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Guru QM10two – irgendwie anders …

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Erst mal ist es ungewohnt, dass der akustische Raum, der sich vor mir aufspannt, eher übersichtlich als ausufernd ist, vor allem was die Ausdehnung nach oben und unten angeht. Seitlich begrenzen die Lautsprecher die Bühne – und selbst nach hinten ist von unendlichen Tiefen des Raums wenig zu hören. Alles wirkt kompakt, aber dafür geordnet und sehr präzise fokussiert. Irgendwie, nun ja, realistisch. Vergleichen möchte ich das mit einem sehr guten Fernseher, der einmal im Demo-Modus und ein anderes Mal von einem Filmliebhaber eingestellt wurde. Klar guckt man wohl zuerst auf die satten und strahlenden Farben und den hohen Kontrast der Demo-Version. Doch irgendwann setzt sich die Erkenntnis durch, dass dies mit der Realität nichts zu tun hat, dass Farben überstrahlen und Kanten überzeichnen, und man lehnt sich mit einem zufriedenen Seufzer zurück, wenn man die professionell abgestimmte Bildvariante zu sehen bekommt. Und letztere ist das, was Sie von einer Guru QM10Two erwarten können. Erfreulich ist auch, dass die Räumlichkeit (genauso wie die tonale Abstimmung) bei unterschiedlichsten Lautstärken weitgehend konstant bleibt.

Guru QM10two

Die unspektakuläre Abstimmung endet nicht beim Raumeindruck, sondern setzt sich beim Frequenzgang fort. Ich fange mal oben an, wo sich die Gurus elegant zurückhaltend geben und es dennoch schaffen, die Hochtoninformation ungefiltert zu transportieren. Wenn ich mich an die JM Lab Electra 905 zurückerinnere, dann höre ich hier mindestens dasselbe Niveau in Bezug auf Auflösung, ach was, eher mehr, aber um Klassen natürlicher und weniger aufdringlich.

Der Mittelton schließt bruchlos an und ist meines Erachtens das Gourmethäppchen des schwedischen Klang-¼uvres. Das Tingvall Trio liefert auf Vägen Trio-Jazz der Extraklasse ab. Leicht tingvall triomelancholisch, melodisch und vorzüglich aufgenommen ist dieses Album. Die Gurus liefern hier das volle Spektrum des Pianos, von der Attacke des Anschlags bis zur tiefsten Resonanz – erstaunlich aber sind die Farbigkeit und Transparenz dessen, was dazwischen passiert. Nicht nur perlen die schnellen Läufe der rechten Hand ansatzlos aus den Treibern, die Akkorde der linken Hand haben jenen Zug aus der Tiefe, der die Wucht dieses Instruments ausmacht, und bleiben dennoch in ihren Einzeltönen und den komplexen Überlagerungen der Obertöne nachvollziehbar.

Die Dynamik und Strahlkraft von Blechbläsern sticht aus dem Mix heraus, als wäre die Reproduktion dieser Instrumentengattung ohne stressig oder nervig zu klingen ein Kinderspiel. Auch Stimmen geben die Gurus erstaunlich souverän und mit schön breiter Brust wieder. Claire Martin klingt gewohnt prononciert,claire martin doch die sich stetig wandelnde Färbung ihrer Stimme im wild durch die Tonskala fluktuierenden „When In Rome“ kommt genial offen rüber, und der abschließende Pianoakkord folgt druckvoll und präzise. Bei der, ähem, sehr expressiven Aufnahme „Terry“ von Girl Talk sind die Stimmen der drei Künstlerinnen nicht nur dynamisch unkomprimiert, sondern auch deutlich voneinander unterscheidbar aus den kleinen Lautsprechern vernehmbar. Es ist eine echte Freude, den Britinnen bei ihren Zwiegesprächen zu lauschen und ihre Lust am Musizieren nachfühlen zu können. Die ungekünstelte Durchsichtigkeit und das dynamische Facettieren im Stimmbereich – oder besser, im gesamten Mitteltonbereich – ist sehr erleuchtend. Ich erinnere an die Episode mit dem Linn Majik DSM. Aus diesem (und nur aus diesem!) Grund ist Umsicht und Ausprobieren beim Matching mit der vorgeschalteten Kette auf jeden Fall angebracht – das wird sich später auch noch in einem anderen Umstand beweisen …

Im Bass steigen die Gurus wie gesagt sehr, sehr tief hinab, und doch ist zu diesem Zeitpunkt (in dieser Anlagenkonfiguration) dieser Frequenzbereich ein leicht kritikwürdiger Punkt der QM10Two. Wo Mittel- und Hochton mit unauffällig-realistischem Klang gefallen und sich gerade mit ihrer natürlichen Abstimmung langfristig (und wohl so manches Mal auch erst nach längerer Zeit) in die Herzen der Zuhörer spielen, wirkt der Tiefbassbereich mit der Lautsprecherverkabelung von AudioQuest vor allem mit sehr bassstarker Musik (z.B. Elektro und Trip Hop von Nicolas Jaar, Yello oder Massive Attack) fast, als ob ein Subwoofer mitspielen würde.

Guru QM10two

Während im Oberbass in Sachen Tonalität und Homogenität alles im grünen Bereich ist, kommt der Bereich unter etwa 50 Hz dann deutlich fetter und somit effekthascherischer rüber als es der Homogenität gut tun würde. Ich spreche nicht wirklich von zu viel Bass, sondern von einem qualitativen Unterschied: Es stellt sich ein klein wenig der Effekt ein, dass der Bass nicht ganz mit der Geschwindigkeit der darüberliegenden Frequenzen mithalten kann, synthetischer und vom Klangcharakter der Konstruktionsweise stärker geprägt wirkt als der Rest des Spektrums und auch mal auf den Ohren „drücken“ kann. All dies wird ja gerne mal ins Feld geführt, wenn sich Konstruktionspuristen über die Nachteile von Bassreflexsystemen auslassen – vielleicht zu Recht? Andererseits muss man sich wohl auch immer wieder klar machen, dass es sich hier um einen Kompaktlautsprecher der 2.000-Euro-Klasse mit einem 10-cm-Tiefmitteltöner handelt. Unter diesem Licht betrachtet ist der Trade-off nachvollziehbar, und die geschilderten Kritikpunkte schmälern den Gesamteindruck nur minimal. Doch der Anspruch von Ingvar Öhman ist ein anderer, und er sollte auch erfüllt werden.

Fast fertig …

Eigentlich war dieser Artikel schon fast fertiggeschrieben, als Andreas Proske vom deutschen Guru-Audio-Vertrieb mir noch ein Nordost Heimdall 2 zuschickte. Okay, das kostet in etwa das Gleiche wie die Lautsprecher, aber warum diese nicht mal mit jenem ausprobieren? Wow. Ernsthaft jetzt, die Gurus blühen mit dieser Lautsprecherstrippe regelrecht auf. Klar, ich weiß, dass das AudioQuest Rocket 88 zu den eher warm und bassstark abgestimmten Kabeln gehört – doch dass ein Lautsprecherkabel einen Lautsprecher so sehr verwandeln kann, auch wenn es in etwa zweieinhalbmal so viel kostet wie das, das es ersetzt, hätte ich nicht gedacht. Mit dem Heimdall 2 öffnet sich der Klangraum in allen Dimensionen, die ohnehin sehr gute Auflösung steigert sich noch weiter, und der Hochton legt letzte feindynamische Hemmungen ab. Das Klangbild strafft sich wie ein Körper nach Monaten intensiven Yoga-Trainings. Okay, das habe ich von einem Nordostkabel fast schon erwartet, aber dass insbesondere der Bassbereich derart gewinnt, das ist schon etwas überraschend: Zwar kann man immer noch erahnen, dass hier eine Bassreflexbox spielt, doch schließen die tiefen Frequenzen nun wesentlich homogener an das restliche Frequenzband an, zeigen viel weniger die zuvor bemängelte eigene Färbung, wirken definierter und um einiges schneller.

Guru QM10two

Ich gehe davon aus, dass dieser Effekt abgemildert auch mit den günstigeren Nordostkabeln eintritt; ein Nordost Purple Flare etwa passt preislich gut zu den Guru QM10Two und dürfte die Grundcharakteristik des Heimdall 2 ebenfalls transportieren. Mit Klanglupen wie den Gurus zeigt sich eben in unverfälschter und nicht zu überhörender Form, wie wichtig es ist, die einzelnen Komponenten einer Audio-Wiedergabekette sorgsam aufeinander abzustimmen, und Andreas Proske hat hier mit seinem Vertriebsportfolio ohrenscheinlich ein äußerst glückliches Händchen bewiesen: Mit der (zugegebenermaßen etwas dekadenten) Nordost-Heimdall-Verkabelung klingen die Gurus feiner aufgelöst, deutlich offener und viel mehr wie aus einem Guss, ohne ihren absolut unaufdringlichen und relaxten Charakter zu verlieren. Das ist wohlgemerkt nicht unbedingt eine Frage des Preises, sondern vor allem der Abstimmung der Komponenten und Kabel untereinander.

Was aufgrund der (auch mit dem deutlich höher auflösenden und präsenteren Nordost Heimdall 2) zurückhaltenden tonalen Abstimmung der Gurus leider im ersten Moment (Situation Hörprobe beim Händler) kaum auffallen mag, ist, dass sie feindynamisch auf die Preisklasse bezogen eine erstklassige Leistung abliefern.

nordost heimdall
Nordost Heimdall 2: Auf dem Foto allerdings mit Spades konfektioniert

Besonders deutlich wird das nicht nur mit meinem üblichen Glöckchentest auf Loreena McKennitts „The Mummer’s Dance“ und G.E.N.E.’s „Forest Love“, sondern auch mit den schnell und organisch klingenden Bongos des erstgenannten Tracks. Jamie Haddads perkussives Album Explorations in Time and Space lässt hinsichtlich Fein- und Grobdynamik kein Auge trocken und zeigt, dass die Gurus auch mal kräftig zulangen können, solange man es nicht übertreibt. So richtig super laut können die Zwerge nämlich naturgegebenermaßen nicht. Das wäre auch in keiner Weise dem eher sanften, aber ehrlichen Naturell der schwedischen Lautsprecher entsprechend. Dafür liefern sie ein unglaublich sattes Tieftonfundament selbst bei mittleren und leisen Abhörpegeln ab, so dass man mit geschlossenen Augen einen wesentlich größeren Lautsprecher vor sich wähnen würde.

mark hollisUnd sie lassen mich in den Nachtstunden so auch in den Klang- und Gefühlswelten eines Mark Hollis auf seinem selbstbetitelten Solodebüt schwelgen, die sie mir ebenso präzise darbieten wie die kürzlich bei mir residierende und in etwa gleich teure Standbox Focal Aria 926 – nur irgendwie relaxter, intimer. So, als ob ich einfach nur noch die Augen zumachen müsste, um mit Mark ein Zwiegespräch in meinem Wohnzimmer führen zu können, seiner dynamisch realistisch an- und abschwellenden Stimme zu lauschen und mich seiner emotionalen Achterbahnfahrten auszuliefern.

Test: Guru QM10two | Kompaktlautsprecher

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