Test: Canton GLE 100 S2 | Standlautsprecher
Die wollen doch nur das eine ...
von Michael Bruss
Im Test: Canton GLE 100 S2 - passive 3-Wege-Standlautsprecher
UVP zum Testzeitpunkt: 1.898
Wer hätte das gedacht? Es gibt sie noch, jene Lautsprecher, die immer nur das Eine wollen: gut klingen. Und sich im Grunde nicht die Bohne darum scheren, was Design-Pedanten zu sagen haben. Vorhang auf für die Canton GLE 100 S2 (1.898 Euro | https://www.canton.de/).
Es fällt einem nicht leicht, beim Anblick der Canton GLE 100 S2 (1.898 Euro) das Klischee vom Männer-Hifi zu vermeiden. Ziemlich groß, maximal rechteckig, mit preisklassenunüblich fetten Treibern und matt lackierter Frontplatte bestückt sowie ansonsten mit strapazierfähiger Vinylfolie überzogen (schwarz oder weiß, keinesfalls in Schöner-Wohnen-Farben). Ohne jegliche Verbeugung vor dem Lifestyle. Ich bin ehrlich: Beim Erstkontakt während des Auspackens war ich angesichts der, sagen wir mal, pragmatischen Anmutung der Lautsprecher fast ein wenig indigniert: Knapp 2.000 Euro und dann ein so rustikal folierter 1970er-Look? Doch bereits das stattliche Gewicht von 33 Kilogramm netto lenkt die Gedanken auf die technischen Werte. Und die können sich sehen lassen.

Im großen Stil …
Da wären zum einen die Basstreiber – ja, gleich zwei pro Kanal – der Canton GLE 100 S2 mit einem beachtlichen Durchmesser von jeweils 22 Zentimetern samt des Versprechens, sich ordentlich um die Luftverdrängung zu kümmern. Damit diese nicht nur im großen Stil, sondern auch möglichst präzise vonstattengeht, setzt Canton auf stattliche Antriebe und durchgehend konkave (also ohne Dustcap auskommende) Tieftönermembranen aus Aluminium und Titan. Aluminium deshalb, weil es bekanntermaßen steif und leicht ist. Titan deshalb, weil es die Resonanzfrequenzen der Membran in Bereiche verschiebt, die akustisch leichter kontrollierbar sind.
Das Ganze nennt Canton ATB – Aluminium-Titanium-Black: „Hier führen wir – wie auch bei der Variante ‚Aluminium-Titan-Graphit‘ – vor dem Eloxalprozess eine zusätzliche chemische Behandlung durch“, so Frank Goebl, Technical Director von Canton. Weiter erklärt er: „Das zugrunde liegende Prinzip ähnelt dem Oxidationsprozess, der bei der Herstellung von Aluminiumoxidkeramik zum Einsatz kommt: Die Oberflächenstruktur wird verändert, um die Steifigkeit zu erhöhen und gleichzeitig die Resonanzdämpfungseigenschaften zu verbessern. Diese Methode ist etwas weniger tiefgreifend und komplex als eine vollständige Oxidation, sodass wir sie als Zwischenstufe der Veredelung ansehen.“

Das Profil der „Wave“-Sicken der Tieftöner soll zudem Verzerrungen bei höheren Pegeln reduzieren, indem die Sicken größere lineare Auslenkungen ermöglichen und gleichzeitig die mechanische Kontrolle über die Membranen gegenüber klassischen Wulst-Sicken verbessern, so Canton. Auch die Körbe kommen mit einem gewissen Pfiff und bestehen aus einem Polycarbonat, das mit Glaskügelchen gefüllt ist. Diese Mischung soll bei hoher innerer Dämpfung sehr steif sein. Und nicht zuletzt ist die Spinnenkonstruktionen von den höherwertigen Canton-Produktreihen abgeleitet.
Überhang statt Überschwang
Den Hochton übernimmt eine 25-Millimeter-Kalotte, die das Membransystem nutzt, das Canton in den früheren Serien Reference-K- und Vento-Lautsprechern einsetzte. Die überarbeitete Kalotte besteht aus Aluminium und verfügt über eine Einzelspulenkonfiguration in Überhangbauweise, die zu einer reduzierten bewegten Masse und einem erhöhten linearen Hub führe, so die Hessen. Anstelle einer keramischen Veredelung weist die Kalotte eine schwarz eloxierte Oberfläche auf. Canton kombiniert diesen „AB“ getauften Hochtöner mit einem flachen Waveguide, der im Übernahmebereich für eine etwas stärker gerichtete Abstrahlung sorge und so die Übergabe an den Mitteltöner harmonisieren soll.

Laut Datenblatt reicht der Übertragungsbereich des Tweeters von 3,2 bis 40 Kilohertz, wobei der Resonanzbruch weit über den hörbaren Bereich hinaus verschoben sei, und zwar von etwa 21 kHz auf rund 29 kHz, so Canton. Neben der großen Bandbreite habe man bei der Entwicklung besonderes Augenmerk auf einen ausgedehnteren Dynamikbereich, ein verbessertes Einschwingverhalten sowie geringere Verzerrungen gelegt.
Size matters
Über dem Hochtöner sitzt ein 17,4-Zentimeter-Mitteltöner mit dem ATB-Materialverbund und der Wave-Sicke, die wie jeweils schon von den Tieftönern her kennen. Während der Hochtöner rückwärtig aufs selbe Volumen spielt wie die Bässe, hat Canton dem Mittentreiber ein mit 8,4 Litern relativ großes separates Volumen spendiert. Damit soll das natürliche akustische 12-dB-Hochpassverhalten der Mitteltöner-Einheit deutlich unter den vorgesehenen elektrischen Übergangsfrequenzpunkt von 190 Hz verlagert werden – und eine klar definierte 12-dB-Übergangsfrequenz zwischen Tief- und Mitteltontreiber resultieren.

Ich mag den „Größer-ist-besser“-Ansatz bei Mitteltönern, denn meiner Erfahrung nach können kleine Mitteltöner zwar oft mehr Transparenz und Präzision bieten, wirken aber dynamisch meist weniger frei und souverän. Kein Wunder, denn große Membranflächen bedeuten schlichtweg mehr Luftbewegung und damit weniger „Stress“ pro Chassis. Und weil der Antrieb des Mitteltöners offenbar ebenfalls recht mächtig dimensioniert ist, scheint zumindest ein Hauptanliegen des Designteams der GLE 100 S2 zu sein, eine saubere, verzerrungsarme Wiedergabe auch bei höheren dynamischen Belastungen zu gewährleisten.
Ungeniert voluminös
Was zu viel ist, ist auf keinen Fall zu wenig: Dieses Motto scheint nicht nur für die Treiber, sondern ebenso fürs Gehäuse der GLE 100 S2 zu gelten. Es ist satte 116 Zentimeter hoch, rund 40 Zentimeter tief, nach heutigen Maßstäben fast schon ungenierte 24 Zentimeter breit und mit 33 Kilogramm pro Stück alles andere als zweifelsfrei portabel. Ihren Teil zum Gewicht tragen (neben den schweren Antrieben der Treiber) bis zu 22 Millimeter dicke MDF-Platten bei. Um Gehäuseresonanzen zu minimieren, baute Canton überdies interne Verstrebungen ein.

Viel Volumen also – satte 68,7 Liter –, und das ermöglicht wiederum, dass die Tieftöner mit viel „Rückendeckung“ und entsprechendem Tiefgang arbeiten können. Laut Hersteller beginnt der nominelle Übertragungsbereich bei 20 Hertz, wobei der Minus-3-dB-Punkt im Freiraum (4Pi) bei 44,9 Hertz (-6 dB bei 36,6 Hz) und im Halbraum (2Pi) bei respektablen 30,8 Hertz (-6 dB bei 27,4 Hz) liege, also nah an der Helmholtz-Resonanz des Gehäuses, die Canton auf 32 Hz (Tuningfrequenz) abgestimmt habe. Im realen Hörraum mit Wandunterstützung dürften die theoretisch wahrnehmbaren untersten Frequenzen nahe an den angegebenen 20 Hz liegen. Wir werden hören.
Der schlicht ausgeführte Port mit kurzem Rohr (fast schon nur ein „Loch“) arbeitet nach hinten, was mir vor dem Test angesichts der Akustik meines Hörraumes und der üppigen Membranfläche ein wenig Bauchschmerzen bereitete. Schließlich erfordern solche Gegebenheiten meist einen großzügigen Abstand zur Rückwand, und meine Erfahrung mit Canton-Lautsprechern wie der kompakten A45 (1.300 Euro) ließ nicht darauf schließen, dass es hier anders sein würde. So kann man sich täuschen …

Maßkonfektion
Die Frequenzübergänge liegen bei 170 Hertz zwischen den Tieftönern und dem Mitteltöner (12 dB/Oktave) und bei 3200 Hertz zwischen dem Mitteltöner und dem Hochtöner (mit Linkwitz-Riley-Anpassung und 24 dB/Oktave). Damit übernimmt der Mitteltöner einen überdurchschnittlichen großen Arbeitsbereich. Auch hier bin ich gespannt, denn wenn ein Großteil des kritischen Mitteltonbandes aus einem einzigen Chassis strahlt, verspricht das zumindest in der Theorie eine schön homogene Stimmenwiedergabe. Nicht unerwähnt bleiben soll der Umstand, dass die Bauteile der Frequenzweiche größtenteils aus bipolaren Kondensatoren bestehen, die speziell für Canton entwickelt und hergestellt wurden. Ein Hinweis darauf, dass die die Hessen auf Qualität und maßgeschneiderte Lösungen setzen.
Letzte Vorüberlegungen …
Hinter der rustikalen Erscheinung steckt also ein offenbar konsequent auf technische Substanz ausgerichtetes Gesamtwerk ohne Schnickschnack. Mit großen Treibern in klassischer Dreiweg-Architektur und dem voluminösen Gehäuse versuchen die Canton GLE 100 S2 gar nicht erst, ihre Ambitionen zu verstecken. Dass diese Standlautsprecher laut und dynamisch spielen können, steht wohl außer Frage. Spannend ist, inwieweit sie auch die feinen Zwischentöne beherrschen. Hören wir rein.
Canton GLE 100 S2: Klangtest und Vergleiche

Also ab aufs Sofa mit der Frage: Welche Mucke würden Sie auflegen, um kindshohen Old-School-Standboxen mit insgesamt vier 20er-Bässen die ersten Töne zu entlocken? Techno? Rap, Metal? Rund 90,5 Dezibel Wirkungsgrad in Kombination mit der Belastbarkeit von 200 Watt deuten darauf hin, dass die GLE 100 S2 kein Kind von Traurigkeit ist, wenn es um Party und Pegel geht. Einerseits braucht sie nicht viel, um Pegel zu erzielen, andererseits lässt sie sich mit kräftigen Verstärkern problemlos ausreizen und dürfte sich auch in größeren Räumen wohlfühlen, also genau dort, wo viel Membranfläche und viel Gehäusevolumen ihren eigentlichen Sinn entfalten.
Raum + Information
Doch Apple Music hatte andere Pläne, nachdem ich die Canton ausgepackt und an meine Norma-Audio-REVO-Kombi angeschlossen hatte. Dominique Fils-Aimé und ihr neues Album My World is the Sun stehen ganz oben in der Empfehlungsliste. Nun gut, dann ab dafür. Und nichts, ich wiederhole, nichts hätte mich auf die ersten Eindrücke vorbereiten können, die diese schwarzen, aus den 1970er- oder 80er-Jahren wiedergeborenen Obelisken für mich bereithalten: Rauminformation, und zwar viel davon, und das auch noch kantenscharf. Schon das verrauschte Mono-Intro „Ma Mélodie“ scheint festgenagelt im Raum zwischen den Lautsprechern zu verharren. Körperhaft, deutlich, keine Spur von Vorhang oder Weichzeichner.

Und das setzt sich mit dem subtilen, von feingezeichneten Details durchwobenen „Sea of Clouds“ fort. Okay, ich hätte das so von Zwei-Wege-Kompakten dieser Preisklasse erwartet und kenne es auch von B&W 707 S3, Dynaudio Evoke 10 und Co. Aber doch nicht von einem Lautsprecher, der ganz offensichtlich für den Spaß am schieren Lautsein und an der körperlichen Manifestation von Schallenergie konzipiert zu sein scheint. Ach was, sein muss.
Aber dann poppt da eine Percussion hinter der in klarem Timbre gezeichneten Stimme auf, ein Glöckchen erklingt klar und hell rechts in der Halbtiefe, ein Didgeridoo knarzt erstaunlich differenziert links unten. In „Rhythm of nature“ verklingen die Hallfahnen eines stark elektronisch bearbeiteten Basses in den Tiefen des Raums hinter den Boxen, ebenso die verhallte Violine in „Deep Water““ von Rob Simonsen (Album: The Whale – Original Motion Picture Score). Das ist ganz großes Projektionskino und wäre auch mit ähnlich eingepreisten Zwei-Wege-Kompakten oder doppelt so teuren Standlautsprechern eine respektable Leistung.

Vor allem, weil die Bühnenposition variabel ist. Mit anspringendem Material wie AC/DCs „Thunderstruck“ schrumpft die Distanz vom Hörplatz zum Lautsprecher spontan zusammen – da steht Brian Johnson glasklar auf halber Distanz zur Nasenspitze des Hörers, während die Band knapp vor der Lautsprecherebene schwitzend rockt und die Schlagzeugbecken deutlich über der Box explodieren.
Einzige Einschränkung: Das Geschehen verbleibt zwischen den Boxen, und zwar weitestgehend in den beiden mittleren Viertelsegmenten der Basisbreite – es sei denn, der Toningenieur hat den Pan-Regler komplett auf eine Seite gezogen. Natürlich eingefangene Stimmen und akustische Instrumente wie das Cello von Anastasia Kobekina beim Spiel der Cello-Suite No. 1 in G Major von Johann Sebastian Bach erscheinen zudem etwas kleiner als in der Realität – zu den Gründen komme ich gleich. Dafür bleibt die Abbildung auch dann intakt und glaubwürdig, wenn man sich vom Sweet Spot entfernt.
Bass mit Contenance
Die nächste große Überraschung folgt dort, wo man eine gewisse Übertreibung befürchten könnte – angesichts der vier großflächigen Treiber, des reichlich vorhandenen Gehäusevolumens und des fast schon martialischen Erscheinungsbildes. Das schreit doch förmlich nach überbordender Bassfreude. Oder? Jein. Einerseits kann die Canton all das, was man ihr anzusehen glaubt. Andererseits geht sie mit diesen Talenten nicht per se hausieren, sondern agiert erstaunlich distinguiert. Selbst bei notorisch bassstarken Produktionen wie „Hey Now“ von London Grammar bleibt das Tieftonfundament absolut betrachtet „nur“ gut austariert.

Preisklassenbezogen gerät es in so gut wie allen Belangen und in der Gesamtheit seiner Eigenschaften außerordentlich: Sehr tief reicht es, satt und druckvoll wirkt es ebenfalls, der Bass besitzt Substanz und wirkt nicht hohl aufgeblasen, und die „Hey Now“-Synthiebässe schieben sich bei alledem nicht so sehr in den Vordergrund, wie man es angesichts der Bestückung befürchten könnte.
Die Canton GLE 100 S2 können also Druck erzeugen, ohne aufgedickt zu wirken. Das wäre die Pflicht. Doch auch die Kür schaffen sie problemlos: Der in dieser Klasse noch immer ab und zu anzutreffende „One-Note-Bass“ liegt den 100ern fern. Sie übertragen Schattierungen und Tonhöhen im Tiefton mit erstaunlicher Nachvollziehbarkeit, vermitteln die Tonhöhen elektronischer Bassläufen eindeutig – das ist in solchen Konstellationen mit viel Basspotenzial zu einem moderaten Preis keineswegs immer der Fall. Dazu kommt eine ordentliche Portion Präzision und Kontrolle über die Struktur und Textur des Tons. Das ist Tester-Vokabular, das man gemeinhin in höheren Preisregionen findet, doch es erscheint mir hier angebracht. Wenn die Synth-Lines von Yello ihre Struktur behalten, statt in einem einheitlichen Grollen zu verschwimmen, ist das mehr als Pflichterfüllung.

Die Qualität des Bassbereichs erstreckt sich auch auf impulsives Rock-Schlagzeug. Kickdrums haben sattes Gewicht und behalten dennoch ihre Kontur. Der Impuls setzt mit pointierter „Attack“ an, und die Membran stoppt ebenso entschlossen wieder. Das kenne ich von teureren Boxen, teilweise erinnert mich das sogar an geschlossene Systeme. Erst ganz unten, in den allertiefsten Oktaven, verlässt die Canton ein wenig von ihrer Disziplin. Die tiefsten Impulse in „Colomb“ von Nicolas Jaar wirken minimal weicher, weniger strukturiert als der darüberliegende Bassbereich.
Im Vergleich etwa zu den kompakten Canton A45 BS (1.400 Euro) machen die GLE 100 S2 klar, dass wenig über Hubraum geht, außer … Na ja, Sie wissen schon. Die kleine Schwester produziert für ihre Größe zwar einen überaus druckvollen, satten und tiefgehenden Bass, wirkt aber bei Weitem nicht so durchzugstark, relaxed und souverän wie die große Standbox. Okay, den lockeren und unangestrengten Durchzug meiner ATC SCM50PSL (16.680 Euro) managen die Canton GLE 100 S2 nicht, doch angesichts des Preises fällt es mir sehr schwer, mir ein besseres (im Sinne von natürlicher klingendes) Ergebnis in diesem Bereich vorzustellen. Ich fühle mich als Fahrer eines Autos aus japanischer Produktion an deren Begriff des „Rightsizing“ erinnert: Statt kleine Dreizylinder mit viel Turbopower zwangszubeatmen (korrespondierend zu langhubigen Minimembranen und/oder langen Transmissionline-Tunneln), kann es sinnvoller sein, einen fetten Reihensechszylinder (viel Membranfläche und Gehäusevolumen) gar nicht oder nur moderat artifiziell zu unterstützen.
Mit Durchblick: Grundton und Mitten

Der Übergang vom Bass in den Grundtonbereich erfolgt im Timing bruchlos, wenn auch nicht hundertprozentig auf der tonalen Nulllinie. Die Canton GLE 100 S2 vermeiden jede Spur von Mulm oder Aufdicken – eher ist das Gegenteil der Fall. Der Grundton und der untere Mittenbereich erscheinen mir einen Hauch zurückgenommen, was der Wiedergabe des Mitteltonspektrums eine gewisse „leichte Note“ verleiht und Stimmen klar, aber auch minimal weniger substanziell und körperhaft tönen lässt als zum Beispiel über die die Mitten minimal betonende Wharfedale EVO 5.4 (1.900 Euro), die freilich bassseitig keinerlei Chance gegen die Canton hat.
Dominique Fils-Aimé erscheint mit klar umrissener Artikulation, und die feinen Atemgeräusche, die einen intimen Eindruck evozieren können, sind nachvollziehbar. Die Attacke von Percussion, Klaviertastenanschlägen oder akustischen Gitarrensaiten tritt recht prägnant hervor, doch den Korpus des jeweiligen Instruments tragen die Canton etwas weniger voll in den Hörraum. Bei größeren Orchestersätzen scheint der Präsenzbereich minimal im Vordergrund zu stehen, was Streichergruppen und Holzbläser tendenziell frisch und direkt erscheinen lässt.

Diese Abstimmung erklärt vermutlich auch die etwas kompakter wirkende Darstellung einzelner Stimmen oder Soloinstrumente. Wie bereits erwähnt, bezaubert das Cello in der Bach-Suite mit Anastasia Kobekina zum Beispiel mit Klarheit und Strahlkraft, wirkt dabei einen Tick schlanker und kleiner, als ich es etwa von meinen ATC SCM50PSL gewohnt bin – und die Ursache liegt eben in jenem zurückhaltenden Grundton. Sie suchen üppigen Schmelz und warme Klangfarben? Bitte weitergehen. Die Canton verfolgt ein anderes Ideal, nämlich das von Durchsichtigkeit und Prägnanz. Und am wichtigsten ist: Der Mittenbereich ist sauber und frei von unterschwelligen Unsauberkeiten, mithin offenbar vorbildlich verzerrungsarm.
Keine Selbstverständlichkeit: der Hochton
Der Hochton gibt sich ausdrucksstark: Die Aluminiumkalotten arbeiten frisch und präsent, in der Textur weniger seidig als eher drahtig auf Zack – jedoch ohne jemals ins Schrille abzudriften. Die Becken in Tools „Pneuma“ besitzen Glanz und Energie, bleiben dabei aber zivilisiert und sauber – ich laufe nie Gefahr, genervt zu werden, selbst bei höheren Lautstärken. Dazu passt auch, dass die mit schlechten Systemen penetrant zutage tretenden Zischlaute von Patricia Barber auf „Companion“ mit den 25er-Kalotten der Canton GLE 100 S2 bei aller Prägnanz nie die Grenze zur Härte überschreiten.
Recht überzeugend wirkt auch die Detailauflösung im Hochton. Feine Hallfahnen in „Bubbles“ von Yosi Horikawa lösen sich sauber vom Grundgeschehen, die Becken von Danny Careys Schlagzeug klingen lang und differenziert aus, und subtile Hintergrundgeräusche wie das unvermeidliche Rascheln aus dem Orchester oder dem Publikum in Spielpausen bei klassischen Aufnahmen sind gut hörbar. Dass die Canton GLE 100 S2 in dieser Disziplin so hochklassig auftritt, ist für einen Fullrange-Standlautsprecher in dieser Preisklasse nicht selbstverständlich.
Reaktionsschnell: die Dynamik
Im Hinblick auf Grobdynamik wird klar, wofür die Canton GLE 100 S2 gebaut wurden. Die Lautsprecher reagieren schnell auf Impulse in allen Frequenzbereichen; nicht nur auf üblicherweise für grobdynamische Einordnungen herangezogene Bassschläge, sondern auch auf amplitudenstarke Dynamikänderungen im Mittel- und Hochton, wie etwa Transienten von Gitarrensaiten oder Glöckchen. Alles wirkt ansatzlos und direkt. Richtig Spaß machen heftige Schlagzeugattacken, die mit Nachdruck kommen und jederzeit bestens kontrolliert werden – „In the Air Tonight“, anyone?

Auch die rauen Gitarrenattacken in AC/DCs „Thunderstruck“ springen regelrecht aus den Lautsprechern, während die Snare mit knackiger Energie in den Raum schießt. Grobdynamische Ausbrüche besitzen also Gewicht und Körper, während feine Lautstärkeschwankungen wie in Dave Matthews Bands „Crash into Me“ den Canton irgendwie ein wenig zu banal zu sein scheinen. Statt feindynamischer Spitzfindigkeiten präferieren die Canton GLE 100 S2 definitiv energetisch höher skalierendes und direkteres Material. Also legen wir mal Rage Against the Machines „Killing in the Name“ auf und pegeln auf „Hallo Nachbar!“-Level rauf. Herrlich, so nackenaktivierend habe ich schon länger nicht mehr mit der Luftgitarre gejammt – die Canton GLE 100 S2 halten die Energie mühelos aufrecht, liefern Druck und Attacke und wirken dabei stets unverzerrt und kontrolliert. Physisch erlebbares Hörvergnügen stand bei Canton offensichtlich weit oben im Lastenheft – danke dafür!
PREMIUM-HÄNDLER, die Canton führen
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