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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Klein, fein - mein?
  2. 2 Klangtest und Vergleiche: Lindemann Limetree Phono II Phonoverstärker

Wenn es bei Hifi-Elektronik um das Thema „klein, aber fein“ geht, kommt man beim Stöbern um die Limetree-Serie aus dem Hause Lindemann eigentlich gar nicht herum – Norbert Lindemann hat damit einfach eine richtig überzeugende Kollektion geschaffen. Doch weil die Konkurrenz nicht schläft, erfährt die Lindemann Limetree-Phonovorstufe jetzt – nach knapp zweieinhalb Jahren – ein technisches Update, mit dem sie zur Limetree Phono II (595 Euro | https://lindemann-audio.de) wird.

Nun ist schon die Urversion eine bestens beleumundete Phonovorstufe für MM und MC. Mit einem unverbindlichen Verkaufspreis von 595 Euro tummelt sie sich in volksnahen Regionen und liefert sehr gute klangliche Resultate. Kein Wunder, denn der Diplom-Ingenieur Norbert Lindemann ist erstens seit fast 30 Jahren in Sachen Audioentwicklung ganz vorne mit dabei, und zweitens für seine durchdachten Konstruktionen mit hochwertigen Bauteilen in bester „Made in Germany“-Tradition bekannt. Nicht umsonst lautet eines seiner Mottos: „Bauteile, Bauteile, Bauteile!“

Lindemann Limetree Phono II Front, seitlich fotografiert

Denn deren Qualität, so Norbert Lindemann, sei in Kombination mit einem durchdachten Layout enorm wichtig angesichts der schwachen Signale und hohen Verstärkungen. Lindemann verwende im Signalweg ausschließlich hochwertige Metallfilmwiderstände und „absolut verlustarme PPS-Kondensatoren“, und zwar beides aus japanischer Fertigung. Dass alle Bauteile sehr klein ausfallen müssen, ist angesichts der Gehäusemaße des Limetree Phono II kein Wunder. Sie werden zudem ohne Drähte direkt mit der Leiterplatte verlötet (SMD-Technik). Dadurch sei die gesamte Schaltung nicht-magnetisch und sehr verlustarm, so Lindemann. Ganz besonders stolz ist man bei Lindemann auf die Kondensatoren. Diese seien die „schnellsten Film-Kondensatoren, die es im Moment gibt.“ Um eine möglichst exakte RIAA-Kennlinie zu erzielen, die zudem auch in der Serie reproduzierbar sei, setzt Lindemann auf sehr enge Toleranzen von 0,1 % bei den Widerständen und 2 % bei den Kondensatoren. Nett von Lindemann ist übrigens, dass der Verkaufspreis der Limetree Phono II nicht nach oben hin „angepasst“ wurde.

Einfach einfacher

Lindemann Limetree Phono II Phonovorstufe Rückseite

Der Lindemann Limetree Phono II kommt mit je einem MC- und MM-Eingang

Eine der wichtigsten, wenn auch von außen unsichtbaren Neuerungen beim Lindemann Limetree Phono II dürfte sein, dass der MC-Eingang nun unsymmetrisch aufgebaut ist. „Wir verwenden hier den vermutlich besten Verstärkerbaustein des Marktes und erreichen nur -73 dBV Rauschen im MC-Betrieb“, so Norbert Lindemann, und fügt hinzu: „Das macht unseren Phonoverstärker universeller und erlaubt nun auch den Anschluss älterer Plattenspieler mit Erdung über das RCA-Kabel. Ein Umbau dieser Modelle ist nun nicht mehr nötig. Besonders die Geräte von Rega und Pro-Ject können nun „Plug and Play“ betrieben werden.“

Offensichtlicher und ganz im Sinne des Bedienungskomforts ist, dass die Einstellung der Eingangsimpedanz nun an der Rückseite des Limetree vorgenommen werden kann, statt wie bisher auf der Unterseite. Hier lassen sich kanalgetrennt über je ein Mäuseklavier sechs praxisnahe Werte zwischen 50 und 400 Ohm einstellen.

Lindemann Limetree Phono II: Mäuseklavier zur Impedanzeinstellung

Rückseitig sind beim Limetree Phono II Eingangsimpedanzen zwischen 50 und 400 Ohm einstellbar

Sollen MM-Signale den Weg in die Lindemann Limetree Phono II finden, so findet sich ein weiteres Cinch-Eingangspaar auf der Rückseite. Der Grund dafür leuchtet ein: Die elektrischen Parameter von MM- und MC-Signalen sind sehr unterschiedlich. Impedanzen und Pegel liegen weit auseinander. Für die MM-Sektion hat Lindemann eingangsseitig einen JFET-OP-Amp gewählt, der laut Norbert Lindemann nicht zuletzt bei niedrigen Frequenzen sehr rauscharm sein soll. Auch sei es wichtig, keinen Strom über das Tonabnehmersystem zu leiten. „Bei den meisten Phonoteilen wird hier einfach ein bipolarer OP-Amp eingesetzt, der meist einen hohen Eingangsruhestrom hat. Das ist schlecht, weil dieser Strom im Laufe der Zeit das System magnetisiert. J-FETs haben keinen Eingangsstrom (vgl. Transistor: Biopolar und Feldeffekt im fairaudio-Lexikon) und verhalten sich deshalb bei MM optimal“, sagt der Entwickler.

Im MC-Eingang kommt dann ein bipolarer OP-Amp aus derselben Serie zum Einsatz – dort macht dessen höherer Eingangsruhestrom allerdings auch nichts aus. Und natürlich sei dieses Bauteil sowieso das derzeit rauschärmste der Serie. Am Herzen liegt Norbert Lindemann, dass „nur ein einziger Transistor im Eingang verwendet wird und eben nicht Dutzende von parallel geschalteten Transistoren“. Dies helfe, auch hier die Kapazitäten und den Eingangsruhestrom gering zu halten. Beim Entwurf auf konsequente und kurze Signalwege zu achten, gehört zu Lindemanns Philosophie: „Großflächige Layouts bei so kleinen Signalen sind mir ein Graus, weil sie meist zu hohen Verlusten bei der Auflösung führen.“

Entkoppelt

Lindemann Limetree Phono II von vorne, schräg

Die Lindemann Limetree Phono II hat keine frequenzabhängige Gegenkopplung. Stattdessen gibt es zwei linear verstärkende Schaltungsstufen, zwischen denen ein passives Filter eingebunden ist. Diese Konstruktion hat den Hintergrund, dass übliche frequenzabhängige Gegenkopplung bei Phonoverstärkern zu einem nichtlinearen Verhalten der Anstiegszeiten und vor allem zu einer verringerten Gegenkopplung im Bass führten, was wiederum dort die Verzerrungen erhöhe und die Kontrolle verschlechtere. Linear verstärkende Schaltungsstufen hingegen verhielten sich über den gesamten verstärkten Frequenzbereich neutral und verursachten somit weniger beziehungsweise im Idealfall gar keine Verfärbungen, so Lindemann. Und wie so oft sind es althergebrachte Weisheiten, die – auf die modernen Bedingungen angepasst – helfen: „Das Konzept zu dieser Schaltung kommt übrigens aus den 1960er Jahren. Damals gab es nur Röhren, die man nicht so stark gegenkoppeln konnte. Deshalb musste man das passive Filter verwenden“, resümiert Norbert Lindemann. Auf einen Subsonic-Filter, also das Ausblenden von allertiefsten Frequenzen zum Schutz vor Trittschall und Rumpeln, verzichtet Lindemann. Die Schaltung „macht von sich aus -3 dB bei etwa 8 Hertz“, so Norbert Lindemann.

Medizinische Vollversorgung

Lindemann Limetree Phono II neben dem Netzteil

Das Netzteil des Lindemann Limetree Phono II stammt aus der Medizintechnik

In der Stromversorgung verwendet Lindemann Spannungsregler mit weniger als 10µV Rauschen und an allen Verstärker-Bausteinen sitzen Polymer-Kondensatoren (Oscons) als Bypass. Die Bausteine „sehen“ also eine saubere Gleichspannung ohne Netzstörungen. Lindemann verwendet für die Limetree Phono II ein Steckernetzteil in „Medical Grade“-Qualität, wodurch die Einkopplungen von Netzstörungen vernachlässigbar gering ausfallen sollen und Oberwellen gar nicht erst in Erscheinung träten – auch, weil die Spannung des Schaltnetzteils zusätzlich noch induktiv gefiltert werde. Und damit auch die Umwelt nicht über Gebühr belastet wird, lässt Lindemann die Limetree Phono II nur maximal 800 Milliwatt aus den Stromleitungen nuckeln.

Well done

Die Verarbeitungs- und Materialqualität der Limetree Phono II ist wie beim Vorgänger sehr gut. Klar, dicke, aus dem Vollen gefräste Aluplatten findet man hier nicht, doch das Metallgehäuse ist solide, die Anschlüsse sitzen wackelfrei und alle Schalter erwecken den Eindruck, dass sie sich auch in vielen Jahren noch einwandfrei bedienen lassen werden. Dass im Testexemplar die „Mäuseklaviere“ zur Einstellung des Abschlusswiderstands ein wenig schief im Gehäuseausschnitt stehen, sei verziehen – denn auch hier wackelt nichts.

Klangtest und Vergleiche: Lindemann Limetree Phono II Phonoverstärker

Lindemann Limetree Phono II mit Plattenspieler im Hintergrund

In der Über-500-Euro-Klasse darf man davon ausgehen, dass in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle ein MC-Abtaster seine Signale an die Cincheingänge der Phono-Vorstufe liefert. Die grundsätzlichen Klangbeschreibungen basieren daher auf dem MC-Betrieb mit dem Transrotor Figaro (2.500 Euro), das im Kuzma S12 VTA auf dem Sikora Initial montiert ist. Mit dem recht niederohmigen Figaro (Innenwiderstand 5 Ohm) gefällt mir die Abschlussimpedanz von 100 Ohm – die Transrotor auch empfiehlt – sehr gut. MM-Fans lesen schließlich noch in einem kurzen Addendum, was die Limetree Phono II aus einem Ortofon 2M Red (110 Euro) und einem 2M Bronze (350 Euro) herausholen kann.

Raum und Bühne

Schon mit den ersten Klängen aus der gut eingespielten Lindemann Limetree Phono II fällt zuallererst – auch vor tonalen Charakteristiken – die für eine Phonostufe dieser Klasse überraschend stabile Ruhe und Größe des Klangbilds auf. Selbst nach dem Umstieg von meiner gut zehnfach teureren Linnenberg Bizet (5.999 Euro) kann ich nicht behaupten, dass das Klangbild der Limetree Phono 2 sooo viel kleiner oder auf frappierende Weise weniger in sich konsistent sei. Klar gibt es da einen hörbaren Unterschied, da muss ich die Sensationsgier der Schnäppchenjäger ein wenig dämpfen, und wie so oft fällt der vor allem auf, wenn man dann wieder auf das „bessere“ Gerät zurück switcht. Doch die Limetree Phono 2 kreiert eine überzeugende, in sich gefestigte musikalische Präsenz, erschafft eine Aura der Unverrückbarkeit des Geschehens, das dank einer wunderbar sauberen, verzerrungsarmen Verstärkung erstaunlich frei von verschleiernden Artefakten stattfindet.

Lindemann Limetree Phono II im Hifi-Rack

Wimmelbild: Wer den kleinen Limetree Phono II zuerst findet, kriegt ein Eis

Kleine Besetzungen wie auf Jacob Karlzons wunderbar entspannendem Piano-Jazz-Meisterwerk „Open Waters“ stehen in einem weiten und tiefen Raum mit bestens definierten Maßen unverrückbar auf ihren Plätzen. Auch die Akteure auf Jazz at the Pawnshop lassen sich ganz genau auf ihren Stammplätzen nieder. Die Bühnenmaße und die Größe der Instrumente ändern sich nicht mit der Lautstärke oder Tonhöhe, sondern bleiben stabil. Die Limetree Phono II schafft es auch locker, das phänomenale ATR-Mastercut-Recording auf 180-Gramm-Vinyl von der ursprünglichen Doppel-LP aus dem Jahr 1976 zu differenzieren.

Erstaunlich, wie viel mehr Dynamik, Finesse im Ausdruck und Ruhe der Mastercut bietet. Dabei ist schon das „schnöde“ Original ein Spaßgarant – dass das Bessere des Guten Feind ist, macht die Limetree Phono II unmissverständlicher klar, als ich es zu diesem Preis erwartet hätte. Hat die sehr gute ASR Mini Basis (1.200 Euro) in dieser Sache noch deutlich mehr drauf? Nicht wirklich. Diese im besten Sinne nüchterne Fähigkeit zur objektiven Betrachtung einer Aufnahme liegt sogar erstaunlich nah an dem, was eine Neukomm MCA112S (2.600 Euro) bietet. Die spielt noch einen Hauch tiefer in den Raum hinter den Lautsprechern und grenzt die Instrumente der swingenden Schweden noch kantenschärfer von der sie umgebenden Luft ab – doch so erwachsen, wie die Limetree Phono 2 hier aufspielt, bin ich doch einigermaßen erstaunt.

Hochton

Felix Laband - Dark Days Exit_Auch der Hochton bietet im qualitativen Sinn mehr, als das Preisschild der Lindemann Limetree Phono II es erwarten lässt. Tendenziell im besten Sinne analytisch, lässt sie keinerlei Zweifel über die Details selbst kleinster Informationseinheiten der meisterhaften Synthiespielereien in Felix Labands „Dirty Nightgown“ vom Album Dark Days Exit (auf Amazon anhören) und präsentiert sie feingranular, ohne auch nur einen Anflug von kristalliner Härte. Dass sie dazu keine tonale Betonung der oberen Frequenzen benötigt, versteht sich von selbst. Okay, diese Charakteristik besitzt eine (wie gehabt doppelt so teure) ASR Mini Basis auch, agiert vielleicht sogar noch einen ganz kleinen Hauch seidiger, geschmeidiger – aber sie muss passen, wenn sich die Lindemann Limetree Phono II in den Superhochton aufschwingt und dort mit einer geradezu irren Luftigkeit und Freiheit den oberen Rahmen der Bühne zu sprengen scheint. Diese luftige Detailverliebtheit der Limetree Phono II nehme ich sogar wahr, wenn ich dem schwedischen Swing-Jazz auf Jazz at the Pawnshop vom Wohnungsflur aus lausche: Fast meine ich, einer Live-Präsentation des Stücks aus dem Nebenraum zuzuhören – kann das nur an der freien, luftigen Hochtonauflösung liegen?

Attacke!

Lindemann Limetree Phono II mit LEDs im Betriebszustand

Kurze Antwort: Nein. Womit wir beim Thema „Transienten & Co.“ wären. Für den gerade erwähnten Live-Eindruck noch wichtiger als „Luft“ ist nämlich die wirbelwindartige Impuls- und Transientenschnelligkeit der Limetree Phono II. Ob sich hier die neuen, besonders flott entladenden Kondensatoren bemerkbar machen? Das wäre nicht gerade weit hergeholt. Jedenfalls hat die Lindemann Limetree Phono II keine Mühe damit, die Anschläge der Drumsticks auf den Fellen der Toms, die Attacke des Pianos gerade in den oberen Lagen oder das aggressive Anblasen des Saxophons in einer für diese Klasse herausragenden Qualität durch die Leiterbahnen zu schießen.

Dass eine Linnenberg Bizet das bei Bedarf noch unbarmherziger stählern-hart tut, tut dem Spaß an der Musik keinen Abbruch: Klar, elegant perlend und präzise ausdifferenziert jagen die Finger von Byron Janis über die Tasten des Konzertflügels, wenn er Rachmaninoffs „Piano Concerto No.3“ mit dem London Symphony Orchestra unter Antal Dorati (Mercury Living Presence SR90283 – ein Meisterwerk!) zum Besten gibt. Mit dieser ansatzlosen, faszinierenden Schwerelosigkeit der Transienten einher geht eine exzeptionelle Feindynamik, deren Niveau nur ganz knapp unterhalb dessen angesiedelt liegt, was die Neukomm MCA-112S zu leisten vermag. Da schleicht sich der Verdacht ein, dass kurze Signalwege in der Tat etwas mit mehr Speed und Feinheiten zu tun haben könnten …

Yello - Toy Wenn es allerdings um explosivste Grobdynamik in Form härtestes Impulsschläge im Bassbereich geht, so übertrumpft die ASR Mini Basis die zierliche Limetree Phono II mit schierer Wucht, und die Neukomm MCA112S und vor allem die Linnenberg Bizet stürmen dann noch vehementer, entschlossener über die Ziellinie: Impulse im Bass knallen hier einfach deutlich härter. Dennoch ist das, was die kleine Kiste vom Wörthsee in der Abteilung „Haudrauf“ liefert, aller Ehren wert. Zumal sie wie gehabt extrem präzise und auf den Punkt getimt die schnell aufeinanderfolgenden Bassimpulse in Yellos „Dialectical Kid“ vom Album Toy (auf Amazon anhören) definiert. Ab dem Mittelton aufwärts legt die Limetree Phono 2 dann grobdynamisch noch einmal zu, denn hier vermag sie, Violinen und Blasinstrumente rasend schnell von ganz leise nach ganz laut zu katapultieren, ohne dass der Eindruck entstünde, ihr ginge die Puste aus – sie ist diesbezüglich eher Reihensechszylinder-Sauger als Turbodiesel.

Bass und Kontrolle

Lindemann Limetree Phono II Phonovorverstärker neben Schallplatte

Passend zum oberen Frequenzbereich gibt sich die Limetree Phono II im Bass weitestgehend ausbalanciert und dabei „anständig“ druckvoll. Und sie spielt bis in die untersten Lagen mit kaum nachlassendem Schub, konsistenter Solidität und guter, wenn auch nicht Maßstäbe setzender Definition und Kontrolle. Letzteres gilt auch für Oberbass und Grundton, die dem Klangfundament der Limetree Phono II einen Anflug von Gnädigkeit, um nicht zu sagen, Softness und Wärme, mitgeben, ohne dass dieser Bereich tonal betont rüberkommt. Das steht der über alles gesehen präzise, kontrolliert und neutral spielenden Phono II ganz gut und verhindert zudem auf charmante Art, dass auch nur der kleinste Eindruck von übermäßiger Strenge entsteht.

Stimmig

Lindemann Limetree Phono II auf Holzregal

Dass in der Mitte die Musik spielt, ist eine Binsenweisheit. Und weil dieser Bereich im Fokus unseres Hörvermögens und daher auch unserer Aufmerksamkeit steht, beurteilen wir ihn gleichermaßen unbewusst wie kritisch: Wenn hier etwas nicht hundertprozentig passt, stört es. Charakterlosigkeit gilt hier als Tugend, sozusagen. Und die Limetree Phono II liefert in der Mitte lobenswert wenig Charakter – was mir auch nur wenige Ansatzpunkte zur Beschreibung und so gut wie gar keine zur Kritik lässt. Offenheit? Ja, Esther Ofarim singt „Suzanne“ von ihrem 1972er Album Esther dynamisch frei und artikulatorisch bestens nachvollziehbar, mit angemessen scharfen Sibilanten und akkuraten Plosiven, während die begleitenden Streicher schön straff und dennoch sonor genug klingen – auch wenn die ASR Mini Basis noch etwas strahlendere, sattere Klangfarben malt. Was gäbe es zu beanstanden? Hm, wenn man es wirklich darauf anlegen möchte, dann könnte man anmerken, dass die Limetree Phono II die Stimme von Otis Taylor minimal größer und nicht ganz so kantenscharf abbildet, wie ich es von der Neukomm gewöhnt bin – ohne, dass ich diesen Umstand auf einen Überschuss an tonaler Fülle zurückführen könnte. Vielmehr ist dies ein subtiler Hinweis darauf, dass selbst bei den ausgeprägten Talenten der Limetree Phono II für (teilweise viel) mehr Geld gewisse Einzelbereiche wie die Umrissschärfe eben doch noch einen Tick besser gelingen können.

Magnetic, energetic and beautiful

Lindemann Limetree Phono II auf Lautsprecher

Yello-Fans werden es erkannt haben: Die obenstehende Textzeile stammt aus dem Track „Magnetic“ vom Killer-Album Pocket Universe, das sicherlich als die technolastigste und am weitesten aus der Reihe tanzende Scheibe der Schweizer zählen dürfte. Und die Lindemann Limetree Phono II macht umwerfenden Spaß mit dem eher bauchgefühllastigen als intellektuell abgestimmten MM-Tonabnehmer Ortofon 2M Red, extrahiert ausdrucksvollere Klangfarben und eine wuchtigere Grobdynamik bei großorchestralen Werken als die Pro-Ject Phono Box RS2 (350 Euro).

rachmaninoff „piano concerto no. 3“Im MM-Betrieb fährt die Limetree Phono II eine im Vergleich zu ihren restlichen Fähigkeiten etwas prominentere, wuchtigere Grobdynamik als mit MCs auf. Sie schafft es auch, das satt wogende Orchester auf der 35-mm-Magnetfilm-Aufnahme von Rachmaninoffs „Piano Concerto No. 3“ (auf Amazon anhören) im Rahmen dessen, was das 2M Red zu liefern vermag, als in sich harmonisch-homogenen Klangkörper intakt zu halten. Der Fokus bei der MM-Wiedergabe mit diesem recht günstigen Tonabnehmer verschiebt sich insgesamt ein wenig in Richtung Verve, Kohärenz und einer angenehmen Klangfülle.

Dass dabei weniger die einzelnen Instrumentalisten als vielmehr die Orchestergruppen als organische Einheit spielen, ist weniger der Phono II zuzuschreiben, wie der Wechsel auf das deutlich höher auflösende Ortofon 2M Bronze zeigt: Die Limetree Phono II lässt gut nachvollziehen, welchen highfidelen Qualitätssprung der Tonabnehmerwechsel mit sich bringt: Streicher gewinnen an Brillanz im oberen Mittelton und Hochton, tiefe Streicher erklingen konturierter, mit trockenerer Charakteristik, Impulse zeigen klarere (härtere) Kante, die Chor- und Solisten-Stimmen auf Cantate Domino erklingen freier und räumlich besser gestaffelt – und der Einsatz der Schlagzeugbecken in „Montagues and Capulets“ (Prokofiev – Romeo and Juliet) lässt erahnen, dass Luftigkeit auch im MM-Modus eine der größten Stärken der Phono II bleibt. Die Lindemann Limetree Phono 2 transportiert aber auch, dass der ganz subjektive Spaßfaktor mit der objektiv klanglich überlegenen Bronze-Variante des 2M ein wenig leidet.

Lindemann Limetree Phono II - Ohren auf!

Am Ende gilt wie immer: Stets dem eigenen Ohr vertrauen …

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Kii Audio

Test: Lindemann Limetree Phono II | Phono-Vorstufe

  1. 1 Klein, fein - mein?
  2. 2 Klangtest und Vergleiche: Lindemann Limetree Phono II Phonoverstärker