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B&W 805 D3: Soundcheck & Vergleiche

Inhaltsverzeichnis

  1. 2 B&W 805 D3: Soundcheck & Vergleiche

B&W 805 D3 frontal Eine Vorbemerkung sei an dieser Stelle noch gestattet: Als ehemaliger Toningenieur ist mir bekannt, dass in besseren Studios nicht selten Abhören von B&W stehen. Landläufige Meinung ist es, dass Studio-Abhören und Nahfeldmonitore möglichst neutral hinsichtlich ihres Frequenzgangs sein sollen. Das ist meistens auch der Fall, aber eben nicht immer. So gab es beispielsweise eine Epoche, in der die Nahfeldmonitore „NS-10“ von Yamaha (die mit den typischen weißen Tiefmitteltönermembranen) aus keinem Studio wegzudenken waren. Doch ebendiese Lautsprecher waren alles andere als neutral: Sie hatten „obenrum“ wesentlich mehr Glanz als ein linealglatter Frequenzschrieb ihnen zugestehen würde – und „untenrum“ fehlten bauart- und treiberbedingt mindestens 1-2 Oktaven. Meine ersten Mischungen auf der NS-10 gingen daher auch gehörig in die Hose: Ich gab beim Mastering zu viel Tieftonanteil in den Song und wurde dann auf der heimischen Stereoanschlage vom unerwartet loslegenden Bass meines Mixes geradezu erschlagen. Trotzdem mochte ich die NS-10, weil ihr sehr präsenter Hochtonbereich es gestattete, viele Unreinheiten im Mix zu entdecken und auszumerzen – ich musste mich nur daran gewöhnen, dass der Mix im Bassbereich dann genau richtig war, wenn er mir über die NS-10 eigentlich etwas zu dünn vorkam. Warum ich das schreibe? Nun, meiner Meinung nach kommt auch die B&W 805 D3 nicht gerade mit einem schnurgeraden Frequenzschrieb – und trotzdem würde ich sie für eine gute Abhöre halten, weil sie unglaublich viele Details liefert.

Frank BlackZu den hervorstechendsten Eigenschaften der 805 D3 zählt nämlich die superbe, außergewöhnlich pointierte Hochtonwiedergabe. Der Diamanthochtöner leistet ganze Arbeit, wie sehr schön auf dem Song „Parry the wind, high low“ des Pixies-Sängers Frank Black (Album: Frank Black, auf Amazon anhören) zu hören ist. Hier gibt es ab Timecode 00:50 in der Strophe ein auf „1 und 3“ geschlagenes Ridebecken, das weit nach vorne gemischt ist. Über die B&W 805 D3 „dengelt“ dieses Becken nicht einfach „im Song herum“, hier wird richtiggehend Luft bewegt, hier werden echte Akzente gesetzt. Vielleicht kennen Sie den Effekt, wenn Sie das erste Mal selbst auf einem Schlagzeug spielen und das Ridebecken mit Kraft anschlagen: Das klingt üblicherweise völlig anders als über eine „normale“ Stereoanlage, nämlich wesentlich druckvoller, schillernder und massiver.

bassreflexportWie die B&W es vermag, die Live-Hochtonenergie inklusive aller Schattierungen, die sich durch unterschiedliche Anschlagsstärke und -position – vom Rand des Beckens bis zur Kuppel – ergeben, mit einer unglaublichen Verve und Plastizität zugleich in den Hörraum zu beamen, ist schlicht und einfach beglückend. Und keine Selbstverständlichkeit: Denn normalerweise erhält man bei Lautsprechern mit etwas vorwitzigem Hochton – ich denke hier etwa an die Neat Motive SE2 – schnell ein leichtes Fritzeln oder Zischeln, das einen zuweilen etwas brüsk auf die Hochtonbetonung stößt. Ganz anders bei der B&W: Hier gibt es einfach nur ein Extraviel an Auflösung und Klarheit ohne jedwede Artefakte – und zwar sowohl bei niedriger als auch bei deutlich gehobener Abhörlautstärke.

Pet Shop BoysAuch am anderen Ende der Frequenzskala, nämlich im Oberbass, scheint die 805 D3 ein leichtes Höckerchen mitzuliefern: In dem oben genannten Frank-Black-Song nutzt der Drummer nämlich in den ersten Takten die Standtom statt der Bassdrum. Ein gutes Stück bauchiger und massiver erscheint mir diese im Vergleich zu meiner Harbeth 30.1 – obwohl letztere einen hinsichtlich des Membrandurchmessers größeren Tiefmitteltöner mitbringt. Wenn wir hingegen richtiggehend in den Frequenzkeller gehen, kommt bei der B&W nicht mehr ganz so viel Tieftonenergie rüber wie bei meiner Harbeth: Beim Song „All over the world“ der Pet Shop Boys (Album: Yes, auf Amazon anhören) beispielsweise kommen tiefe synthetische Sägezahn-Subbässe zum Einsatz. Meine insgesamt etwas sonorer abgestimmte Harbeth schafft es, diese bis hin zu einem leichten, wohligen Magengrummeln beim Rezipienten zu reproduzieren, während die B&W an dieser Stelle einen Zacken weniger Substanz mitliefert.

MobyEin großes Plus der Bowers & Wilkins ist ihre Fähigkeit, während der Musikwiedergabe völlig unsichtbar zu werden. Nun gilt es generell als eine Stärke kompakterer Modelle, dass sich die Musik leichter vom Gehäuse zu lösen scheint. Doch wie die 805 D3 bei entsprechender Aufstellung hinter der Musik zurücktritt und den Raum kohärent und weit mit Musik fluten kann, das ist schon spektakulär. Trotzdem: Ganz gleich, ob Sie einer fulminanten Breitwanddarstellung den Vorzug geben oder lieber einer kompakten, realistisch anmutenden Bühne – beides ist möglich. In einem herkömmlichen Aufstellungsszenario – also einem mehr oder weniger gleichseitigen Dreieck aus Lautsprechern und Hörposition – wirkt die Bühne zunächst realistisch groß und tief, auch nicht überbreit. Doch die B&W gestattet es ebenso, die Lautsprecher sehr weit auseinander zu „ziehen“, ohne dass man in das berüchtigte „Mittenloch“ fällt, bei dem im Stereopanorama mittig platzierte Signale wie Gesang sich nicht mehr klar zwischen den Lautsprechern manifestieren wollen. Und dann eben verbreitert sich die Bühne erheblich. Nehmen wir den Song „Scream Pilots“ von Moby (Album: Wait for me, auf Amazon anhören). Nach einem 16 Takte dauernden Intro, das aus zwei sich umspielenden cleanen E-Gitarren sowie einem Bass besteht, kommen ein sparsam gespieltes Schlagzeug und sphärische Synthesizerflächen hinzu. Spätestens an dieser Stelle zeichnet die B&W ein seliges Grinsen auf das Gesicht des Zuhörers: Die Lautsprecher scheinen völlig verschwunden zu sein, der ganze Raum ist Wohlklang – und die einzelnen Klangquellen stehen völlig frei und ungebunden, aber präzise dargestellt im Raum. Dabei beginnt die stereofone Bühne deutlich vor der Boxengrundlinie und geht – je nach Aufstellung – auch merklich an den Seiten über das Aufstellungsdreieck hinaus.

B&W 805 D3 Bassmitteltreiber KonusWir sind noch nicht am Ende der Lobgesänge: Auch in Sachen Dynamik punktet die Bowers & Wilkins. Sie kann flüsterleise und sie kann druckvoll – und sie lässt den Hörer den Weg vom einen zum anderen detailgenau nachverfolgen. Das zeigt sich eindrucksvoll beim Song „Rive Droite“ von And Also The Trees (Album: (Listen for) the Rag and Bone Man). Das fast kammermusikalische Arrangement, bestehend aus akustischem Bass, Tremologitarre und mit Besen gespieltem Schlagzeug, steigert sich von pianissimo bis hin zu fortissimo. Zu Beginn flattern die Drums nur leis‘ umher, die Gitarre spielt einzelne, lang verklingende Arpeggien – dazu die sehnsuchtsvolle Stimme von Simon Huw Jones. Im weiteren Verlauf des Songs gesellt sich eine zweite, mehr und mehr schrammelnde Gitarre hinzu – und ab der Hälfte des Stücks wechselt der Drummer auf Sticks und der Song schwingt sich mehr und mehr auf, bis er in einem furiosen Finale endet. Die B&W 805 D3 bildet nicht nur die konstant anschwellende Lautstärke bruch- und übergangslos ab, sie arbeitet auch bei jedem einzelnen Instrument die durch das lauter werdende Spiel sich verändernden Klänge und Formanten heraus. Je stärker der Drummer mit den Besen zuschlägt, desto satter und tiefer wird die Snare Drum. Je mehr der Gitarrist schrammelt und damit den Gitarrenamp an die Klirr- und Verzerrungsgrenze bringt, desto obertonreicher und crisper wird der Sound. Und je beherzter der Bassist in die Saiten greift, desto mehr Nebengeräusche wie Schnarren und Umgreifen kommen zu Gehör. Und als das Stück in einem lauten Schlussakkord mit Crashbecken endet, sitzt man tief im Fauteuil und freut sich über eine veritable Gänsehaut.

B&W 805 D3 Hochtönergehäuse

Element of CrimeUnd Sie sitzen vielleicht schon etwas unruhig im Fauteuil – gibt’s denn gar nichts zu kritisieren? Nun: Man kann fürs Geld ein feiner aufgelöstes und klarer ausdifferenziertes Mittenband bekommen. Der Grund, dass ich nach einer jahrzehntelangen Suche bei Harbeth angekommen bin, ist unter anderem ebendieses feine, unverhangene und extrem sauber aufgelöste Mittenband, von dem insbesondere Stimmen und akustische Instrumente profitieren. Und ja – gegenüber der B&W hat die Harbeth hier für mich ein wenig die Nase vorn. Man hört das sehr gut bei ruhigen Songs wie „Einer kommt weiter“ von Element of Crime (Album: Immer da wo du bist bin ich nie, auf Amazon anhören). In einem gemütlichen 6/8-Takt rauhbauzt Sven Regener melancholisch vor sich hin, flankiert von zartem Schlagzeug und lang verhallenden, perlenden Picking-Gitarren. Die feinen Mikroziselierungen im Gitarren-Klang, aber auch die typische, leicht heisere, etwas belegte Stimme werden über die Harbeth meiner Meinung nach noch etwas unmittelbarer und ausdifferenzierter an den Hörer durchgereicht. Dafür ist es die Harbeth, die in den höchsten Höhen „eher zumacht“ und nicht so viel Glanz und Klarheit bringt.

Mal einen Schritt zurückgetreten: Mich hat positiv überrascht, wie anspringend, lebendig, dynamisch und tonal durchaus charaktervoll die B&W agiert, hatte ich doch damals bei meinem Freund eher das Gefühl, es klinge etwas beliebig und langweilig. Unser Proband sieht zwar dezent und edel aus, ist aber keinesfalls ein glattgebügelter Langweiler. Da er aber sowohl im Oberbass als auch im Hochton im „gefühlten“ Frequenzschrieb kleinere Ausreißer nach oben hat, würde ich ihn nicht unbedingt noch mit Elektronik paaren, die über ähnliche Eigenschaften verfügt.

B&W 805 D3 Rück- und Vorderseite

Ideal wäre für mich eine möglichst neutral agierende vorgeschaltete Kette. Mit dem Accustic Arts Power I MK4 oder dem Abacus Ampollo liegt man beispielsweise sehr gut, während die Außer-Konkurrenz-Paarung mit dem NuForce Icon-2 ziemlich in die Hose ging: Hier zeigt die B&W sehr klar auf, dass der Hochtonbereich dieses Class-D-Designs nicht gerade durch maximale Feinzeichnung charakterisiert ist und oberhalb von Zimmerlautstärke auch schnell zischelige Artefakte erzeugt. Ein anderes Experiment hingegen war sehr interessant: Ich paarte die B&W 805 D3 mit meinen Audreal MS-3-Monoblöcken, die trotz Röhrenschaltung immerhin 2 x 60 Watt Ausgangsleistung mitbringen und hinsichtlich ihres Frequenzschriebs vermutlich einen exakten Komplementär zu den  805ern darstellen: sanft verrundeter Hochton- und Subbassbereich und zartschmelzende Mitten – das volle Röhrenklischee. Und was soll ich sagen: Das klang bei akustischer Musik (Jazz, Klassik) sehr, sehr verführerisch, der ohnehin schon weite und tiefe Raum, den die B&W aufziehen kann, öffnete sich noch einen halben Meter nach links und rechts – und jetzt war auch das zuvor vermisste Quäntchen Mittenauflösung da. Gut: Dafür wurde es in den Höhen nun wieder etwas milder und auch im Tief- und Subbassbereich wurde die Darbietung etwas gemütlicher. Was ja aber auch ganz schön sein kann. Eines steht fest: Die B&W 805 D3 hat einen klaren Charakter – und es ist letztlich Ihre Wahl, ob Sie diesen durch geschickte Wahl der „Mitspieler“ hervortreten lassen oder „einebnen“. So oder so kann dieser Lautsprecher viel Freude vermitteln.

Test: B&W 805 D3 | Kompaktlautsprecher

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