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JaWil Ragnarök 2: Klangeindruck

Inhaltsverzeichnis

  1. 2 JaWil Ragnarök 2: Klangeindruck

Statt mit dem Tonalen zu beginnen und Bass, Mitten, Hochton durchzudeklinieren, möchte ich erst einmal darauf zu sprechen kommen, was mir die JaWil Ragnarök 2 rundweg sympathisch macht – und dazu gehört definitiv die Art, wie sie die Bühne ins Zimmer stellt.

JaWil Audio Ragnarök 2

Statt nämlich, wie viele Boxen es tun, die virtuelle Bühne bei der Grundlinie der Lautsprecher beginnen zu lassen und von dort ausgehend ein mehr oder weniger tiefes Halbrund nach hinten zu zeichnen, macht es die JaWil Ragnarök 2 eher umgekehrt: Die Boxen-Grundlinie nimmt die Rolle des hinteren Bühnenbereichs ein und davor entspannt sich das musikalische Geschehen; besagtes Halbrund wird also quasi nach vorne geklappt. Wobei die Vorne/Hinten-Relationen schon gewahrt bleiben, das wäre ja auch blöd, wenn auf einmal das Schlagzeug vor der Sängerin/dem Sänger stünde. Nein, das passiert natürlich nicht. Allerdings muss man sowieso sagen, dass das kein Lautsprecher für Leute ist, die ein geradezu fetischistisches Verhältnis zur Tiefenstaffelung pflegen. Da ist schon eine gewisse Raumtiefe vorhanden, klar, aber es scheint nicht das Kernthema der Ragnarök 2 zu sein.

PivotThema ist vielmehr: Musik flute den Raum! Es ist gerade nicht das „Fenster zur Musik“ – durch welches man hindurchhören darf und „dahinter“ passiert dann alles –, das die Ragnarök 2 auszeichnet. Nein, der JaWil-Lautsprecher beherrscht vielmehr den lässig-raumgreifenden Gestus, zeichnet den Bühnenraum gerne auch links und recht über die Boxenkanten hinaus, marschiert ein Stückchen auf den Hörer zu, will Spaß haben. Und gerade das macht es eben auch! Wenn dabei Ihre Lieblingssängerin etwas größer vor Ihnen steht als sonst … so what? Das ist doch nur logisch, schließlich ist sie ja einen Schritt auf Sie zugekommen. Involvierend, ja, je nach Musik mitreißend ist diese Perspektivverschiebung hin zum Hörer, dieser leichte Zoomeffekt, der hier im Spiel ist. Natürlich profitieren davon nicht nur Singer/Songwriter-Sachen, sondern auch dicht instrumentierte, psychedelisch-noisige, soundscapeartige Musik Aidan Backer gewinnt ungemein. Sei das nun was von Nicolas Jaar, Pivot/PVT oder beispielsweise die für einen Dronemusiker wie Aidan Backer ruhige, sphärische Platte Already Drowning (auf Amazon): Da fiept in den oberen Lagen so einiges durch den virtuellen Raum, und das kommt durch die freie, offene, weitläufige Gangart der Ragnarök noch gleich viel besser zur Geltung.

Nachteile dieses Charakterzugs? Hmm … nun, wenn Sie es partout nicht mögen, dass die Musik auf Sie zugeht und es als aufdringlich/frontal empfinden, dann ist das wohl nix für Sie. Allerdings muss gesagt werden, dass „frontal“ wirklich der falsche Begriff ist. Es empfiehlt sich nämlich sowieso, etwas Abstand zur Ragnarök einzunehmen: Man sitzt je Kanal zwei 15-Zoll-Schallquellen gegenüber, die nun auch nicht gerade koaxial angeordnet wurden – die maximale vertikale Ausdehnung beträgt 80 cm, Punktschallquelle buchstabiert man anders. Da ist es ganz gut, ein wenig auf Distanz zu gehen, damit sich die Einzeltreiber klanglich integrieren; dieser Meinung ist man auch bei JaWil Audio. Ich selbst saß circa 3,5 m von ihnen entfernt und empfand das Klangbild als sehr schlüssig. Doch gerade weil der Hörabstand nicht allzu gering ausfallen sollte, kommt der Schritt nach vorne, den die Ragnarök 2 unternimmt, nicht frontal rüber – sondern gerade richtig, wenn Sie mich fragen.

JaWil Audio Ragnarök 2

Eine weitere Nebenwirkung der Chassisart und -anordnung, so vermute ich zumindest aufgrund meiner Erfahrungen mit ähnlichen Konzepten: Lokalisationsschärfe und Plastizität der Abbildung sind eher guter Durchschnitt. Einzelne Klänge werden schon klar verortet, jedoch nicht mit sehr scharfen, sondern weicheren, irgendwie „durchscheinenden“ Rändern versehen – und wirklich super-griffig, „wie zum Anfassen“ wirken Stimmen und Instrumente halt nicht. Das hat weniger etwas mit der Preisklasse zu tun als vielmehr mit dem Konzept. Sie können, was das angeht, mit einer halb so teuren Kompakten mehr erreichen (und müssen dafür auf vieles verzichten, was die JaWil beherrscht) – oder Sie investieren gleich dreimal so viel, zum Beispiel in meine „Ex“, die Dynamikks Monitor 8.12, und werden das Klangbild ebenfalls nicht körperlicher, randschärfer gezeichnet bekommen (dafür noch dynamischer und aufgelöster). Lautsprecher mit einer großen Treiberfläche besitzen viele Vorteile, aber eine richtiggehende Holografienummer wird’s mit ihnen meistes nicht.

Vorn am Horn sieht man keine Schraube...Vorne am Horn sieht man keine Schrauben, …

..., denn durch die geschickte Montage mit einer Aluminiumscheibe von hinten erübrigt sich das
… denn durch die geschickte Montage mit einer Aluminium-Scheibe von hinten erübrigt sich dergleichen

Einer der Vorteile großer Membranflächen ist dagegen, dass der Wirkanteil des Strahlungswiderstandes der Membran steigt, also letztlich mehr von der elektrischen Energie, die in den Lautsprecher fließt, in Schall umgesetzt wird. Das lässt den Wirkungsgrad steigen, was sich in der Praxis wiederum meist beim Dynamikverhalten positiv niederschlägt. Bei der JaWil Ragnarök 2 liegt der Kennschalldruck bei circa 90 dB/W/m, was dieses Horn/Dipol-Konzept nun auch nicht gleich zur Hochwirkungsgrad-Box macht, aber überdurchschnittlich sensitiv schon. Gleichwohl sollte man nun auch nicht unbedingt mit Kleinstleistungsverstärkern hantieren, spaßeshalber habe ich einen „Class T“-Amp mit der Ragnarök 2 verbunden – aber mit dessen 8 Watt macht das Ganze keine rechte Freude, zu undifferenziert im Bass und dynamisch komprimiert klingt es. Aus dem Bauch heraus würde ich sagen: So ab 20-30 Watt geht die Rechnung auf, darunter limitiert man die Fähigkeiten der JaWil eher. Aber wie dem auch sei: Neben der involvierenden, weitläufig-offenen Art der Raumdarstellung dürfen gerade auch Rhythmusgefühl, Timing und Dynamik als weitere Meriten dieses Lautsprechers gelten.

Auch feindynamisch bietet sie viel, sei’s das akkurate Herausarbeiten von Klavieranschlägen oder Gitarrenzupfern, sei’s das „an den Lippen hängen“ bei einer gut eingefangenen Stimme – so was gelingt der JaWil mit Leichtigkeit. Ja, es gibt in dieser Preisklasse einige Lautsprecher, die das ebenfalls hinbekommen – aber das schmälert die Performance der Ragnarök 2 keinesfalls, lässt sie vergleichsweise allerdings auch nicht herausstechen. Ganz anders ist die Situation freilich in Sachen Grobdynamik – vor allem dann, wenn der Durchschnittspegel sowieso schon ziemlich hoch ist und man trotzdem keine Abstriche machen möchte. Hier brilliert die JaWil geradezu, sie ist nicht nur pegelfest bis der Arzt kommt, sie komprimiert eben auch nicht. Ich müsste mich schon sehr irren, wenn die doppelt so teure Hornmanufaktur Marimba Shostakovichs erster Symphonie, Mariinsky Orchester unter Valery Gergievin mikrodynamischer Hinsicht vielleicht nicht doch noch etwas „näher dran“ war und spritziger aufspielte – aber wenn es beispielsweise um plötzliche Lautstärkesprünge großorchestraler Werke geht (zum Beispiel in Shostakovichs erster Symphonie, Mariinsky Orchester unter Valery Gergiev, auf Amazon anhören), oder um die schweißtreibende Arbeit am E-Bass, die näherungsweise in Konzertlautstärke rübergebracht werden soll (für diese Zwecke immer wieder gern: Ben Harper, „Fight for your mind“, auf Amazon), dann sehen die beiden filterlos verbauten Achtzöller im Backloaded-Horn der österreichischen Manufaktur in Relation zum Westerwälder Schallwandler einfach nur noch die Rücklichter. Logisch, wo zwei Hörner und 15er-Pappen aus dem Pro-Regal verbaut werden, die gern auch mal in Bass-Amps ihren Dienst versehen, hat man das wohl einfach in den Genen. Bis die JaWil dynamisch limitieren, steht schon lange die Polizei vor der Tür. Diese grobdynamische Lässigkeit auch bei hohen und höchsten Pegeln ist hervorragend fürs Geld; Spielwitz und Rhythmusgefühl gehören zu den zentralen Tugenden der JaWil.

JaWil im Hörraum

Wo wir das Thema Bass gerade schon angeschnitten haben – zunächst einmal war der einfach: weg. Ich hatte die JaWil Ragnarök 2 nämlich dort aufgestellt, wo auch sonst die meisten Lautsprecher ihren Platz finden, und das klang untenrum dann doch sehr, sehr leicht, fast schon wie ein eklatanter Widerspruch zur Optik. Nun, kein Wunder – die Ragnarök besitzt ja einen Dipolbass. Da wäre es schon sehr komisch, wenn ausgerechnet die Boxen- und Hörposition, die sich bei den meisten normalen (kreisförmig abstrahlenden) Lautsprechern als adäquat erweist, bei ihr auch passen würde. Nicht nur ist die Raumanregung im Tiefton dank des akustischen Kurzschlusses, der sich insbesondere im seitlichen Bereich des Lautsprechers bemerkbar macht, eine ganz andere – wie weiter oben ja schon ausgeführt. Auch der rückseitig reflektierte Schall mit seiner um 180 Grad invertierten Phasenlage sorgt für andere Bedingungen als mit „normalen“ Lautsprechern. Insofern ist klar, dass mit der Aufstellung experimentiert werden muss. Dass das aber nun Gott weiß was Schwieriges sei mit so einem Dipol – wie manche behaupten – kann ich allerdings nicht nachvollziehen. Nach einer Viertelstunde des Herummanövrierens passte alles: Schussendlich rückte die Ragnarök 2 bei mir 30 cm näher zur Rückwand (circa 110 cm von ihr entfernt, 70 cm Mindestabstand empfiehlt man bei JaWil Audio) und mein Hörsessel einen halben Meter weiter nach vorne: Schon war der Tiefton auf Normlevel.

Das ist auch das richtige Stichwort, um die unteren Lagen quantitativ zu beschreiben: Sie liegen auf neutralem Level. Wenn es einem zunächst sogar ein wenig schlanker vorkommt, ist es wahrscheinlich der Erwartungshaltung, die sich angesichts des Erscheinungsbildes der Ragnarök 2 ergibt, geschuldet: „Groß und breit – jetzt kommt’s extradick!“ Kommt es aber nicht. Auch was den absoluten Tiefgang anbelangt, geht die Ragnarök als „normal“ durch, die untere Grenzfrequenz von circa 40 Hz, die JaWil Audio anführt, ist glaubhaft. Statt „extradick“ ist der Bass eher „extraschnell“. Mit der Folge, dass die Anbindung ans Horn bruchlos gelingt, was keinesfalls eine Selbstverständlichkeit ist. Impulse bleiben intakt, ein Hinterherhinken ist nicht auszumachen, Instrumente, die einen großen Frequenzumfang besitzen – wie etwa Klavier – bleiben „timingtechnisch“ auf Linie. Die unteren Lagen geben sich konturiert und trocken.

15-Zoll-Woofer der JaWil Ragnarök

Sehr außergewöhnlich ist aber diese Unmittelbarkeit und Leichtfüßigkeit, mit der die Ragnarök das Frequenzuntergeschoss rüberbringt. Neulich lief ich an ein paar Straßenmusikern vorbei, die doch tatsächlich ein komplettes Drumset inklusive Bassdrum am Start hatten – und jedesmal, wenn ich so eine Bassdrum live höre, fällt mir wieder auf, wie weit normale HiFi-Lautsprecher davon immer noch entfernt sind. Meist klingt es im Vergleich dazu nach Arbeit, es tönt schwerfälliger und statt der initialen, kickenden Druckwelle wird als Surrogat einfach Masse nachgereicht, die so live häufig gar nicht auszumachen ist. Nun, ich will nicht behaupten, dass die JaWil die komplette „Wahrheit“ abliefert, aber es geht mit ihr nach meinem Empfinden doch deutlich mehr in Richtung Live-Erlebnis. Auch das ist eine Wirkung der vergleichsweise riesigen Membranfläche, die die Ragnarök mitbringt – was sie Lautsprechern wie oben genannte Dynamikks oder meine Blumenhofer Genuin FS 1, die ebenfalls mit schierer Fläche wuchern, im Untergeschoss in gewisser Weise ähnlich macht, obwohl die ein Vielfaches kosten. Ja, auch dafür mag ich die JaWil. Sehr sogar.

Tonal gibt sie sich auch im Mitten- und Hochtonband löblich neutral, was wiederum eine gewisse Erwartungshaltung – diesmal Hörnern gegenüber – unterlaufen kann: „Bestimmt schön lebhaft, aber nicht so ebenmäßig.“ Ersteres stimmt, Letzteres nicht. In der Tat geht es hier fast schon studiomäßig zu: keine kuschelige Grundton-Betonung, keine quirlige Präsenzanhebung, kein gefälliges Verrunden des Hochtons oder was auch immer. Mir gefällt es, erlaubt das doch eine differenzierte, ehrliche, wenig „eingetönte“ Sicht aufs Klangbild. Hierzu trägt auch die rundum anständige Auflösung der JaWil Ragnarök 2 ihr Scherflein bei. Es stimmt zwar: Gerade im Hochton bieten andere Konzepte – AMTs, Bändchen, gut gemachte Kalotten wie etwa die von Dynaudio – schon noch etwas mehr Details, eine noch feinstofflich-filigranere Gangart, wenn da zum Beispiel der Drummer einer Jazzkombo mit den Besen über die Bleche wischt. Und – mit dem Thema Obertöne im Zusammenhang stehend – man kann auch klangfarblich hier und da einen noch intensiveren Eindruck vermittelt bekommen. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Die JaWil macht in diesen Bereichen einen preisklassenadäquaten, angesichts des Konzepts „Breitbänder im Horn“ sogar sehr guten Job. Wuchern freilich tut sie mit anderen Pfunden. Und das nicht zu knapp.

Test: JaWil Audio Ragnarök 2 | Standlautsprecher

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