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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Kunst & Kraft
  2. 2 Cayin HA-300MK2: Klangtest & Vergleiche

Große Kopfhörerverstärker, die mit alten, direkt geheizten Trioden arbeiten, scheinen mir so ein asiatisches Ding zu sein. Zumindest stammten die meisten Exemplare dieser Art, die mir bisher untergekommen sind, aus dem Fernen Osten. Die hierzulande bereits seit den 90er-Jahren von Thomas Deyerling aus dem Taunus betreute chinesische Manufaktur Cayin (https://cayin.com/) hat ihre Interpretation des Themas kürzlich in einer überarbeiteten Version vorgestellt: Voilá, der Cayin HA-300MK2 (5.480 Euro) – ein aufwändig gemachter Kopfhörerverstärker inklusive externen Netzteils, der mit dem „Röhrenklassiker‟ 300B arbeitet und der auch als puristischer Vollverstärker eingesetzt werden kann. Ein besonderes Merkmal ist das aufwändige, in einem eigenen Gehäuse untergebrachte Netzteil mit Röhrengleichrichtung.

Röhren sind Kopfsache …

Dass Röhren und Kopfhörer gut zusammenpassen, unterschreibe ich sofort. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Rein technisch bekommt es Röhrenverstärkern, die naturgemäß Spannungen verstärken, gut, wenn sie hochohmige Lasten treiben dürfen. Das sind Kopfhörer im Vergleich zu Lautsprechern meistens.

Der Cayin HA-300MK2 und sein ausgelagertes Netzteil mit Röhrengleichrichtung

Der 300B-bestückte Cayin HA-300MK2 und sein ausgelagertes Netzteil mit Röhrengleichrichtung

Klanglich kommt mir ein „weicher‟ Röhrenklang über Kopfhörer entgegen. Denn während der Schall bei der Lautsprecherwiedergabe auf dem Weg von den Lautsprechern zu den Ohren noch verändert und angereichert wird – etwa durch im Raum reflektierte Schallanteile und natürliche Resonanzen, die von Möbeln und anderen Einrichtungsgegenständen ausgehen – trifft er bei der Kopfhörerwiedergabe sehr unmittelbar auf die Ohren. Im Fall von In-Ears wird sogar das komplette Außenohr und sein Einfluss auf den Klang ausgelassen. Hier liegt die Schallaustrittsöffnung direkt vor dem Trommelfell. Diese ungewohnte Unmittelbarkeit empfinden viele Hörer als hart und unnatürlich. Röhren haben oft das Talent, das Ganze etwas abzumildern und die Musik per Kopfhörer eingängiger zu machen. Alten, direkt geheizten Trioden wie der legendären 300B oder manchmal sogar der noch älteren 2B3 wird dabei eine besonders musikalische Performance nachgesagt.

Es scheint ein Sport besonders unter asiatischen Firmen zu sein, Kopfhörerverstärker mit solchen Röhren zu bauen und dabei die klangliche Performance auf die Spitze zu treiben. Ein extremes Beispiel ist etwa der Fostex HP-V8, der, wenn überhaupt, aktuell für um die 15.000 Euro zu haben ist. Ganz zu schweigen von Exoten wie dem Hifiman Shangri La, bei dem vier 300B für die Versorgung des elektrostatischen Kopfhörers sorgen und der im Preisbereich eines gut ausgestatteten Oberklasse-Autos liegt.

Symmetrische und unsymmetrische Ansteuerung

Der Cayin HA-300MK2 bietet Kopfhörern sowohl unsymmetrischen als auch symmetrischen Anschluss

Der Cayin HA-300MK2 bietet Kopfhörern sowohl unsymmetrischen als auch symmetrischen Anschluss

Angesichts solcher Preisgefilde muten die 5.480 Euro, die Cayin aktuell für den HA-300MK2 aufruft, regelrecht preiswert an. Vor allem, da der HA-300MK2 den Kopfhörerenthusiasten einiges bietet. Auf der Front finden sich drei Kopfhöreranschlüsse – eine 6,3-mm-Klinkenbuchse, ein 4,4-mm-Pentacon-Anschluss und ein 4-Pol-XLR-Anschluss. Damit hat man neben dem üblichen unsymmetrischen Standard-Anschluss zwei zusätzliche Möglichkeiten, Kopfhörer auch symmetrisch am HA-300MK2 zu betreiben. Zum Umschalten zwischen den verschiedenen Eingängen dient ein kleiner Kippschalter über den Eingängen.

Als Leistungsröhren kommen zwei selektierte Gold Lion Genelex PX300B zum Einsatz. Jede der wunderschönen, direkt geheizten Trioden arbeitet kanalweise in einer Single-Ended-Class-A-Schaltung. Wenn Sie gerne mehr über die 300B-Röhren und die Schaltung lesen möchten, verweise ich an dieser Stelle auf meinen Test des Röhren-Vollverstärkers Cayin CS-300A.

Der Cayin HA-300MK2 mit aufgesetztem Schutzgitter

Der Cayin HA-300MK2 mit aufgesetztem Schutzgitter

Die Single-Ended-Class-A-Schaltung des Cayin HA-300MK2 arbeitet unsymmetrisch. Um daraus ein symmetrisches Signal für die entsprechenden Kopfhöreranschlüsse zu machen, nutzt Cayin eine alte Methode aus der Studiotechnik: Das unsymmetrische Signal wird mithilfe der Übertrager symmetriert. Übertrager benötigen die meisten mit Röhren aufgebauten Leistungsverstärker. Sie dienen üblicherweise dazu, die Impedanz des hochohmigen Ausgangs der Röhrenschaltung an die vergleichsweise niedrige Impedanz der zu treibenden Last – Lautsprecher oder Kopfhörer – anzupassen.

Ein eigener Übertrager für jeden Ausgang – die Kopfhörerverstärkung des Cayin HA-300MK2

Cayin verfügt über rund 30 Jahre Erfahrung im Bau von Röhrenverstärkern und hat in dieser Zeit eine ausgesprochene Expertise im Wickeln und Entwickeln von Übertragern aufgebaut. Mit den für den HA-300MK2 gebauten Übertragen haben die Chinesen definitiv Meisterstücke abgeliefert. Jeder Kopfhöreranschluss wird hier von separaten Wicklungen der Ausgangsübertrager versorgt: Neben dem unsymmetrischen 6,3-Millimeter-Anschluss gilt das ebenfalls für die beiden symmetrischen Kopfhörerausgänge, deren Übertrager-Wicklungen das Signal gleichzeitig symmetrieren.

Der Cayin HA-300MK2 von vorne

Die Kopfhöreranschlüsse des Cayin HA-300MK2 werden von separaten Wicklungen der Ausgangsübertrager versorgt

Während der XLR-Ausgang mit der kompletten Leistung versorgt wird, arbeitet der 4,4-Millimeter-Pentconn-Anschluss mit zurückgenommener Leistung. Die Überlegung dahinter ist, dass man den 4,4-Millimeter-Pentconn-Stecker häufig an Kopfhörern findet, die für den mobilen Einsatz gedacht sind. Die weisen meist eine niedrige Impedanz und einen hohen Wirkungsgrad auf, damit sie an mobilen Geräten ausreichend Pegel liefern. Der Cayin HA-300MK2 verfügt dagegen über Leistung im Überfluss. Diese Leistung gezielt zu reduzieren, hat den Vorteil, dass man den Regelbereich des Lautstärkereglers besser nutzen kann. Dazu kommt ein geringeres Grundrauschen, da mit dem Verstärkungsfaktor auch das Störgeräuschniveau niedriger ausfällt.

Anpassung an verschiedene Kopfhörerimpedanzen

Der Impedanzwahlschalter des Cayin HA-300MK2

Der Impedanzwahlschalter des Cayin HA-300MK2 bietet drei verschiedene Level

Doch das ist noch nicht alles. Die Kopfhörerausgänge lassen sich zudem in drei Stufen an Kopfhörer verschiedener Impedanzen anpassen. „Low“ empfiehlt Cayin für unsymmetrische Kopfhörer zwischen acht und 64 Ohm und für symmetrische bis zu 32 Ohm. Medium sei optimal für 65 bis 250 Ohm beziehungsweise bis zu 64 Ohm – und High für 251 bis 600 Ohm und 300 Ohm. Damit deckt Cayin so gut wie alles ab, was es aktuell an Kopfhörern gibt. Hinsichtlich des geeigneten Impedanzbereichs gibt man sich jedoch entspannt. Liegt der Kopfhörer im jeweiligen Zielgebiet, ergibt sich ein lineares Übertragungsverhalten. Mit zunehmender „Fehlanpassung‟ kommt es zu Unlinearitäten im Frequenzgang, die man aber durchaus nutzen darf, wenn einem der Klang so besser gefällt. Schaden nehmen dadurch weder Kopfhörer noch Cayin-Verstärker.

Kann auch Lautsprecher – der Cayin HA-300MK2

Die Rückseite des Cayin HA-300MK2 mit Anschlüssen

Der Cayin HA-300MK2 nimmt auch Lautsprecher an die Leine

Auch wenn eine 300B im Single-Ended-Class-A-Betrieb kein Leistungswunder ist, sind ihre acht Watt so üppig, dass man durchaus auf den Gedanken kommen kann, einen Lautsprecher damit zu betreiben. 300-B-Verstärker haben eine treue Fangemeinde, die Cayin unter anderem mit dem bereits erwähnten Vollverstärker CS-300A bedient. Und auch dem HA-300MK2 hat Cayin die Möglichkeit spendiert, ein Paar Lautsprecher anzuschließen. Dabei hat Cayin den Aufwand jedoch begrenzt – die Möglichkeit, den Verstärker an die Impedanz der Lautsprecher anzupassen, wie das der oben erwähnte CS-300A bietet, gibt es beim HA-300MK2 nicht. Meine wirkungsgradstarken Horns FP12 (93 dB/W/m) eignen sich erfahrungsgemäß sehr gut zum Betrieb an leistungsschwachen Röhren, sodass der Cayin HA-300MK2 hier später zeigen darf, was er drauf hat.

Schnell erledigt: die Eingänge des Cayin HA-300MK2

Die Cinch- und XLR-Eingänge des Cayin HA-300MK2

Der Cayin HA-300MK2 gewährt per Cinch und XLR Eingang

Kommen wir zu den Eingängen. Das Thema ist vergleichsweise schnell erledigt, denn es gibt lediglich die Wahl, per Cinch ein unsymmetrisches Quellgerät und per XLR ein symmetrisches Quellgerät an den Cayin HA-300MK2 anzuschließen. Auch hier gibt es auf der Front einen Schalter, um zwischen den beiden Eingängen zu switchen. Wer mit zwei Eingängen auskommt, was bei mir mit einem DAC und einem Phono-Pre der Fall ist, und wer sorgfältig geeignete Lautsprecher aussucht, kann den HA-300MK2 mithin als zentralen Vollverstärker seiner Anlage einsetzen.

Ein eigenes Kraftwerk

Das externe Netzteil des Cayin HA-300MK2 mit vier Röhren des Typs RCA 22DE4 aus NOS-Beständen

Das externe Netzteil des Cayin HA-300MK2 mit vier Röhren des Typs RCA 22DE4 aus NOS-Beständen

Ein eigenes Thema ist das Netzteil des Cayin HA-300MK2, das getrennt von der eigentlichen Verstärkerschaltung in einem eigenen Gehäuse residiert. Gerade bei Röhrenkopfhörerverstärkern ist es sinnvoll, das Netzteil auszulagern, denn die aufwändigen Trafos, die die hohen Spannungen, die Röhren zur Arbeit benötigen, bereitstellen, neigen zum Brummen. Brumm kann beim Hören über Kopfhörer in zweifacher Hinsicht nerven. Zum einen nimmt man Rauschen oder Brumm, der sich in das Signal einschleicht, über Kopfhörer meist störender wahr als über Lautsprecher. Zum andern gibt es den mechanischen Brumm, der etwa bei einem hohen Gleichstromanteil in der Netzspannung entsteht: Da man an einem Kopfhörerverstärker meist näher dran sitzt als an einem Verstärker, der Lautsprecher versorgt, hört man das natürlich auch unmittelbar stärker.

Das externe Netzteil ist also eine feine Sache, von mir aus könnte lediglich das 60 Zentimeter lange, mit eindrucksvollen Steckern aus der Luftfahrtindustrie bestückte Kabel, das die Verbindung zwischen Netzteil und Verstärker übernimmt, noch etwas länger ausfallen. Dann könnte man das Netzteil nämlich wirklich weit entfernt vom Verstärker aufstellen.

Das Netzteil des Cayin HA-300MK2 mit Schutzgitter

Die Röhren des Netzteils des Cayin HA-300MK2 lassen sich ebenfalls mit einem Gitter schützen

Was andererseits schade wäre, denn Cayin setzt auf eine aufwändige Röhrengleichrichtung – hier kommen vier Röhren des Typs RCA 22DE4 aus NOS-Beständen (New Old Stock = unbenutzte Röhren aus alter Produktion) zum Einsatz. Mit seinen hell leuchtenden Röhren möchte man das Netzteil nur ungern verstecken. Und gut zugänglich sollte man es sowieso aufstellen, denn der Einschaltknopf für den Verstärker befindet sich vorne am Netzteil.

Piekfeiner Look: das Äußere des Cayin HA-300MK2

Cayin HA-300MK2

Bevor es ans Hören geht, noch einen Anmerkung in Sachen Sehen: Der Cayin HA-300MK2 ist piekfein verarbeitet und schön gestaltet. Die dicke, halbhohe Alu-Front gibt es wahlweise in Schwarz oder Silber. Zum Lieferumfang gehören solide gemachte Röhrenkäfige, in die man die Röhren bei Bedarf „einsperren“ und so vor unsachgemäßer Handhabung durch Kinder oder Haustiere schützen kann. Gehäuse und Trafo-Kappen sind sorgfältig lackiert. Eine Show sind die beiden wunderschönen, analogen VU-Meter auf der Front des Verstärkers. Im Kopfhörerbetrieb besteht zwar aufgrund der enormen Leistungsreserven des Cayin HA-300MK2 kaum jemals die Gefahr, ihn zu übersteuern, im Lautsprecherbetrieb sieht die Sache dagegen schon anders aus.

Cayin HA-300MK2: Klangtest & Vergleiche

Zum Hörtest habe ich verschiedene Kopfhörer versammelt, an denen sich der Cayin HA-300MK2 beweisen darf: den offen konstruierten Austrian Audio Hi-X65 (370 Euro), meinen aktuellen Lieblingskopfhörer, der es hinsichtlich Neutralität, Auflösungsvermögen und Dynamik mit mehrfach teureren Mitbewerbern aufnehmen kann; den ebenfalls offenen Sennheiser HD660S (600 Euro), der im Gegensatz zum Austrian Audio für den Heimgebrauch ausgelegt ist und der dank austauschbarer Kabel auch symmetrisch angeschlossen werden kann; den Campfire Equinox (1.600 Euro), einen geschlossenen Custom In Ear Monitor (Custom IEM), der nach Abformungen meiner Gehörgänge maßgefertigt wurde und der im Gegensatz zu den meisten IEMs nicht mit mehreren Balanced-Armature-Treibern (BAT) bestückt ist, sondern mit einem konventionellen dynamischen Treiber mit Beryllium-Membran arbeitet sowie den geschlossenen Studiomonitor Pioneer SE Monitor5 (1.000 Euro).

Der Cayin HA-300MK2 im Rack mit verschiedenen Kopfhörern

Der Cayin HA-300MK2 im Rack

Generös: die räumliche Abbildung

Was mir beim Hören mit dem Cayin HA-300MK2 als erstes auffällt ist, dass er vergleichsweise großzügig abbildet. Die typische „Räumlichkeit‟ von Kopfhörern, die „Im-Kopf-Ortung‟, vermag natürlich auch er nicht aufzuheben, doch entsteht viel Luft zwischen den einzelnen Klangquellen. Sänger, Instrumente oder auch künstliche Sounds scheinen im Kopf mehr Platz zu haben als ich das sonst über die verschiedenen Kopfhörer gewohnt bin. Die Klangquellen selber werden dabei nicht vergrößert dargestellt, sondern kompakt definiert und sehr eindeutig abgebildet. Diese Eigenschaft fällt (und gefällt) mir ganz besonders im Zusammenspiel mit dem Pioneer SE Monitor5. Der bildet das Geschehen, wie die meisten geschlossenen Over-Ears, generell eher dicht am Kopf ab. Hier gibt es üblicherweise mächtig und unmittelbar eins auf die Ohren. Dem Cayin HA-300MK2 gelingt es, mehr Distanz zu schaffen, was ich als sehr angenehm empfinde. Doch auch im Zusammenspiel mit den anderen Kopfhörern kommt diese Großzügigkeit gut. Die etwas nähere, unmittelbarere Wiedergabe etwa eines SPL Phonitor xe (2.800 Euro) ohne aktivierte Phonitor Matrix hat natürlich auch etwas für sich – das ist Geschmackssache und der Cayin zielt auf Hörer, die es etwas weiträumiger mögen.

Basssubstanz & Kontrolle

Motomani RosalíaAuf der Suche nach neuem Stoff, der Spaß macht, lande ich beim Album Motomani der spanischen Pop- und Flamencosängerin Rosalía (auf Amazon anhören). Die Dame kombiniert gekonnt Rap mit Latino-Pop, teilweise etwas gewöhnungsbedürftig, aber auf jeden Fall abwechslungsreich und mutig. Über die Kombination mit dem Campfire Equinox klingt Frau Rosalía Vila Tobella frisch und ausdrucksstark. Das eingängige „Despachá‟ knallt mit tiefen Bässen, knackigen Impulsen und der recht stark im Vordergrund stehenden Stimme in meine Gehörgänge. Die Bässe kommen angenehm substanziell, wobei der Cayin die Zügel eher etwas lockererer zu lassen scheint, als ultrahart zu kontrollieren. Das ufert allerdings nicht aus, sondern setzt einfach einen anderen Akzent, den viele Hörer an solchen Amps ja genau so lieben. Wer einen moderneren Bass goutiert, sollte dann generell eher nicht zu Kopfhörerverstärkern mit alten Trioden und Single-Ended-Class-A greifen, sondern zu solchen mit Push-Pull-Schaltungen wie etwa dem MalValve Headamp Three (6.250 Euro) mit seinen vier 6V6-Beam-Power-Tetroden.

Prägnant farbig und ein deutliches „Mehr‟

Der Cayin HA-300MK2 von der Seite

Da der Cayin HA-300MK2 den benachbarten Grundton nicht andickt, ja, vielleicht sogar ein bisschen schlanker hält, und zudem einen frischeren Präsenzbereich abliefert – eigentlich eher untypisch für Röhrenverstärker –, resultieren eine besondere Akzentuiertheit und angenehme Weite, wie sie vor kurzem auch der für Lautsprecher zuständige Röhrenvollverstärker Audio Note Cobra gezeigt hat. Die Wiedergabe von Stimmen mutet wunderbar prägnant und ausdrucksstark an.

Die klaren, reichen Klangfarben des Cayin HA-300MK2 und vor allem seine knackige, unmittelbare Dynamik – eine weitere Stärke – kommen nicht zuletzt am exakten Austrian Audio sehr schön zu Geltung. Mit Blick auf den Sennheiser HD660S toppt insbesondere der symmetrische Betrieb am Cayin alles, was ich bisher vom HD660S kannte. Der Bass gewinnt unglaublich. Kontrolle und Präzision – in allen Aspekten gibt es ein deutliches „Mehr‟ gegenüber dem unsymmetrischen Betrieb, das beeindruckend ist. Zudem wird der HD660S in anderen Disziplinen wie Hochtonklarheit oder Stimmplastizität und -facettenreichtum mindestens zwei Klassen nach oben katapultiert.

Die Netzteilverbindung des Cayin HA-300MK2

Die Netzteilverbindung des Cayin HA-300MK2

„Ganz vielleicht‟ könnte hier der EternalArts OTL-Kopfhörerverstärker KHV (ehemals rund 3.000 Euro) noch mithalten, aber der wurde im Prinzip speziell für den Sennheiser HD600 (400 Euro) gemacht, der quasi ein Vorgänger des HD660S ist. Insofern ist es fraglich, ob der EternalArts mit anderen Kopfhörern ebenso gut zusammen spielt, was angesichts seiner OTL-Schaltung eher unwahrscheinlich ist.

Kopfhörerimpedanzen und Einstellungen am Cayin HA-300MK2

Ein schönes Beispiel dafür, dass die oben beschriebenen Impedanz-Einstellungsempfehlungen eher grobe Richtwerte sind, liefert der Pioneer SE Monitor5, der mit einer Impedanz von 40 Ohm eigentlich in der Einstellung für niedrige Impedanzen betrieben werden sollte. Gleichwohl gefällt mir die Einstellung für mittlere Impedanzen am besten. Hier stimmt die Anpassung formal vielleicht nicht hundertprozentig, dafür ergibt sich durch die „Fehlanpassung‟ eine dezente Portion mehr Bass, die dem in den tiefen Lagen etwas zurückhaltenden Pioneer zusätzlich auf die Sprünge hilft. Für die Betriebssicherheit der Geräte ist das wie gesagt vollkommen egal.

Seite und Rückseite des Cayin HA-300MK2

Apropos „Anpassungsmöglichkeiten“: Der Manley Laboratories The Absolute Headphone Amplifier (6.500 Euro) arbeitet mit im Vergleich zum Cayin-Verstärker modernen Röhren und lässt unterschiedliche Betriebsmodi zu, wodurch der Klang in einem weiten Bereich beeinflussbar ist. Allerdings lässt der Manley auch unsinnige Möglichkeiten zu, die den Klang verschlechtern bis inakzeptabel machen. Bei allen Möglichkeiten erreicht er in Sachen Weitläufigkeit und Air nicht ganz das Niveau des Cayin HA-300MK2 – mit dem man darüber hinaus keinen klanglichen Unsinn anstellen kann.

Obenrum üppig: der Hochton

Der Hochton des Cayin ist reich, aber nicht vorlaut. Höhen kommen kräftig und klar und haben Strahlkraft, nerven aber nicht. Wobei auch hier das gute Auflösungsvermögen das Seinige zur überzeugenden Performance beisteuert. Die bunten Klangfarben dürften ebenfalls zum Teil auf den angenehm üppigen Hochton zurückzuführen sein. Unter anderem der SPL Phonitor xe wirkt ganz, ganz oben etwas beschnittener, den allerfeinsten Obertönen spürt er nicht nach.

Cayin HA-300MK2

Auch im Vergleich zum „Quellgerät‟, dem RDM ADI-DAC2FS (1.300 Euro), öffnen sich die Höhen weiter – und die Bässe des Cayin wirken ebenfalls ausgebauter und substanzieller. Der Campfire Equinox zum Beispiel klingt am Cayin HA-300MK2 gleichzeitig offener und mächtiger, wobei weniger die analytischen Fähigkeiten des Kopfhörers ausgereizt werden als seine euphonischen. Einen Zug, den ich gerade im Fall von In-Ear-Monitoren als angenehm empfinde. IEMs spielen aufgrund der Tatsache, dass der Schall nur wenige Millimeter bis zu den Trommelfellen zurückzulegen hat, teilweise gnadenlos. Über den Cayin wird das ganze eingänglicher, aufgrund der größeren Breitbandigkeit aber definitiv nicht langweiliger.

Der Cayin HA-300MK2 im Lautsprecher-Betrieb

Zuletzt muss der Cayin HA-300MK2 natürlich noch zeigen, was er an Lautsprechern kann. Besonders spannend ist für mich, wie er im Vergleich zum 300B-Vollverstärker von Cayin, dem CS-300A klingt, den ich vor gut einem Jahr testen durfte. Und erwartungsgemäß gibt es einige Gemeinsamkeiten. So bietet auch der Cayin HA-300MK2 einen sehr angenehmen, „halbtrockenen‟ Bass, der wunderbar swingen kann. Wobei sich der Cayin HA-300MK2 hier als etwas zurückhaltender erweist als der CS-300A, der etwas schöner groovte und dabei trotzdem eine Nuance differenzierter spielte. Wobei das, was der HA-300MK2 hier macht, schön ins Ohr geht und die Unterschiede auch nicht wirklich gravierend sind.

Der Cayin HA-300MK2 mit Horns FP12

Cayin HA-300MK2 mit Horns FP12

Etwas anders verhalten sich die beiden Verstärker im Hochton. Hier macht der HA-300MK2 eine deutlichere Ansage, die er sich durchaus leisten kann, denn sein gutes Auflösungsvermögen sorgt dafür, dass echte Informationen vermittelt werden und es nicht zischelt oder ähnliches. Gemeinsam ist beiden Verstärkern die röhrentypische, ansatzlose Dynamik. Mit den großen Pappen und den Mittel-Hochton-Hörnern der Horns geht es unglaublich schnell, ansatzlos und mühelos zur Sache. Das macht Spaß, reißt mit, funktioniert mit entsprechend dynamischen Aufnahmen jeglicher Musikrichtungen hervorragend. Auch als Verstärker für Lautsprecher ist der Cayin HA-300MK2 also definitiv eine Empfehlung wert – solange die Lautsprecher über einen hohen Wirkungsgrad verfügen.

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Test: Cayin HA-300MK2 | Kopfhörer-Verstärker, Vollverstärker

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