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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Traditionell überraschend
  2. 2 Harbeth NLE-1: Hörtest und Vergleiche

Wenn es eine europäische Nation gibt, die man mit dem Prädikat „traditionsbewusst“ charakterisieren darf, dann wohl die britische, denn heutzutage leisten sich doch nur noch wenige den Luxus einer konstitutionellen Monarchie sowie das unbeirrte Festhalten an allerlei Schrulligkeiten des Alltags (Linksverkehr, Pommes mit Essig, gesittetes Schlangestehen als gesellschaftliche Kür). Und doch sind die Briten immer wieder für Überraschungen gut – und als eine solche darf wohl gelten, wenn ein absoluter Traditionshersteller wie Harbeth (https://www.inputaudio.de/) stolze 48 Jahre nach seiner Gründung erstmals vollaktive Lautsprecher „für alle“ herausbringt (es gab zwar schon in „grauer Vorzeit“ aktive Versionen, aber nur für den Studiobereich). Und dann auch noch mit Class-D-Verstärkung und in sieben verschiedenen Ausführungen! Sind das nicht gleich drei Sakrilege auf einmal? Nun, wir werden hören – und zwar die kleine Harbeth NLE-1.

Die Harbeth NLE-1 in sieben unterschiedlichen Ausführungen

Ein Sakrileg? Die Aktivbox Harbeth NLE-1 gibt es nicht furniert, dafür aber in sieben unterschiedlichen Lackierungen

Zielstellung

Fangen wir mal vorne an. Die Harbeth NLE-1 sei entworfen worden, um zwei Ziele zu erreichen, erklärt mir Bernd Hömke, seines Zeichens „Trüffelschwein“ von Input Audio, wenn es um die Auswahl hochwertiger Vertriebsobjekte geht: Zum einen wollte man dem immer häufiger aufkommenden Kundenwunsch nach weniger komplexem HiFi entsprechen – klar: Man kable eine Hochpegelquelle mit Lautstärkeregelung an, und schon hat man eine kleine, feine Stereo-Kette. Zum anderen war es aber auch der Plan, nicht übermäßig zahlungskräftige Kundinnen und Kunden an den Harbeth-Sound heranzulocken. Zwar bewegt sie sich preislich mit 3.650 Euro das Paar in einem ähnlichen Gefilde wie die kleinste passive P3ESR-XD2 (Test des Vorgängermodells) – dafür ist hier aber bereits die Verstärkung eingepreist; ein finanzieller Posten, der sonst idealerweise vierstellig draufgerechnet werden muss, wenn man es ernst meint mit dem Thema HiFi.

Die Eingangsbuchsen der Harbeth NLE-1

Übersichtliches Anschlussfeld: Die Harbeth NLE-1 lässt sich analog symmetrisch und unsymmetrisch ansteuert. Das war’s

Wer also möglichst wenig investieren kann oder will, um am süßen Honig des Harbeth-Sounds zu nuckeln, der bekommt mit der neuen NLE-1 dazu die passende Einstiegsdroge. Nicht zuletzt würde ich noch ergänzen wollen, dass die Harbeth NLE-1 auch im Studio-Nahfeld auf interessierte Klientel treffen dürfte, denn dort haben sich – ähnlich wie auch im Rundfunk – inzwischen Aktivsysteme doch ziemlich durchgesetzt, wie ich immer wieder von befreundeten „Tonis“ aus der Branche höre.

Unterschiede

Hier und da wurde in der Fachpresse bereits etwas vorschnell vermeldet, die Harbeth NLE-1 sei eine „aktivierte“ Schwester der P3ESR-XD2. Das würde ich nicht ganz so stehen lassen wollen, denn es gibt schon noch mehr Unterschiede zwischen beiden Exemplaren außer der internen Verstärkung.

Erstens wirkt die NLE-1 tatsächlich noch mal etwas kompakter als die P3ESR-XD2: Sie ist rund drei Zentimeter niedriger und zweieinhalb Zentimeter schmaler, lädt allerdings aufgrund der Aktivelektronik, die innerhalb des Gehäuses eine eigene, wenn auch schmale Kammer zugeteilt bekam, ein wenig mehr nach hinten aus.

Zweitens – und das ist eine echte Neuerung bei Harbeth – kommt die NLE-1 zwar im geschlossenen MDF-Gehäuse, aber nicht mit Holzfurnier, sondern in sieben unterschiedlichen Lackierungen.

Die Harbeth NLE-1 besitzt eine magnetisch haftende Frontblende

Statt einer Stoffbespannung besitzt die Harbeth NLE-1 eine magnetisch haftende Frontblende, die auch eine akustische Funktion hat, nicht zuletzt durch den integrierten Waveguide für den Höchtöner. Man sollte immer „mit“ hören, es klingt einfach besser

Und drittens finden wir erstmals bei Harbeth-Lautsprechern keine Stoffbespannung, sondern eine magnetisch haftende Frontblende. Die hat im Hochtonbereich die Funktion eines Waveguide, deswegen sollte grundsätzlich immer „mit“ gehört werden. Falls Sie sich nun fragen, warum man die Blende abnehmen kann: Nun, so kommt man im Zweifelsfall schnell an die Schrauben, um einen Treiber zu wechseln. Denn im harten Studioalltag kommt es gelegentlich halt doch mal vor, dass man das falsche Knöpfchen drückt und einen Treiber „abschießt“. Kurz: Hier wurde nicht mal schnell ein Lautsprecher mit einer Class-D-Endstufe vermählt, sondern Entwicklungsarbeit geleistet.

Treibermaterial & Antrieb

Den Tieftonbereich bespielt – wie immer bei Harbeth – ein komplett selbst entwickelter Radial-Treiber der neuesten Generation mit 11 Zentimetern Membrandurchmesser. Das Radial-Membranmaterial (der Name steht für „Research and Development Into Advanced Loudspeakers“) ist eine speziell entwickelte Polymermischung, die für den Einsatz in Mittel- und Tieftönern konzipiert wurde. Ziel dieser Entwicklung war es, die klanglichen Grenzen traditioneller Membranmaterialien wie Papier, Polypropylen oder Metall zu überwinden und ein besonders natürliches, verzerrungsarmes Klangbild zu erzielen, so Harbeth. Die Entwicklung des Materials basiere auf jahrzehntelanger Forschung, unter anderem in Zusammenarbeit mit der BBC, und gilt heute als ein wesentlicher Bestandteil des charakteristischen Harbeth-Klangs.

Der Tiefmitteltöner der Harbeth NLE-1

Der Tiefmitteltöner der Harbeth NLE-1 besitzt eine Membran aus dem proprietären Radial-Material der Briten

Für den Hochtonbereich setzt man bei Harbeth im allgemeinen – somit auch hier – auf Treiber des norwegischen Spezialisten Seas. Die 19-mm-Kalotte aus der Prestige-Serie wird bei Seas für Harbeth gefertigt.

Die 19-mm-Kalotte von Seas der Harbeth NLE-1

Die 19-mm-Kalotte von Seas der Harbeth NLE-1 spielt insbesondere räumlich präziser, wenn…

Seas-Hochtonkalotte der Harbeth NLE-1

…die Frontblende auf der Harbeth NLE-1 steckt

Angetrieben wird das Treiberduo von Class-D-Endstufen. Direkt hinter der Eingangssektion – zugespielt wird via XLR oder Cinch, digitale Schnittstellen glänzen leider durch Abwesenheit – sitzt ein Übertrager, der dafür sorgt, dass die Harbeth NLE-1 eine ebenso gleichmäßige wie vernachlässigende Last für die zuspielende Vorstufe bildet. Ansonsten gibt sich Entwickler Alan Shaw in Bezug auf technische Details gewohnt schmallippig: Wir erfahren nicht, wo die Class-D-Endstufen herkommen oder bei welcher Trennfrequenz der DSP die Frequenzbereiche an beide Chassis zuweist. Da müssen wir wohl durch. Erwähnt werden sollte jedoch noch der „Personality“-Schalter auf der Rückseite: Hier können neben „flat“ zwei weitere DSP-Preset abgerufen werden. Da wäre zunächst der Bass-Booster, der bei dezenten Lautstärken noch rund eine Oktave nach unten hinaus spendieren soll; ein weiteres Preset gestattet die wandnahe Aufstellung der Lautsprecher, nimmt also ein Jota Bassenergie raus.

„Personality“-Schalter auf der Rückseite der Harbeth NLE-1

Der „Personality“-Schalter auf der Rückseite der Harbeth NLE-1 erlaubt eine Anpassung des Bassvolumens je nach Geschmack und Raumsituation

Noch ein paar Worte zur Verarbeitung: Die ist wie immer bei Harbeth mustergültig. Spaltmaße jenseits der Sichtbarkeit, minimal gerundete Gehäusekanten, sauber ausgeführte Lackierung, vertrauenserweckend solide Anschlussterminals – so und nicht anders muss das sein. Alte Harbeth-Aficionados müssen sich indes daran gewöhnen, dass es statt des traditionellen Furniers nun die Wahl zwischen vier dezenten und drei frechen Farben gibt.

Harbeth NLE-1: Hörtest und Vergleiche

Eines möchte und muss ich vorab erwähnen: Nach meiner Erfahrung gehört Harbeth (ebenso wie Tannoy und Fyne Audio, um ein paar weitere zu nennen) zu den Herstellern, bei denen eine lange Einspielzeit verpflichtend ist. Ich habe in meinem Leben schon mehrere Harbeth-Wandler besessen und getestet – und kann daher mit Sicherheit sagen, dass sie frisch aus dem Karton bestenfalls zwei Drittel ihres klanglichen Potenzials entfalten. Vermutlich deshalb, weil das Radial-Material sich durch entsprechende Bewegung erst mal ein wenig „freistrampeln“ muss. Dafür hat man dann aber auch jahrelang stabilen Sound, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. 150 bis 200 Stunden Einspielzeit sind daher Pflicht.

Die Frontseite der Harbeth NLE-1

Man sollte der Harbeth NLE-1 ordentlich Einspielzeit gönnen, damit sei ihr volles Potenzial entfalten kann

Weitere wichtige Erkenntnis aus der Testphase: Hören Sie die Harbeth NLE-1 unbedingt mit den magnetisch haftenden Frontplatten, denn die verbessern die Schallverteilung im Raum merklich. Wenn Sie das nicht tun, verpassen Sie einen Teil der Magie, die von diesen Lautsprechern ausgehen kann: Die stereofone Wiedergabe rastet in diesem Fall nur dann ein, wenn Sie wirklich exakt auf der richtigen Höhe sitzen und sich Ihre Ohren genau auf der Mittelachse zwischen Tiefmittel- und Hochtöner befinden.

Gehört wird hier und heute von CD (C.E.C. CD5) und via Streamer (Cambridge Audio CXN-V2). Die Digitalsignale von CD/Streamer gehen weiter in meine aktuelle Neuentdeckung und -anschaffung, den Henry Audio DAC256 (1.250 Euro). Als Vorstufe wählte ich den Tsakiridis Alexander, der in meiner Ausbaustufe knapp 4.000 Euro kostet – alles in allem also ein „Zuspielservice“ in einer Preisregion, über die sich kein Aktivlautsprecher dieser Kategorie beschweren kann.

Die Rückseite der Harbeth NLE-1

Die Rückseite der Harbeth NLE-1. Der Volume-Regler eignet sich im Alltag nicht zur Lautstärkeregelung. Vielmehr dient er dazu, die Eingangsempfindlichkeit einzustellen

Bass erstaunt

Gehören Sie zu den Leuten, die auf technische Daten schauen, um eine HiFi-Komponente klanglich zu beurteilen? Dann Obacht vor Fehleinschätzungen, denn die angegebenen 70 Hertz als untere Grenzfrequenz lassen zunächst vermuten, dass man hier beim Thema Bass deutliche Abstriche machen muss … Pustekuchen! Was die kleine Harbeth NLE-1 diesbezüglich qualitativ und quantitativ raushaut, genügt in einem kleinen Hörraum (sagen wir mal um die 15 Quadratmeter) komplett. Es braucht nach meiner Erfahrung in den meisten Fällen nicht mal das Hinzuziehen des rückseitigen Bass-Boosters, um ein Gefühl der tonalen Vollständigkeit zu erleben. Zumindest solange wir nicht von synthetisch erzeugten Subbässen reden. Wenn die NLE-1 „akustisch“ versorgt wird, spielt sie nicht nur rechtschaffen tief hinunter, sondern noch dazu sehr konturiert, flink und griffig.

Brooklyn Shuffle Thomas HeidepriemIch prüfe so etwas immer gerne mit der Platte Brooklyn Shuffle des deutschen Jazzbassisten Thomas Heidepriem ab. Das Stück „Rough Traditions“ ist eine reine Bass-Improvisation im Overdub-Verfahren, bei der Heidepriem auf zwei Recording-Spuren „mit sich selbst“ spielt, und zwar mit einem hundsteuren Sechssaiter von Fodera. Auf die eher jazzigen Basic-Tracks improvisiert Heidepriem virtuos in Bossa-Nova-Manier. Ganz ehrlich: In meinem kleinen Hörraum fehlt mir hier gar nichts. Die Harbeth NLE-1 folgt den Wendungen von Heidepriem mit erstaunlicher Geschwindigkeit, der Bass hat erfreulich viel Attack und Standvermögen, er fadet bis zur E-Saite nach unten hinaus auch nicht hörbar aus. Das ist straff und substanziell, die Harbeth bringt auch noch mehr Kontur und Tiefgang als beispielsweise eine Technics SC-CX700 (2.499 Euro) zu Gehör – dafür bekommt man bei der aber auch noch eine komplette Streamingsektion „frei Haus“ geliefert.

Die Harbeth NLE-1 in zwei Perspektiven

Anders sieht es – wie oben gesagt – bei „synthetischem Zeug“ aus. Wenn Sie zum Beispiel „Angel“ von Massive Attack oder auch „Bury A Friend“ von Billie Eilish auflegen, kann die kleine NLE-1 natürlich nicht so tief und verzerrungsfrei abliefern wie eine Standbox mit mehr Membranfläche (und entsprechender Verstärkung vornedran). Da fehlt dann entweder der tiefe Bass oder es geht entsprechend früher in die Kompression. Oder beides, wenn Sie richtig aufdrehen. Klar, das ist aber auch eine Binse: Sie werden mit einem Mini Cooper ja auch nicht zum Autorennen gegen einen Ferrari antreten.

Doch es gibt ja noch den Bass-Boost, der wirklich raffiniert abgestimmt ist: Bei round about Zimmerlautstärke erhalten Sie tatsächlich fast noch eine ganze Oktave nach unten hin geschenkt. Die schafft die kleine Radialmembran aber nur dann sauber abzubilden, wenn sie nicht mit Pegel überfahren wird. Trotzdem: Eine schöne Lösung, für die man sich fast noch eine Fernbedienung wünscht: Alan Shaw hiermit ins Pflichtenheft für die MK2 geschrieben … 😉

Mittenband

Das Mittenband ist wiederum typisch Harbeth. Ja, Sie können es wahrscheinlich nicht mehr hören oder lesen, denn ausnahmslos jeder HiFi-Redakteur lobt die Stimmenwiedergabe von Harbeth, das Narrativ ist dermaßen totgenudelt, dass ich Sie damit nicht über Gebühr belasten möchte, sondern einfach sage: Yo, das passt auch weitgehend für die kleine NLE-1.

Pete Dohertys Felt better aliveDabei ist das gerade hier nicht selbstverständlich, denn die üblichen Class-D-Konzepte sind ja nicht zwingend dafür berühmt, ein übermäßig ausgefeiltes, gut aufgelöstes und „schönes“ Mittenband abzuliefern. Und da die Verstärkung schon ein gewichtiges Wörtchen mitzureden hat, könnte man befürchten, dass diese Harbeth vielleicht doch anders klingt als ihre passiven Geschwister. In der Praxis ist es aber tatsächlich so: Wenn die Vorstufe richtig taugt (was bei meinem Tsakiridis-Preamp der Fall ist), dann können Sie diese speziell transparente und samtige Wiedergabe von Stimmen ebenso genießen wie die frappierend realistische Wiedergabe einer Akustikgitarre oder von Violinen: Beides gibt es reichlich im Track „Calvados“ von Pete Dohertys neuem Album Felt better alive. Das klingt sonor, schön, sauber und klar – mithin im besten Sinne dem analogen Klangklischee entsprechend.

Die Harbeth NLE-1 - von vorne und seitlich

Es gilt natürlich auch der Umkehrschluss: Als ich meine Tsakiridis-Vorstufe und den Henry-Audio-DAC aus dem Spiel nehme und die Harbeth NLE-1 direkt über meinen Streamer beschicke (unter Nutzung seiner zuschaltbaren Lautstärkeregelung, die im vorherigen Setup deaktiviert war), klingt’s dann doch schon merklich nüchterner und auch weniger detailreich und farbstark. Für mich ist dieses Erlebnis eine gute Nachricht, denn es zeigt klar auf, dass die NLE-1 sich sehr transparent verhält.

Hochton

Nun zu den Höhen. Hier überzeugen mich zwei Dinge. Zum einen erfolgt die Ankopplung des Hochtöners ungemein bruchlos. Im Übergangsbereich sind keinerlei Artefakte zu erkennen. Man kann dem wunderbar auf die Spur kommen mit dem Klassiker „Riders on the Storm“ von den Doors. Das ikonische Einstiegsriff auf dem Fender Rhodes geht fast über den gesamten Bereich der Klaviatur. Es kann durchaus schon mal passieren, dass die Klangcharakteristik zwischen Diskant und Alt etwas changiert, wenn die Ankopplung zwischen Tiefmittel- und Hochton nicht optimal ist – oder wenn unterschiedliche Membranmaterialien zum Einsatz kommen. Nicht so bei der NLE-1 – das ist den Harbeth-Ingenieuren wirklich gelungen: tonal und qualitativ alles aus einem Guss.

Blick auf den Hochtöner mit Waveguide der Harbeth NLE-1

Die Harbeth NLE-1 bindet den Hochtonbereich bruchlos und schlüssig ein

Steely Dan Katy LiedZum anderen gefällt mir die Detailauflösung, die ohne jedwede Schärfe daherkommt. Das hört man prima bei „Everyone’s gone to the movies“ von Steely Dan (Album: Katy Lied). Hier konkurrieren im Hochtonbereich diverse Schlagzeugbecken und ein Shaker: Die Harbeth NLE-1 setzt diese alle bestens voneinander ab und trennt sie und ihre Formanten beziehungsweise prägenden Frequenzbereiche supersauber ab. Der Hochton wirkt frei und offen, weder abgedunkelt noch überpräsent, sondern schlicht und einfach balanciert. Um mal den Rahmen abzustecken: Die Harbeth NLE-1 sitzt im Hochtonpegel ziemlich genau in der Mitte zwischen der B&W 706 S3 (eher umami und präsent) und der Fyne Audio F1-5, die etwas „schattiger“ unterwegs ist. Und wer in der Preisklasse noch mehr Hochton-Auflösung möchte, der muss schon recht intensiv suchen – mir fällt hier in erster Linie die Econik Four in der Mundorf-AMT-Ausführung (3.299 Euro) ein, die noch einen Zacken genauer „hinschauen lässt“. Richtung Mitten und Tiefton liefert allerdings die Harbeth NLE-1 das vergleichsweise genauere Bild.

Summa summarum zeigt sich die NLE-1 also tonal balanciert, naturgetreu und neutral – was am Ende auch wenig verwundert, denn sie stammt ja aus einem, wenn nicht dem BBC-Monitor-Traditionshaus. Abstriche im Tiefbass gibt’s natürlich, relevant wird das aber nur dann, wenn sie in größeren Räumen aufspielen muss oder wenn reichlich „Synthetik“ zugereicht wird. Und nicht zuletzt spielt die Vorstufenelektronik beim Feintuning des Klangs durchaus eine Rolle, was zeigt: Die verbauten Endstufen sind qualitativ kein echtes Nadelöhr.

Immersion und Involvement: Die Räumlichkeit

Ich falle mal mit der Tür ins Haus: Die kleine passive Harbeth P3ESR-XD2 ist in meiner privaten HiFi-Geschichte die absolute Preisklassenreferenz, wenn es darum geht, wie weit sich der Klang von Lautsprecherboxen lösen kann und absolute dreidimensionale Plastizität und Holografie erzielt werden sollen. Ich kenne keinen anderen passiven Lautsprecher für unter 4.000 Euro, der ähnliches kann (entsprechende Quell- und Verstärkergeräte mitgedacht, klar). An dieses Niveau kommt die Harbeth NLE-1 nicht heran. Woran es liegt, dürfte eigentlich auch klar sein: Die Class-D-Endstufen in der aktiven Harbeth haben naturgemäß wenig Chancen gegen richtig teure Endstufen: Bei mir sind üblicherweise nach der Tsakiridis-Vorstufe die A4MKII-Monoblöcke von Valvet (circa 6.400 Euro) am Start.

Harbeth NLE-1 - Hochtöner und Tiefmitteltöner im Hintergrund

Wie auch immer, und das ist die gute Nachricht: Wenn die Hörposition stimmt, kann die NLE-1 trotzdem immersiv und involvierend spielen. So, wie man es halt von einem kompakten Zweiwegekonzept erwarten darf. Zwar ist kein so ausgedehntes und „freies“ Musikbad möglich wie mit dem dreimal so teuren Gespann aus passiver Schwester plus Valvet-Endstufen, dafür hat sie jedoch tatsächlich ein wenig die Nase vorn, wenn es um die Tiefenstaffelung geht. Hören Sie mal in Dire Straits‘ „Six Blade Knife“ rein. Über eine gute Kette stellen Sie fest, dass die Hi-Hat nicht nur EQ-mäßig bewusst „dünn“ abgemischt wurde, sondern auch richtiggehend im Stereopanorama hinter anderen Instrumenten positioniert erscheint. Diesen Effekt können weder die P3ESR-XD2 noch meine Audio Note UK AX Two/II (3.600 Euro) so klar und nachvollziehbar vorzeigen, selbst wenn ich das teure Verstärkerbesteck davor klemme.

Timing und Rhythmus

Wie bereits gesagt: Ich höre schon seit rund 20 Jahren mit Harbeth (ich hatte zuweilen auch ältere Gebrauchte zu Gast) und habe die Entwicklung der Lautsprecher über die Jahre somit ganz gut verfolgen können. Mir gefällt, dass der Hersteller es irgendwie schafft, inkrementell und mit ruhiger Hand immer wieder seinen eigenen Sound zu modernisieren. Die älteren Harbeth-Schätzchen waren nach meinem Empfinden nicht gerade die dynamischsten ihrer Zunft, sondern etwas ausgeruhter unterwegs, wenn auch niemals „lahm“ wie zum Beispiel die frühen Yamaha-Studiomonitore, allen voran die berüchtigte NS-10. Das hat sich geändert, finde ich: Meine aktuelle 30.2 XD spielt wesentlich dynamischer und zackiger auf als die Harbeth 30.1, die ich ebenfalls jahrelang im Einsatz hatte.

Harbeth NLE-1, perspektivisch von oben

Die Harbeth NLE-1 führt diesen Wandel fort: Die kleine Aktive spielt dermaßen auf den Punkt, dass es eine Freude ist. Der oben erwähnte Steely-Dan-Song kommt mit einer Instrumental-Schlusspartie, bei der Schlagzeug und Percussion zusammen erklingen und gemeinsam einen unfassbar tanzbaren Musikteppich weben. Die Spannung entsteht dadurch, dass der Drummer stoisch spielt und die Viertel auf dem Ridebecken mit der Präzision eines Drumcomputers abspult – während die Percussion polyrhythmisch drumherum trommelt. Die NLE-1 brennt hier ein Freudenfeuer ab: Die Ridebecken-Töne wirken wie kleine Handkantenschläge, die Percussion wie prasselnde Feuerwerkskörper. Auch hier gilt wieder: Timing und Dynamik sind fast im ganzen Hörbereich auf sehr hohem Niveau – erst wenn es Richtung Tiefbass geht, drückt die NLE-1 auf die Bremse. Und das ein so kompakter Lautsprecher natürlich nicht das richtige Werkzeug ist, um große Symphonieorchester 1:1 dynamisch abzubilden, muss ich wohl nicht extra betonen, oder?

Billboard
HiFi Wittmann

Test: Harbeth NLE-1 | Aktivlautsprecher

  1. 1 Traditionell überraschend
  2. 2 Harbeth NLE-1: Hörtest und Vergleiche

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