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Exkurs: Phantomschall

Inhaltsverzeichnis

  1. 2 Exkurs: Phantomschall

Zuallererst müssen wir uns klarmachen, dass bei der Stereofonie so ziemlich alles, was wir auf der virtuellen Bühne als Schallereignis lokalisieren, Phantomschall ist. Was heißt das? Nun, so gut wie alle Schalle im Stereosignal haben eine linke und eine rechte Komponente, die von beiden Lautsprechern entsprechend der Position der aufgenommenen Instrumentalisten (oder des dorthin gemixten Sounds) unterschiedlich laut und zeitversetzt wiedergegeben werden. Der Schall stammt aus unseren beiden Lautsprechern, die Projektion der Bühne ist ein Resultat der Verarbeitung beider Schallsignale durch unser Gehör, wobei der Schall aus beiden Quellen jeweils beide Ohren erreicht.

Guru QM10two

Mentaler Szenenwechsel: Stellen Sie sich nun vor, geradeaus vor Ihnen steht jemand, der eine Flöte spielt. Hier handelt es sich um eine singuläre Schallquelle, im Gegensatz zu den beiden summenbildenden Lautsprecher-Schallquellen der Stereoanlage. Um das Szenario zu idealisieren, stellen wir uns einen schalltoten Raum vor. Aus dieser frontal stehenden, einzelnen Schallquelle (unser Flötist) gelangen die Schallwellen gleichzeitig und aus dem gleichen Winkel an beide Ihrer Ohren. Intensität und Frequenzgang des Signals sind an beiden Ohren in unserem idealisierten Setting absolut identisch. Bewegt sich der Flötist nun (sagen wir mal) nach links, dann verändert sich auch die Wahrnehmung des Schalls entsprechend des Grads der Positionsveränderung, und zwar einmal auf der Zeitebene (das linke Ohr wird minimal früher von den Schallwellen erreicht als das rechte) und – jetzt kommt’s – auch in Bezug auf den Frequenzgang:

Je weiter seitlich nämlich die Schallquelle wandert, und je mehr sich somit deren Winkel zu beiden Ohren verändern und unterscheiden, desto stärker nehmen wir mittlere und hohe Frequenzen auf der Seite der Schallquelle wahr, so Ingvar Öhmann.

Guru QM10two

Treffen diese kurzwelligen Schallwellen nämlich aus flachem Winkel auf den Hörapparat, werden sie eher reflektiert beziehungsweise absorbiert. Die Veränderung des Winkels einer einzelnen Schallquelle zieht also bei der Rezeption eine Veränderung des Frequenzgangs nach sich – und zwar unterschiedlich für beide Ohren! Das durch den Kopf abgeschattete Ohr erhält noch weniger Mittel-/Hochton als vorher, während auf der Seite mit der Winkelverkleinerung mehr Input im oberen Frequenzbereich eintritt. Und damit ergibt sich auch schon das ganz grundsätzliche Problem: Während Geräte wie zum Beispiel Verstärker idealerweise ein „verstärkender Draht“ sind, der dem Eingangssignal nichts zufügt oder wegnimmt und der hinten eine einfache Multiplikation des vorne ankommenden Signals ausgibt, ist es laut Guru-Guru Ingvar ein fataler Fehler, bei der Entwicklung von Lautsprechern einen solchen linear-idealistischen Ansatz zu verfolgen. Vielmehr müsse der Lautsprecher den zuvor beschriebenen Umstand kompensieren – wie genau, das will er aber leider nicht verraten.

Guru QM10two

Da eine möglichst natürliche Wiedergabe von Schallereignissen für die Arbeit in seinem Institut (und für die Durchführung von psychoakustischen Experimenten) von fundamentaler Bedeutung war, entschloss Ingvar Öhman sich, selbst Hand anzulegen und einen Lautsprecher zu bauen, der seine Erkenntnisse berücksichtigt. Im Jahr 1978 wurde so die QM60 geboren.

Als gelernter Elektroingenieur fiel ihm das nicht schwer, zumal er bereits im zarten Alter von etwa sieben Jahren ein eigenes Radio baute – und zwar von Grund auf, nicht aus einem DIY-Kit. Mit elf oder zwölf Jahren baute er seinen ersten Drei-Wege-Lautsprecher mit separaten Kammern für Bass, Mittel- und Hochton, wobei letzterer sogar schon verstellbar war. Und es kam, wie es in jedem HiFi-Märchen kommen muss: Die Leute, die die QM60 hörten (und zwar NICHT mit Musik, sondern mit Testtönen und Geräuschen im Rahmen von Experimenten), fingen irgendwann an, Schallplatten mitzubringen und sie über die QM60 zu genießen. Und dann wollten sie selbst solche Lautsprecher haben. Also baute Ingvar Öhman einige Paare, und eine Kettenreaktion begann. Die Nachfrage wurde derart groß, dass Wartezeiten bis zu drei Jahren anfielen!

Guru QM10two

Doch dann tat Ingvar etwas, das jedem geschäftstüchtigen Lautsprecherbauer den Magen umdrehen dürfte: Er machte es den Interessenten richtig, richtig schwer, seine Lautsprecher zu erwerben: Nicht nur wurde es plötzlich sehr schwierig, ihn überhaupt zu erreichen, interessierte Kunden mussten sogar extra nach Uppsala reisen, um die Lautsprecher zu hören und sich „… mindestens acht Stunden lang mein Gespräch anhören. Ich wollte nicht, dass irgendjemand meine Lautsprecher besitzt, ohne wirklich zu wissen, WAS sie sind“, so Öhman. Sogar aus Australien kamen Interessenten – und dann nochmals, um die Lautsprecher mitzunehmen, denn natürlich versendete Ingvar seine Lautsprecher nicht.

Psychotricks

Heute ist das natürlich anders. Guru Audio arbeitet nun als eigene Firma und hat Vertriebe in aller Welt, die es den Kunden sehr viel einfacher machen, die schwedischen Lautsprecher zu beziehen. In Deutschland kümmert sich darum Connect Audio, die unter anderem auch die tollen Nordost-Kabel und die ebenfalls skandinavische Densen-Elektronik vertreiben. Mit nur einem Modell kann eine Firma wie Guru Audio natürlich auf Dauer nicht wachsen und überleben, daher finden sich mittlerweile drei Lautsprechermodelle im Portfolio. Neben den Standlautsprechern QM60 und dem jüngsten Spross, den Guru Junior, wären das eben unsere QM10Two, die mittleren Modelle.

Guru QM10two

Die beiliegende Abdeckung wird per Magnethalterung fixiert

Wie der Name schon verrät, handelt es sich um die zweite Auflage des Kompaktlautsprechers mit der ungewöhnlichen Formgebung. Deren Ursache liegt wohl darin, dass es sich beim Gehäuseprinzip um einen speziellen Helmholtz-Resonator (benannt nach Hermann von Helmholtz) handelt. Die einfachste Form eines solchen Resonators ist eine Flasche. Wenn Sie über deren Öffnung blasen, versetzt die Anregung das Luftvolumen im Inneren der Flasche in Eigenschwingung, und zwar abhängig vom Volumen bei einer bestimmten Frequenz: Je größer das Volumen (und damit je schwerer die darin befindliche Luftmasse), desto niedriger die Resonanzfrequenz.1

Guru stimmt den Resonatortrakt der QM10Two sehr tief ab. Unter Einbeziehung des Raums soll so eine untere Grenzfrequenz von etwa 30 Hz erreicht werden – nicht schlecht für einen 10-cm-Tiefmitteltöner! Überhaupt spielt die Interaktion mit der Hörumgebung für Ingvar Öhman eine überragende Rolle, denn nur im konkreten Raum lässt sich eine zuverlässige Aussage über den Klang eines Lautsprechers machen. Er gibt daher für die QM10Two sehr konkrete Anweisungen zur Positionierung: Um dem speziellen Design bestmöglich Rechnung zu tragen, sollten die Lautsprecher in etwa 60 cm Höhe über dem Fußboden nur wenige Zentimeter von der Rückwand entfernt und nur leicht auf den Hörplatz hin angewinkelt aufgestellt werden. In meiner spezifischen Abhörsituation ist mir das leider nicht wirklich möglich, daher stehen beide Lautsprecher etwas weiter von der Rückwand entfernt – allerdings vor dem Schallplattenregal, welches als schallharter Gegenstand für den Zweck aber ebenfalls geeignet ist. Der Versuch, die kleinen Gurus auf dem Regal direkt vor der Rückwand spielen zu lassen, resultierte allerdings in zu viel Bass für meinen knapp 27 Quadratmeter großen Hörraum. Interessant …

Guru QM10two
Laut Firmenaussge keine „normale“ Bassreflexöffnung bzw. kein üblicher Helmholtz-Resonator, sondern eine spezielle Umsetzung dieses Konzepts

Als optimalen Hörabstand für die QM10Two gibt man in Uppsala ein bis vier Meter an. Aha. Einen Meter habe ich zugegebenermaßen nicht ausprobiert, doch mit knapp drei Metern Abstand fühle ich mich am wohlsten. Die Einwinkelung geht über das empfohlene Maß „leicht“ hinaus – die Achsen der Lautsprecher treffen sich etwa einen Meter hinter meiner Sitzposition. So ergibt sich der für meinen Geschmack beste Kompromiss aus Präzision, Tiefe und Breite der Abbildung.

Über Treibertypen und Weichenabstimmung bewahren die Schweden weitgehendes Stillschweigen. Oberhalb des bereits erwähnten 102-mm-Mineralfaserkonusses, der den Bass und Mittelton verantwortet, spielt eine in einem Mini-Horntrichter versenkte 20,5-mm-Hochtonkalotte bis hinauf zu 30 kHz. Statt einer Übernahmefrequenz gibt Guru eine „Übernahmefunktion“ von 2.000 bis 7.000 Hz an. Das mit fünf Kilo recht leichte Gehäuse besteht aus mitteldichter Faser und Aluminium und ist annähernd würfelförmig. Für den Anschluss an den Verstärker steht ein Single-Wiring-Terminal zur Verfügung – Bi-Wiring mag Herr Öhman nämlich gar nicht.

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1 In der Raumakustik werden Helmholtz-Resonatoren übrigens mit umgekehrten Vorzeichen eingesetzt, nämlich um störende oder überlaute Frequenzen herauszufiltern. Da bestehen sie im Wesentlichen aus einer schwingenden Masse (Gehäuseplatte) und einer „Feder“ (Luftvolumen). Die auftreffende Schallenergie wird in kinetische Energie der Masse umgewandelt.

Test: Guru QM10two | Kompaktlautsprecher

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