
Test: Cayin Jazz 90 | Vollverstärker
Wohlbalanciert
von Elmar Salmutter
Im Test: Cayin Jazz 90 - Röhrenvollverstärker
UVP zum Testzeitpunkt: 2.998 Euro
Web: https://cayin.com/
Zwischen Cayin Jazz 80 und Jazz 100 war noch Platz, hier hat sich kürzlich der Cayin Jazz 90 reingequetscht. Doch was heißt schon reingequetscht: Der Röhrenvollverstärker ist deutlich größer und schwerer als der Jazz 80, den wir bereits im Test hatten. Der Autor dieser Zeilen staunt nicht schlecht, als er ihn aufs Rack wuchtet, doch erweist sich der serienmäßig mit KT88-Endröhren bestückte Chinese auch klanglich als Schwergewicht? Schauen wir mal: Licht aus, Röhren an.
„Prima, eine Zusatzheizung!“, entfuhr es mir beim Auspacken des Cayin Jazz 90 https://cayin.com/. Draußen: minus fünf Grad. Innerlich: leichter Winterblues, brrrr, immer nur kalt und grau. Für bessere Laune sorgt das Eintreffen des chinesischen Röhrenvollverstärkers, denn das Gute an dieser Verstärkerart ist ja, dass sie besonders im Dunkeln mit ihren glimmenden Röhren wunderschön aussieht und auch die Raumtemperatur etwas anhebt. Wärmte ich mir nach dem Gassigehen in letzter Zeit gerne die Hände am Toaster, schwenke ich nun gerne mal auf den Jazz 90 um, was den Vorteil hat, gleichzeitig auch Musik hören zu können.

Doch mit über 27 Kilogramm Kampfgewicht müssen die Knochen erst mal Schwerstarbeit leisten, um das gute Stück mit seinem robusten, resonanzarmen Aluminium-Chassis auf die oberste Rackebene zu bugsieren. Mein PrimaLuna EVO 300 sieht neben ihm fast putzig aus, so dominant wirkt der 420 × 379 × 215 mm (BxTxH) große Chinese, und selbst mein 34-Kilo-Transistor-Oberwhopper, der McIntosh MA8950 AC, muss beim Anblick des Konkurrenten kurz schlucken.
Zappelnde Zeiger
Die Verarbeitung ist makellos und eines 3.000-Euro-Push-Pull-Röhrenverstärkers absolut würdig, Käufer entscheiden sich zwischen einer silbernen oder einer schwarzen Front. Aus früheren Tests weiß ich, dass Cayin seine Verstärker in derselben Fabrik wie PrimaLuna herstellt, was sich zum Beispiel an der dunkelblau-gräulichen Metalliclackierung zeigt, die bei beiden Herstellern farblich identisch ist. Im Gegensatz zu meinem PrimaLuna EVO 300 (4.890 Euro) verfügt der Cayin Jazz 90 vorne über zwei gelb beleuchtete VU-Meter, die analog-technischen Charme versprühen und zugleich als Anzeige für Ausgangsleistung beziehungsweise Bias-Status der Röhren dienen. Wirklich gut ablesbar ist der zappelnde Zeiger aus drei Metern Entfernung beim Musikhören allerdings nicht.

Natürlich liefert Cayin eine abnehmbare Röhrenschutzhaube aus Metall mit, die toll aussieht und erstaunlich schwer und massiv ist. Eine Fernbedienung darf natürlich auch nicht fehlen, sie besteht ebenfalls aus Metall, wirkt standesgemäß solide und vermag Lautstärke, Eingangswahl und Stummschaltung zu beeinflussen. Um Batterien einzulegen, muss man sie aufschrauben, was ein wenig Zeit und Mühe kostet.
Die Bias-Kontrolle der Röhren geht hingegen schnell von der Hand, da die Einstellschalter und -schrauben links und rechts außen auf der Oberseite keine Verrenkungen erfordern. Auf der Rückseite befindet sich ein Schalter, der dem Besitzer die Wahl zwischen EL34- und KT88-Endröhren lässt – je nachdem, welche gerade installiert sind. Grundsätzlich kann man den Verstärker aber auch mit KT90- oder 6550-Röhren in der KT88-Einstellung betreiben, ergab eine Nachfrage bei Malte Ruhnke von der den deutschen Vertrieb betreuenden Agentur. Im EL34-Modus sei es auch möglich, KT66-, KT77- oder 6CA7-Röhren einzusetzen.

Ab Werk kommt der Röhrenvollverstärker mit vier KT88 in Push-Pull-Anordnung, die 2 x 50 Watt im Ultralinear-Betrieb sowie 2 x 28 Watt im Trioden-Modus leisten (mehr zu den klanglichen Unterschieden später). Der Schalter zum Umschalten zwischen den beiden Betriebsarten befindet sich auf der Oberseite des Cayin Jazz 90 – auf der Fernbedienung (wie bei meinem PrimaLuna) hätte ich ihn besser und praxisgerechter gefunden. Man darf dabei allerdings nicht vergessen, dass der PrimaLuna fast 2.000 Euro mehr kostet. An der Verarbeitung gibt es bei beiden nichts auszusetzen.
Bluetooth: Chip, Chip, hurra!
Was der Jazz 90 seinem PrimaLuna-Konkurrenten allerdings voraus hat, ist die Bluetooth-5.1-Funktion, die auch der kleinere, unter ihm positionierte Cayin Jazz 80 (ab 1.998 Euro) bietet. Ein ziemlich cooles Feature für einen Röhrenverstärker, das Tradition mit Moderne verbindet und auch High-Res-Codecs wie LDAC und aptX H ermöglicht. Man muss dafür nur hinten die kleine Antenne anschrauben sowie Verstärker und Smartphone/Tablet miteinander verbinden – die Wandlung übernimmt dann ein ESS-ES9018K2M-DAC-Chip. In der Praxis funktioniert das leicht und zuverlässig.

Klassisch beröhrt
In der Vorstufensektion geht es mit zwei 12AX7/ECC83-Eingangsröhren und zwei 6SN7-Treiberröhren eher klassisch zu. Der Verstärker verfügt über eine Bias-Monitoring-Indicator-Schaltung (BMI), die die Funktion der Röhren überwacht. Bewegt sich eine außerhalb des zulässigen Bereichs, versetzt die Schaltung den Verstärker automatisch in einen Schutzmodus, um größere Schäden zu verhindern. Dann heißt es: Röhrenwechsel. Aber keine Angst, Cayin bietet auf seiner Shop-Webseite genügend passende Ersatzröhren an.
Everybody’s Darling?
Im Vergleich zum Cayin Jazz 80 bietet der Jazz 90 eine aufwendigere Treiberstufe, optimierte Übertrager sowie mehr Leistung (2 x 50 Watt gegenüber 2 x 36 Watt), was zu mehr Stabilität und Souveränität führen soll. „Der Jazz 90 wendet sich besonders an diejenigen, die explizit einen Röhrenverstärker mit einem klassischen HiFi-Lautsprecher kombinieren wollen, also nicht nur mit Horn-, Breitbänder-, Hochwirkungsgrad-, oder Hochohm-Modellen“, sagt Malte Ruhnke. Er empfiehlt ihn für Röhren-Einsteiger, „die möglichst wenig Probleme und Unsicherheit haben wollen“, so Ruhnke. „Der Cayin Jazz 100 ist als Single-Ended-Triode komplett anders positioniert und bleibt bei Leistung, Stabilität und Alltagstauglichkeit hinter dem Jazz 90 zurück. Er ist eher was für Röhren-Kenner.“
Phono-MM: Vinyl-Genuss

Auf der Rückseite stehen zwei RCA-Anschlüsse für CD-Player, Streamer & Co. sowie eine Phono-MM-Schnittstelle bereit. Letztere hat er dem kleineren Cayin Jazz 80 voraus, ebenso wie den Sub-Out-Ausgang, mit dem man einen Subwoofer ins Spiel bringen kann. Der Cayin Jazz 90 spricht somit eine breite Zielgruppe an, die von Bluetooth-Streaming bis hin zu Vinyl-Genuss reicht. Beim Anschluss der Lautsprecher wählen Besitzer entweder die Vier-Ohm- oder Acht-Ohm-Klemmen, wobei Probieren über Studieren geht. An acht Ohm klingt es in der Regel etwas druckvoller, bei vier Ohm etwas kontrollierter und ausgewogener, aber das ist nicht in Stein gemeißelt und hängt stark vom Schallwandler ab. In Kombination mit der im Hörtest besonders oft verwendeten Canton Reference 7 (6.000 Euro pro Paar) erwies sich die Vier-Ohm-Variante als stimmiger. Ach ja: Rechts vorne neben dem Lautstärkeregler befindet sich eine 6,3-mm-Kopfhörerklinkenbuchse, deren Qualität später im Hörtest Erwähnung findet und laut Cayin „praktisch alle handelsüblichen Kopfhörer“ antreiben könne. So etwas wie einen Stand-by-Schalter gibt es hingegen nicht.
Cayin Jazz 90: Klangtest & Vergleiche
Eine Vorabbemerkung: Die folgenden Klangeindrücke beziehen sich ausschließlich auf den stärkeren Ultralinear-Modus mit den serienmäßig verbauten KT88-Röhen, der wesentlich zupackender und weitläufiger als der Trioden-Modus klingt. Letzterer verkleinert die Bühne und wirkt dadurch intimer, außerdem verpasst er dem Sound eine süßlichere, wärmere Note mit weniger Nachdruck. Das kann sich bei kleinen Jazz- oder Klassikensembles als vorteilhaft erweisen, entspricht aber nicht meinen Hörgewohnheiten. Trotzdem schön, dass jeder eine Wahlmöglichkeit hat.
Hubschrauberflug am blauen Montag

Erste Feststellung nach einer gewissen Akklimatisierungszeit: Mich überrascht, dass der Cayin Jazz 90 mit seinen 2 x 50 Watt in dieser Konfiguration etwas weicher und weniger zupackend klingt als mein PrimaLuna EVO 300 mit 2 x 42 Watt – ich hatte es eher umgekehrt vermutet. Schließlich gelten KT88-Endröhren als dynamischer als die EL34-Leistungsröhren, die serienmäßig im PrimaLuna sitzen. Vor allem in grobdynamischer Hinsicht wirkt der Cayin Jazz 90 etwas runder und nicht ganz so angriffslustig wie sein niederländischer Konkurrent. Das zeigt sich um Beispiel bei Orgys Coverversion des New-Order-Hits „Blue Monday“, der in der Version der US-Amerikaner eine fette Industrial-Rock-Schlagseite bekommt und zum Refrain hin heftig losdonnert. Das klingt mit dem Cayin Jazz 90 etwas weniger kompromisslos und zackig, aber keineswegs weichgespült oder soft. Grobdynamisch wählt der Chinese also einen Mittelweg zwischen Tempo/Attacke und Fluss, der vielen Hörertypen bestimmt entgegenkommen wird.
In puncto Feindynamik schwingt das Pendel hingegen leicht in Richtung Attacke. „Helicopter“ vom legendären Bloc-Party-Debütalbum Silent Alarm (2005) besticht durch feine Gitarrenarbeit und scharf umrissene Hi-Hat-Impulse, die sich prima fürs Beurteilen feiner Mikroimpulse eignen. Der rasante Post-Punk-Song definiert sich weniger über große Makrodynamik, sondern über kleine, schnelle Pegelabstufungen. Hier kommt die Hi-Hat von Drummer Matt Tong zum Beispiel etwas klarer und schneller rüber als mit dem kleineren Cayin Jazz 80 oder dem deutlich teureren VTL-IT 85 (mittlerweile 9.750 Euro). Der Jazz 90 verschleift feine Pegelunterschiede kaum bis gar nicht und zeichnet sie zeitlich spurtreu nach. Hier ähnelt er eher dem PrimaLuna EVO 300.

Samt statt Stahl

Diese Beschreibung passt auch gut zum Bass, der tief nach unten reicht, aber nicht auf ultimativen Tiefgang gezüchtet ist. Der Chinese findet mit der KT88-Bestückung im Ultralinear-Modus einen feinen Kompromiss zwischen Volumen/Tiefgang einerseits sowie Präzision und Tempo andererseits. Er spielt hier also ziemlich neutral, ohne irgendwas zu stark zu betonen oder zu vergessen. Im Vergleich mit dem kleineren Cayin Jazz 80 und auch dem VTL IT-85 wirkt er zwar nicht tiefer, aber doch etwas zupackender und durchtrainierter mit minimal mehr Konturen.

Ein gutes Beispiel dafür liefern die US-amerikanischen Dark-Waver Soft Kill, die auch Indie-, Shoegaze- und Post-Punk-Einflüsse in ihren Sound einfließen lassen. „Michigan City Blues“ vom 2025er-Album Watch It Burn weist beispielsweise einen ziemlich verspielten, präzisen Bass auf, dem man als Hörer gerne folgt. Der Jazz 90 stellt ihn stets nachvollziehbar, detailreich und mitreißend dar – Füße wippen mit, Applaus!
Wohltemperiert statt weichgespült
Im Mittenbereich rücken Stimmen hörbar ins Zentrum des Klanggeschehens und geraten etwas gehaltvoller. Ein kleiner, aber doch hörbarer Pegelvorteil, der ihnen mehr Sonorität verleiht. Der Chinese zeichnet Vocals mit satten Klangfarben, ohne in die Rolle eines wirklichen Weichzeichners zu verfallen. Prima nachvollziehen lässt sich das bei „Rolling In The Deep“ von Adele (Album: 21). Die kraftvolle Stimme der Britin lebt stark von den oberen Mitten, wo ihre typische Rauigkeit und die energiereichen Konsonanten liegen. Über den Jazz 90 steht ihr Organ etwas subtanzieller im Raum als bei einem streng neutralen Gerät. Wer schöne Stimmen liebt, kann sich bestimmt schnell eine Liebesbeziehung mit diesem Röhrenverstärker vorstellen. Hier kann er mit dem PrimaLuna EVO 300 locker mithalten, lediglich der VTL-IT 85 zeigte für meine Ohren noch schönere Klangfarben.

Der Jazz 90 klingt insgesamt weniger nüchtern als viele Transistorkollegen, driftet dabei aber tonal nur minimal ins Warme ab, was in erster Linie an den KT88-Röhren liegen dürfte. Diesen wird ja weniger Samt und Romantik als beispielsweise den EL34-Kollegen nachgesagt. Für Hörer, die es wärmer mögen, gibt es aber noch den Trioden-Modus, der allerdings auch mit einer kleineren Bühne einhergeht. Bei der Gesamttonalität agiert der VTL IT-85 noch eine Spur wärmer und fließender als der Cayin Jazz 90.
Zwischen Mikrodetail und Raumgefühl
Schauen wir uns diese Auflösungsfähigkeiten des Cayin Jazz 90 mit „Holocene“ von Bon Iver an. Das Stück eignet sich hervorragend dazu, die Detailauflösung einer Komponente zu beurteilen, da es von vielen kleinen Details und Mikroinformationen lebt. Klingt es einfach nur angenehm – oder wirklich differenziert? Justin Vernons Falsettstimme wirkt mit unserem Testkandidaten schön definiert, auch Atemgeräusche und leise Artikulationsdetails verschluckt er nicht. Ein weniger auflösender Verstärker lässt die Stimme weicher und konturloser erscheinen. Außerdem zeichnet der Jazz 90 das Ausklingen der gezupften Akustikgitarre sehr schön nach, wobei die Saitenanschläge sauber voneinander getrennt erscheinen. Für ein 3.000-Euro-Röhrengerät reicht der Chinese in dieser Hinsicht über seine Preisklasse hinaus. Chapeau!

Seine räumlichen Fähigkeiten entsprechen hingegen ungefähr seiner Preisliga. Die Bühne ist nicht riesig und reicht seitlich ein Stückchen über die Lautsprecher hinaus. Im Vergleich mit dem kleinen Cayin Jazz 80 dehnt sie sich in dieser Hinsicht minimal weiter aus. Auch die Ausdehnung nach vorne bietet keine großen Überraschungen, die Wiedergabe startet auf Höhe der Lautsprecherbasislinie und erstreckt sich weder aggressiv noch zurückhaltend zum Hörplatz hin.
Bei Tiefenstaffelung und Ortungsschärfe hinterlässt der Chinese einen guten Eindruck, wie zum Beispiel „Hey Now“ von London Grammar zeigt. Bei der Eröffnungsnummer des 2013er-Debütalbums If You Wait steht die wundervolle Stimme von Hannah Reid weiter vorne im Raum, während sich der Bass eher im Hintergrund hält. Der Cayin Jazz 90 arbeitet diese unterschiedlichen Ebenen fein, aber nicht ultrafein heraus. Beim meinem PrimaLuna EVO 300 ist die räumliche Unterscheidung beispielsweise noch etwas deutlicher ausgeprägt. In puncto Plastizität zeigt das London-Grammer-Beispiel, dass der Verstärker einzelne Instrumente und die Stimme von Reid schön greifbar und dreidimensional abbildet, wenngleich hier noch etwas Luft nach oben bleibt, wie etwa mein McIntosh MA8950 AC unterstreicht. Aber der kostet ja auch mehr als das Vierfache.
Phono-, Bluetooth- und Kopfhörer-Klang

Lassen Sie mich noch ein paar Worte über die Phono-MM- und Bluetooth-Wiedergabe verlieren: Der Phonozweig, den der Cayin Jazz 90 dem Jazz 80 voraushat, wird qualitativ der Preisklasse des Verstärkers gerecht und liefert auch anständig Pegel. Ich musste nach dem Anschluss meines Plattenspielers (Thorens TD1500 mit Ortofon 2M Black) nicht stark aufdrehen, um auf Zimmerlautstärke oder darüber zu kommen. Klanglich fügt er den bisherigen Soundbeschreibungen noch einen kleinen Schluss Wärme hinzu. Auch an der Bluetooth-Funktion gibt es nichts zu meckern: Die Tidal-Zuspielung vom Tablet aus klingt sauber, hochaufgelöst und erstaunlich gut – das kommt fast an die Zuspielung per CD heran und klingt lediglich minimal nüchterner. Man muss die Lautstärke zudem etwas höher einstellen, was aber nicht weiter stört. Meine Kopfhörer (HifiMan Arya und Focal Clear MG) treibt er mühelos an und zeigt dabei die in diesem Testbericht herausgearbeiteten Klangeindrücke.
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