auch räumlich – bietet Details, Auflösung Luft – das hat eine ganz eigene Qualität.

Leonard CohenZum Quercheck mal eine Männerstimme: Leonhard Cohen, I’m Your Man (auf Amazon anhören).Hier zeigt der Telemann, dass er seine beeindruckende Performance im Bass bis in den Grundton beinbehält. Selten habe ich den sonoren Sprechgesang Cohens so intensiv tief (ein Hoch auf den Nahbesprechungseffekt) und doch klar verständlich, nicht knödelnd, sauber gehört. Auch hier dröselt der Linnenberg Telemann einfach alles auf. Er separiert die Streicher, umreißt jede Stimme des Background-Chors. Ja, das ist alles richtig, präzise, exakt bis ins Letzte … Falls das jemandem zu viel sein sollte – es gibt da Möglichkeiten.

Die eine ist, sich einmal mit den klanglichen Wirkungen der verschiedenen Digitalfilter, die der Linnenberg Telemann bietet, zu beschäftigen. Also die Mute-Taste auf der Fernbedienung gedrückt und mittels „Select“ durch die Filter gezappt. Die Veränderungen sind fein, aber nachvollziehbar. Mit „DF5“ (Digital Filter 5) wirkt Frau Winehouse etwas geschlossener – mir gefällt es besser als mit der Standard-Einstellung. Die Stimme von Herrn Cohen hat mir auch in Default-Modus gefallen, auf mich wirkt es allerdings so, als ob das Ganze mit DF5 etwas organischer klingt. Zwar löst er mit DF5 immer noch sehr hoch auf, allerdings wirkt er insgesamt einen Hauch relaxter – ich möchte es so formulieren: An den Rändern klingt jeder einzelne Ton etwas weicher, als in der Standard-Einstellung DF1. Scheint was mit den Einschwingvorgängen zu tun zu haben. Mit DF5 klingt‘s für mich jedenfalls irgendwie sinnlicher, intensiver, kohärenter. Doch das sind wirklich Feinheiten, die Sie sich bei Interesse selber erhören sollten.

Linnenberg Telemann DAC/Vorstufe Fernbedienung

Die Metall-Fernbedienung mutet ebenso schlicht wie wertig an

Die andere Möglichkeit ist, zu anderer Musik zu wechseln. Girls in Airports (auf Amazon anhören) höre ich in letzter Zeit öfter. Die dänische Band hat sich einem experimentellen, dabei recht melodischen Jazz verschrieben. Und hier ist der Linnenberg Telemann ganz offenhörbar in seinem Element. Er folgt den klanglichen Ziselierungen bis in die feinsten Verästlungen, findet Strukturen, wo andere längst aufgegeben haben (Antelope Zodiac+) oder so langsam aufhören (Northstar Supremo). Bei dieser Musik ist jedes Mehr an Auflösung ein Gewinn. Auf den ersten Eindruck hörten sich einige Kompositionen der dänischen Jungs (ein „Girl“ gibt es, obwohl der Name der Combo anderes vermuten lässt, nicht) eher langweilig an. Doch bei genauerem Hinhören hat es die Sache in sich. Mit dem Telemann versinke ich in einer der intensivsten Hörsessions, die ich mit dieser Musik je hatte. Tonfolgen, die vorher monoton klangen, zeigen auf einmal Spannung, weil sich mit jeder Wiederholung die Resonanzen, die Energien, die die Instrumente aufbauen, verstärken. Feinste Reibungen treten hervor, entwickeln ein Eigenleben, machen eigene Spannungsbögen auf. Das Ganze ist pure Klang-Magie und der Telemann macht den Zaubermeister.

Ich bleibe bei anspruchsvollem Jazz. Auf die faszinierenden Klangwelten, die Moritz von Oswald & Nils Petter Molvær auf dem Album 1/1 (auf Amazon anhören) aufmachen, kann ich mich leider selten einlassen. Wenn es klappt, ist das Album eine Offenbarung. Moritz von Oswald breitet komplexe synthetische Klangebenen mit einer sich stetig verändernden Topografie aus, die die Trompete Molværs oft förmlich orthogonal zu durchbrechen scheint, um sich an anderen Stellen wie eine Parallel-Ebene darüber zu legen. Schwer zu beschreiben, faszinierend zu hören. Ich muss an Stanis?aw Lems Solaris denken. Wenn jemand die Beschreibungen von den Vorgängen auf der Oberfläche des Ozeans von Solaris vertonen würde, könnte sich das gut so anhören. Aber es geht hier ja nicht um das, was ich beim Hören assoziiere, sondern um das, was der Linnenberg Telemann mir präsentiert. Und das ist auch hier ein undglaublich komplexes, weit aufgeschlüsseltes Klanggeschehen.

ESTNoch ein Ohr nach oben gerichtet: Hier gibt es einen Hochton, den ich beinahe wie den Bass beschreiben möchte: er gibt  auf den Punkt wieder, was die Aufnahme vor gibt. Der Linnenberg Telemann bietet einen linear bis ganz nach oben reichenden Hochton und löst auch dort präzise und fein auf – auf künstliche Zurückhaltung verzichtet er. Da der Telemann offenhörbar mit guten Jazz-Aufnahmen zurechtkommt, greife ich auf E.S.T., Live in Hamburg (auf Amazon anhören) zurück. Und es ist einfach irre, wie er die hohen Klaviertöne am Beginn von „Tuesday Wonderland“ in allen Facetten ausarbeitet – das Obertonspektrum jeden Tons kommt extrem differenziert, reichhaltig, authentisch.

Was mich noch sofort gefangen nimmt, ist, wie ungemein realistisch der Telemann die Räumlichkeit der Live-Aufnahme in meinem Hörraum entstehen lässt. Publikumsgeräusche sind dezent und lassen einen die Spannung spüren, die sich zwischen Musikern und Publikum aufbaut. Selbst bei experimentelleren Passagen, mit denen Svensson und seine Mitspieler ihren Zuhörern durchaus auch mal etwas zumuten. Ja, bei dieser Live-Aufnahme positioniert der Telemann nicht nur die musikalischen Akteure exakt und stabil in realistischer Größe, er vermittelt auch die Spannung, die im Publikum herrscht. Kaum jemand scheint sich zu bewegen. Denn der Linnenberg Telemann lässt einen klar wissen, wenn sich wo jemand auf dem Stuhl bewegt, hustet, schnäuzt. Dadurch  bekommt man auch mit, wie wenig Zuhörer das letztendlich tun und wie sehr sie versuchen, jedes Geräusch zu vermeiden.

Linnenberg Telemann DAC/Vorstufe in Schwarz

Test: Linnenberg Telemann | D/A-Wandler

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